Als das kosmische Ei zerbrach, begann die Zeit der Gegensätze. Was eins gewesen war, wurde zwei, und aus zwei wurde bald Vielzahl. Es entstanden Uranos, der Himmel, und Gaia, die Erde. Der Himmel begattete die fruchtbare Erde, und ihrem Schoß entsprangen die Titanen. Aus einer Welt wurden viele Welten und viele Existenzebenen und viel waren der Dinge, die sie füllten.
Vielfach sind auch die Erzählungen, wie Uranos mit Furcht vor seinen Nachkommen erfüllt war und drohte, diese zu verschlingen. Dem geneigten Leser dürfte bekannt sein, wie Kronos seinen Vater mit einer Sichel entmannte, während vier seiner Titanenbrüder den Himmel an seinen vier Gliedmaßen festhielten. Darum will ich lediglich daran erinnern, dass es Iapetos war, der Uranos an seinem westlichen Arm packte, und darum auch „Titan des Westens“ geheißen wird.
Auch die Titanen vermehrten sich, Kronos zeugte mit Rhea die Brüder Hades, Poseidon und Zeus, während Iapetos und Asia (auch Klymene genannt), den niederen Titanen Atlas, Menoitios, Prometheus und Epimetheus, sowie 13 jüngeren Geschwistern das Leben schenkten.
Das Neue verdrängt stets das Alte, nur um selbst seinen Platz einzunehmen und alt zu werden. Kronos versuchte wie einst sein Vater, das Rad der Zeit zurückzudrehen, und verschlang seine Kinder. Zeus, den Rhea rechtzeitig durch einen Felsen ausgetauscht hatte, kastrierte Kronos. Dies erzürnte die Brüder des Kronos, und es begann die Titanomachie, der Kampf der Titanen gegen die Olympier.
Ich will den Leser nicht mit altbekannten Geschichten langweilen, wie sich Kontinente aus dem Ozean erhoben und versanken, wie Sturm und Feuer wüteten, und wie Zeus und seine Brüder die älteren Titanen im Tartaros einkerkerten und wie die übrigen ihren Frieden mit den Herren des Olymp schlossen. Nur wenige Erzählungen sind jedoch von den 13 jungen Kindern des Iapetos und der Asia überliefert, die bis zuletzt erbittert für die Sache ihres Vaters stritten, und zuguterletzt zur Flucht gezwungen wurden. Die lange Flucht vor den rachsüchtigen Olympiern trieb die jungen Titanen kreuz und quer durch die Ebenen des Multiversums, bis sie schließlich an einen Ort gelangten, der ihnen erlauben würde, eine neue Existenz anzunehmen und unerkannt ein neues Schicksal zu ergreifen – den Brunnen der unendlichen Möglichkeiten.
Dreizehn Titanen tauchten in dem Brunnen ein, um in dem darin verbliebenen Rest an Urdotter des kosmischen Eis neue Gestalten anzunehmen und wieder emporzusteigen. Doch zu ihrem Erstaunen fanden sie indem Brunnen nicht nur die zurückgelassenen Erinnerungen vorheriger Taucher, sondern auch ein vollständiges Landhaus eines ulverländischen Lords, der sich dauerhaft am Grunde des Brunnens niedergelassen hatte.
Der Lord bekam ungebetene Gesellschaft. Die dreizehn Besucher brachten Wesen ihres Kulturkreises mit ins Haus und fingen an, es nach ihrem Geschmack umzudekorieren. Sogar einen hässlichen schwarzen Turm aus unregelmäßig gehauenen Blöcken fügten sie dem Anwesen hinzu. Der unvermeidliche Streit endete damit, dass ein Irrer in Zwangsjacke in dem Schwarzen Turm einquartiert wurde.
Das Haus hatte nun dreizehn neue Herren, die Geschwister Titanspawn (Titanenbrut). Sie nahmen die ulverländische Kultur an, so gut sie diese verstanden, und lebten in Gestalt von Kindern in dem Haus, in Sicherheit. Alles gefährliche Wissen ihrer Vergangenheit verbannten sie aus ihrem Bewusstsein.
Zeit verging. Die Kinder wuchsen heran. Und da bekanntlich nicht tot ist, was ewig liegt, drängte das vergessene Geheimnis langsam an die Oberfläche. Deformitäten entwickelten sich in den heranwachsenden Körpern: Vagina Dentata, Tentakelpenis, Vulkanvulva, Stachelpenis, Säurequell, idealer Hermaphroditismus …
Auch das Haus erwachte langsam aus seinem Schlaf. Die Ansammlung unterdrückter uralter Macht bahnte sich ihre Wege, und spontane Portale (wie man sie sonst nur aus Sigil kennt) begannen sich zu bilden, die Wesen anderer Ebenen hereinließen.
Aber auch auf dem Olymp verging die Zeit. Die alten Krieger Zeus, Poseidon, Hades hatten sich längst anderen kurzweiligeren Beschäftigungen zugewandt, an die letzten geflohenen Jungtitanen verschwendeten sie längst keinen Gedanken mehr. Eines Tages jedoch erfuhr Hera von dem Aufenthaltsort der unheiligen Dreizehn. Um ihrem Gatten zu imponieren, oder um ihn bloßzustellen, beschloss Hera, sich seiner Aufgabe anzunehmen und die Sache alleine zu Ende zu bringen. Ehefrauen sind nun einmal so. Sie sandte eine Dienerin aus, um in den Brunnen der unendlichen Möglichkeiten einzudringen, und die Titanen zu überwachen oder unter Kontrolle zu bringen. Dazu schenkte Hera der Dienerin die Gabe, eine heilende Milch abzusondern, welche so stark war, dass sie selbst den Geist von Titanen bezaubern konnte, wenn diese nur oft genug davon tranken.
Die Dienerin verschaffte sich einen Überblick über die Lage und nahm eine ulverländische Tarnidentität an, wohlwissend, dass sie es als Sterbliche nicht wagen konnte, einen oder mehrere niedere Titanen im Kampf herauszufordern.
Inzwischen war jedoch in einigen der verlorenen Titanenseelen der Wunsch erwacht, das Haus zu erkunden und sich zu erinnern. So zogen sie los, auf Heldenreise in ihre selbsterschaffene Unterwelt, das kollektive Unterbewusstsein, den Stoff der Legenden, den Urdotter des kosmischen Eis.
Epilog
Als das Haus zerbarst, begannen die Helden unserer Geschichte in Richtung Oberfläche zu treiben. Sie wussten nun, wer sie waren, aber wer wollten sie sein? Menschen? Riesen? Hasserfüllte Ungeheuer, die den Kampf gegen die Olympier fortzusetzen vermochten?
Aus dem Brunnen krochen zwei menschliche Männer und eine Frau, langlebig, stark, ohne Deformationen und gesund (alle Attribute auf 18, unbegrenzte Lebensspanne, ehemals „Abraham“, „Adamus“ und „Lydia“), um ein neues Schicksal in den Welten der Menschen zu suchen. Ein blauer Drache (Weibchen, Altersstufe „junger Erwachsener“, ehemals „Bertha“) kroch ebenfalls an Land, um stark und mächtig Frieden in der Einsamkeit zu finden. Eine gewaltige Titanin der Wollust stieg ebenfalls empor, um endlich ihren Bedürfnissen nachzugehen, die ihr als säureabsondernde „Emily“ verwehrt erschienen waren.
Wir dürfen annehmen, dass die ersten vier finden werden, wonach sie suchen, während letztere wohl früher oder später den unbändigen Zorn Aphrodites auf sich ziehen wird, doch diese Geschichte soll hier nicht erzählt werden.
SO ENDET MIT DER GESCHICHTE VOM HAUS DER VERLORENEN SEELEN AUCH DER EPOS DER TITANOMACHIE.