Die Frage ist, was das Fantastische an der Welt sein soll, die der unseren ähnelt? Hier einige kurze Überlegungen statt Antworten:
Andere Rassen (oder doch nur Völker)? Wie haben die sich alle parallel halten können (Evolution)? Warum haben die Menschen (sofern es welche gibt) diese nicht ausgerottet (denn das machen Menschen numal ganz gerne schon mit sich selbst und sicher mit Orks oder anderem Gezücht)? Wer hat was zur Welttechnologie beigetragen? Was unterscheidet die anderen Rassen/Völker von den Menschen? Oder sind es alle Menschen, die nur verschieden aussehen und nur aufgrund von Rassismus als verschieden angenommen werden (Fantasy ist ja oft unverhohlen rassistisch)?
Sind die Rassen/Völker grundverschieden, aber sind räumlich getrennt und haben sich noch nicht gefunden? Könnte man vielleicht die Entsprechung der "Entdeckung Amerikas" in die Jetztzeit verlegen? Wie könnte man das erklären bei Schiffen, Flugzeugen, Satelliten? Hier müsste man wohl eher die "Und plötzlich wurde es magisch/fantastisch"-Naturkatastrophen-Karte spielen, die es ja schon in Settings gibt.
Haben sie keine wirklich verschiedenen Eigenschaften und geht es um Rassismus als Thema? Sklaverei-und Kolonialgeschichte mit anderen Namen und körperlichen Attributen? Die Anerkennung des Orks als Mensch oder des Menschen als Elf?
Magie vs. Wissenschaft/TechnologieUnsere Welt bietet zum Beispiel Religion und fortgeschrittene Wissenschaft gleichzeitig. Religion bietet ja einen Haufen Fantastisches, existiert aber deswegen parallel, weil sie Wissenschaft/Technologie nicht ersetzen kann. Gäbe es kontrollierte Wunder und ständig spürbare Einmischungen des Göttlichen, die auch wissenschaftliche Geister als solche erkennen würden, dann wäre die Wissenschaft in ihrem Grundansatz gescheitert. Wenn nun Magie aber etwas wäre, an das viele glauben, die es aber für wissenschaftliche Geister nicht gibt (wie das Geglaubte in unseren Religionen), weil sie nicht reproduzierbar/präsentierbar ist, dann wäre das ja nur die Esoterik unserer Welt.
Fantasy als EskapismusDas ist einfach oft der Hauptcharme von Fantasy. Wir entfliehen der komplexen Gegenwart. Hier muss nicht alles erklärt werden, denn es gilt das "Ist-so-Gesetz". Hier dürfen Orks ermordet werden und die Welt funktioniert moralisch, politisch und sozial gaaaaanz einfach. Es gibt echte Helden, die es eben nur geben kann, wenn man den Großteil der komplexen Welt ausblendet (siehe Marveluniversum). Daher wird ein gegenwärtiges Setting eher durch Komplexitätsreduktion gebrochen und in es hinein pflanzt man das Fantastische (die Winkelgasse, Hogwarts).
Das Fantastische als KontrastDas Fantastische funktioniert für den Leser ja vor allem als Kontrast zu dem Erwarteten. Irgendwas funktioniert ganz anders und in gewisser Weise unerklärlich. Je mehr man Magie erklärt und sagt, dass, wenn man Pulver x mit Gewürz y und Kraft z verbindet, immer Resultat R entsteht, desto weniger ist es fantastisch. Bzw. ist es dann vielleicht so fantastisch wie für mich Teilchenphysik.
Wie wäre es, wenn man die Alchemie wiederbelebt und geheimes altes Wissen auftaucht, das einfach durch Zerstörung/Vergessen keinen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Welt genommen hat. Dann könnte es eine Art Breaking Bad mit Alchemisten geben, nur dass das Meth etwas ist, das die Welt nach und nach fantastisch macht (als echter Transformationseffekt, nicht als Drogeneinbildung).
Die Erde heißt jetzt Horst?Ich sehe auch nicht, welchen Sinn es hat, eine Erde zu bauen, die es aber nicht ist und sie Horst zu nennen. Da müsste man jeden Scheiß, der eigentlich so ist wie hier, einfach umbenennen. Das finde ich wirklich das Nervigste an Fantasy. Es ist ein "Gr'blokrr". Was ist das? Ein großes Schwert. Mäh! Ein "Ringding" wäre dann das Smartphone

? Sehe ich also so wie andere. Wofür den Aufwand, wenn man ständig sagen muss: Heißt anders und ist statt weiß rot, ansonsten ist es aber wie ein Stabmixer (sind rote Stabmixer schon ein Zeichen für den Einbruch des Fantastischen

?).
Ein Autor oder eine Autorin muss also einen wirklichen guten Grund haben, eine der unseren sehr ähnliche Welt von Grund auf neu zu bauen. Die dramaturgische Ökonomie muss stimmen. Was erreiche ich beim Leser/Spieler mit diesem Riesenaufwand außer Langeweile aufgrund der vielen Erklärungen? Das wäre wahrscheinlich der Fantasyroman mit den meisten Fußnoten

.
Letztlich geht es vor dem Weltenbau ja immer um die Frage: Welche Geschichten wollen wir erzählen? Welche Welt brauchen wir dafür? In einer "anderen" Gegenwart auf "Horst" lassen sich welche Geschichten erzählen, die ich auf der guten alten Erde nicht erzählen kann?