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Das Tanelorn spielt => Spieltisch - Archiv => Forenrollenspiele => Die Reise des Gelehrten => Thema gestartet von: Teethquest am 8.05.2005 | 18:26
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Frohnholm, das Felsenschiff, fuhr seit je her ohne Steuermann. Der Rumpf der Festung war aus massivem Naturstein und scheinbar unbeweglich auf dem letzten Ausläufer des Lefirstranges befestigt. Doch an einem Morgen wie diesem konnte man sehen, wie sich die Mauern und Türme, Häuser und Plätze des Bollwerkes scheinbar bewegten. An der südlichsten Spitze Frohnholms lief der Rumpf des Felsenschiffes beinahe spitz zu, da er sich an die natürliche Form des darunter liegenden Bergausläufers anschmiegte. Gasper Silmerin stand jeden morgen hier, die Festung des Fürsten, sowie das Burgdorf im Rücken und den nahezu endlos wirkenden Fileipwald vor sich. In den frühen Stunden des Tages war alles ruhig, keine Menschen wuselten hier durcheinander, auch weil sie sich ohnehin selten so weit vom Marktplatz, der Schänke oder den Stallungen entfernten. Gasper stellte einen Fuß auf den abgetragenen und verwitterten Mauerrest, der die Menschen eigentlich vor dem schier endlosen Abgrund schützen sollte. Der Wind pfiff ihm aus dem Süden entgegen, wie jeden Morgen. Die Sonne schien wie jeden Morgen in einem satten rot von links über den flachen Wald. Und wie jeden Morgen strömte der Nebel wie ein weißer Schleier über die Wipfel der Bäume und den geschlängelten Pfad am Waldrand. Der Dunst brach sich am Bug des Schiffes und verschwand schließlich irgendwo in den nördlicheren Landen, die schon vor langer Zeit von Menschen in Besitz genommen worden waren. Gasper spührte den Wind in seinen strähnigen, blonden Haaren und genoss es jedesmal, wenn die Luft an seinem Waffenrock zerrte. Er war der Meinung, dass Fürst Gernot niemals ein guter Steuermann sein würde. Er lenkte dieses Schiff mit den Matrosen, Kriegern und Arbeitern zwar nach Süden, doch hatte er offenbar keine Ahnung welche Gewalt diese Festung entfesseln konnte.
Gasper blieb noch eine Weile, bis der Nebel sich beruhigt hatte, die sommerliche Sonne hell am Himmel stand und der Lärm des regen Treibens im Burgdorf so laut war, dass er sogar zu Gasper herüberdrang. Er drehte sich um und ging einige Stufen herunter, an einigen Türmen und Mauern vorbei in Richtung Fürstenresidenz. Letztere war einem Bollwerk viel ähnlicher als der Rest der Burg. Denn eine massige Steinmauer schoss senkrecht empor und endete erst in einer Unzahl von Zinnen. Nur durch eine halbrunde Aussichtsplattform unterbrochen zeigten die Wohnräume des Fürsten ihre kalte, glatte und dunkle Seite. Erst im Laufe des Tages beschien die Sonne einige Teile des Bauwerks. Gasper warf den Käfigen, die neben der Aussichtsplattform hingen finstere Blicke zu. Ihm widerstrebte es schon seit er hier angekommen war, dass die Bewohner von Rießtal dort oben aufgehängt wurden, bis sie verhungert waren. Für die nichtigsten Verbrechen wurden die Unglücklichen öffentlich zur Schau gestellt. Der Hunger allein war da nicht die schlimmste Folter. Schrecklicher noch war, dass niemand helfen konnte. Die Angehörigen konnten weder Trost noch Hoffnung spenden. Die einzigen Besucher waren unzählige Raben, deren Krächzen wie in einem Gelächter über das Burgdorf schallte. Wenn dann die Gefangenen zu schwach waren oder dem Tode nahe kamen, waren die fligenden Schwarzröcke bei der Stelle. Die stärkeren pickten und hackten ihre Opfer zu Tode, die schwächeren folgten dann in Scharen und vergingen sich am Rest des Leichnams. Gasper sah das garnicht gerne. Er wünscht sich die Befungnis vom König zu haben, dem Fürsten solch grausame Spielchen zu verbieten.
Der Marktplatz inmitten des Burgdorfes, eingehüllt von den mächtigen Stadtmauern, war nur scheinbar ein sicherer Ort. Wenn schon keine feindlichen Eroberungsstreitmächte jemals einen Weg hinein gefunden hatten, dann doch unzählige Schurken und Gauner. Taschendiebe trieben hier ihr unwesen, auch wenn sie ihre gefangenen Kumpanen in den Käfigen immer im Blick hatten. Die haberländischen Diebe waren verrucht und ebenso furchtlos wie die Abenteuerer, die die Pässe in den gefährlichen Süden suchten. Trotz der Diebe und Gauner scharrten sich unzählige Marktstände von Händlern aller umliegenden Ortschaften aneinander. Die einzige Schenke hier oben drängelte sich zwischen zwei verruste Fachwerkhäuser und zog sich wie ein Langhaus bis zur Stadtmauer. Im "Klingenden Kelch" trieben sich die Menschen und ausländischen Besucher herum, die entweder Geselligkeit suchten oder ihr Geld durch übermäßigen Biergenuss verlieren wollten. Obwohl die Schenke Klingender Kelch hieß, gab es hier fast nur Bierkrüge samt zugehörigem Inhalt und das einzige was klang waren blanke Münzen. In den Morgenstunden waren meist wenige Besucher hier, erst gegen Abend ging es richtig los. Doch in diesen Tagen machten die Goldschenker von sich reden, welche von weit aus dem Norden kamen und offenbar nicht zu gewöhnlichen Menschen zählten. Sie waren allesamt klein, bärtig, untersetzt und vor allem laut. Schon in den Morgenstunden vergnügten sie sich vor der Schenke, obwohl im Inneren noch genügend freie Plätze waren, und sangen Lieder in einer unbkannten, aber betonenden Sprache. Die tiefen Stimmen konnte sich Gasper kaum noch aus dem Burgdorf wegdenken. Vielleicht war er der einzige, den dieses Gehabe nicht störte.
Ungeachtet dessen setzte Gasper aber seinen Weg fort, kam vorbei an den Markständen mit Räucherfleisch, frisch gefangenem Fisch und getrocknetem Obst aus dem letzten Herbst. In der Nähe des Bäckers roch es den ganzen Morgen nach frischem Brot und bei den Schmieden klirrte es so laut, dass man selbst die Goldschenker nicht mehr hörte. Irgendwann aber trat die aggressive Stimme eines stadtbekannten, jungen Mannes aus dem Lärm hervor. Der etwas dumme Junge mit den vorstehenden Zähnen und den kleinen Augen war schon seit seiner Geburt nicht ganz richtig im Kopf. Er war zu fast nichts fähig. Nur eines konnte er: Schreien und Rufen wie kein anderer. Deshalb wurde er auch immer für Ausrufe angeworben. Heute war das nicht anders. Der junge Mann rief:
"Blanke Münze feil für helfende Hand."
Der Ausdruck "helfende Hände" wurde immer gebraucht, wenn Aufträge zu erledigen waren. Und blanke Münzen mochte eigentlich jeder. Dabei wurde natürlich verschwiegen, welche Münzen denn nun feil geboten wurden. Die meisten dachten natürlich an Gold, dabei waren doch wohl eher Kupferkreuzer, bestenfalls Silbermünzen gemeint. Gasper achtete garnicht darauf. Er hörte dieses Gebrüll ja schon seit fast einer Woche. Er warf dem jungen Mann einige nichtssagende Blicke zu und öffnete die Tür der Stube ohne anzuklopfen. Der Innenraum war recht klein, staubig und finster. Das Sonnenlicht, welches durch die matten Glasfächer fiel, reichte gerade aus, um den hölzernen Tisch zu erhellen, der mit allerlei Pergamenten und sogar ein paar Büchern vollgestellt war. Nur noch eine nicht entzündete Öllampe und ein in das Holz gestoßener Dolch waren zu erkennen. Dahinter saß eine Gestalt in brauner, mit Silberornamenten bestickten Lederkleidung. Im matten Licht schienen die angestrengten Augen ganz tief zu liegen und der sich gabelnde, pechschwarze Bart war sogar noch dunkler als die Umgebung. Der Blick des alten und doch lebendig wirkenden Mannes war nach unten gerichtet. In der rechten Hand hielt er einen Federkiel und in der linken ein Stück Pergament. Der alte Mann hatte Gasper natürlich bemerkt, doch blickte er erst jetzt auf. Er seufzte und steckte die Feder in ein Tintenfass. Dann meinte er ruhig:
"Ihr hattet recht, Herr Silmerin. Die Menschen innerhalb dieser Burgmauern haben keinen Geist für das Abenteuer."
Gasper lehnte sich beinahe zufrieden gegen die Tür und versperrte sie somit gleichsam. Er antwortete:
"Einen Gelehrten aus Warmuun kann man wohl nicht belehren, oder? Ich habe euch gesagt, dass ihr hier niemanden finden werden. Glaubt nicht, dass das an fehlender Abenteuerlust liegen würde. Nein, ganz und garnicht. Aber, wenn die Leute Abenteuer wollen, gehen sie in die Armee und marschieren oder reiten neben König Kasimir. Die Bezahlung ist da zwar nicht so gut, aber sicher. Die Leute vertrauen euch nicht. Aber das habe ich euch auch schon gesagt. Nimrott Slivyir ist kein Name, dem man sein Leben anvertrauen würde."
Nimrott schnaubte fast wütend und stand beinahe im Sprung von seinem Stuhl auf. Erst jetzt merkte man, dass da noch jemand im Dunkeln stand, ein Schreiber oder Rausschmeißer. Das war nicht genau zu sagen und wäre er nicht bei Nimrotts plötzlicher Bewegung zusammengezuckt, wäre er noch immer unerkannt geblieben. Der Gelehrte rückte seine Robe etwas unbehände zurecht, indem er das Leder zurückwarf. Dann schlich er um den Tisch und kam Gasper näher. Nimrott meinte:
"Deshalb seit ihr zu mir gekommen, ja? Um meine Niederlage auszuweiden? Wisst ihr eigentlich wie viel mich diese winzige Stube kostet? Wisst ihr was mich der Trottel vor der Tür kostet? Und der Typ da hinter mir? Nein? ich kann es euch sagen..."
Nimrott nahm das Pergament mit einer Handbewegung vom Tisch und las vor:
"Zehn Kupferkreuzer für den Bengel mit der lauten Stimme, dreißig für den Aufpasser hinter mir, zwei Silbertaler für die Stube. Für diesen winzigen Raum! Wucher ist das! Dann gehen sieben Kreuzer für jeden dämlichen Wachhabenden drauf, damit die mir den Schreier nicht abführen. Und nicht zu vergessen der tägliche Silberling für die Handweber..."
Gasper blickte auf:
"Ihr bezahlt für die Handweber?"
Nirmrott, der trotz des wenigen Lichtes offenbar noch gut lesen konnte, sprach weiter:
"Ja, ich dachte auch, dass das nicht notwenig wäre. Aber in den ersten Tagen verlor ich so viel durch Taschendiebe, dass ich ebensogut drei Silbertaler an diese Diebesgilde bezahlen könnte. Ich weiß immer noch nicht, wie die hier herein gekommen sind, um sich mein Geld unter den Nagel zu reißen. Der Fürst hat mir versprochen für meine Ausgaben aufzukommen, mich zu bezahlen. Wo ist seine Hilfe? Mich würde es nicht wundern, käme er morgen vorbei, um mir statt dessen noch vier Silbertaler abzupressen."
Gasper genoss irgendwo die Aufregung seines Gegenüber. Vermutlich deshalb, weil sich der Gelehrte bei seiner Ankunft so überaus selbstsicher gezeigt hatte, entgegen aller Warnungen. Aber Gasper war ein gutmütiger Mann und nicht umsonst entstammte er dem Ordenshaus der Paladine. Er sagte ruhig:
"Ich habe da jemanden, der mit euch reisen würde. Und das ohne einen Heller zu verlangen. Das einzige, was er als Bezahlung braucht ist ein wenig Freiheit im Handeln."
Nimrott blickte sein Gegenüber mit seinen tiefen, smaraktgrünen Augen an:
"Freiheit im Handeln? Na gut. Besser als nichts. Wo kann ich ihn treffen?"
Gasper lächelte:
"Ich habe ihn hierher bestellt. Sein Name ist Bruder Talonis. Er ist ein vittländischer Mönch aus dem Orden der Unverhüllten. Er wird euch ein treuer Weggefährte sein. Zum Glockenschlag der zehnten Stunde sollte er hier eintreffen."
Nimrott kniff die Augen zusammen:
"Warum macht ihr das für mich? Oder ist das ein Trick? Einen Priester auf diese Reise mitzunehmen... vielleicht keine gute Idee."
Gasper entgegnete:
"Er ist ein sehr tolerater Mensch. Macht euch keine Gedanken. Selbst mit euch wird er sich anfreunden können. Während ihr hier herumgesessen habt, habe ich mich ein wenig umgesehen und mehr als einen Begleiter für euch auftreiben können. Glaubt mir, sie werden euch die Türen einrennen. Man muss eben nur die Gesetze dieser Stadt kennen. Hier laufen die Dinge anders als in Warmuun. Und ihr fragt, warum ich das mache. Ganz einfach, ich..."
Der Satz wurde jäh unterbrochen, als jemand wuchtig gegen die Tür stieß, welche ja durch das Gewicht von Gaspers kräftigem Körper blockiert war. Fast behäbig ging er zur Seite und öffnete die Tür.
(So, jetzt seid ihr am Zug. Wer eintreten wird, ist an euch. Schreibt einfach wie in einer Geschichte, was als nächstes passiert. Wer kommt rein? Wie sieht derjenige aus? Was stellt er für fragen etc. ? Und euer Text muss natürlich bei weitem nicht so lang sein, wie dieser hier ;) )
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"Beim Barte des Königs, Eure Tür klemmt!"
Ein kleiner bärtiger Mann wuchtete eine schwere lederne Tasche die Stufe nach der Tür hinab und liess sie mit einem dumpfen metallernen Klappern auf den Steinboden dotzen. Er nahm eine dunkle Kappe ab, und wischte sich daran die Hände, während er die Kappe in seinen Gürtel steckte. Dann trat er einen Schritt vor, machte eine kurze, unbeholfene Verbeugung und sprach:
"Seid gegrüßt, Meister Slivyir. Euer Bursche da draussen ruft schon seit ein paar Tagen, also scheints hier noch was zu tun zu geben. Ich bin Mortan Xornbold, seineszeichen Handwerker auf Wanderschaft. Was genau habt Ihr vor, und vorallem, was gibt es dabei zu verdienen?"
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Bruder Talonis schlenderte über den Marktplatz. Gasper Silmerin hatte ihn über die Diebe gewarnt, die hier ihr Unwesen trieben. Aber vor ihnen hatte er nichts zu befürchten. Was sollten sie ihm schon klauen? Seine Robe, seinen Wanderstab? Oder gar seinen halbleeren Wasserschlauch? Um sich zu vergewissern, dass sie noch da war, griff seine Hand nach dem Schlauch am Gürtel. Beruhigt nahm er sie vom Gürtel und trank einen tiefen Schluck.
Die Diebe schienen zu wissen, dass bei ihm nichts zu holen gab, denn keiner rempelte ihn an. Oder hatten sie einfach nur Respekt?
Er ging von Stand zu Stand und schaute sich die Sachen an. Aber es waren nichts passendes dabei.
Sein Blick fiel auf die Käfige auf der Aufsichtspalattform. "Daran erkennt man, dass meine verhüllten Brüder nicht fern sind!", dachte er mißmutig. Er hielt diese Art der Bestrafung für überflüssig und hatte mit den verhüllten auch schon den ein oder anderen Disput darüber geführt. Aber sie verstanden ihn einfach nicht. Genau so wenig, wie er sie verstand.
Sein Blick schweift ab und er bemerkte einen Kerl, der einem Käufer heimlich in die Tasche griff. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, war der Dieb bereits in der Menge untergetaucht.
Talonis hielt nach ihm Ausschau, konnte ihn aber nicht wiederfinden.
"Verdammt!", durchzuckte es ihn "Ich bin ja mit Gasper verabredet. - Wie konnte ich nur so die Zeit vergessen." Er beeilte sich zu Nimrotts Haus zu gelangen.
Vor seinem Haus sah er einen Jungen, der bare Münze anbot. Talonis zügelte sein Tempo und trat zu dem Jungen.
- "Metorn zum Gruße, mein Junge!"
- "Auch ihnen einen Gruß, werter Herr.", sagte der Junge. "Haben sie vielleicht Lust, ein paar Münzen zu verdienen? Der Auftrag ist kinderleicht."
- "Was muss ich den für diese paar Münzen tun?"
- "Das besprechen sie am besten mit meinem Herren. Meister Sliv..., Slivi..." der Junge stockte.
- "Du meinst Slivyir? Nimrott Slivyir?"
- "Ja genau den. Ihr kennt ihn?"
- "Nicht wirklich." Talonis lenkte vom Thema ab "Ihr müsst vom dauernden Schreien ja ganz heiser sein. Hier trinkt doch erstmal einen Schluck, damit ihr wieder eure Stimme zurückerlangt."
Er hielt dem Jungen seinen Wasserschlauch hin, den dieser auch begierig ergriff und sofort einen tiefen Schluck nahm.
Der Junge seufzte tief. "Das ist ein echt guter Wein, den sie da haben.", sagte er "Woher haben sie ihn?"
"Das ist eine längere Geschichte.", antwortete Talonis "Aber ich bin schon spät. Ich sollte reingehen, bevor man mich für unpünktlich hält." Er nahm seinen Wasserschlauch wieder an sich und öffnete schwungvoll die Tür. Zumindest versuchte er es: Irgendetwas versperrte die Tür. Er versuchte nochmal langsamer die Tür zu öffnen und diesmal war kein Hindernis im Weg.
Als er das Zimmer betrat sah er in die Augen des Paladins.
"Seid gegrüßt!" wandte er sich an Silmerin.
Silmerin erwiderte seinen Gruß und stellte ihm dann Nimrott und Xornbold vor. "Wir haben gerade von dir gesprochen."
- "Ich hoffe nur gutes. Aber sagt Herr Slivyir: Um was geht es denn in diesem Auftrag? Gasper hat mir nicht viel erzählt. Genaugenommen hat er mir gar nichts erzählt. - Nur dass ich sie heute hier treffen soll."
Nimrott schaute ihm tief in die Augen: "Habt Geduld Bruder Talonis. Setzen sie sich doch erstmal und kommen sie zu atmen. Ich habe bisher erst einen Gefährten, der mich vielleicht auf meiner Reise begleiten wird." Er zeigte dabei auf Xornbold. "Wenn sich nicht bald noch jemand meldet, dann muss ich die Reise absagen und es wird auch nichts mit dem Auftrag für sie."
- "Was ist mit dir Gasper? Begleitest du uns auf der Reise?"
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Die Anwesenden blickten neugierig auf die sich öffnende Tür. Wer konnte das wohl sein? Der Schreier wurde sichtbar und blickte zu Nirmrott. Nimrott blickte zurück. Dann entspannte sich das Gesicht des Gelehrten und er sagte:
"Nur der Wind."
Er griff über Mortan hinweg und drückte die Tür wieder zu. Er wollte wohl nicht, dass noch jemand mithörte. Dann sprach zu Gasper:
"Eigentlich wollte ich diese Worte mit euch persönlich wechseln, doch ich kann die Gäste ja jetzt schlecht wieder rauswerfen..."
Nimrott warf Mortan und Talonis ein paar flüchtige Blicke zu. Dann fuhr er fort:
"Ihr hättet mir auch früher bescheid sagen können, dass ihr mögliche Begleiter für mich aufgetrieben habt. Wie stehe ich denn jetzt da? Ich bin überhaupt nicht vorbereitet..."
Der Gelehrte wirkte etwas verlegen und knetete nervös seine Hände. Dann sagte er zu seinen Gästen:
"Tja, ich freue mich natürlich, dass sich schließlich doch noch Interessenten gefunden haben. Nur leider sind meine Geldmittel in den letzten Tagen knapp geworden. Ich habe kaum noch etwas übrig und hatte vor morgen wieder nach Warmuun zurück zu kehren. Der Fürst hat mir viel Geld zugesagt, doch davon habe ich noch nichts gesehen. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Bezahlung wird sich für den Anfang auf dreißig Kupferkreuzer pro Person beschränken müssen."
Diese Worte sagte Nimrott, wo doch der Schreier immer noch vor der Tür stand und für den Auftrag warb. Offenbar hatte der Gelehrte einfach nicht mehr damit gerechnet, dass noch jemand kommen würde. Zudem hatte er ja den jungen Mann vor der Tür für fünf Tage im Voraus bezahlt. Nimrott schlenderte wieder um den Tisch in der Mitte des Raumes und setzte sich gemächlich auf seinen Platz. Dann nahm er seinen Federkiel und war bereits dabei die Namen aufzuschreiben. Schließlich stockte er aber doch in der Bewegung und fasste sich beinahe verärgert an den Kopf:
"Halt. Ihr habt ja noch garnicht zugesagt, nicht wahr."
Mortan und Talonis blickten sich gegenseitig fragend an. Nimrott sprach weiter:
"Ja, dann erzähle ich doch erstmal, worum es bei diesem Auftrag geht. Anhand dessen könnt ihr entscheiden, ob dreißig Kreuzer der Mühe Wert sind. Es ist eigentlich ganz einfach. Ich bin kein besonders wehrhafter Mann. Das Alter nagt an meinen Knochen und manchmal lässt auch meine Aufmerksamkeit nach. Daher brauche ich Schutz und Unterstützung bei meinen Reisen. Ich hatte vor, den Pass nach Süden zu nehmen. Ihr wisst schon, der der zum Fischerdorf führt. Dort beginnt fremdes Land, das nicht mehr unter der schützenden Hand des Königs steht. Das einzige, was ich von euch verlange ist Geleitschutz. Die Reise wird etwa einen Mondlauf an Zeit in Anspruch nehmen, sollte also nicht all zu lange dauern. Die endgültige Bezahlung würde ich am liebsten am Ende der Reise aushandeln, doch denke ich, dass zehn bis zwanzig Silbertaler pro Person angemessen sind."
Gasper wartete geduldig, bis Nimrott seine kleine Rede beendet hatte und sagte dann selbst:
"Es ist die Frage aufgekommen, ob ich mitkommen würde. Nein, das werde ich nicht. Ich bin im Auftrag meines Ordens hier, um Fürst Gernot im Auge zu behalten. Sagt das aber bitte nicht zu laut draußen im Burgdorf, sonst machen sich noch mehr Gerüchte breit, als ohnehin schon kursieren."
(Ich habe geschrieben, dass die Tür vom Wind aufgedrückt wurde, weil es ja nichteinmal Charakterbeschreibungen für weitere Mitspieler gibt. Noch folgende Spieler müssen sich zwischendurch anschließen!)
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"Geleitschutz? Warum lasst Ihr dann nach helfenden Händen und nicht nach Schwertern rufen?"
Nimrotts Gesichtszüge verfielen in fahle Enttäuschung, da er sein Vorhaben schon scheitern sah, bevor es überhaupt angefangen hatte. Mortan kratze sich mit den groben Fingern am kurzen Haupthaar, er war sich unsicher ob der Situatution. Sein Blick musterte den Ordensmöchs neben ihm, wehrhaft sah er für seinen zwergischen Geschmack auch nicht aus.
Mortans vergas für einen Augenblick seine Umgebung, er starrte in die dunklen Schatten des Tisches.
Doch was soll ich machen? Frohnholm hatte meine Hoffnung, Antworten zu finden, nicht erfüllt. Wo soll ich hin? Liegt etwa im unbekannten Süden mein Schicksal?
"Aber ..."
Der Satz des Gelehrten wurde von einer leicht zittrigen Stimme des kleinen Mannes abgewürgt.
"Gut Meister Slivyir, ich kann nicht kämpfen, doch mir bleibt keine andere Wahl, Euch dennoch meine Dienste anzubieten. Wenn Ihr mich in Euer Geleit aufnehmen wollt, so fordere ich die genannten zehn Silbertaler und zusätzlich ein Zehnt von dem Gewinn, der während oder nach der Reise anfällt." Die letzen Silben quollen nur so aus Mortan hervor. Der Zwerg verschränkte die Arme vor mutgeschwellter Brust, doch er war sich selbst unsicher, ob sein zwergischer Instikt nach Gold und Gewinn ihm in seiner verzweifelten Situation so von Nützen war.
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Nimrott seufzte:
"Was soll ich sagen?! Natürlich wären wir alle sicherer, hätten wir einen kampferfahrenen Recken an unserer Seite. Doch ich bin guten Mutes, dass wir ungescholten durch das Land im Süden reisen können. Ich habe in Erfahrung gebracht, dass die Menschen schon seit Jahrhunderten in dem kleinen Fischerdorf leben, ohne jemals in Gefahr geraten zu sein. Nur ganz alleine möchte ich nicht reisen. Gasper, was meint ihr? Können mir ein zwergischer Handwerker und ein Ordensmönch in der Not zur Seite stehen?"
Gasper entgegnete:
"Ich möchte kein vorschnelles Urteil abgeben, Nimrott. Ich habe die beiden noch nie kämpfen gesehen. Aber ich denke ein Mönch an eurer Seite ist mit Sicherheit ein guter Begleiter. Und der kleine Mann sieht recht kräftig aus. Sucht doch das Fischerdorf auf und bringt in Erfahrung wie gefährlich das Land wirklich ist. Auf das Gerede von den Haberländern würde ich nicht so viel geben."
Nimrott betrachtete seine Gäste eindringlich:
"Ihr wisst, was die Leute hier in Frohnholm reden? Seit die Holzfäller von Fürst Gernot die Erlaubnis bekommen haben, ihr Holz im Fileipwald zu schlagen, verschwinden jeden Tag welche von ihnen. Sie werden tot aufgefunden und die Überlebenden gehen jeden Tag furchtsamer zur Arbeit. Geht mal in die Dörfer vor Rießtal, dort verbreiten sich die meisten Gerüchte. Mir haben die Holzfäller erzählt, dass sie allein die Not in den Fileipwald treibt. Müssten sie nicht fürchten, dass der nächste Winter so hart wird wie der letzte, würden sie sich niemals über die Grenzen von Haberland hinaus wagen. Aber ich bin guter Dinge, dass wir von den Angriffen der Waldbewohner, wer sie auch immer sein mögen, verschont bleiben. Die Händler und Fischer sind, soweit ich weiß, noch nie überfallen worden."
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Talonis hatte das ganze Gespräch über schweigend im Stuhl gesessen und die Leute aufmerksam beobachtet.
Doch jetzt ergriff er auch das Wort: "In Ordnung. Ich bin zwar nicht sehr erfahren in Schlachten, doch einen Kampf gegen ein paar Strauchdiebe vermag ich schon zu führen. - Ich werde euch begleiten."
Nimrott schaute zu Xornbold und anschließend zu Talonis. "Das freut mich. Wir sind zwar nur zu dritt, aber ich bin zuversichtlich, dass wir erfolgreich sein werden."
"Ich schlage fort, dass wir morgen in aller früh aufbrechen werden.", sagte Talonis "Dann können wir den heutigen Tag noch nutzen, um die Reise vorzubereiten und Proviant zu kaufen. - Und wer weiß, vielleicht schließt sich uns bis morgen ja noch jemand an. Sein Blick glitt zur Tür, wo man noch immer die Stimme des Jungen vernahm."
Dann blickte er wieder zu Nimrott: "Sagt Meister Slivyir, wart ihr schonmal im Fischerdorf oder südlich des Passes?"
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Nimrott erwiderte:
"Nein, ich war noch nie dort. Aber ihr müsst nur vor die Tür gehen, um mit den Fischern zu sprechen. Die kommen an jedem Markttag und verkaufen ihren Fang. Ich habe meine Ausrüstung bereits zusammengestellt. Viel brauche ich nicht. Nur Verpflegung habe ich noch nicht. Für die Besorgungen können wir den Tag nutzen und gegen Abend sollten wir uns im Klingenden Kelch treffen. Wenn man Gerüchte aufschnappen will, dann dort. Soviel habe ich in den letzten Tagen gelernt."
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"Ja, das können wir so machen."
Mortan war schon dabei seine Tasche zu nehmen, während er zu den anderen sprach.
"Talonis, wollen wir beide auf dem Markt noch die letzten Besorgungen machen? Vielleicht erzählen uns die Fischer ja was über den Weg zu ihrem Dorf. Wir können auch gleich Proviant und Wasser für Meister Slivyir besorgen und was er sonst noch braucht."
Er schaute auf zu Nimrott:
"Meister Slivyir, habt Dank für die Anstellung. Ich hoffe, dass ich Euch nicht enttäusche. Können wir noch etwas für Euch besorgen?"
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Nimrott winkte ab:
"Geht nur, wir treffen uns dann gegen Abend in der Schänke. Ich werde Eure Namen eintragen und die dreißig Kupferkreuzer pro Person überreichen, die ich noch mein Eigen nenne. Ich hoffe das reicht, um euch auszurüsten. Und glaubt mir, ich achte schon darauf, dass ihr die Abmachung einhaltet. Falls ihr mich hintergehen solltet, schicke ich euch den Kerl neben mir hinterher. Ich habe ihn für mehrere Tage im Vorraus bezahlt."
Die Gestalt im Schatten rührte sich garnicht, so als wäre sie tatsächlich nur für das Rumstehen bezahlt worden. Nimrott dagegen zog einen kleinen Geldbeutel unter der Robe hervor und entleerte den Inhalt auf dem Tisch. Für Mortan und Talonis zählte er jeweils dreißig Kupferkreuzer ab. Das waren nicht etwa sechzig Münzen, sondern vor allem ein paar Heller, die etwas mehr wert waren als das Kupfer. Einige Münzen, darunter eine aus Silber, steckte er wieder zurück. Der Beutel war nun erheblich leichter als zuvor.
Gasper öffnete den Gästen die Tür und meinte:
"Ich zeigte euch, wo ihr am besten euren Proviant erwerben könnt. Die Händler in Frohnholm sind manchmal Betrügern ähnlicher als rechtschaffenen Menschen. Von daher sollte man sich schon ein wenig auskennen. Es soll schon vorgekommen sein, dass Reisende wegen der Wasserschläuche, die es zu kaufen gibt, gestorben sind... niemand weiß nämlich genau, was vorher da drinnen war."
Talonis und Mortan verließen zusammen mit Gasper die Stube, um den Markt aufzusuchen. Gasper wollte etwas sagen, doch die Stimme, welche "Bare Münze feil für helfende Hand" rief war einfach zu laut. Er stieß den dummen Jungen an, der darauf fragend zu ihm herauf blickte, und sagte zu seinen Begleitern:
"Also, wo wollt ihr zuerst hin?"
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Talonis dachte kurz nach. Dann antwortete er: "Ich würde zuerst Proviant einkaufen, solange der Markt noch offen ist. Dabei können wir uns gleich bei den Händlern erkundigen, was sie so über die Umgebung und das Fischerdorf wissen. Dort können wir uns auch gleich nach einem ortskundigen Führer umsehen, der uns durch den Pass bringt."
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Der Blick der jungen Frau schweifte über den Platz. Erst vor wenigen Stunden war sie in der Stadt eingetroffen, doch schon jetzt wünschte sie sich in die Abgeschiedenheit der Wälder zurück. Etwas verärgert zupfte sie an ihrem Kleid, sie fand das diese Dinger nicht recht saßen. Sie war Hosen gewöhnt.
Langsam lief sie weiter, das meiste von dem was sie erblickte interessierte sie nicht sonderlich. Die junge Frau wandte ihren Kopf in die Richtung aus der sie eine Knabenstimme rufen hörte. Die Stimme vorderte Reisende Abenteurer auf...
Die junge Frau erblickte einen Jungen, an dem sich gerade drei Leute vorbeidrängten. Einer von denen war offensichtlich ein Zwerg, ein weiterer ein Priester.
Luana schritt langsam in die Richtung. Es interessierte sie irgendwie um was es dort ging.
"Darf ich?" fragend schaute sie den Jungen an und deutete auf die Tür hinter ihm. Der Junge der eben noch lauthals eine Verdienstmöglichkeit angepriesen hatte, verstummte und starrte die junge Frau an.
"W-was?" stammelte er.
"Na eintreten." erwiederte die Frau. Der Kanbe schien verwirrt, bis ihm auffiel das er im Weg stand. Sogleich trat er beiseite.
Nun konnte die junge Frau ungehindert in die Stube treten.
Luana kniff etwas die Augen zusammen, als in das Halbdunkel der Stube betrat. Sie sah einen Mann an einem Tisch sitzen und einen weiteren dahinter stehen.
"Seid gegrüßt meine Herren."
Luana nahm ihr Bündel wie den Bogen vom Rücken und schaute erwartungsvoll.
"Nun, womit kann man hier Geld verdienen?"
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Mortan fügte noch hinzu:
"Und ein Werkzeugmacher oder Schmid wäre auch nicht schlecht. Dort könnte ich versuchen, ein paar meiner Meissel und Hämmer gegen nützlicheres einzutauschen."
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Nimrott blickte etwas unkonzentriert von seinen Unterlagen auf. Er musterte die junge Frau und sagte harsch:
"Seid ihr auch von Gasper hierher geschickt worden?"
Der Gelehrte stand auf und zog sich erstmal seine Robe zurecht. Dann entspannten sich seine Gesichtszüge und er blickte weitaus freundlicher:
"Entschuldigt, ich war unhöflich. Mein Name ist Nimrott Slivyir. Ich bin ein Gelehrter aus Warmuun und suche Begleitung für eine Reise in den Süden... aber, wartet. Ach, lasst mich raten. Ihr seid die Ortskundige, die Gasper schon die Tage zuvor erwähnt hatte. Er sagte, ich sollte euch unten in Rießtal aufsuchen."
Nimrott lächelte. Er verwechselte Luana offenbar mit einer anderen Person. Nichts desto trotz redete er weiter:
"Ihr hättet euch nicht die Mühe machen brauchen nach Frohnholm zu kommen. Ich weiß doch, wo ihr wohnt. Oder kommt ihr wegen der Bezahlung?"
Draußen, auf dem Marktplatz hatte das rege Treiben jetzt erst richtig angefangen. Die Menschen wuselten vor allem in dem sonnenbeschienenen Hauptplatz wie unzählige Insekten durcheinander. Die Händler übertrafen sich gegenseitig mit ihren Rufen. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, was sie denn nun verkauften. Mit ihrem Gebrüll machten sich sogar Fischer und Schmiede Konkurenz. Gasper, Mortan und Talonis gingen die Marktstände ab. In einer schnellen Bewegung hatte sich Gasper einen unscheinbaren, vorbeischlendernden Mann gepackt und ihn unflätig beschimpft. Einen Dieb hatte er ihn genannt. Doch, wie sich bald herausstellte handelte es sich um einen Boten, der auf dem Weg zum Fürsten war, deshlab rempelte er so hastig durch die Menge. Natürlich war das Gasper schrecklich peinlich. Er hielt sich im weiteren Verlauf des Tages zurück, wenn es darum ging Gauner zu überführen. Egal an welchem Stand die drei ankamen, immer wurde Mortan wegen seiner Größe übersehen. Talonis erging es nicht besser. Er sah nicht wie ein zahlungskräftiger Kunde aus und wurde somit immer als letzter bedient. Gasper aber war stadtbekannt. Man wusste welchen Einfluss er auf den Fürsten hatte und behandelte ihn daher stets bevorzugt. Tatsächlich waren auch die Fischer aus dem Dorf auf dem Markt vertreten. Gasper musste mit ihnen in haberländisch sprechen, da sie die harother Handelssprache nicht verstanden. Aber Talonis und Mortan hatten während ihres Aufenthaltes in diesem Land schon eine Menge aufgeschnappt und waren der Sprache nicht ganz unkundig. Gasper versuchte nicht zu direkt zu klingen und fragte:
"Sagt, wie ist der Fang heute?"
Eine alte Frau mit schneeweißen Haaren, welche in eine eingesiffte Schürze gekleidet war, antwortete freundlich:
"Es ist zu wenig zum Leben, aber zuviel zum Sterben... Naja, eigentlich sind wir zufrieden. Nach dem letzten Winter kann es nur noch besser werden."
Gasper lächelte zurück und fragte weiter:
"Ihr habt keine Schwierigkeiten mit den Holzfällern gehabt, die von Fürst Gernot geschickt wurden?"
Die Alte wirkte ernst:
"Na, na. Die kommen uns nicht rinn. Seid ihr Holzfäller?"
"Nein, keine Sorge. Wir haben mit denen nichts zu tun... Ihr lasst sie nicht zu euch nicht ins Dorf? Macht ihr das mit allen Fremden so?"
Die alte Frau wurde plötzlich erst. Sie meinte:
"Sie pöbeln und saufen, das ist alles..."
Gasper wurde mit einem mal unruhig. Seine Gesichtszüge wirkten nun nicht mehr freundlich und er blickte ernst. Dann nahm er sich seine Begleiter zur Seite und flüsterte ihnen zu:
"Sie lügt. Sie hat große Angst vor irgendetwas. Ich fürchte es könnte gefährlicher werden als wir dachten. Ich habe eine schreckliche Ahnung, was los ist. Ihr müsst mich entschuldigen."
Der Mann aus dem Orden der Paladine verschwand ohne weitere Worte in der Menge. Verdutzt blieben Mortan und Talonis zurück. Sie wunderten sich, was plötzlich in Gasper gefahren war. Und doch waren sie neugierig, was die alte Frau denn wohl verheimlichen mochte. Vielleicht würden ein paar gut platzierte Frage ja Antworten bringen.
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Talonis schaute Gasper nach und wunderte sich, wo dieser wohl so schnell hin wollte.
Er wollte ihn noch etwas fragen, doch da war dieser schon in der Menge untergetaucht.
Also wandet er sich an die Fischverkäuferin: "Sagt, werte Frau, sind die Holzfäller die einzigen Leute von Fürst Gernot, die euch besuchen oder erhaltet ihr noch anderen Besuch? Und habt ihr euch hier in der Stadt schon über das Verhalten der Holzfäller beschwert?"
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Der jungen Frau huschte sowas wie ein Lächeln über das Gesicht. Der Mann hinter dem Tisch amüsierte sie.
"Nein, mich hat der nicht zu überhörenden Junge dort draussen angelockt."
Sie deutete mit dem Daumen hinter sich.
"Ich bin Luana und leider nicht die Ortskundige welche ihr zu erwarten scheint. In den Süden soll eure Reise euch führen?"
Wieder zupfte Luana an ihrem Kleid.
"Bitte erzählt mir mehr. Wie groß soll die Karawane denn sein? Und wofür genau heuert ihr hier Leute an?"
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In der Stube: Nimrott wirkte mit einem mal viel weniger freundlich. Er meinte:
"Für eine junge Frau habe ich keine Verwendung. Es sei denn ihr könnte kämpfen und wandern. Aber so wie ihr gekleidet seid, trifft beides nicht auf euch zu. Geht zurück nach hause, bevor es Abend wird. Wenn es dunkel wird, treiben sich die zwielichtigsten Gestalten hier herum."
Der Gelehrte wollte Luana schon wieder fort schicken, doch dann zögerte er:
"Wo kommt ihr eigentlich her? Eure Aussprache ist nicht die dieser Gegend. Ich kenne alle haberländischen Mundarten, aber eure klingt mir nicht bekannt."
Auf dem Marktplatz: Die Fischerkäuferin antwortete nur widerwillig:
"Es kommen nur Wandersleute vorbei. Aber gegen die haben wir nichts. Bitte lasst doch die fragen. Ich weiß doch nichts über die Welt! Ich bin nur hier, um Fisch zu verkaufen."
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"Nun, ich bin aus dem Osten, aus einem kleinen Dorf. Bin erst vor kurzem mit einer Karawane hier eingetroffen. Und..."
Sie deutete beiläufig auf ihr Gepäck und den Langbogen "...ihr solltet nicht vorschnell nach dem Äußeren urteilen, mein Herr."
Luana blieb durchaus höflich, dieses Verhalten war ihr nicht unbekannt.
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Talonis schaute sich die Fische etwas genauer an.
"Wie frisch ist denn dieser Fisch?", fragte er die Verkäuferin. "Ihr müsst wissen, wir wollen nämlich auf eine Reise aufbrechen und suchen noch nach geeignetem Proviant, der noch etwas hält. Können sie uns da vielleicht etwas Spezielles empfehlen? Gepökelten Fisch vielleicht?"
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In der Stube: Nimrott meinte:
"Gut, ich werde euch nicht vorschnell beurteilen. Kommt heute abend in die Taverne, dann mögt ihr uns bis zum Fischerdorf begleiten. Wenn ihr bis dahin gut folgen könnt und uns keine Last seid, werdet ihr wie die anderen entlohnt."
Auf dem Marktplatz: Die alte Frau erklärte Talonis, dass ein Lott des Fisches für drei Kupferkreuzer zu haben sei. Er und Mortan griff sofort zu, denn zum einen war es ungünstig bares Geld mit sich herum zu tragen und zum anderen war der Preis für hiesige Verhältnisse recht niedrig. Es wurden noch einige Worte gewechset. Allen voran gelang es Talonis Antworten auf einige Fragen zu bekommen. Mit der Zeit wurde die Alte redseeliger und erzählte, dass die Dorfbewohner in früheren Zeiten niemals Schwierigkeiten mit irgendwelchen Waldbewohnern hatten. Der Dorfälteste ging schon seit sie sich zurückerinnern konnte in den Wald, um mit den Fremden zu reden und zu verhandeln. Doch im letzten Winter hatte ihn der Hunger dahin gerafft. Und seit dieser Zeit hörten die Dörfler nichts mehr von den Fremden, denen das Land offenbar gehörte. Viel mehr erzählte sie dann doch nicht. Irgendetwas behielt sie für sich und, um das zu merken, musste man kein Paladin sein. Doch Talonis entschied, dass eine weitere Befragung eher einem Verhör gleich käme und das war ja eigentlich die Aufgabe der verhüllten Mönche.
Mortan und Talonis suchten noch den ganzen Mittag den Markt ab und setzten beinahe ihr gesamtes gerade erworbenes Vermögen in Nahrungsmittel, Leder- und Metallwaren, sowie Wanderausrüstung um. Talonis nahm seinen kleinen Begleiter im Laufe des Tages sogar mit zu dem Grabmal von Fürst Bolvic. Allein diese Gruft war der Grund, weshalb jeder Jahr unzählige Mönche, nicht nur der Metorngläubigen, diesen Ort aufsuchten. Der Zwerg aber war weniger von den Betenden beeindruckt, sondern viel mehr von der makellosen Bearbeitung des Steins, aus dem die Gruft bestand. Gegen abend dann mussten die zwei sich sogar eilen, um nicht zu spät im Klingenden Kelch aufzukreuzen.
Luana hatte noch eine ganze Weile mit Nimrott geredet. Er zeigte sich fasziniert von ihrer Art die Welt zu schildern. Im Gespräch schwanden ihm alle Zweifel, dass er sie gerne als Weggefährtin bei sich haben wollte. Allein weil sie trotz ihres jungen Alters offenbar schon eine tiefe Einsicht in viele Dinge hatte, ohne dass sie vielleicht davon wusste. Auf der anderen Seite wirkte die junge Frau teils unkonzentriert und eigensinnig. Gerade ein Gelehrter wie Nimrott erkannte schnell, dass sie eine schwierige Person sein könnte. Dennoch kam der Gelehrte alles in allem zu der Überzeugung, dass sie die Gruppe noch eine ganze Weile begleiten sollte. Ihr Talent mit dem Bogen musste sie ihm schon garnicht mehr beweisen. Doch das behielt er für sich. Er wollte sie nicht in Sicherheit wiegen und gab sich ihr gegenüber über alle Maßen skeptisch.
Als die Sonne gerade unterging, erwachte der Klingende Kelch erst richtig zum Leben. Der Clan der Goldschenker hatte sich schon den ganzen Tag hier aufgehalten. Man musste die Geduld des kleinen Volkes schon bewundern. Denn, was immer sie hier suchten, sie warteten auf irgendetwas. Tag ein Tag zerstückelten sie zwergische Goldmünzen, bezahlten mit den Bruchstücken den Wirt und machten somit ihrem Namen alle Ehre. Mortan kam an seinen entfernten Verwandten vorbei. Als sie ihn sahen hoben sie alle die Bierkrüge und grüßten freundlich. Er grüßte zurück, zeigte sich aber etwas verlegen, da die Goldschenker nur beim Wirt einen guten Ruf genossen. Talonis und sein kleiner Begleiter fanden schnell Nimrott vor, der an einem abgenutzen, runden Holztisch saß, direkt neben einer hellen Öllampe. Im langen Haus war tatsächlich nur die Küche als weiterer Raum abgetrennt. Allein die Holzbalken und das Ständerwerkt unterbrachen das geräumige Gasthaus. Die Gästezimmer waren schäbig und befanden sich in einem Nebengebäude. Der Besitzer dieser einträglichen Taverne sparte nicht an Licht für seine Gäste. Hier leuchteten an allen Wänden Öllampen und erweckten wie die Besucher die Gaststätte zum Leben.
Neben Nimrott saß noch ein weiterer Mann, der ihm auf die ein oder andere Weise nicht unähnlich war. Auch er trug einen Bart, auch er hatte einen durchdringenden Blick. Talonis und Mortan stießen hinzu. Auch Luana zeigte sich bald. Als alle versammelt waren, sagte Nimrott:
"Darf ich vorstellen: Das sind Mortan Xornbold, Bruder Talonis, das Mädchen heißt Luana... tut mir Leid, euren vollen Namen habe ich vergessen."
Nimrott war etwas verlegen, denn er hatte sich ja so lange mit ihr unterhalten und da vergaß er ihren vollen Namen, wo er sich doch immer damit brüstete ein so hervorragendes Gedächnis zu haben. Aber der Gelehrte ließ sich kaum etwas anmerken und sprach ungerührt weiter:
"Und das ist ein Ordensverwandter aus dem Ordenshaus Bordanius. Er ist... auch ein Gelehrter, so wie ich und wird uns auf unserer Reise begleiten. Verzeiht, dass ich ihn noch nicht erwähnt habe, aber er war sich noch unsicher, ob er uns begleiten würde. Von daher habe ich nichts über ihn erzhält."
Alle Anwesenden unterhielten sich über ihre Reise und deren Planung. Allen voran beharrte Nimrott darauf so früh wie möglich aufzubrechen. Er befürchtete womöglich, dass sich seine Begleiter entscheiden könnten, den Auftrag doch abzulehnen. Oder er war ungeduldig, weil er schon so lange gewartet hatte. Wie immer warf eine unerwartete Begebenheit alle Pläne über den Haufen oder ließ sie wenigstens in einem anderen Licht erscheinen. Es war Armanosch Goldschenker, der von seiner abendlichen Notdurft zurückkam und wo er gerade stand, zu Mortan herüberging, um ihm ein Bier auszugeben. Mortans Begleiter wussten es nicht, doch die Goldschenker verhielten sich selbst für zwergische Verhältnisse ungewöhnlich unkultiviert. Auch Zwerge soffen nicht den ganzen Tag und sangen nicht Tag für Tag die gleichen Lieder und brachten die Einheimischen damit um den Verstand. Vielleicht wussten nur die Goldschenker, warum sie sich geradezu dreist in der Öffentlichkeit gaben und den Zorn der Menschen auf sich luden. Dennoch stand Armanosch heute inmitten einer Ansammlung von Menschen, vor dem Tisch an dem auch Mortan saß, und sagte ein wenig lallend:
"Sie gegrüßt, Clanbruder. Ich habe noch keinen anderen Clan aus dem Tiefenfels hier gesehen. Wie lautet dein Name? Und ich grüße natürlich auch deine Freunde. Ich würde euch allen ja gerne ein Bier ausgeben, aber weiß ich nicht, ob ihr dessen auch würdig seid."
Bei den letzten Worten betrachtete er die nichtzwergischen Anwesenden und hob mahnend seinen Zeigefinger. Er meinte es nicht böse, er sagte eben einfach nur die Wahrheit. Nimrott seufzte und sagte ebenfalls über alle Maßen direkt:
"Das viele Bier, das Tag für Tag durch eure Kehlen läuft müsst ihr doch auch bezahlen. Da wundert es mich, dass ihr bei Fremden so knauserig seid."
Armanoschs Miene wurde ernst. Er beugte sich zu Nimrott herüber, wollte wohl flüstern, tat das aber ziemlich laut:
"Wir sind doch nicht hier her gekommen, um zu saufen. Das Bier zuhause ist eh besser. Aber man verlangt Wegezoll von uns. Wegezoll! Als ich das letzte mal mit meinen Brüdern hier gewesen bin, gab es sowas nicht. Als mein Großvater nach Süden gegangen ist, gab es die Burg noch nicht. Und wir sollen Wegezoll bezahlen, pah! Wir ersuchen schon seit Tagen eine Unterredung beim Fürsten, aber der nimmt uns ja nicht ernst... naja, dann wird eben gefeiert."
Armanosch grinste und hielt einen leeren Bierkrug hoch, den er offenbar schon seit Tagen nicht mehr aus der Hand gegeben hatte. Nimrotts Begleiter fragten sich derweil, was genau die Zwerge wohl hier her verschlagen hatte.
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Auch Mortan hob prostend seinen Krug.
"Sehs mal so Bruder, die Menschen haben halt einfach nicht genug Zeit, sich während ihrem kurzen Leben viel Gold zu erarbeiten. Und so versuchen sie es eben über Wegzölle und Steuern von anderen für kaum eine Gegenleistung zu bekommen. Und Fürst Gernot verlangt von den Händlern und Reisenden in der Stadt gerade in diesen Tagen besonders viele Münzen. Wozu er das nur braucht? Aber was führt Dich und deine Clanbüder soweit in den Süden? Wollt ihr über den Pass?"
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Armanosch lächelte unter seinem dichten Bart:
"Ja, in den Süden. Da wir jetzt einen neuen König haben, kehrt auch die Abenteuerlust in unser Volk zurück. Wir wollen nicht die einzigen sein, die noch in Hendelport auf die Menschenhändler warten. Wir wollen Geschichte schreiben!"
Der Zwerg wollte einen tiefen Schluck aus seinem Humpen nehmen, musste aber festellen, dass er leer war. Dann sah er wieder Mortan an und fuhr fort:
"Kennt ihr nicht auch die Märchen von den anderen Zwergen, den anderen Völkern? Wir gehen auf die Suche nach ihnen. Großväterchen hat mal vor vielen, vielen Jahren erzählt, dass er andere Zwerge im Süden getroffen hat. Wir wollen sie wieder finden. Ihr könnt uns begleiten, wenn ihr wollt..."
Armanosch blickte etwas finsterer:
"Sofern der Fürst uns den Zoll erlässt. Wäre doch wohl gelacht, wenn ein Zwerg für seine Rechte bezahlen müsste."
Nimrott mischte sich in das Gespräch der beiden Zwerge ein und sagte zu Armanosch:
"Ich verstehe einfach nicht, warum ihr hier in der Schänke hockt und euer Geld versauft, anstatt den Zoll zu bezahlen. So viel wird euch auch nicht abverlangt."
Der Zwerg lachte kurz auf und meinte:
"Das ist typisch Mensch. Hier geht es nicht um ein paar Goldmünzen, sondern ums Prinzip. Ich verlange doch auch nicht von euch Tribut, weil ihr einen Bart tragt, oder? Genausowenig wie man von euch Geld für das Tragen eines Bartes verlangen kann, kann man von uns verlangen Wegezoll zu zahlen."
Nimrott kratzte sich am Ansatz eben dieses Bartes und dachte einen Moment nach. Irgendwie wollte ihm die Logik des Zwergs nicht ganz einleuchten. Dann aber erwiderte er:
"Aha, ich verstehe. Ihr meint also, dass das Recht einen Bart zu tragen gleichbedeutend ist mit dem Recht einen Weg zu benutzen."
Armanosch sah sein gegenüber angestrengt an und versuchte offenbar seinen vom Bier müde gemachten Verstand zu benutzen. Dann sagte er plötzlich:
"Ich kenne euren Namen zwar nicht, aber ihr versteht offenbar worum es hier geht."
Nimrott blickte etwas selbstgerecht, als er ergänzte:
"So, so, habt ihr schonmal darüber nachgedacht, dass die Menschen hier nichts von eurer besonderen Herkunft wissen. Das Wort Zwerg verwendet man in fast allen Sprachen der Menschen, wenn man von kleinen Männern redet. Sie wissen nicht, dass kein menschliches Blut in euren Adern fließt!"
Armanosch nickte und bestätigte:
"Äh, das könnte schon sein. Das würde so einiges erklären. Ich wunderte mich schon, als mir in Havarien angeboten wurde die Tochter eines Mannes vom Lande zu heiraten. Es war natürlich eine Menschenfrau, recht hübsch, wirklich, aber eben menschlich."
Dann brach der Zwerg in ein schallendes Gelächter aus und klopfte sich auf den Oberschenkel. Die Anwesenden versuchten sich bildlich vorzustellen, wie ein Zwerg mit einer Menschenfrau verheiratet werden sollte. Sie wussten ja, dass gerade der Landadel sehr genau auf den Geldbeutel heiratsfähiger Männer guckte, aber einen Zwerg in Betracht zu ziehen zeugte nicht gerade von viel Verstand.
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Talonis mischte sich in das Gespräch ein:
"Nun, aber das Geld vom Wegezoll nutzt der Fürst ja auch, um die Straßen auszubessern. Wenn kein Geld für die Straßen da wäre, dann würden sie langsam verwahrlosen."
Talonis dachte dabei an den schlechten Zustand der Straßen und bezweifelte, dass wirklich der gesamte Zoll verwendet wurde, um die Straßen in Stand zu halten.
Er lenkte vom Thema ab: "Aber erzählt mir mehr über das Märchen von den anderen Zwergen? Wisst ihr, was einem südlich des Passes erwartet?"
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Der andere Gelehrte hielt sich weitesgehend zurück und überlies das Sprechen dem älteren Nimrott, obwohl man von Aussehen her bei beiden keinen großen Altersunterschied würde erkennen können. Kurz musterte er die Frau, die Nimrott angeschleppt hatte, doch würde dieser sich wohl etwas dabei gedacht haben. Man konnte aber wohl erkennen, dass er sich eine schlagkräftigere Truppe gewünscht hatte, aber dafür hätte ihr Geld nun wahrlich nicht mehr gereicht. Also musste man sich zufrieden geben mit dem was man hatte. Kurz verharrte sein Blick beim Priester, dann lauschte er dem Gespräch mit dem anderen Zwerg. Während nun Talonis sich einmischte, ergriff auch er das Wort.
"Und wie hoch ist dieser Wegezoll überhaupt?"
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Luana schwieg lange Zeit. Hörte aufmerksam zu und nippte hin und wieder an ihrem Becher. Sie versuchte ein wenig die Anwesenden einzuschätzen, welche sich mit auf die Reise begeben würden.
Da war zum einen dieser Priester, Bruder Talonis. Dann war da noch ein Zwerg und natürlich Nimrott selbst.
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Armanosch blickte noch einmal in seinen leeren Bierkrug und meinte nach einem gewissen Zögern:
"Ich weiß nicht wie hoch der Wegezoll ist, soweit bin ich beim Gespräch mit den Gardisten garnicht gekommen. Es spielt auch überhaupt keine Rolle. Und was das Land im Süden angeht... ich weiß darüber vermutlich so viel wie ihr, nämlich garnichts. Nun entschuldigt mich. Ich muss mich um meinen leeren Krug kümmern."
Mit diesen Worten verschwand der Zwerg, wobei man nicht so recht unterscheiden konnte, ob er stapfte oder torkelte. Auf jeden Fall hinterließ er eine Menge Fragen. Zum Beispiel hatte Nimrott niemandem seiner Begleiter etwas von Wegzoll erzählt. Der Gelehrte aber verlor kein weiteres Wort darüber und sagte:
"Wir sollten diese Goldschenker im Auge behalten. Immerhin verfolgen sie ähnliche Ziele wie wir. Ich fürchte aber, dass sie hier noch lange warten können, bevor der Fürst sie empfängt. Er hat ja nicht einmal den Anstand sich mit mir zu befassen..."
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Luana zog bei den Worten des Gelehrten eine Augenbraue hoch, sagte jedoch nichts.
Wegzoll also, na das ist ja schon die erste Überraschung. Bin mal gespannt was noch kommen mag. In Gedanken fasste sie zusammen was sie bisher über die Reise wußte und kam zu dem Schluß das es eigentlich noch nicht sehr viel war.
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Talonis wandte sich an seine Begleiter: "Sagt, was wisst ihr über die Goldschenker? Es scheinen ziemlich ungehobelte Kerle zu sein. Und wo haben sie das ganze Gold her?"
Talonis blickte sich in der Taverne um und sah nach, ob hier noch andere Leute saßen, die von auswärts kamen.
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Nimrott meinte dazu nur:
"Am besten ihr fragt sie das selbst. Offenbar scheinen sie im Moment mit nichts wichtigem beschäftigt zu sein."
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Talonis ergriff seinen Bierkrug und ging dann rüber zu den Goldschenkern: "Seid gegrüßt!"
Doch von den Zwergen kam keinerlei Reaktion. Wahrscheinlich hatten sie ihn nicht gehört. Sie schienen lautstark irgendetwas zu besprechen. Oder waren das bloß die berüchtigten Zwergenlieder, die sie da von sich gaben?
"Ähm, hallo...", Talonis versuchte es auf ein neues. Doch wiederum keine Reaktion von den Zwergen.
Daraufhin ließ Talonis seinen Krug auf den Tisch knallen und rief dabei laut: "Prost!"
Einige der Zwerge drehten sich dabei kurz zu ihm um und hoben ihr eigenen Bierkrüger.
Doch noch bevor sie sich wieder umdrehen konnten, fragte Talonis schnell den einen Zwerg: "Sagt, woher habt ihr das ganze Gold, mit dem ihr hier bezahlt?"
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Die ganze Zwergensippe, Talonis zählte acht an der Zahl, hörte mit einem mal auf zu johlen, zu singen und zu reden. Nach einem kurzen Moment der Stille brachen alle Acht in ein schallendes Gelächter aus. Armanosch kippte rücklinks vom Stuhl, weil er sich einfach nicht mehr halten konnte und zwei weitere lagen bald lachend halb unter dem Tisch. Nach einer Weile beruhigte sich die Gemeinschaft wieder unter Armanosch hatte sich aufgerappelt. Mit Tränen in den Augen klopfte er Talonis etwas grob auf die Seite und meinte lautstark:
"Ihr seid sehr witzig, mein Freund. Wirklich..."
Talonis aber zeigte keine Anzeichen von Heiterkeit. Armanosch wurde daraufhin auch etwas ernster:
"Ihr meint das ernst, oder? Ähm, woher haben Zwerge wohl ihr Gold? Aus den Bergen natürlich. Wir haben es von zuhause mitgebracht."
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Währenddessen kramte Mortan seine allerletzen Münzen zusammen, holte ein Krüglein Schnaps und ging dann auch zum Zwergentisch, gerade rechtzeitig, um und das Gelächter einzustimmen.
"Woher auch sonst! Das wäre ja genauso, als wenn man einen Priester fragt, warum Gott Metorn ein Gott ist! HARHAR"
Er setzte sich mit an den Tisch, nahm einen Schuck aus dem Krug und reichte ihn an Armanosch weiter.
"Ich war schon seit längerer Zeit nicht mehr in den Bergen und bin froh, mal wieder Zwergenbrüder zu treffen und alte Lieder zu hören. Hat Olgir Zwillingsaxt nun endlich den Thron übernommen? Wurde auch langsam Zeit, schliesslich kann es ja nicht sein, dass ein einfaches Brot irgendwann mal soviel wie eine kunstgeschmiedete Axt kosten soll. Wie laufen die Geschäfte in Hendelport? Kommt erzählt, wie stehts um die Zwergenhaine und den Felsen?"
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Luana seufzte. Jetzt sauefen sie gleich um die Wette bis keiner mehr stehen kann, dachte sie bei sich. Etwas gelangweilt sah sie zu denjenigen die noch an ihrem Tisch übrig geblieben waren. Ihre Gedanken schweiften ab, sie wünschte sich in die Wälder und nicht in diese stickige Bierstube. Dann wandte sie sich an Nimrott.
"Nun, wann wolltet ihr morgen früh aufbrechen und wo ist der Treffpunkt?"
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Die Goldschenker zeigten sich sichtlich angetan, dass sich einer ihres Volkes zu ihnen gesellte. Armanosch, der immer etwas zu sagen hatte, rief:
"Ein Hoch auf König Olgir, ein Hoch auf den Clan der Zwillingsäxte. Der Tiefenfels erwacht aus einem festen Schlaf, der länger andauerte als fünf Menschenleben. Alle in diesem Raum sollen es hören: Die Zwerge werden die Welt durchstreifen und den Großen zeigen, wie man ein Abenteuer bestreitet."
Ein etwas tranig dreinblickender Bruder von Armanosch ergänzte müde:
"Aber erst, wenn der Fürst uns den Zoll erlässt."
Der Älteste der Goldschenker, Armanosch, warf seinen Bierkrug und verfehlte seinen Bruder. Statt dessen zerschellte das Tongefäß neben dem auf dem Tisch liegenden Kopf eines anderen Gastes, der wohl garnichts davon mitbekommen hatte, weil er einfach zu betrunken war. Aber ein anderer, finster blickender Mann vom Nachbartisch drehte sich wütend um und schnaupte:
"Passt gefälligst auf, wo ihr mit euren Bierkrügen hinwerft!"
Armanosch war viel zu erheitert, um eine ernste Miene zu zeigen. Statt dessen beschwichtigte er mit einem lächeln:
"Der Krug war für meinen nichtsnutzigen Bruder Drein gedacht. Es tut mir aufrichtig leid, euch belästigt zu haben. Ich gebe euch und euren Kameraden ein Bier aus."
Der breitschultrige Mann mit Glatzkopf und fehlenden Zähnen war nun etwas weniger unleidlich und gab zurück:
"Behaltet euer Bier für euch, Wichtelpack. Lasst uns bloß in Ruhe."
Mit einem mal sprang ein anderer Zwerg aus Armanoschs Sippe vom Stuhl in einem Satz auf den Tisch und geiferte:
"Wichtel?! Ich hasse Wichtel. Nehmt das zurück oder ich stutze euch auf die Größe eines Wichtels, damit ihr wisst, was das ist."
Die Situation drohte aus dem Ruder zu laufen. Die Anwesenden, auch die Zwerge, waren stark betrunken. Armanosch aber zerrte seinen jüngeren Bruder am Arm und flüsterte:
"Hab dich nicht so, Garlosch. Spar deine Kräfte lieber auf, anstatt hier rumzukrakelen."
Garlsch flüsterte zurück:
"Aber er hat uns Wichtel genannt!"
Der glatzköpfige vom Nachbartisch war noch nicht fertig und unterbrach die beiden grob:
"Ihr denkt wohl, nur weil ich aussehe wie ein Schläger bin aufs Prügeln scharf, oder? Ihr kleinen Leute singt und johlt und vertreibt die Gäste, Tag ein Tag aus."
Mittlerweise waren die übrigen Menschen in der Taverne still geworden. Einer rief aber dazwischen:
"Sehr richtig! Der Name Goldschenker ist in Frohnholm in einem Wort mit Störenfried zu nennen. Meine Schwester kommt schon garnicht mehr zur Nachtruhe, weil ihr so einen Lärm macht."
Der Wirt wollte sich zurück halten, denn er verdiente gut an den kleinen Leuten, doch ein Bediensteter ergänzte Wortstark:
"Ja, und immer müssen sie mit ihrem Gold angeben. Diese Männer sind doch nur hierher gekommen, um uns schlecht dastehen zu lassen. Im Gegensatz zu denen müssen wir für unser täglich Brot hart arbeiten."
Der Glatzköpfige sagte beinahe ruhig:
"Seht ihr und deshalb werde ich von euch keinen dreckigen Heller und keinen Schluck Bier annehmen. Geht doch zurück in euren Tiefenfels und zu eurem König. Vielleicht hat er ja für Kleinwüchsige wie euch noch Verwendung. Wir können euch hier nicht gebrauchen."
Der Mann spuckte Armanosch vor die Füße und zeigte, wie angewidert er von ihm war. In Garlosch glühte der Zorn auf und er war drauf und dran mit seiner Axt fest in beiden Händen auf den Mann zuzustürmen, der seinen ältesten Bruder und mit ihm seinen ganzen Clan und darüber hinaus alle Clans beleidigt hatte. Auch Drein und die anderen waren mitlerweile richtig wach. Keiner von ihnen lachte mehr. Statt heiteren Gesängen und ausgelassenem Gezeche, blickten die Zwerge so ernst, als hätten sie ihr leben lang noch nie anders ausgesehen.
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"Verdammt, das gibt gleich Ärger hier." murmelte die junge Frau.
Sie schob sich etwas mehr aus der Schusslinie. Schaute zu den Gelehrten. Die waren so alt, die könnten sich in einer Kneipenschlägerei doch bestimmt nicht behaupten.
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Talonis versuchte, die Situation zu entschärfen:
"Aber von mir nehmt ihr doch sicherlich ein Bier, oder?", wandte er sich an den Glatzköpfigen.
Dann drehte er sich dem Zwerg zu, der mit Garlosch angeredet wurde: "Ihr müsst meine Mitmenschen entschuldigen, nicht alle verstehen es zu feiern. Das liegt aber daran, dass sie einen langen und anstrengenden Arbeitstag hinter sich haben und abends einfach etwas Ruhe brauchen. Aber im Winter, wenn das Meer zugefroren ist, und die Fischer nichts zu tun haben, dann sind das wunderbare und nette Menschen."
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Der Glatzköpfige zog seinen Rotz hoch und rieb sich an der Nase. Dann schnaupte er:
"Auch von euch will ich kein Bier, Mönch. Lasst uns in Ruhe und wir vergessen einfach, was gewesen ist."
Garlosch ließ sich von Talonis Worten ein wenig beschwichtigen. Doch konnte er es nicht unterlassen seinen Brüder zuzuflüstern, während er sich wieder setzte:
"Typisch Mensch. Bis auf die Knochen feige, wenn es darauf ankommt."
Dann spuckte er zu allem Überfluss über eine beachtliche Entfernung dem Glatzköpfigen vor die Füße. Obwohl dieser mit dem Rücken zum Zwerg stand, bemerkte er doch was dieser getan hatte. Der Mann rief:
"Jetzt reichts" und stürmte wütend auf Garlosch zu. Im selben Moment behielt Nimrott am Nachbartisch das Treiben der Menschen und Zwerge im Auge. Er warf einen verstohlenen Blick zu Baratos herüber. Dieser nickte nur leicht. Luana konnte beobachten, wie Nimrott den Glatzköpfigen streng anguckte. Dann bewegten sich seine Lippen ohne hörbare Worte unter dem dichten, schwarzen Bart. Aber ihre Gabe, das zweite Gesicht, ermöglichten der jungen Frau mehr zu sehen und zu hören als die meisten sterblichen. Es waren Worte vorhanden, nur so leise und verschwommen, dass sie viel zu leicht unbeachtet bleiben konnten. Doch für sie war dieser Widerhall in den unsichtbaren Welten deutlich zu vernehmen. Nimrott flüsterte sich nicht etwas in den Bart, sondern belebte auf eine merkwürdige Art und Weise seine Umgebung. Kaum hatte der Gelehrte diese unhörbaren Worte gesagt, sammelten sich geisterhafte Schatten um den Glatzköpfigen, die offenbar für kaum jemanden außer Luana zu sehen waren. Sie ballten sich um seine Füße und umschlangen seine Beine wie ein Fesselseil. Dann ging alles so schnell vorüber, wie es begonnen hatte. Der Glatzköpfige stolperte über seine eigenen Füße und stürzte vornüber. Die unsichtbaren Schatten verschwanden und verflüchtigten sich so schnell, wie sie gekommen waren. Doch nicht nur Luana, auch Mortan glaubte etwas von den Schatten erkannt zu haben. Er hielt es für eine kurze Sinnestäuschung und rieb sich die Augen. Talonis vermutete lediglich, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging.
Die Goldschenker jedenfalls lachten laut auf ob dieses Missgeschicks und packten ihre Sachen zusammen. Auch Garlosch war nun zufrieden seinen Widersacher längs auf dem Boden liegen zu sehen. Die ganze Truppe der Zwerge kehrte der Schänke den Rücken zu und ließ Mortan und Talonis, sowie einen etwas unglücklichen Wirtshausbesitzer zurück.
-
"Das ist ja gerade nochmal gutgegangen.", murmelte Talonis zu sich selbst.
Er schaute sich nach einigen Fischern um, die hier saßen und gesellte sich zu ihnen.
"Metorn zum Gruße! Ist hier noch ein Platz frei?", fragte er die Fischer.
Einer der Fischer wandte sich ihm zu. Man merkte ihm an, das er schon leicht angetrunken war. "Nur zu setzt euch. Was führt euch in diese Stadt?"
- "Ich bin auf Wunsch eines Kollegen hier, um jemanden zu treffen und ihn auf seiner Reise zu begleiten. - Und ihr? Ihr seht auch so aus, als würdet ihr nicht von hier stammen..."
- "Nein, wir kommen vom Fischerdorf, dass hier in der Nähe ist." sagte der Fischer.
- "Interessant. Aber erzählt doch etwas über euer Fischerdorf. Wie lebt es sich dort?", Talonis nahm noch ein Schluck von seinem Bier.
Er hoffte, vom Fischer noch einige Informationen über das Dorf und die Holzfäller zu erhalten.
-
Mit einem mal lächelte der Fischer und sagte:
"Ihr seid ein Unverhüllter, nicht wahr. Ohne eure Brüder wäre mein Vater tot..."
Ein anderer Gast am selben Tisch ging dazwischen:
"Lass das doch. Der hätte sich gerade fast mit jemandem geprügelt."
Der Fischer winkte ab:
"Das ist mein Bruder, hört garnicht auf ihn. Was uns angeht, kommen wir zwar vom Dorf, wohnen aber nicht dort. Wir sind weder leibeigene Holzfäller, noch freie Bauern aus dem Süden. Die Fischer aus dem Dorf haben das Glück frei von der Knechtschaft durch den König zu sein, haben dafür aber im Winter und in anderen Notzeiten ein schweres Los. Sie müssen Zölle bezahlen, auch wenn sie im Gegensatz zu den Händlern nur einen Teil ihres Fanges abgeben müssen, statt bare Münzen. Wenn ihr die Dorfbewohner von jenseits des Passes sucht, seid ihr hier falsch. Sie haben kaum Zeit in den Klingenden Kelch zu kommen, weil sie vor Einbruch der Nacht wieder heim sein müssen und auch zu wenig bare Münze besitzen, um hier einzukehren. Aber mein Bruder und ich und noch einige andere sind Freie, die sich als Gelegenheitsarbeiter verdingen. Mal arbeiten wir in Rießtal und mal in Frohnholm, je nachdem, welche Arbeiten zu verrichten sind. Bevor wir uns in den Frohndienst begeben, sterben wir lieber."
Der Fischer hob seinen Bierkrug und stieß mit seinen Kumpanen auf das Wohl der Freien an. Alle übrigen Gäste am selben Tisch hörten nun zu, als der Fischer weiterredete:
"Über das Dorf kann ich euch einiges sagen. Jetzt im Sommer kehren wir da fast jeden Tag ein, im Gegensatz zu den Leibeigenen des Königs sind wir willkommen. Die Dörfler können überhaupt nicht so viel Fang einholen wie der See hergibt, obwohl sie wirklich hart arbeiten. Ich denke auch ihnen liegt wie uns die Unabhängigkeit am Herzen. Seit diesem Jahr sind sie aber etwas schweigsamer geworden. Sie sehen so sorgenvoll aus. Ich kann es verstehen, wo doch die Schergen von Fürst Gernot vor den Toren stehen und warten hervorzupreschen, um das Land in Besitz zu nehmen. Sie fürchten vielleicht, dass es ihnen so ergehen wird, wie den Holzfällern. Die werden ja immer häufiger Opfer von den bösen Geistern des Waldes."
Einer der Kumpanen des Fischers rief dazwischen:
"Jetzt geht das wieder los. Einem Mönch sollte man nur die Wahrheit erzählen und ihn nicht zum Narren halten. Metorn sieht sowas nicht gern."
Der Fischer stieß seinen Nachbarn unsanft an und redete weiter:
"Das sind keine Märchen. Und bei Metorns allsehendem Auge würde ich niemals die Unwahrheit erzählen. Ich kann natürlich nur vermuten, doch bin ich mir ziemlich sicher, dass es böse Geister sind. Könntet ihr nicht mal nachsehen, ob nicht ein Fluch über dem Wald liegt? Vielleicht drückt das die Stimmung der Dorfbewohner so."
Seit die Goldschenker gegangen waren, schien es im Klingenden Kelch geradezu ruhig zu sein. Doch gerade, als man dachte die Zwerge seien nun endgültig fort, kam Armanosch zurück, der von den meisten Gästen mit bösen Blicken gestraft wurde. Er aber gab sich unbeeindruckt und ging zielstrebig auf Mortan zu. Diesen klopfte er auf die Schulter und legte ihm eine ganze Hand voll Kupferkreuzer und einige Heller auf den Tisch. Dabei sagte er:
"Nehmt, Mortan. Wir sind nicht verschwenderisch, doch diese Münzen sind mit dem Abbild des Fürsten geprägt. Das hat wenig Wert, dort wo wir hin gehen. Ich denke in euren Händen sind die paar Kupferstücke besser aufgehoben."
Mortan blickte fragend und setzte zu einigen Worten an. Aber Armanosch kam ihm zuvor:
"Wir suchen uns einen anderen Weg, um die Zwerge des Südens zu finden. Sollen die Menschen doch diesen unbedeutenden Pass für alle Ewigkeit bewachen. Es gibt sicherlich noch andere Pfade weiter westlich... Kommt doch mit. Begleitet uns, Mortan!"
Mortan fühlte sich geehrt die Goldschenker begleiten zu dürfen, doch lehnte er dankend ab. Nach einigem hin und her nahm er auch das Kupfergeld an. Armanosch verabschiedete sich noch einmal von Mortan und dessen Begleitern, um dann ein letztes mal durch die große Tür des Klingenden Kelchs zu verschwinden.
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So etwas hatte die junge Frau geahnt, sonst wäre der Mann wohl nciht so ruhig geblieben. Einige Zeit später, nachdem sie dann ihren Becher geleert hatte, verabschiedete sich Luana von jenen an ihrem Tisch.
Auch die Zwerge hatten die Schenke mittlerweile verlassen.
Luana wollte sich noch etwas Schlaf gönnen, bevor sie morgen in aller Frühe aufbrechen würden.
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Talonis blickte nachdenklich. "Nun, ich werde mich mit meinen Gefährten sowieso in Richtung des Dorfes aufmachen. Und es wäre dabei sicherlich hilfreich, wenn wir auch etwas über den Wald herausfinden können."
- "Bei Metorn, ich hoffe ihr seid erfolgreich!", warf der eine Fischer ein.
- "Aber um erfolgreich zu sein, sollte ich so viel wie möglich über den Wald wissen: Seit wann verschwinden die Holzfäller im Wald? Und war das vor oder nachdem sich die Holzfäller mit den Dorfbewohnern stritten?"
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"Ich glaube, ich sehe jetzt schon Gespenster", murmelte Mortan durch seinen Bart und warf einen argwöhnischen Blick in die dunklen Ecken neben dem Kaminfeuer.
"Wahrscheinlich wars dann doch zuviel Bier." Er liess sich auf die Bank an Nimrotts Tisch plumpsen und trank den letzten Schluck aus dem Schnapskrüglein.
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Der Fischer machte ein nachdenkliches Gesicht:
"Nun, was soll ich sagen? Die Holzfäller sind nicht gerade beliebt bei Freien wie uns. Ihre Familien haben sich vor langer Zeit schon in die Knechtschaft des hiesigen Fürstengeschlechts begeben. Seit dieser Zeit arbeiten sie für einen Hungerlohn. Ich glaube, sie hätten das niemals tun sollen. Ich denke, sie haben Metorns Zorn entfacht. Er mag es schließlich nicht, wenn Menschen ihre Seele verkaufen und als letzter Besitz nur noch ihr Leib bleibt."
Talonis stutzte. Offenbar hatte der Fischer wenig Ahung von der Lehre Metorns. So leicht ließ sich dieser Gott nicht erzürnen, wenn man von den heiligen Schriften ausging. Aber der Prister hörte weiter zu, als der Fischer fortfuhr:
"Ihr wolltet wissen seit wann die Holzfäller verschwinden? Seit sie im Fileipwald aufgekreuzt sind. Von da an müssen sie auch noch das letzte in Zahlung geben, was ihnen geblieben ist: ihr Leben. Mit jedem großen Baum, den sie schlagen, muss einer von ihnen sein Leben geben. Am Anfang waren die Dorfbewohner den Holzfällern gegenüber noch sehr freundlich, doch schon bald wollten sie mit denen nichts mehr zu tun haben, so wie wir..."
Der Fischer war wirklich ein redseeliger Mann, denn er quatschte noch eine ganze Weile ohne unterlass auf Talonis ein. Er erzählte von Sünden, die gesühnt werden müssten, von merkwürdigen märchenhaften Wesen im Wald und allerlei sonstigem Unfug. Jedenfalls konnte es nach einer Weile sogar einen Priester der Unverhüllten ermüden. Irgendwann im laufe des Abends kam Nimrott an den Tisch und gab zu verstehen:
"Ich störe euch nur ungern, Bruder Talonis, aber wir alle hielten es für das Beste, wenn jeder von uns jeweils ein Zimmer im Gasthaus des Klingenden Kelches nimmt. So bleiben wir zusammen und können morgen in aller Frühe aufbrechen. Ich möchte nicht zu spät abreisen. Vergesst nicht, ihr steht in meiner Pflicht. Ihr habt euch verdingt und damit ein Soll zu leisten. Ich beharre darauf."
Nimrott wirkte ernst, obwohl ein Unverhüllter eigentlich sehr vertrauenswürdig war. Er befürchtete offenbar, dass der Priester seine missionarischen Pflichten über seinen Auftrag stellen mochte, gerade in der Gegenwart ungebildeter Landarbeiter. Der Gelehrte ergänzte noch, bevor er wieder ging:
"Fragt den Wirt nach den Zimmern. Ihr werdet nicht bezahlen brauchen, der gute Mann schuldet mir noch einen Gefallen... eine Nacht Verpflegung und Unterkunft ist das mindeste, was er bieten kann."
Nimrott wies seinen Begleiter Baratos und Mortan an ihm zu folgen. Luana war schon vorrausgegangen und hatte sich offenbar vom Wirt das Zimmer zeigen lassen. Jedenfalls ging die gesamte Gruppe zu einer vielleicht etwas späten Stunde zu Bett. Auch Tolnis folgte bald, denn offensichtlich war von den Landarbeitern nicht mehr viel zu erfahren und der Auftrag ging im Moment nunmal vor. Es war schon nach Mitternacht, da brach ein schreckliches Gewitter herein, das die beinahe schwüle Hitze des Tages verdrängte, bis nur noch eine kühle und milde Luft zurückblieb. Nimrott saß bei seinem Ordensverwandten Baratos an einem kleinen Holztisch und blickte durch ein kleines Fenster in der lehmigen Fachwerkbehausung in die finstere, aber klare Nacht hinaus. Im Innenraum gab es keine erhellenden Lichter, nur die Sterne und ein ungewöhnlicher großer, runder Vollmond tauchten die Stube in einen silbrigen schimmer. Baratos betrachtete ebenfalls die Nacht. Die beiden saßen dort, ohne ein Wort zu wechseln, bis Nimrott mit einem mal an seinen Gürten griff und sein Buch hervorholte. Dann schlug er den Metallverschluss mit einem kräftigen Hieb hauf, so dass sich das Buch wie von selbst vor ihm auftat. Die merkwürdigen Schriftzeichen leuchteten wie von selbst im Schein des Mondes und waren vom Gelehrten leicht zu lesen. Nach einigen weiteren Momenten der Ruhe meinte Nimrott zu seinem Begleiter:
"In Vollmondnächten sind die unsichtbaren Welten stark, wie du weißt. Der Regen hat die Luft rein gewaschen, man sollte klar sehen können. Aber irgendetwas stört meinen Fokus. Ich kann mich nicht konzentrieren. Da ist jemand oder etwas hier an diesem Ort, was nicht normal ist. Jedesmal wenn ich meinen Blick hinüberschweifen lasse, bemerke ich diese... Stimme. Normal ist es jedenfalls nicht. Ich kann es garnicht in Worte fassen. Auf der einen Seite möchte ich schnell von hier fort und auf der anderen Seite möchte ich wissen, was das ist."
Luana schlief nicht viel, doch heute war die Nacht dennoch überschattet von merkwürdigen Träumen. Schon die ganze Zeit gingen ihr die Bilder des Abends nicht aus dem Kopf. Nicht selten hatten sie Ungewöhnliches gesehen, wenn sie sich auf das konzentrierte, was in der Welt der Geister vor sich ging. Doch heute waren die Gefühle ungewöhnlich stark, die Nacht fast beängstigend ruhig, nichteinmal der Lärm des Wirtshauses war zu hören. Und immer wieder erwachte die junge Frau schreckhaft aus dem Schlaf. Dann, irgendwann inmitten der Nacht, glitt sie unwillentlich in einen tiefen Schlaf ab. Es lösten sich Stimmen aus der Stille und der Mond flüsterte ihr etwas zu. Sie bewegte sich nicht und hörte gleichzeitig immer wieder diese Stimmen. Anfangs konnte Luana sie nicht deuten, doch dann wurde ihr klar, dass es Hilferufe waren. Und sobald sie dies erkannt hatte, merkte sie wie schrecklich ein unbekanntes Wesen jammerte. Es waren Rufe der Angst und der Leidens, die zu ihr herüberdrangen. Luana kam es vor als müsste sie alle Leiden und jede Furcht des Wesens zehnfach erleben und doch konnte sie nicht erwachen. Aus dem Wehklagen zeichneten sich Worte ab, die sowas flehten wie:
"Hilf mir, Schwester. Bitte steh mir bei. Befreihe mich, bitte. Bitte lass mich nicht allein."
Dann mit einem mal wachte die junge Frau auf. Sie lag ganz ruhig da, traute sich kaum zu rühren und starrte den Mond an. Dieses Erlebnis ging so tief, dass sie sich fragte, ob das wirklich nur ein schlechter Traum gewesen sein konnte.
Noch ungewöhnlicher wurde diese Nacht, als auch noch Mortan von merkwürdigen Träum heimgesucht wurde. Nicht nur, dass Träume bei Zwergen selten waren, sie enthielten im Gegensatz zu denen von Menschen doch fast immer nur stupide Abfolgen und Wiederholungen der Ereignisse des Vortages. Mortan träumte nicht annähernd so schlecht wie Luana, doch verwunderlich war, dass er unbekannte Bilder sah. Für die meisten Zwerge deutete sowas auf Anzeichen von Wahnsinn oder wenigstens verschüttete Erinnerungen hin. Am frustrierensten für Mortan war am Ende jedenfalls, dass er sich beim plötzlichen Erwachen mitten in der Nacht nichteinmal mehr daran erinnern konnte, was er denn geträumt hatte. Er wusste nur noch, dass es absolut ungewöhnlich war.
Talonis dagegen schlief so tief und fest wie selten. Vielleicht war es eine merkwürdige Fügung des Schicksals oder Metorns wachendes Auge der Nacht, der Mond, welches Talonis vor unruhigen Träumen bewahrte. Aber wahrscheinlich bewahrheitete sich einfach nur ein altes Sprichwort der Menschen: Einem anstrengenden Tag folgt selten eine anstrengende Nacht.
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Mortan war am nächsten Morgen wieder wach. Was hatte er schlecht geschlafen! die halbe Nacht hatte er sich ständig unruhig im Bett gewälzt, mitten in der Nacht war er plötzlich aufgefahren, die vom grellen Blitz an die Wand geworfenen Schatten waren ihm unheimlicher wie jemals zuvor.
Jetzt stand er über einer Wasserschüssel, mit ein paar Spritzer des kühlen Nasses versuchte er, die restliche Müdigkeit aus seinem Körper zu vertreiben.
Danach schnürte er Decke, Mantel und Proviant zu einem transportablen Bündel, nahm seine restlichen Sachen in der Tasche und ging dann mit lauten Gähnen in den Schankraum. Nimrott, Luana und die anderen waren zu seiner Verwunderung schon anwesend. Er war es gewohnt, immer als erster auf den Beinen zu sein. Nimrott sah mindestens genauso unausgeschlafen aus wie Mortan, Baratos verkniff sich gerade ein Gähnen und Luana hatte müde ihren Kopf in beiden Händen vergraben. Der Wirt brachte einen Laib Brot, Käse und Schinkenwurst und einen Wasserkrug für die Gefährten an den Tisch.
"Guten Morgen! Hat euch das Gewitter heute nacht auch so unruhig schlafen lassen? Normalerweise habe ich selbst für Zwerge einen tiefen Schlaf, selbst wenn die Höhlendecke einstürzt, würde ich wahrscheinlich nicht aufwachen. Aber heute Naaaaccht hab ich kaum Schlaf gefunden."
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Es war weit vor Morgengrauen als die junge Frau erwachte. Sie hatte wahnsinnig schlecht geschlafen. Alpträume hatten sie gesucht und gefunden. Sie blickte in der Dunkelheit ihres Zimmers starr nach oben. Sie fühlte sich wie leer und doch nicht. Nach einer Weile setzte sie sich auf und schaute aus dem Fenster. Der Mond war noch klar am Himmel zu sehen. Der Morgen also noch fern.
Trotzdem erhob sich Luana, zog sich etwas über und verließ die Enge des Zimmers und des Hauses. Um diese Zeit war gewiss niemand unterwegs und würde ihr Fragen stellen.
So trat sie nach draussen in die kühle Nachtluft und ging ein wenig spazieren. Regen vergangener Stunden hing noch schwer in der Luft. Die Stadt war ruhig, mittlerweile hatte auch das Gasthaus geschlossen. In einiger Entfernung konnte sie zwei Wachen hören die sich über eine Frau unterhielten. Doch dies interessierte sie nicht weiter.
Luana dachte über ihren schrecklichen Alptraum nach. Woher war diese Stimme gekommen? Was waren das für Geister? Wer hatte sie gerufen? Luana hatte doch gar keine Schwester... Aber sie war zu einer Hälfte einem Volk zugehörig das sie nicht kannte. Hing das vielleicht damit zusammen?
Sie kehrte zurück auf ihr Zimmer und begann zu meditieren. Irgendwie hoffte sie die Stimme noch einmal zu hören und doch fürchtete sie sich so sehr davor.
Mit dem Sonnenaufgang erhob sie sich aus ihrer Meditation. Diese NAcht war nicht so erholsam gewesen wie sie gehofft hatte. Die Stimme und die Träume waren nicht zurückgekehrt.
Luana verliß ihr Zimmer und begab sich nach unten zum Frühstück. Dort traf sie auf einen etwas übernächtigt wirkenden Zwerg. Der hat wohl lange gefeiert gester, dachte sie bei sich.
"Guten Morgen Herr Mortan." grüße Luana höflich und setzte sich ohne eine Aufforderung abzuwarten neben ihn an den Tisch. Im Gegensatz zum vergangenen Tag trug die junge Frau diesmal kein Kleid, sondern statt dessen Hose und Stiefel.
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Talonis blickte zu Mortan: "Nein, ich habe heute Nacht nichts vom Gewitter mitbekommen."
Talonis schnitt sich noch ein Laib Brot ab und betrachtete dann wieder Mortan und die Restlichen. "Ich hoffe, ihr habt trotz des Gewitters gut geschlafen. Ich denke, es wird heute eine anstrengende Reise. Und wenn man Müde ist, kommt einem der Marsch doppelt so lange vor."
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"Und noch viel länger, wenn man hungrig ist!"
Mortan schnitt sich große Scheiben von der Wurst ab, ebenso von Brot. Den Rest schob er über den Tisch zu Luana.
"Hier esst. Wie ich sehe habt Ihr Euren Rock gegen Stiefel eingetauscht. Wie kommts, dass Ihr alleine durch die Welt streift? Auf meinem Weg vom Tiefenfelsen bis hierher seit Ihr die einzige Frau, die nicht einem Mann oder einem Gott Gehorsam zollte. Geschah Eurer Familie etwa ein Unglück?"
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Luana nahm sich ebenfalls von dem Brot und dem Käse. Wenigstens etwas ordentliches essen sollte sie, wenn sie schon so schlecht geschlafen hatte.
"Meine Familie lebt nicht mehr." sagte sie knapp auf die Frage Mortans hin. Auch wenn dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. "So hielt mich nichts mehr in dem Dorf in dem ich aufwuchs." Dann hob sie ihren Kopf und schaute Mortan direkt in die Augen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht "Und den richtigen Mann habe ich noch nicht gefunden. Und was führt euch hier her?"
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Nimrott rieb sich die müden Augen. Und doch hörte er aufmerksam zu, was die beiden zu bereden hatten. Es war vielleicht besser auf diese Weise etwas über sie zu erfahren, anstatt sie auszufragen. Immerhin würden sie den Gelehrten auf diese Weise nicht für all zu neugierig halten, was er allerdings tatsächlich war.
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"Mich?"
Mortan legte die Stirn in Falten und versuchte, mit einem vorgetäuschten, langen Gähnen seine Unsicherheit zu überdecken.
"Ich bin nach Frohnhom gekommen, ...*gäääääähn* ... weil ich gehört hatte, dass der Fürst Steinmetze für seine Burgmauern sucht. Warum ich jetzt hier sitzte, könnt Ihr Euch ja denken."
Mortan wollte sich den Gespräch entziehen, daher wandte er sich abrupt an Nimmrott: "Wann wollen wir los? Die Wege werden sicher verschlammt sein nach dem Wolkenbruch heute Nacht."
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Luana musterte Mortan, das war nicht die Wahrheit. Wer weiß dachte sie bei sich und wande sich ebenfalls an Nimrott. Auch sie wollte gern wissen wann er gedachte aufzubrechen. Besonders ausgeschlafen schien er ja nicht. Kurz überlegte sie ob er vielleicht auch so einen seltsamen Traum gehabt haben mag? Doch sie wischte den Gedanken schnell wieder fort.
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Nimrott dachte einen kurzen Moment nach und meinte schließlich:
"Ich sehe keinen Grund noch länger zu warten. Wir sind alle vollzählig. Einzig der Umstand, dass ich Gasper seit gestern nicht mehr gesehen habe stört mich ein wenig. Er hat mir versprochen heute morgen hier zu sein und mir zu sagen..."
Der Gelehrte zögerte ein wenig und flüsterte dann:
"ob es unten an den Toren zum Pass Schichtwechsel gegeben hat. Es gibt da ein paar Wachhabende, die von uns keinen Wegzolle einfordern würden."
Es hatte ganz den Anschein, dass Nimrott vor hatte, den Wegzoll auf nicht ganz rechtmäßige Weise zu umgehen. Wie er die Wächter dazu gebracht hatte den Zoll zu erlassen, behielt er aber für sich. Der Gelehrte erhob sich und wies seine Begleiter an ihre Habseeligkeiten zu holen und ihm zu folgen. Offenbar ging es jetzt tatsächlich los.
Vor dem Klingenden Kelch bot sich den Reisenden allerdings ein merkwürdiges Bild. Es lag nicht etwa am Wetter, wie man nach dem gestrigen Gewitter hätte denken können, denn die Sonne schien heiter aus einem strahlend blauen Himmel und eine leichte Brise trug den teils üblen Gestank des Burgdorfes fort. Normalerweise tummelten sich Scharen von Bürgern und Gesindel vor dem Klingenden Kelch und den angrenzenden Marktständen. Doch der Platz war leer, wo doch noch vor kurzer Zeit der Lärm der Straße bis in die Taverne vorgedrungen war. Ein paar Schwalben kreisten über den verdreckten Pflastersteinen, das war aber auch schon alles. Nimrott legte seine Stirin in Falten und streckte den Kopf, als ob er dadurch hätte mehr sehen können. Er ging ein paar Schritte über den Platz und fragte sich, was geschehen war.
Luana hatte bessere Sinne als all die anderen. Sie hörte Stimmen von Menschen, doch sie waren nicht auf dieser Seite der Festung. Sie befanden sich auf dem gegenüberliegenden Teil, dort wo der Fürst seine Residenz hatte. Sie wies ihre Begleiter an ihr zu folgen, was die Anwesenden auch taten, obwohl sie nicht wussten, worum es ging. Kaum war die Gruppe an den massiven Häusern und der hohen Mauer, welche sich mitten durch Frohnholm zog, vorbeigegangen, vernahmen auch die übrigen den Lärm einer Menschenmasse. Wirklich alle Einheimischen hatten sich vor dem steil emporragenden Bollwerk versammelt, in dem der Fürst seine Gemächer hatte. Rechts und links vom kleinen Podest hoch oben hingen an Haken zwei Käfige, welche bemitleidenswert entkräftete Gefangene festhielten. Nimrott war jetzt nicht der einzige, der zu all den Menschen aufschloss. Auch seine Begleiter waren über alle Maßen neugierig, was hier vor ging. Überall klumpten die Männer, Frauen und Kinder geradezu zusammen. Die jüngeren saßen auf den Schultern ihrer Väter, die Älteren blickten in Massen aus den anliegenden Fachwerkhäusern. Einige agile waren auf Fuhrwerke oder Fässer geklettert, um besser sehen zu können. Alle starrten sie gebannt auf den Podest, als ob es dort mehr zu sehen gäbe als eine große, schäbige Eichentür und jede Menge schroffe Steine. Offenbar wussten die meisten garnicht, auf was sie hier warteten, denn die meisten blickten ebenso fragend wie Nimrott oder seine Begleiter. Der Gelehrte blickte angestrengt und formte seine Lippen zu Worten, doch es kam nicht mehr heraus als ein unsicheres 'was'. Aber es hörte ihn sowieso niemand, weil die ganze Menschenmasse einfach zu viel Lärm machte. Doch dann, wie auf ein geheimes Stichwort hin, öffnete sich die Eichentür hoch oben und der Fürst trat hervor und zeigte sich seinen Untertanen. Fürst Gernot war ein grobschlächtiger Mann, der sich offenbar gerne zeigte, denn mit stolzgeschwellter Brust ob er die starke Arme in die Höhe und ließ sich bejubeln. Sein Gesicht zierte eine lange Narbe, welche bewies, dass er viele Schlachten geschlagen hatte und sich für keinen Kampf je zu Schade gewesen war. Daher trug er vielleicht auch ganz in der Tradition der Haberländer trotz der Hitze einen schimmernden Pelzumhang und einen fast silbrig glänzenden, verzierten Harnisch. Da Fürsten keine Krone tragen durften, sah man auch seine Halbglatze und die kurzgeschorenen, grauen Haare unverhüllt.
Nimrott blickte sich um, er jubelte nicht. Ganz im Gegenteil wurde er langsam unleidlich, denn er wusste überhauptnicht, worum es hier ging. Er fragte sich, warum die Menschen dem Fürsten zujubelten. Wahrscheinlich wollte keiner einen falschen Eindruck hinterlassen. Nach dem Motto: Wer seinem Herrn zujubelt, kann nicht versehentlich etwas flasches sagen. Doch dann hob Fürst Gernot beschwichtigend die Hände und der Lärm verstummte, als hätten die Bürger Forhnholms nur darauf gewartet. Neugierig und erwartungsvoll blickten diese zum Fürsten hoch. Gernot sprach mit seiner wohlklingenden, tiefen Stimme:
"Bürger Haberlands, Rießtals und Frohnholms, der Sieg wird unser sein."
Die Menschen schwiegen, anstatt zu jubeln. Sie tuschelten ein wenig miteinander, denn sie wussten nicht welcher Sieg über wen gemeint war. Der Fürst sprach weiter:
"Der Feind hat sich lange Zeit vor uns versteckt und unsere Männer aus dem Hinterhalt angegriffen. Sie gingen ihrem friedlichen Tagewerk nach, haben sich nichts zu schulden kommen lassen. Alles was sie wollten, war ein Auskommen zu haben, indem sie im Fileipwald wirtschafteten. Niemals zuvor sind Fremde uns derartig hinterhältig und ohne Vorwarnung in den Rücken gefallen. Ich kann die Holzfäller, welche von den verhassten Waldbewohnern auf brutalste Weise ermordet wurden, nicht mehr zählen, so viele sind es mittlerweile. Doch die Zeiten sind vorbei, in denen wir nur noch zuschauen, wie unser Volk, ja vielleicht sogar alle Menschen von den bösartigen Fremden gequält und getötet werden. Wir schlagen zurück und begonnen haben wir mit einem ersten Gefangenen. Eine Frau. Aber urteilt nicht nach ihrem Aussehen, sondern nach dem, was sie getan hat. Allein hat diese Widerwärtigkeit der Natur und Fluch der Götter zehn unserer Brüder geschlachtet. Nur mit dem Mut der Verzweiflung konnte sie überwältigt werden. Und nun ist sie hier, in unserer Gewalt. Und es ist ein Platz für sie vorgesehen, der sie für das büßen lässt, was sie und ihr verdorbenes Volk uns angetan hat und noch antun wollte."
Von zwei schwer gerüsteten Wächtern wurde eine unscheinbare Gestalt aus dem Schatten gestoßen. Die Menge jubelte auf und verstummte bald, als sie eine junge, zerbrechlich anmutende Frau oben stehen sahen. Der Kopf war nach unten geneigt, keine Kraft schien in ihren Gliedmaßen zu sein. Die Anwesenden wusste nicht so recht, was sie zu dem Anblick des blondhaarigen Mädchens sagen sollte. Sie sah nicht ganz so aus, wie sie sich ein Monster vorgestellt hatten. Der Fürst nickte einem seiner Wächter zu und dieser zog der jungen Frau die langen Haare zurück. Die Männer und Frauen, welche ganz vorne standen redeten plötzlich durcheinander. Einer rief laut aus, was sie dachten:
"Sie ist eine Elfenfrau. Seht ihre Ohren. Der Fluch des Waldes."
Die beiden gerüsteten Männer legten zwei Holzbretter auf einen Haken rechts vom Podest, so dass sie darüber bis zu einem der Haken in der Wand gehen konnten. Ein Käfig wurde durch die Tür getragen und die Elfenfrau, die sich garnicht wehrte, hinein gesperrt. Die beiden Wächter trugen die Frau wie in einem Vogelkäfig bis zu einem der Haken und hängten sie in luftiger Höhe auf, so dass sie bald neben all den anderen bedauernswerten Gestalten ihr dasein fristen musste. Die Bretter wurden wieder eingezogen und die Menge verfliel in ein so wildes Jubeln, wie man es schon lange nicht mehr gehört hatte.
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Auch Luana schaute erwartungsvoll nach oben, als der Fürst hervortrat. Sie hörte seine Worte und einseltsames Gefühl überkam sie. Noch bevor sie sah was er meinte, wußte sie was die Männer des Fürsten gefangen hatten. Unwillkürlich zog sie ihre Mütze weiter über ihre Ohren. Sie konnte die Elfe in dem Käfig nicht ansehen. Luana fühlte sich elend beim Anblick der blonden Elfenfrau. Und nun wußte sie auch wer sie letzte Nacht in ihrem Traum gerufen hatte... Sie! Sie war es gewesen.
Luana wandte sich ab, entfernte sich ein paar Schritte von der grölenden Menge und zog sich um eine Häuserecke zurück. Irgendwie fühlte sie sich elend. Sie überlegte was sie tun konnte. Was die Elfe getan haben mochte. Hatte sie wirklich Leute umgebracht? Wenn ja, warum hatte sie es getan? Sie wirkte nicht als wenn sie es bereuen würde. Luana Gedanken überschlugen sich. Sie wußte zu wenig von dem Volk der Elfen. Zu wenig von einem Volk dem sie selbst ja auch irgendwie angehörte.
Mit geschlossenen Augen lehnte sie an der Wand des Hauses, während ihre Gedanken rasten.
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Das war die erste Hinrichtung unter Menschen, die Mortan sah.
Da steht der mächtige Fürst, lässt ein junges Mädchen aufhängen und redet dabei noch von Kampf und Sieg? Wie soll ausserdem ein Mädchen zehn gestandene Hölzfäller auf einmal umbringen?
Aus dem Verhalten einiger Menschen wurde der Zwerg einfach nicht schlau. Aus dem Tiefenfels war er gewohnt, dass Gefangene mit Gold aufgewogen wurden, andere Verbrechen ebenso, Blut konnte zwar auch mit Blut vergolten werden, das geschah dann aber immer kämpfend. An den letzten Klippensturz konnte sich nur noch der uralte Gromkorn erinnern, damals wurde ein Wahnsinniger nach langem hin und her "über die Kante gehoben".
Er wandte sich an Nimrott.
"Meister Silvyir, gedenkt ihr immernoch die Reise zu unternehmen? Unterwegs ist es jetzt bestimmt nicht sicherer geworden. Die Schergen des Fürsten scheinen nicht zimperlich zu sein, wenn sie auf ungewöhnliche Gestalten treffen."
Wie ein Blitz durchzuckte es Mortan, als er sich selbst seiner ungewöhnlichen Erscheinung bewusst wurde. Hastig zog der Nimrott an der Schulter nach unten, um zu flüstern:
"Vergesst, was ich gesagt habe. Wir sollten so schnell wie möglich hier fort! Wenn die Leute hier schon Geister in einem jungen Ding sehen, was halten die dann erst von mir?"
Mortan spürte leichte Panik in ihm aufsteigen.
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Talonis schaute sorgenvoll auf das Mädchen im Käfig. Wie lange würde sie das wohl noch durchhalten, bevor sie völlig entkräftet sterben würde?
Auch er konnte sich erst schwer vorstellen, wie ein einzelnes Mädchen 10 kräftige Holzfäller getötet haben konnte.
Nach einigem überlegen kam er aber darauf, dass Elfen sehr gut mit dem Bogen und im Fallen stellen sind.
Außerdem musste das Mädchen ja nicht alleine gehandelt haben, sondern könnte sich mit anderen Elfen verbündet haben. Und im Wald kennen sich die Elfen nunmal besser aus als die Menschen. Je mehr er darüber nachdachte, desto plausibler erschien ihm das Urteil des Fürsten.
Aber irgendetwas war im Blick dieser Frau, dass ihm dann wieder zweifeln ließ. Vielleicht war sie ja doch unschuldig und der Fürst brauchte einen Sündenbock. - Und was, wenn der Fürst doch recht hatte und den wahren Schuldigen gefunden hatte?
Talonis war zwischen seinen Gefühlen hin und her gerissen und wusste nicht so recht, was er glauben sollte.
"Ach, wenn nur ein Verhüllter hier wäre. Der könnte bestimmt die Wahrheit herausfinden und feststellen, ob sie wirklich schuldig ist.", murmelte er leise.
Er seufzte kurz und schaute wieder zu der Elfe: Sie wirkte so apathisch. Überhaupt nicht so, wie er sich eine Elfe vorgestellt hatte.
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Nimrott schüttelte ungläubig den Kopf:
"Ihre Brüder und Schwestern werden nicht untätig zusehen, während sie hier gefangen gehalten wird. Warum haben die Schergen des Fürsten die Elfe nicht getötet?"
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"Nun, vielleicht erhofft der Fürst, dass die anderen Elfen versuchen, ihre Gefährtin zu befreien. Und er lockt sie so in eine Falle."
Talonis schaute sich den Käfig etwas genauer an. Er sah wie ein gewöhnlicher Käfig aus. Aber selbst für einen Elfen dürfte es schwer sein, in die Festung einzudringen. - Und wenn der Fürst sie erwartete, war es ihr Tod.
"Wir sollten aufbrechen, bevor es hier zu einem blutigen Kampf kommt!", sagte Talonis zu Nimrott "Wenn wir unterwegs ein paar Elfen treffen, können wir sie vielleicht davon abhalten, Vergeltung zu üben. Und unter Umständen finden wir im Wald auch irgendetwas, was ihre Schuld bestätigt, oder ihre Unschuld beweist."
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Luana hörte die anderen über die Schuld oder Unschuld der Elfin reden. Einige Zeit hörte sie ihnen einfhach zu. Sie überlegte ob sie sie um Rat fragen sollte, dann jedoch hörte sie was Nimrott, der Gelehrte sagte. Nein, sie würde sie nicht fragen. Obwohl, das was Talonis sagte auch einleuchtete, oder nicht? Was wußten sie schon über die Elfen?
"Was können wir tun um zu erfahren was wirklich geschehen ist?" murmelte Luana leise vor sich hin.
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"Bruder Talonis hat recht. Hier in der Stadt werden wir nicht viel ausrichten können und erfahren werden wir auch nichts. Ausserdem werden uns die Holzfäller und die Fischer wohl eher berichten können, was wirklich vorgefallen ist."
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Nimrott blickte ernst und ungehalten in die Runde. Er sagte zu seinen Begleitern:
"Nein, hier bleiben wir besser nicht. Der Fürst ist ein Idiot, das steht außer Frage. Das arme Ding wird im Käfig verhungern, falls die Waldelfen die Festung nicht erstürmen. Mir solls recht sein. Wenn sich die Elfe in die Nähe der Menschen wagt sollte sie sich nicht darüber wundern, was passiert ist.
Eine Kleinigkeit stört mich aber doch: Wir als Menschen aus Frohnholm werden keinen guten Stand haben, wenn wir in den Süden aufbrechen. Ich hatte eigentlich vor die Pfade durch den Wald einzuschlagen, aber das scheint mir jetzt einfach viel zu gewagt. Lasst uns am Waldrand entlang die Ortschaften der Menschen aufsuchen und sehen, wie es dann weitergeht."
Nimrott verriet immer noch nicht, was er eignentlich vor hatte. Eine Reise in den Süden konnte vieles bedeuten. Bestenfalls sagenhafte Reichtümer, schlimmstenfalls den Tod. Der Gelehrte und sein enger Vertrauter Baratos gingen voran. Die anderen waren von den durcheinanderrufenden und johlenden Massen noch immer ein wenig irritiert. Als die Übrigen noch immer nich folgten, rief Nimrott:
"Kommt schon, es geht los!"
Sofort schlossen die Anderen auf und folgten den Gelehrten bis zum großen Haupttor. Die Festung schien hier wie leer gefegt. Nur zwei Wächter bewachten den Hauptzugang zur Burg. Einer der Männer am Tor redete gerade auf seinen Kameraden ein und schien sich von den Wandernden garnicht stören zu lassen. Die Reisenden hörten beim Vorbeigehen folgende Worte:
"Hat sich der Berater des Fürsten doch tatsächlich eine Elfenfrau bringen lassen, wenn es denn eine echte ist. Vielleicht haben die ein Kind genommen und ihm die Ohren angespitzt, wer weiß. Merkwürdig, der Berater ist doch sonst nur an großen, fetten Männern interessiert."
Die Wächter lachten und einer grüßte Nimrott. Offenbar war der Gelehrte bei den Stadtwachen nicht ganz unbekannt und wurde daher ohne Anstalten durch das Tor gelassen. Einige von seinen Begleitern waren schon neugierig, worüber die Wächter eigentlich genau redeten, aber Nimrott gab das Tempo vor. Offenbar wollte er jetzt nicht mehr zögern.
Nachdem die Reisenden die hohen Mauern der Festung hinter sich gelassen hatten, befanden sie sich auf dem kahlen und sich in die tiefe schlängelnden Pfad, der vom Felsen herabführte. Die Sommersonne schien hier so unerblittlich auf die Köpfe der Wandernden, dass selbst dem widerstandsfähigen Zwerg Schweißperlen auf der Stirn standen, als sie schließlich unten angekommen waren. Auch hier gab es eine ganze Weile keine schattenspendenden Bäume. Nur ein paar Büsche reihten sich an den Wegesrand und litten offenbar ebenfalls unter der stehenden Hitze des Tages. An dieser Stelle konnten sich die wenigsten unter den Reisenden vorstellen, dass die Winter in diesen Landen bitterkalt werden konnten. Erst als die Gemeinschaft schon eine ganze Weile am Fuß des Felsens entlang gewandert war, kamen die Stände der Händer, welche nicht das Geld aufbringen konnten, um für einen Platz im Burgdorf zu bezahlen. Es reichte ein Blick aus, um zu erkennen, dass vielen der Handel in Frohnholm verboten worden war, weil sie offenbar nicht immer die ehrlichsten Verkäufer waren. Beim Vorbeigehen sah man den ein oder anderen Händler, der Rauschkräuter oder übelriechendes Fleisch verkaufte. Wahrscheinlich taten sie das auch nur solange, wie keine Gardisten unterwegs waren. Da bot sich die schwüle Mittagszeit offenbar gerade an. Bald tat sich zur Rechten der Wandernden ein weiterer massiver Felsen auf, so dass sie durch eine steile Schlucht wanderten. Hier war die Luft geradezu kühl und einige Gardisten hielten sich in den Schatten auf, saßen in Felsnieschen oder brieten sich etwas am Lagerfeuer. Das Ende der Schlucht war zugemauert worden. Allerdings gab es ein großes Tor, welches aus einem schwarzen Metallgitter bestand und im hindurchpfeifenden Wind klapperte. Die Wandernden erblickten hier ein bekanntes Gesicht. Gasper, der Paladin, kam auf Nimrott zu, sobald er ihn erblickt hatte. Er schien äußerst schlecht gelaunt und blaffte den Gelehrten geradezu an:
"Ihr seid hoffentlich klüger als ich es in eurer Lage wäre."
Nimrott machte ein fragendes Gesicht. Gasper wurde etwas leiser und sprach ruhiger:
"Ihr habt doch nicht mit dem Gedanken gespielt die Elfe aus ihrem Gefängnis zu befreien, oder?"
Der Gelehrt lächte mit einem Mundwinkel und erwiederte:
"Haltet ihr mich für einen Narren? Ich bin nicht auf der Suche nach irgendeiner Elfe. Die kann da oben von mir aus verrotten."
Gasper blickte finster:
"Ich hätte es getan, glaubt mir. Ich hätte sie befreit, wenn es nicht einer unsagbaren Dummheit gleich käme. Fürst Gernot ist zu weit gegangen. Er stellt sich gegen den direkten Befehl des Königs. Er stellt sich gegen meine Anordnungen und er untergräbt die Autorität der Kirche. Darüber hinaus gefällt mir sein Berater nicht, dieser Vandorin. Ich weiß nicht, was er mit der Elfe angestellt hat. Man muss ihr nur in die Augen sehen, dann erkennt man wie sie gefoltert wurde. Ich habe gehofft euch hier zu treffen, da ich euch in Frohnholm nicht finden konnte. Warum ich euch treffen muss... Nun, ich war nahe dran nach Norden zu reiten, um meine Ordensbrüder zu benachrichtigen, aber schließlich habe ich einen Boten beauftragt. Das muss reichen. Ich werde euch begleiten, Nimrott, ob ihr es wollt oder nicht. Ich muss die Elfen finden, um das Schlimmste zu verhindern."
Gasper betrachtete noch einmal die Gruppe, welche Nimrott begleitete und seufzte leise. Dann sagte er zu den Übrigen Reisenden:
"Ihr müsst kein Wegezoll entlohnen, diese Gardisten dienen immerhin dem König und nicht dem Fürsten. Sie werden tun, was ich sage. Gernot wird ohnehin nicht mehr lange das Sagen haben, verlasst euch drauf. Und wenn ihr noch Fragen habt, dann stellt sie jetzt. Wer weiß, wie es hier aussieht, wenn wir das nächte mal hier her kommen."
Die Reisenden blickten sich um. Offenbar kam gerade eine Gruppe von Holzfällern vorbei. Merkwürdig war auch, dass dieses Tor viel zu klein war, um größere Mengen geschlagenes Holz hindurchzuschaffen.
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"Wieso habt ihr uns am Marktplatz so aprupt verlassen?", fragte Talonis Gasper "Was ist dort vorgefallen?"
Während er auf Gaspers Antwort wartete, beobachtete er die Holzfäller. Seine Gedanken schweiften ab: Wieso bloß verschwanden sie im Wald? Und was hatte es mit dem Wald auf sich?
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Luana schaute den Paladin an. Was war denn jetzt los? Erst so, dann doch nicht? Was ging hier vor?
Sie beobachtet die Holzfäller anfangs mit geringem interesse, doch dann fiel ihr auf das das Tor für größere Mengn Holz zu kelin war. Sie schaute sich noch einmal die Männer an, die im Wald verschwanden. Die Antwort würden sie zweifelsohne im Wald finden, wenn sie den Männern folgen würden. Sie würde den Männern gerne folgen. Kurz überlegte sie ob sie dies einfach tun sollte. Doch sie blieb stehen und wartete den weiteren Verlauf des Gesprächs ab.
"Was gedenkt ihr denn zu unternehmen wenn ihr die Elfen gefunden habt? Und meint ihr wirklich das dies dem armen Geschöpf dort oben hilft?" Luana sprach mit ernster Miene zu dem Paladin, nickte mit einer kurzen Bewegung in Richtung der Burg.
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Mortan hörte aufmerksam dem Paladin zu.
"Ist es wirklich wahr, das diese Elfe mehrere Holzfäller ermordet haben soll? Ich kann mir das nicht so recht vorstellen."
(Ich bin übers Wochenende unterwegs ohne Internetzugang, daher gibts bis Montag nix von mir)
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Gasper hob beschwichtigend die Hände:
"Als ich meinte ihr solltet Fragen stellen, meinte ich nicht alle auf einmal. Also Schritt für Schritt. Bruder Talonis, lasst mich erst eure Fragen beantworten. Eigentlich steht es mir nicht zu darüber zu reden, aber ihr seid immerhin ein Unverhüllter und von daher werde ich euch die Wahrheit nicht verschweigen. Die Bewohner des Fischerdorfes sind nicht so harmlos wie es den Anschein hat. Als die Alte uns am Marktstand belogen hatte, wurde mir alles so klar als hätte Metorns allsehendes Auge meinen Geist erhellt."
Der Paladin blickte sich flüchtig um und sprach etwas leiser, damit sonst niemand mithören konnte:
"Sie haben im letzten Jahr einen großen Frevel begangen. Sie sind einen Pakt mit den Waldbewohnern eingegangen, da bin ich mir jetzt sicher. Den Winter hätten so viele von ihnen in dieser abgelegenen Ortschaft niemals überleben können. Anstatt sich Metorn anzuvertrauen, ließen sie sich lieber von den Waldbewohnern helfen. Ich kann sowas nicht gutheißen. Aber, wie ich in Erfahrung brachte, sind sie an der Ermordung der Holzfäller nicht ganz unbeteiligt gewesen. Um mehr zu erfahren müssen wir aber dorthin. Das ist die einzige Möglichkeit."
Gasper wandte sich zu Luana:
"Mein liebes Kind, wir können nicht darauf hoffen, dass dieses Wesen in dem Käfig jemals wieder lebendig herauskommt. Ich bin nicht den Elfen verpflichtet, sondern den Menschen. Es ist ihre eigener Fehler, dass sie nun in einem Käfig sitzt. Sie hätte vertrauen in die Gerechtigkeit haben sollen. Die Elfen hätten ihren Wald nicht verteidigen müssen, der König hätte früher oder später Gericht über den Fürsten gesprochen. Nun geht es eben etwas schneller."
Und zu Mortan sagte er abschließend:
"Dieses Mädchen ist eine Elfe, das steht außer Frage. Und Elfen sind Geschöpfe von unergründlicher Tiefe und großer Macht. Sie unterliegen nicht so stark wie wir den Zwängen dieser Welt. Ich kann euch nur so viel sagen, dass Leyle, die oberste Herrin unter Metorn die Elfen dereinst in ihr Herz geschlossen hatte, weil sie schön und mächtig waren. Doch Leyle, die Metorn so nahe gestanden hatte wie eine Tochter, verfiel dem Neid ob der Schönheit jener Wesen und übte furchtbare Rache. Deshalb wurde sie von Metorn verbannt, so dass sie alle Macht und allen Einfluss verlor. So mächtig sind die Elfen, dass sie sogar göttliche Wesen stürzen können. Mitleid für sie zu empfinden ist gefährlich. Metorn hat erkannt, dass die Elfen seinen Segen nicht benötigten und seine Gaben niemals empfangen könnten. Er erkannte auch, dass sie Neid und Missgunst sähen würden, wenn sie das beherrschende Volk auf dem Weltenkreis wären. Die Menschen sind Metorns Wahl, weil sie schwach geboren werden und als einzige sein unermessliches Geschenk zu schätzen wissen."
Gasper sah sich noch einmal um und wollte seine Begleiter anweisen zu folgen, doch stockte er in der Bewegung und fragte:
"Seid ihr bewaffnet? Sobald wir diesen Ort verlassen, wandern wir durch die Wildnis. Wir haben dann die Gefahren vor uns und wenn wir Pech haben, sogar hinter unserem Rücken."
Gasper blickte sorgenvoll in Richtung Burg.
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Talonis pochte mit seinem Wanderstab auf den Boden.
"Nun, er ist eigentlich zum Wandern gedacht. Aber wenn es hart auf hart kommt, weiß ich ihn auch anders zu gebrauchen."
Talonis wandte sich plötzlich von seinen Gefährten ab. Er starrte auf etwas, was er am Waldrand entdeckt hatte.
"Sehr interessant", murmelte er. Dann ging er zu einem Stein, auf dem Moos wuchs, und packte den Stein mitsamt dem Moosgeflecht in seine Tasche. "So eine Moos-Art habe ich bisher noch nie gesehen."
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Nimrott verfolgte Talonis mit den Augen, ohne seinen Kopf dabei zu bewegen. Er erklärte ihm:
"Ihr werdet noch sehr viele unbekannte Dinge sehen. Das hoffe ich zumindest. Unsere Reise führt uns in ein Land, das bisher von keinem der großen Gelehrten erkundet wurde. Nun möchte ich mich nicht als einen großen Gelehrten bezeichnen, doch werde ich niederschreiben, was wir finden. Die Elfen sind die, welche ich suche. Doch anscheinend werden sie ein größeres Problem sein als ich dachte."
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Sie wollen die Elfen suchen, dachte Luana. Sie schlucke. Hoffentlich werde ich nicht bereuen mich dieser Gruppe angeschlossen zu haben. Die Elfen...
Luana schaute in Richtung des Waldes. Der Paladin hat Recht, dem Wesen in dem Käfig ist nicht zu helfen, aber vielleicht können wir schlimmeres verhindern.
Die junge Frau deutete auf ihren Bogen, als Gasper sie wegen Bewaffnung fragte.
"Der ist nicht nur zur Zierde da." sagte sie knapp.
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"Wollt ihr irgendetwas bestimmtes über den Wald herausfinden?", fragte Talonis "Oder wie glaubt ihr, können euch die Elfen helfen?"
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"Man könnte auch anders herum fragen. Falls die Elfen wirklich so mächtig sind, wie Gasper sagt, warum sollten sie uns helfen wollen?"
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Über Gaspers Lippen kam ein flüchtiges Lächeln:
"Sie werden uns in ihrem Interesse helfen müssen. Die Elfen sind schaffende Wesen, wie wir alle. Und als solche schöpfen sie die größte Macht aus der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft der Menschen ist seit den letzten großen Kriegen dank Metorns Beistand gesundet. Die der Elfen ist seit Leyles Fall krank und weit davon entfernt sich zu erholen. Noch beherrschen die Elfen die fernen und unbekannten Lande, doch sie zehren von den Kräften aus alten Tagen. Irgendwann werden sie eingesehen haben, dass sie nicht als die herrschenden Wesen von Metorn gewählt wurden. Außerdem unterschätzen sie die Macht des Fürsten. Er wird gerne von Fremden falsch eingeschätzt."
Der Paladin schenkte Nimrott einen flüchtigen Blick. Dieser schüttelte leicht den Kopf und sprach dagegen:
"Eure Geschichten über die Elfen langweilen mich, Gasper. Die Elfen sind kein kränkelndes Volk, ganz im Gegenteil. Und ich werde es beweisen. Sie beherrschen den Weltenkreis und werden es auch weiterhin tun. Welche Rolle Metorn den Menschen auch immer zugedacht hat, sie liegt innerhalb der Grenzen ihres Landes. Jeder Schritt darüber hinaus wird nicht den Segen eurer Gottheit erhalten."
In Gaspers Augen loderte kurz der Zorn auf. Er zischte:
"Haltet eure Zunge im Zaum, Zauberer. Ihr dürft gerne meine Worte in Frage stellen, doch entehrt nicht den Namen unseres Gottes."
Nimrott seufzte und schwieg, ohne sich zu entschuldigen. Die Gemeinschaft hatte das erste mal gehört, dass Nimrott ein Zauberer genannt wurde. Talonis hatte es ja schon geahnt, doch wurde er nun ein kleines Stück misstrauischer, aber auch neugieriger. Denn was wusste man schon über Zauberer? Mortan wusste, dass die Menschen manchmal Gelehrte als Zauberer bezeichneten. Sie redeten gerne über ihre außergewöhnliche Macht, wobei doch die meisten Erzählungen bloße Märchen waren. Aber da war sich der Zwerg plötzlich garnicht mehr so sicher. Luana dagegen erschrak innerlich. Ihr alter Meister hatte sie vor den Zauberern gewarnt. Sie seien selbstgerecht, zerstörerisch und skrupelos. Jetzt, wo sie darüber nachdachte wurde ihr auf einmal alles klar. All die Zeit, die sie dem alten Mann gegenüber gestanden hatte, stand es in sein Gesicht geschrieben, doch erst jetzt wurde es ihr offenbar.
Nimrott blickte streng:
"Was glotzt ihr mich so an? Noch nie einen alten Mann gesehen?"
Offenbar mochte es der Zauberer garnicht seine wahre Natur enthüllt zu wissen. Ohne weitere Worte stapfte er voran. Sein enger Vertrauter, vielleicht auch ein Zauberer, folgte. Gasper ging hinterher und seine Blicke schienen sagen zu wollen: ich behalte dich im Auge, alter Mann. Die gesamte Gemeinschaft zögerte nicht lange, sondern folgte ebenfalls.
Zu ihrer Rechten erhob sich der sommerliche Wald. Die Äste, welche in sattem Grün an den Baumriesen hingen wogten im sanften Wind hin und her. Zu ihrer linken lagen natürliche Wiesen, die sich allerdings bald in einer Unzahl bauchiger Hügel verloren. Der Pfad selbst war gut beschattet und leicht zu begehen. Das festgetretene Erdreich wies keine Wagenspuren auf. Offenbar trugen die Dorfbewohner ihren Fang bis zur Burg. Wenn man an die alte Frau dachte und die Menge an Fisch, welche sie feil bot, konnte man sich leicht vorstellen welche Last sie jedesmal zu schleppen hatte. Der Pfad schlängelte sich bald an einigen Hügeln vorbei und schien den Waldrand gleichsam immer weiter nach rechts zu verschieben. Irgendwann aber leitete sie der Weg vom Waldrand fort, führte durch eine Reihe von sich auftürmenden Felsen und bahnte sich schließlich sogar durch eine kleine Schlucht. Nach einigen Stunden, in denen den Wandernden die Hitze schon die ein oder andere Schweißperle auf die Stirn getrieben hatte, erreichen sie hinter einer Reihe von weiteren Hügeln einen breiten Fluss, dessen Wasserstand recht niedrig war. Das erfrischend kühl wirkende Wasser floss nur langsam und hätte allem anschein nach zu Fuß durchwandert werden können. Doch ganz offenbar war das nicht notwendig, da eine einfache, aber gut gebaute Holzbrücke das Gewässer überspannte. Die ganze Zeit waren den Reisenden keine Holzfäller entgegen gekommen. Ebenso hatte sie keiner dieser Männer überholt. Statt dessen standen hier einige von ihnen, man erkannte sie an den braunen Jutewesten, und stocherten mit Haken im Wasser herum. Die Gruppe betrat die Brücke, um besser sehen zu können. Die Männer lösten immer wieder grob behauene Holzstämme, welche sich an einer engeren Stelle im Bett und den Brückenpfeilern verkeilt hatten. Solbald die Stämme von den im nassen Schweiß stehenden Männern losgestochert worden waren, schwammen sie langsam weiter Flussabwärts. Die meisten von ihnen hatten wegen der gleißenden Sonne ihren Oberkörper entblößt und ihre Westen beiseite gelegt. Hinter den hart Arbeitenden tat sich der Fileipwald auf. Von hier sah er viel fremdartiger und bedrohlicher aus als in nächster Nähe. Von der Brücke aus konnte man sogar das Fischerdorf sehen, welches weiter Flussabwärts lag und dessen Holzhütten sich gut gegen die flachen Flussauen abzeichneten.
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Während sie der Gruppe folgte und ihr Blick dabei durch den Wald schweifte, dachte Luana über den alten Mann nach. Ein Zauberer also, der alte Druide hatte ihr die verschiedensten Sachen über solche Zauberer erzählt. Doch nicht eine davon war gut.
In Gedanken verfolgte sie mit Blicken die Arbeit der Hozfäller. Ein gute Art Holz zu transportieren, dachte sie. Doch dann fiel ihr etwas ein und sie wandte sich an Gasper, der sich offenkundig am besten hier in der Gegend auskannte. "Sagt, wißt ihr von woher das geschlagene Holz kommt? Es scheint einen längeren Weg hinter sich zu haben,"
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Talonis blickte zu Nimrott. "Lasst uns den Holzfällern helfen. Sie sehen sehr geschafft aus. - Und vielleicht können wir während der Arbeit etwas über sie und ihr Verhältnis zu den Fischern herausfinden."
Ohne eine Antwort abzuwarten ging Talonis zu den Holzfällern und gab sein Bestes, um ihnen zu helfen.
"Sagt, verkeilen sich die Stämme hier öfter unter der Brücke?"
Er hoffte sie ihn ein Gespräch verwickeln zu können, um ihre Meinung über die Fischer und den Wald zu höhren.
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Mortan war im Laufe des Tages zunehmend ruhiger, aber mürrischer geworden. Anfangs blickte er gedankenverloren zum Felsenschiff zurück, doch mit jedem Schritt weiter von den steinernen Mauern entfernt kam der düstere Fileipwald ins Bewusstsein des Zwerges. Diese Bäume können auch zu Mauern werden, dachte er. Ob wir das Tor in dieses unbekannte Reich voller Schatten finden werden?
Er betrat auch die Brücke und schloss sich Talonis an, den Holzfällern zu helfen. Er konnte kaum über die Brüstung blicken, also liess er es mit der Arbeit sein und setzte sich neben einen vespernden Holzfäller. Mortan tat ihm gleich und erfrischte sich mit einem Schluck Wasser aus dem Schlauch. Dann versuchter er ein Gespräch mit dem Holzfäller anzufangen: "Wozu ist das Holz bestimmt? Zum verfeuern doch sicher nicht. Was soll damit gebaut werden?"
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Ein Holzfäller, welcher mit dem langen hakenbestückten Stecken am Flussufer stand, sah zu den Reisenden herüber und schützte seine Augen mit der Hand vor der Sonne. Er sah, dass sich Talonis nicht zu schade war mit Hand anzulegen. Der Holzfäller meinte ohne die Frage des Pristers direkt zu beantworten:
"Ihr seht nicht wie ein Leibeigener aus, mein Herr. Ihr müsst sicher nicht in dieses verfluchte Land, um eure Schuld abzuarbeiten, oder?"
Der kräftige Mann, dessen nackter Oberkörper schmutzig und sehnig war, sprach jetzt zu Mortan:
"Jeder Holzstamm, mein kleiner Freund, bringt uns der Schuldfreiheit ein wenig näher. Wir wissen nicht, was der Fürst damit will oder wohin es der Fluss trägt. Aber Gernot, ähm Verzeiung, Fürst Gernot verspricht uns allen die entlassung aus jedweder Erbschuld, wenn wir diesen ganzen verfluchten Wald kahl geschlagen haben."
Mortan und Talonis blickten sich gegenseitig an. Die Männer hatten offenbar nicht die geringste Ahnung wie groß der Wald war und wie lange es dauern würde ihn kahl zu schlagen. Talonis wunderte überdies der Umstand, dass die Männer wie Diener oder gar Sklaven arbeiteten. Das war selbst im Lehnswesen Haberlands nicht nur unüblich, sondern sogar verboten. Dass die Holzfäller weder wussten, wohin das Holz ging, noch dass sie ihre Arbeit selbst organisierten war verwunderlich. Mortan wunderte sich dagegen vor allem über die unglaubliche Dummheit der Menschen dieses Landes. Dass sie ungebildet und einfältig waren, hatte er ja schon gemerkt, aber bei dieser Arbeitsgeschwindigkeit einen ganzen Wald zu roden war unmöglich.
Gasper sah Luana in die Augen und erwiderte:
"Ich weiss woher das Holz kommt. Aus dem Fileipwald. Aber wohin es geht, weiß ich nicht. Die Arbeitsweise dieser Männer und die Haltung des Fürsten gefällt mir ganz und garnicht. Aber das wird sich noch klären, glaubt mir... früher oder später."
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"Nein, ich muss nicht in den Wald. Aber ich bin trotzdem neugierig, was es dort zu finden gibt. Ihr sagt, das Land ist verflucht? Was hat es mit dem Wald auf sich? Früher hattet ihr doch keine Probleme, dort Holz zu schlagen, oder irre ich mich?"
Talonis nahm einen Holzstamm und zerrte daran, bis er sich etwas lockerte. Er stellte sich dabei wesentlich weniger geschickt an, als die Holzarbeiter, die darin scheinbar schon geübt waren.
Auch Talonis fing durch die körperliche Arbeit und der unbarmherzigen Sonne an zu schwitzen. Leider hatte er nur eine Robe an, so dass er seinen Oberkörper nicht lüften konnte. "Tja, manchmal sind Hemd und Hose wirklich von Vorteil", dachte er bei sich.
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"Dann habt ihr ja noch sehr sehr viel Arbeit vor euch, falls ihr den ganzen Wald roden müsst. Wie weit ist es noch bis zu eurem Dorf dort, kann man dort gutes Quartier finden?"
Er deutete auf das Fischerdorf, wohlwissend, dass die Holzfäller dort nicht erwünscht waren. Aber er war neugierig zu wissen, wie die Holzfäller über die Fischer dachten.
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Mortan hatte seine Fragen zuerst gestellt, doch der Holzfäller verstand sie schlecht, weil der Zwerg nur in Brocken Haberländisch sprach. Der Mann dachte einen kleinen Moment mit einem ziemlich dummen Gesichtsausdruck nach und antwortete:
"Die Dorfbewohner fürchten den Fluch des Waldes, so wie wir. Doch sie meiden ihn, weil sie anders als wir den Tod fürchten. Sie haben viel zu verlieren, wir haben nichts. Vielleicht ist es Metorns Wille oder Lotharr hält seine schützende Hand über sie, wer weiß. Ich denke, sie sollten nicht auch noch den Fluch des Waldes tragen, wem würde das schon nützen? Ihr fragt, ob ihr dort rasten könnt? Solange ihr den Wald noch nicht betreten habt, werden sie euch freundlich empfangen."
Der von harter Arbeit gezeichnete Mann beantwortete anschließend Talonis Fragen:
"Der Fileipwald ist verbotenes Land. Meine Großeltern wussten davon zu berichten. Sie beteten noch nicht zu Metorn und vertrauten ihr Leben heidnischen Göttern an. Niemals sollte ein Mensch jenseits von Frohnholm im Wald siedeln oder arbeiten. Das ist der Fluch des Waldes. So ist es seit je her. Die Geister des Waldes strafen all jene, die den Pakt brechen. Wir finden sie tot am Waldrand. Niemand möchte gerne derjenige sein, der das Holz zu schlagen hat. Alle paar Tage losen wir, wer dort hin muss. Ich denke der Tod ist für die meisten von uns ein geringer Preis, wenn wir Aussicht auf völlige Schuldfreiheit haben. Wir wären wieder freie Arbeiter, so wie unsere Großeltern. Und wenn der Wald erst einmal kahl ist, geht auch der Fluch von ihm."
Der Holzfäller betrachtete Talonis genauer und plötzlich leuchteten seine Augen. Seine Gesichtszüge entgleisten und er senkte demütig den Kopf:
"Verzeiht, Herr. Wie konnte ich nur übersehen, dass ihr ein Unverhüllter seid? Hört auf zu arbeiten, ich beschwöre euch. Dieses Land ist gerade für Männer des Glaubens gefährlich. Wie könnte ich mit der Schande leben, für euren Tod mit verantwortlich zu sein?"
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Talonis beendete die Arbeit. Er hatte zwar noch nicht viel getan, aber er war körperliche Arbeit nicht gewohnt und fühlte sich bereits erschöpft.
"Habt ihr oder die Fischer schon versucht mit den Geistern im Wald zu reden? Oder sie auf andere Arten friedlich zu stimmen?", fragte Talonis den Holzfäller.
"Und wie kam es, dass ihr in die Schuldknechtschaft fiehlt, wo doch eure Großeltern freie Leute waren?"
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Der Holzfäller senkte den Kopf und seufzte:
"Mit den Geistern kann man nicht reden. Wir nennen die Elfen, die Schratigen, die stinkenden dicken Männer und die verführerischen Stimmen Geister. Denn sie alle sind verflucht und nicht von dieser Welt. Lange haben die Menschen nicht an diese Wesen geglaubt, doch nun holt uns die Wahrheit ein. Es gibt sie wirklich, die Geister. Und sie sind uns Feind, da gibt es keinen Zweifel. Wenn ihr mich fragt sind die Dorfbewohner einen Pakt eingegangen, der ihnen zwar auf dem Weltenkreis das Leben schenkt, ihnen aber den Weg zu Metorns Himmelreich verwehrt. So sieht es aus.
Was meine Großeltern und die vieler anderer angeht, gibt es da nur eins zu sagen. Sie gehörten damals zur frohnholmer Landwehr, die gegen König Kasimir kämpfte. Das Adelsgeschlechts Gernots, dessen Vorfahre König Asbart war unterstützte unsere Männer mit Waffen und Verpflegung. Als Gegenzug gerieten unsere Vorfahren in die Knechtschaft. Der Verräter Asbart wurde Fürst unter König Kasimir. Wir aber blieben unfrei."
Der Holzfäller warf seinen Haken beiseite und greinte zornig:
"Wir sollten uns diese Lügen nicht mehr anhören. Wir werden niemals unsere Freiheit zurückerlangen, solange ein Nachfahre von Asbart über uns herrscht. Alles lügen. Lügen!"
Andere umstehende Männer unterbrachen ihre Arbeit und blickten streng zum wütenden Holzfäller herüber. Einer rief dazwischen:
"Hör auf Karl. Du bringst uns nur in noch mehr Schwierigkeiten. Wir haben kein Recht so über unseren Herren zu reden! Er schuldet uns nichts, wir schulden ihm unser Leben. Kasimir hätte unsere Vorväter lebendig in ihren Hütten verbrannt."
Talonis dachte ein wenig über diese Worte nach. Kasimir war der Name des Königs von Haberland. Aber damals hatte er noch nicht gelebt. Wahrscheinlich bestand eben einfach nur Namensgleichheit in der Erblinie.
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Talonis hatte vorerst genug gehört. Vielleicht würde er im Dorf ja mehr erfahren, was an dem Pakt zwischen den Waldbewohnern und den Dorfbewohnern dran war.
Er wollte niemanden vorverurteilen. Aber wenn sich die Fischer wirklich von Metorn abgewannt hatten, musste er sie wieder auf den rechten Pfad zurückführen.
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Mortan ploppte den Wasserschlauch wieder zu, stand auf und nahm seine Tasche.
"Wir müssen weiter, unser Weg ist noch lang. Glück auf, Holzfäller!"
Er ging zu Gasper und Nimmrott, die einwenig abseits standen und zischelnd diskutierten. Wahrscheinlich ging es um die Meinungsverschiedenheit vom Tagesbeginn.
"Habt ihr die Holzfäller vernommen? Die Geister im Wald sollen nicht nur Elfen sein, und die Fischer werden uns Quartier gewähren, falls wir nicht aus dem Wald kommen. Wohin wollt ihr nun weiter?"
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Allmählich wurde Luana neugierig. Was mochte an diesem WAld denn so besonderes sein? Die Leute fürchteten sich offenbar vor einem Wald. Luana konnte das nicht verstehen. Sie wollte schnell weiter, sie wollte wissen was das für ein Wald war, der Fileipwald.
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Nimrott wollte auch nicht viel länger hier bleiben als nötig. Er war ohnehin schon die ganze Zeit sehr hektisch und wirkte unkonzentriert. Die Gruppe wanderte also weiter den Fluss entlang ohne das Dorf aus den Augen zu lassen, das jetzt bereits gut zu sehen war. Es dauerte nicht lange, da erschienen die ersten Häuser und der fest getretenen Lehmpfad vor ihnen. Die Dorfbewohner hatten Stroh dem Lehm beigemengt, um den Boden gangbarer zu machen und, damit er besser vor starkem Regen geschützt war. Ein paar Hühner gackerten zwischen den einfachen Fachwerkbauten und Holzhäusern. Das Dorf schien in keinem guten Zustand zu sein, denn Teils fehlte das Reet der Dächer oder das Holzständerwerk in Bodennähe war angefault. Ein paar alte Leute schlichen zwischen den Gebäuden hin und her. Ein paar jüngere waren auch dabei, aber Kinder fehlten völlig. Irgendwie wirkte dieser Ort leblos und verlassen.
Plötzlich kam den Reisenden ein ausgemergelter Mann entgegen, gestikulierte wild und plapperte etwas in unverständlichem Haberländisch. Offenbar ein sehr verwaschener Dialekt. Nimrott war der Sprache mächtiger als alle anderen, doch auch er musste sich alle Mühe geben alles zu verstehen. Er übersetzt für seine Begleiter:
"Der Mann hält uns, wie ich meine, für Holzfäller. Wahrscheinlich weil sonst keiner vorbeikommt."
Nimrott antwortete deutlich genug, als dass es auch die übrigen verstehen konnten:
"Wir sind keine Holzfäller, wir sind Reisende und wollen uns hier auch nicht lange aufhalten."
Der hagere Mann ging ein paar Schritte zurück und drohte. Nimrott übersetzte wieder:
"Er möchte, dass wir auf der Stelle verschwinden. Ich werde versuchen ihn zu beschwichtigen."
Nimrott war äußerst leichtsinnig, denn der Hauptweg durch das Dorf leerte sich schnell, weil die Menschen in die Häuser verschwanden. Gasper hatte ein ungutes Gefühl. Mortan ging ein paar Schritt zurück und Talonis hielt die Luft an. Alle ahnten sie, dass es gefährlich werden könnte, nur Nimrott war ganz in Gedanken. Luanas scharfe Sinne machten sie auf eine Gestalt aufmerksam, die sich offenbar hinter einem Dachfirst versteckte. Der Gelehrte redete auf den dürren Mann ein, der sich jetzt noch schneller entfernte. Luana wollte den Zauberer warnen, doch da war es schon zu spät. Ein Pfeil sauste vom Dach, durchschnitt surrend die Luft und schlug wuchtig in Nimrotts linken Oberarm ein. Der Zauberer stieß einen kurzen Schmerzensschrei aus und fiel rücklinks zu Boden, wobei er seinen Stab fallen ließ. Ein zweiter Pfeil verfehlte den Zauberer um Längen. Alle Reisenden hielten ihre Waffen griffbereit. Sie waren sich nicht sicher, ob das nur Warnschüsse waren oder die Pfeile als zugegebenermaßen schlecht gezielte tödliche Treffer gedacht waren. Luana blickte sich kurz um. Sie konnte zwei junge Männer sehen, die sich mit schussbereitem Bogen versteckt hielten. Sie warf einen kurzen Blick zu Gasper herüber, aber der schüttelte nur kurz den Kopf. Es war wohl besser die Waffen nicht zu ziehen.
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Nicht verteidigen? Idiot, das könnte den Tod bedeuten. dachte sie aufgebracht.
"Aber..." setzte sie an und schob sich in die Schusslinie um den Alten Zauber er zu decken. Eine Hand lag auf dem Bogen, es würde nur Sekunden dauern und einer ihrer Pfeile könnte den Angreifer treffen.
Ihre Sinne waren auf die Angreifer gerichtet, ihre Muskeln angespannt. Doch sie verharrte in abwartender Haltung.
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Baratos blickte sich um und die Wut war deutlich in seinem Gesicht zu erkennen. Würde es in seiner Macht stehen, er würde diese Menschen für ihre Dreistigkeit bestrafen, hart bestrafen, doch offensichtlich lag dies nicht in seiner Macht, denn nur kurz brummelte er sich einen Fluch in den Bart, dann kniete er sich neben Nimrott und untersuchte den Treffer am Oberarm und redete leise auf Nimrott ein.
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Kein weiterer Pfeil wurde mehr abgeschossen, doch keiner der Reisenden traute sich im Moment eine falsche Bewegung zu machen. Niemand wusste, wie viele Männer sich noch versteckt hielten. Nimrott fluchte leise und hielt sich seinen Arm. Er flüsterte zu Baratos:
"Ich hätte nicht übel Lust das Dorf dem Erdboden gleich zu machen... aber wie es aussieht, sind wir dafür in einer all zu schlechten Lage. Außderm hätte das ja auch nicht viel Sinn. Lass uns zusehen, dass wir hier weg kommen."
Nimrott nahm seinen Stab mit der Rechten und ließ sich von Baratos und Talonis aufhelfen. Langsam entfernten sie sich von der Gefahr.
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Talonis stütze Nimrott als sie das Dorf verließen.
Er schaute sich dabei immer wieder um und vergewisserte sich, das keiner der Dorfbewohner ihnen folgte.
Als sie außer Sichtweite des Dorfes waren, ließ er Nimrott auf einen Stein nieder.
Dort kümmerte er sich etwas ausgiebiger um die Armverletzung des Gelehrten.
"Die Fischer sind endgültig von Metorn abgefallen. - Wie kommen sie bloß dazu unschuldige Reisende anzugreifen?"
Er brach den Pfeil über Nimrotts Arm ab. "Das könnte etwas wehtun. Hier für dich." Mit diesen Worten gab er Nimrott einen Stoff zum raufbeißen.
Er überlegte, ob er den Pfeil besser durchstoßen oder hinausziehen sollte. Da der Pfeil aber nicht allzu tief drinsteckte entschied er sich, ihn rauszuziehen.
Anschließend verband er die jetzt stärker blutende Wunde notdürftig.
Während er das tat, sprach er zur restl. Gruppe: "Wir könnten warten, bis sie das Dorf verlassen, um ihr Fische zu verkaufen. Wenn wir sie einzeln antreffen sind sie vielleicht gesprächiger."
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"Und was werden sie uns dann erzählen? Mehr als wie die Alte auf dem Markt wohl kaum. Mir scheint eher, die wollen gar keine Fremden in ihrem Dorf."
Mortan nahm den kaputten Pfeilschaft und brach in erzürnt nochmals entzwei.
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Nimrott, der direkt neben Mortan saß, nahm dem Zwerg den Pfeil mit einer schnellen Bewegung aus der Hand. Er betrachtete das Geschoss genau und sagte:
"Die Holzfäller wissen, warum sie das Dorf meiden. Seit wann werden die Döfler denn handgreiflich? Sie hätten micht töten können. Ich glaube nicht, dass sie sich nochmal in Frohnholm blicken lassen können! Die werden sich das nicht trauen, nachdem sie einen von uns angegriffen haben, da könnt ihr sicher sein. Mich wundert, dass die Fischer Pfeil und Bogen besitzen. Und das ist kein Jagdpfeil. Von wem haben sie die Waffen?"
In Gasper brodelte die der Zorn:
"Das hat was mit dem Elfenmädchen zu tun, Nimrott! Ich weiß aber beim besten Willen nicht was."
Mortan sah sich noch einmal das Geschoss an und erkannte, dass keine menschlichen Finger geschickt genug wären, um einen Pfeil derartig filigran zu schnitzen.
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"Luana, kommt und seht euch den Schaft an. Ihr versteht mehr von Pfeilen wie ich. Ich kann nichtmal den Rest eines Astansatzes oder Unebenheiten im Holz erkennen. Wer mag solche Pfeile schnitzen? Elfen?"
Er reichte Luana den zerbrochenen Pfeil und wandte sich an Nimrott und die anderen.
"Und gegen was sollten sie die Waffen mit den Menschen tauschen? Fische, Gold?"
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Nimrott ging sich durch den Bart und antwortete:
"Oder gegen ein Abkommen. Die Fischer sind schon seit langer Zeit mit den Waldelfen verbündet, so hört man es jedenfalls gerüchteweise. Dieser Pfeil könnte ein Beweis dafür sein."
Gasper sprach dagegen:
"Wieso sollten Elfen ihre Waffen an Bauern verschenken?"
Nimrotts linker Arm durchzuckte ein stechender Schmerz, so dass er die Zähne zusammenbeißen musste. Dennoch gab er mit nur kurzer Verzögerung zurück:
"Das möchte ich herausfinden."
Der Zauberer sprach jetzt zu all seinen Begleitern:
"Wenn die Bauern uns so feindseelig gegenüber treten, müssen sie sich vor irgendetwas schrecklich fürchten. Ihnen muss klar sein, dass sie Fürst Gernots Wut auf sich laden, wenn sie jeden angreifen, der ihr Dorf betritt. Was fürchten sie mehr als den Fürsten? Die Elfen, mit denen sie ja angeblich verbündet sein sollen? Oder andere? Als ich euch angeworben habe, rechnete ich nicht damit in ein Wespennest zu treten. Wie es aussieht mag es in Zukunft noch gefährlicher für uns werden. Kehrt zum Pass zurück und verlasst Frohnholm, das wäre mein Rat. Für euren Tod kann ich euch nicht entlohnen! Was mich angeht... es braucht schon mehr als einen schlecht gezielten Pfeil, um mich von meinem Ziel abzubringen. Ich werden weiter den Waldrand entlangwandern."
Gasper sagte:
"Ich kehre nicht nach Frohnhom zurück. Hier finde ich meine Aufgaben. Ich belgeite euch, Nimrott."
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"Wenn ich auch nicht mehr in euren Diensten stehe, so stehe ich immernoch in Metorns Diensten.", Talonis blickte zu Nimrott
"Die Fischer haben sich eindeutig von ihm abgewannt, und es ist meine Pflicht herauszufinden wieso. - Vielleicht ist es noch nicht zu spät und sie werden wieder auf den richtigen Pfad zurückfinden und Metorns Gnade empfangen."
"Und außerdem bin ich neugierig, was es mit dem Wald auf sich hat.", dachte er bei sich.
Laut sagte er wieder: "Ich werde euch auf alle Fälle weiter begleiten."
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"Natürlich weiche ich nicht von eurer Seite." meinte der andere Gelehrte und nickte leicht. Er verschwieg seine Neugier und dass er Nimrott vor allen wegen seinem Wissen und seiner Erlebnisse wegen begleitete. Er hatte schon lange genug nur mit Büchern gelebt. Dennoch wirkte sein Blick nicht wirklich interessiert, als würde er nur mitkommen wegen seines Begleiters. Der einzige Lohn, den er wollte, war Wissen. Doch war dies den Tod wert? Nun, darüber wollte er jetzt nicht wirklich nachdenken und verscheuchte diese dunklen Gedanken aus seinem Geiste und machte sich frei. Er blickte zu den anderen Gefährten und wartete ihre Entscheidungen ab.
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Luana betrachtet den Pfeil. So eine Arbeit hatte sie noch nicht gesehen. Er war anders als jene Pfeile die ein Mensch herzustellen vermag. Sehr sorgfältig war er gearbeitet worden. Sie hielt die zerbrochenen Teile aneinander. Er was leicht, die Spitze sorgfältig eingepasst.
"Elfen?" murmelte sie leise "Ja, sie könnten es gewesen sein." nachdenklich wog sie das zerbrochene Geschoss in ihren Händen. Dann entschied sie den Pfeil mit zu nehmen und steckte ihn in die Tasche.
"Auch ich werde euch weiterhin begleiten, Nimrott." erklärte die junge Frau. Auch wenn ich dafür meine eigenen Gründe habe.
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"Wenn mir schon jemand mit Pfeilen nach meinem Leben trachtet, dann will ich auch wissen, warum! Ich werde Euch auch weiterhin begleiten."
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Nimrott nickte zufrieden und sagte zu seinen Begleitern:
"Auch wenn es euch offenbar an Verstand mangelt, habt ihr doch das Herz am rechten Fleck. Es freut mich zu hören, dass ihr mich jetzt nicht im Stich lassen wollt."
Der Zauberer murmelte sich noch irgendetwas in den Bart und erhob sich dann langsam, ohne jedoch seinen linken Arm allzu sehr zu belasten. Die Gemeinschaft warf noch einmal einen Blick zurück zum Dorf. In der sommerlichen Nachmittagshitze schien dieser Ort geradezu friedlich. Aber genau im Zeichen dieses Unterschieds zwischen Schein und Sein stand offenbar ihre gesamte Unternehmung. Bis jetzt sammelten sie nur Fragen, anstatt Antworten zu erhalten. Sie waren auf der Suche, wussten aber nicht nach was. Sie flohen, doch vor wem? Und Nimrott trieb die Gruppe immer wieder zur Eile an, aber kein wusste so recht warum.
Am schwülen Abend dieses Tages hatten die Reisenden bereits einen Stück Weg des Waldrandes hinter sich gelassen. Das Geäst und Unterholz des Fileipwaldes sah nicht schrecklicher oder ungewöhnlicher aus als bei jedem anderen Wald. Doch irgendwie lehrte dieses dämliche Holz die Wandernden Respekt. Wie viel sich die Reisenden davon nur einbildeten wussten sie selbst nicht. Nimrott erkannte die Anspannung. Ein unangenehme Ruhe beherrschte die Runde, als alle um das Lagerfeuer versammelt waren, der Wald nur wenige Schritte entfernt. Der Gelehrte warf einen Ast ins Feuer, fuhr sich durch den im Licht der Flammen schimmernden Bart und brach plötzlich die Stille:
"Wisst ihr, was der Orden der Silberschatten über die Wälder erzählt? Natürlich, ihr könnt es nicht wissen. Ich bin einer der wenigen, die echte Elfenschriften in die Hände bekommen haben. Unermessliche Schätze sind die Pergamente aus einer Zeit, als die Menschen den Weltenkreis noch nicht bewohnten. Dabei haben die Elfen die Abschriften von einem noch viel älteren Volk, ohne es jedoch zu wissen."
Nimrott lächelte und warf einen verstohlenen Blick zu Mortan herüber. Dann fuhr er fort:
"Die Elfen erwähnen die Zwerge in keinem Wort und fast wäre ich geneigt zu glauben, dass sie erst nach den Kindern des Waldes die Welt betreten haben, wäre da nicht eine kleine Ungereihmtheit: Wer hat von der Welt vor den Eflen erzählt? Wie dem auch sei, ich wollte über die Wälder reden. Ihr müsst wissen, dass Bäume nur wachsen, wenn eine Frucht oder ein Keim zu Boden fällt. Anders als Kriechgetier oder erdgeborene Trolle vermehren sie sich nicht durch Urzeugung. In der Welt vor den Elfen war das Land karg und nur Gras überzog die endlosen Weiten. Riesen und gigantische Fellbestien streiften durch das Land. Irgendwann, keiner weiß so genau warum, durchstießen die Riesen die Pforten zur Feenwelt, die bis dahin den Weltenkreis nur schwach berührte. Sie errichteten Steinkreise, bei denen ein einziger Stein so groß war wie ein Felsen. Und inmitten der Steine wuchs ein Baum, ohne dass ein Keim zu Boden gefallen war. Dieser Baum wuchs heran und verbreitete seinen Samen mit dem Wind. Bald wuchsen weitere Bäume und aus all den Bäumen wurde ein Wald. Wo zuerst ein Wald war entstanden weitere. Und wo die Wälder waren fanden die Elfen die Pforten in den Weltenkreis. Die Wälder sind die Verbindung zur Feenwelt, davon bin ich überzeugt. Und wer könnte mehr darüber wissen als die Elfen?"
Nimrott betrachtete die Flammen des Lagerfeuers. Offenbar war er wieder einmal in Gedanken verunken. Baratos hörte diese Geschichte das erste mal. Nimrott stellte da eine verwegene Vermutung auf und doch deckten sich viele der Aussagen mit Legenden und Geschichten, die er gehört hatte. Mortan dachte darüber nach, an welche alten Zwergengeschichten er sich noch erinnern konnte. Da war dieses Märchen von einem Troll, der vor urig langer Zeit in einer kalten Steppe ohne Bäume, nur übersäht mit langem, zähen Gras in einem Wirtshaus Zwerge bewirtet haben sollte. Mortan wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Groc hieß der Troll, ein Name aus einem Märchen, oder? Talonis erkannte einige Aspekte dieser Erzählung wieder. Allerdings störte ihn schon, dass Metorn mit keinem Wort erwähnt wurde. Die Bäume, die Wälder, die Elfen. Alles kam in die Welt, ohne dass Metorn mitwirkte? Kaum vorstellbar. Luana kannte leider viel zu wenig von den Elfen und doch machten sie die Worte des Alten neugierig. Hatte es wirklich eine Welt vor den Elfen gegeben?
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"Und weiß man, wo der erste Baum gewachsen ist oder was für ein Baum dies war? Haben die Riesen irgendwelche Aufzeichnungen über den 1. Baum hinterlassen?", Talonis sah fragend zu Nimrott.
Wenn es diesen Baum wirklich gab, dann war er ein Zeichen Metorns. Es galt nur, dieses Zeichen richtig zu interpretieren.
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Nimrott gab zurück:
"Wenn es diesen ersten Baum wirklich gibt, ist er sehr sehr weit von hier entfernt. Wer weiß, ob er überhaupt noch steht. Es gibt so viele Märchen, Legenden, Erzählungen und Gesänge über die alten Zeiten, dass man wirklich nicht weiß, wo die Wahrheit liegt. Ich gehöre einem Orden der Zauberer an... es werden viele Geschichten über uns erzählt. Wir würden Menschen in Kröten verwandeln und Dämonen beschwören, heißt es. Dabei liegt unsere Hauptaufgabe doch im Erlangen von Wissen und Erkenntnis."
Der Zauberer holte ein Amulett hervor, das er um den Hals trug, aber bis jetzt unter seiner Wanderrobe versteckt hatte. An einer Kette hingen untereinander drei Symbole. Das Unterste bestand aus drei kleinen wiederum untereinander hängenden silbernen Sternchen. Diese symbolisierten Metorns Angesicht oder das Firmament der Sterne, in denen Zukunft und Vergangenheit geschrieben stand. Darüber war eine kleine, silberne Scheibe, das Zeichen für Metorns allsehendes Auge der Nacht oder den Mond. Ganz oben an der Kette war besonders groß das Zeichen der Sonne und des Weltenkreises. Ein goldener durchkreuzter Ring. Es war auch ein Zeichen für Metorns allsehendes Auge des Tages. Nimrott meinte:
"Seht ihr, ich trage die Symbole Metorns. Denn ich glaube, dass die Gestirne sein Blick und seine Wahrheit sind. Aber ich glaube nicht, dass er der Schöpfergott ist. Er ist ein mächtiges Wesen, vielleicht das Mächtigste. Aber auch seinen Geist bewegen Fragen. Er ist uns garnicht so unähnlich."
Nimrott wusste, dass solche Aussagen in Gegenwart eines verhüllten Mönches der direkte Weg auf den Scheiterhaufen für ihn wären. Doch die Unverhüllten achteten andere Meinungen, auch wenn sie immer bemüht waren die Fremden von ihrem Irrglauben zu befreien.
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"Feen, Riesen, Dämonen, Portale? Du meine Güte, dass hört sich an wie die Ammenmärchen, die die Zwergenmütter ihren Kinder erzählen."
Als Handwerker hielt Mortan nicht viel von Geschichten, zumindest nicht, wenn man versuchte, daraus eine Wissenschaft zu machen.
Und spitz fügte er hinzu: "Vielleicht finden wir ja Grocs Wirthaus in dem Wald, dann müssen wir nicht auf dem nackten Boden nächtigen!"
Stechende Blicke der Gelehrten schienen den Zwerg fast zu durchbohren. Selbst Talonis war von dieser einfältigen Bemerkung des Zwerges erstaunt. Mortan bemerkte die plötzliche Stille am Feuer und versuchte, den peinlichen Augenblick zu beenden.
"Und wie bitte schön sollte ein Baum aus einen Stein, und dazu noch ohne Samen wachsen?"
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Talonis wandte sich an Mortan: "Nun wenn es wirklich Metorns Wille ist, das die Erde auch von den Bäumen bevölkert ist, dann wird er auch so einen Baum erschaffen können." Talonis machte eine kurze Pause, dann führ er fort: "Wenn es in seiner Macht steht, die Menschen zu erschaffen, dann sollte so etwas wie ein Baum kein Problem führ in darstellen. Und ich glaube er wollte den riesen damit ein Zeichen geben. - Oder die Ankunft der Elfen vorbereiten."
Dann schaute er wieder zu Nimrott: "Wenn es einen anderen Schöpfergott gibt. Wieso wissen wir dann nichts von ihm? Wieso macht sich dieser Schöpfergott nicht bemerkbar?"
Talonis war schockiert: Er hatte Nimrott bisher für einen gläubigen Menschen gehalten. Aber wenigstens trug er ein Amulett Metorns mit sich rum. Und im Gegensatz zu den Fischern, konnte man mit Nimrott auch vernünftig reden.
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Metorn war nicht der Schöpfer. Nun, irgendwie deckte sich dies mit dem vielen das Luana bishergehört hatte. Aber sollten wirklich Riesen für den ersten Baum verantwortlich sein? Das klang schon etwas seltsam in Luanas Ohren. Bäume wuchsen doch nur durch Samen.
Luana stocherte mit einem Stock im Feuer umher. Dabei beobachtete sie das Spiel der Flammen.
Der Zauberer kann die Schrift der Elfen lesen? Aus dem Augenwinkel schaute sie zu dem Alten hinüber. Vielleicht konnte er lesen was auf ihrem Amulett stand? Das würde jedoch heißen das sie ihr Geheimnis... nein, auf keinen Fall.
"Ihr sucht also solch ein Pforte? So ein Tor in eine andere Welt?" wandte sich Luana an den Zauberer.
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Nimrott gab sich etwas zugeknöpft:
"Naja, die Pforten werden wohl irgendwo zu finden sein. Aber die Wege in jede der Anderswelten sind versperrt durch einen Irrgarten. Wir wissen nicht so genau warum und wir wissen auch nicht, wie viele Anderswelten es denn eigentlich gibt. Wir wissen von der Welt der Götter, der Welt der Dämonen und einige von uns vermuten, dass es die Feenwelt gibt. Ist das Reich der Träume eine eigene Welt? Sind die Inseln hinter dem wogenden Ozean andere Welten? Sind die Unterreiche eine eigene Welt? Nicht die weisensten unseres Ordens kennen darauf eine Antowort. Aber die Waldelfen könnten es wissen.
Die Wolken sind ein Teil des Irrgartens zur Götterwelt. Es gibt Gerüchte, nach denen man die Wolkenreiche betreten kann, wenn man auf die höchsten Berge steigt. Aber die Wolken sind nicht immer da. Das ist auch schon wieder so ein Rätsel. Und um in die Hölle zu gelangen muss man durch die verwinkelten und verzweigten Höhlensysteme unter der Erde. Wahrscheinlich ist das so..."
Nimrott lächelte:
"Auch wenn diejenigen, die es vielleicht erfahren haben nicht mehr gefragt werden können. Wir denken jetzt, dass die Wälder ebenso einen Übergang darstellen. Immerhin können sie manchmal auch wie ein Irrgarten sein. Jetzt fragt aber nicht, wie wir Zauberer das alles begründen. Es stecken sehr, sehr komplizierte Fragen hinter den Dingen, die die Welt bewegen. Ein irdischer Geist reicht dazu kaum aus, um auch nur die einfachsten Antworten zu erhalten. Vielleicht muss man einfach Zauberer sein, um die Ansätze zu verstehen."
Nimrott zeigte einmal mehr, dass er von seinem Verstand und seinen Einsichten sehr überzeugt war. Er vertrat offenbar ein sehr statisches Weltbild. Personen und bewusstes Handeln hatten in seiner Deutung der Welt kaum einen Platz. Er seufzte:
"Ich schlage vor wir schlafen jetzt, damit wir morgen ein gutes Stück vorankommen."
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"Schlafen ist sicher gut." antwortete Luana. Gerne hätte sie sich noch weiter mit dem Alten Mann unterhalten. Auf Wolken laufen? Ging das wirklich? Sie schaute zum Himmel empor.
"Wenn man von hier aus die Wolken sehen kann, ist die Aussicht von dort oben nach hier runter bestimmt ganz fantastisch." meinte sie dann etwas in Gedanken.
Dann rollte sie sich in ihre Decke ein und drehte sich um. Vielleicht konnte sie am nächsten Tag noch einmal das Gespräch auf diese Anderen Welten lenken.
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Mortan rollte sich gähnend in seine Decke.
"Wohin wollen wir morgen weiter? Schnurstraks in den Wald hinein? Oder am Waldrand weiter Richtung Süden?"
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"Vielleicht gibt es hier noch ein weiteres Dorf am Waldesrand, dass uns freundlicher begrüßt und wo wir Informationen erhalten. Ansonsten können wir aber auch gleich in den Wald gehen. - Früher oder später müssen wir ja doch hinein."
Talonis lag auf dem Rücken und betrachtete noch etwas die Sterne bevor ihn die Müdigkeit übermannte.
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Gasper meinte:
"Ich werde euch folgen wohin ihr geht, solange euer Weg zu den Elfen führt, Nimrott."
"Das wird er."
antwortete der Gelehrte, legte sich auf den Rücken und betrachtete die Sterne. Die nacht war warm, obwohl der klare, kalte Himmel über ihnen lag. Erst am nächsten Morgen, erlöschte die Sternenpracht unter dem Licht der aufgehenden Sonne. Das war der Zeitpunkt an dem die Gruppe auch schon wieder aufbrach, egal wie müde der ein oder andere war.
Nimrott führte die Reisenden über den Trampelpfad, welcher am Waldrand entlang lief. Der Weg endete jäh, als eine eingestürzte Brücke vor ihnen lag, die ein Stück weit über ein ausgetrocknetes Flussbett reichte. Der Grund war von Kies gesäumt und die Reisenden stellten fest, dass man gut darüber laufen konnte. Sie redeten eine Weile darüber wie es jetzt weiter gehen sollte. Da der Fluss wie eine natürliche Fortsetzung des Pfades am Waldran entlang führte, entschied sich die Gruppe durch das Kiesbett zu wandern. Mortan warf noch mal einen Blick zurück. Sein kundiges Handwerkerauge verriet ihm, dass die Brücke schon vor Jahren von Wassermassen weggerissen worden war. Er erzählte den anderen aber nichts davon, weil er es nicht als so wichtig erachtete.
Den meisten Wandernden wurden bereits die Beine schwer. Allein Mortan und Luana gaben ein schnelles Tempo vor. Der Zwerg hatte eine unglaubliche Ausdauer, die ihm trotz einiger Schweißperlen einen schnellen Laufschritt ermöglichte. Luana wanderte dagegen viel leichtfüßiger als die anderen, obwohl der Kies nun wirklich nicht die beste Unterlage zum Laufen war. Dann plötzlich, es war bereits nachmittag wurden Baratos, Talonis und Nimrott in einer recht hitzigen Diskussion unterbrochen, als Luana ganz plötzlich in die Kniehe ging und würgte. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und machte den Anschein, dass sie sich übergeben müsste. Talonis eilte als erster heran und fragte aufgeregt, was los war. Luana beruhigte sich bald und machte den übrigen klar, dass es hier ganz schön stark nach Verwesung stank. Spätestens an dieser Stelle glaubte Nimrott es nicht mit einer gewöhnlichen Menschenfrau zu tun zu haben, denn niemand sonst roch etwas verdächtiges. Das änderte sich aber bald, als die Gemeinschaft weiter das Flussbett entlangwanderte. Mittlerweile sahen sie ein kleines Rinnsal, welches inmitten der kleinen weißen Steinchen dahinplätscherte. Die Bäume des Fileipwaldes wölbten sich über den geleerten Flusslauf und breiteten ihre beschattenden Kronen über die Reisenden aus. Am rechten Rand des Flusses aber brannte die Sonne unerbittliche. Und genau da lag nach kurzem Weiterwandern etwas, was einen derart üblen Geruch ausstieß, dass nicht nur Luana, welche sich lieber etwas abseits hielt, einen angeekelten Gesichtsausdruck zeigte. Einzig Mortan blieb standhaft, auch wenn es für ihn ebenfalls widerlich stank. Er aber näherte sich dem merkwürdigen toten Etwas, welches in der prallen Sonne verweste. Schnell fiel sein Augenmerk auf einen Karren, auf dem dieses Wesen gelegen hatte, aber offenbar halb heruntergerutscht war. Der hölzerne Karren hatte nur ein einziges Rat, welches zugegebner Maßen sehr groß war. Das andere lag daneben im Kies und war in zwei Hälften gebrochen. Mortan erkannte, dass es sich um einen Karren handelte, der für unwegsames Gelände gedacht war, weil er sehr große hölzerne Räder besaß. Er erkannte sogar, dass dieser Karren von Menschen gebaut worden war, da das Leder, welches die Räder umpannte, von Rindern stammte. Nur Menschen hielten Rindvieh, soweit Mortan wusste.
Einen Moment später kam Talonis näher und betrachtete den Kadaver. Es war ein großer dicker Mann, der dort lag. Am ganzen Körper unbehaart und sehr kräftig. Der Priester schätzte die Größe ab und kam zu dem Schluss, dass dieser Kerl ein halber Riese sein musste. Der Mann maß mindestens zweieinhalb Schritt. Bei genauerem Hinsehen erkannte Talonis, dass der Bauchraum geöffnet war. Es fehlten Magen, Blase und Lunge. Und offenbar hatte der Kadaver nichteinmal geblutet, auch wenn niemand der Anwesenden so genau sagen konnte, ob das nicht ein Bestandteil des Verwesungsprozesses war.
Baratos war schließlich der einzige, welcher genau erkannte, worum es sich bei diesem großen, dicken Mann handelte. Dieses Wesen war ein Ungeheuer, welches unter den Gelehrten als Oger bekannt war.
Nimrott blickte zwar neugierig, wagte sich aber kaum näher an das Biest heran. Ebenso scheute sich Luana dermaßen vor dem Oger, dass sie wohl lieber aus dem Flussbett herausgeklettert wäre als an dem Leichnam vorbei zu gehen.
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Talonis hielt seinen Kampfstab fester. Mit der anderen Hand hielt er sich etwas Stoff vor der Nase. Der Kerl stank stärker als eine gewöhnliche Leiche. "Was in Metorns Namen greift so einen Hünen an und isst ihm seine Eingeweide raus?", murmelte Talonis, "Normale Raubtiere würden den ganzen Leichnam essen."
Ekel und Pflichtbewusstsein stritten in Talonis. Einerseits hatter er die Pflicht, diesen Mann zu bestatten. Andererseits war der Gestank schrecklich und er wollte der Leiche nicht zu Nahe kommen.
Letztendlich siegte aber sein Pflichtbewusstsein:
Nach einem kurzen Blick, in dem er sich vergewisserte, dass das 'Raubtier' nicht mehr in der Nähe war, lehnte er seinen Stab an einen Baum.
"Könntet ihr mir bitte helfen, diesen Mann hier zu bestatten?" Sein Blick schweifte die Runde.
Anschließend ging er zu ihm hin und versuchte, ihn etwas in den Wald zu zerren.
Ihm war klar, dass sie nicht die Zeit hatten, um ein Grab auszuheben. Aber es war sicherlich genug Zeit, um ihn mit etwas Steinen und Geäst zu bedecken sowie anschließend einen Grabsegen zu sprechen.
Talonis zerrte an der Leiche. Aber sie war einfach zu schwer. Alleine würde er sie wohl nie in den Wald ziehen können.
"Ich habe noch nie einen so großen und schweren Mann gesehen", dachte er bei sich.
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Luana hielt sich abseits und versuchte krampfhaft ihr Essen im Magen zu behalten. Wie konnte dieser Priester das Vieh begraben wollen? Sie selbt wollte einfach nur schnell weiter.
Sie würgte einige Worte hervor "Was wenn das Vieh... Krankheiten überträgt?" Luana schaute zu dem Priester. "Lasst es lieber liegen, wir sollten schnell weiterziehen."
Es war ein verzweifelter Versuch, aber ein Versuch die Gruppe zu bewegen den Oger nicht zu begraben, sondern schnell zu verschwinden.
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"Talonis, der Mann ist so schwer wie eine ausgewachsene Kuh. Lasst ihn hier liegen. Wir können ihn auch hier mit Steinen und dem Karren bedecken."
Mortan trat an den Leichnam, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen. Der faulige Gestank war beissend. Hunderte Fliegen umsurrten den geöffneten Bauchraum und stoben auseinander, als Mortan mit einem Ast einen Hautlappen anhob. Der Bauchraum war leer, scheinbar ausgeweidet. Angewidert wandte sich Mortan ab und kniete sich neben das gebrochenen Rad in den Kies.
"Mir scheint, das Rad ist gebrochen, als der Karren vom Grasboden in das Kiesbett abkam. Der Oger war als Last wohl zu schwer. Nimrott, glaubt ihr, dass die Fischer einen Oger jagen und wie Wild ausweiden würden? Der Oger war als Beute auf dem Karren, und der Karren war zumindest von Menschenhand gemacht."
Mortan schaute gespannt in die Runde.
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"Das war kein Fischer." sprach Baratos und trat nun selbst näher an den Oger heran und betrachtete das Wesen intensiv, dabei den Geruch ignorierend. "Zumindest kein normaler Fischer. Aber was ist schon normal." Er wandte sich Luana zu und musterte sie mit scharfen Blick. "Wedes Leben ist etwas wert, egal ob Mensch, Zwerg oder Elf. Ihr solltet mehr Respekt zeigen vor dem Leben und dem Tod. Wir kommen noch schnell genug vorran." Und das obwoghl er einer derjenigen war, der noch vor kurzem schnell weiter kommen wollte.
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Nimrott kam nun auch etwas näher:
"Das ist also ein Oger? Und ich dachte die stammen aus Schauermärchen. Er sieht nicht so gefährlich aus, wie gemeinhin berichtet wird. Wenn das wirklich ein Oger ist, gibt es hier bestimmt noch mehr. Der muss ja irgendwo her gekommen sein. Die Frage ist nur, warum jemand so ein Biest tötet und auf einen Karren hieft. Dann geht ein Rad kaput und es werden die Gefäße des Körpers aus dem Oger herausgenommen. Warum? Wenn die Fischer das getan haben, könnte es mit einem dunklen Ritual zu tun haben. Was denkt ihr?
Und noch etwas. Talonis, wenn das wirklich ein Oger ist, hat er mit Menschen nicht viel zu tun. Man erzählt sich, dass diese Ungeheuer denkende Wesen mit Vorliebe verspeisen..."
Nimrott nahm seinen Stab und hielt ihn weit von sich. Mit einem ende prockelte er in einer Tragetasche herum, die an dem ledernen Lendenschurz der Gestalt befestigt war. Die Tasche öffnete sich und eine menschliche Schädelplatte, die offenbar als Schale diente, kullerte heraus. Drei Backenzähne und ein halber Unterkiefer kamen gleich hinterher, wie als Bestätigung von Nimrotts Worten.
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"So war das nicht gemeint." Luana schaute Baratos an.
"Ich habe nur... bei dieser Hitze entwickeln sich schnell Krankheiten und so was."
Noch immer kniete die junge Frau auf dem Boden in einiger Entfernung. Sie sah sehr bleich aus im Gesicht.
Als Nimrott dann auch noch an dem Oger umherstocherte, wandte sie den Blick ab.
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"Mich erinnert das immer noch an Jagdbeute. Irgendjemand hat das Viech erlegt, wollte es dann mit dem Karren transportieren. Die Karre ging entzwei und um die Beute nicht komplett zurücklassen zu müssen, haben die Jäger die Innereien mitgenommen. Über den Grund konnen wir nur spekulieren, es kann ausser einem dunkeln Ritual genauso verzeifelter Hunger gewesen sein. Erinnert ihr euch noch an die Taverne in der Stadt, als jemand sagte, die Fischer würden schon länger an Hunger und minderer Ernte leiden?"
Während Mortan das sagte, suchte er die Umgebung nach einem ordentlichen dicken Ast ab.
"Mich interessiert eher, woran der Oger wirklich gestorben ist. Ausser dem offenen Bauch sehe ich keine Verwundungen. Wir sollten ihn umdrehen!"
Er holte ein Seil aus seinem Gepäck und befestigte es an der Schulter des Ogers. Das andere Ende reichte er Talonis hin.
"Hier Talonis. Ihr zieht und ich benutze den Ast als Hebel. Damit sollte es uns ein leichtes sein, den Oger über die leichte Böschung hinab ins Kiesbett zu wuchten und umzudrehen. Dort können wir ihn auch gleich mit Steinen bedecken."
Er hielt die Luft an, setzte den Ast unter die Hüfte des toten Ogers und wartet auf den Zug von Talonis.
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Nimrott schüttelte den Kopf. Irgendwie hatte er das Gefühl, das Vieh würde bei dem Versuch es umzudrehen nicht ganz bleiben. Typisch Zwerg, dachte der Gelehrte. Immer mit dem Kopf durch die Wand. Nimrott meinte:
"In den Geschichten heißt es, dass selbst Orks von Ogerfleisch krank würden. Es gibt nur ein Lebewesen auf dem Weltenkreis, das Ogerfleisch verträgt: Oger!"
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Talonis nam dankbar das Seil von Mortan und ging etwas tiefer in's Fluss Bett.
Dann zählte er laut bis drei. Er zog mit voller Kraft an dem Oger, während Mortan mit den Ast den Oger hochdrückte.
"Hoffentlich hält der Ast.", dachte Talonis. Doch dann bewegte sich der Oger und fiel platschend in's Wasser. Talonis machte einen Satz rückwärts, um nicht von dem aufspritzenden Wasser getroffen zu werden.
Anschließend nahm er seinen Stab wieder an sich und betrachtete die Rückseite des Ogers.
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Was Talonis und Mortan sahen war überraschend. Nicht weil Verletzungen zu sehen waren, sondern das Gegenteil der Fall war. Das Ungeheuer schien keinerlei Verwundungen aufzuweisen. Erst bei näherer Betrachtung fielen rote Striemen am Hals des Ogers auf.
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Talonis sah ungläubig auf den Hals des Ogers: "Sagt bloß, man hat ihn erwürgt. Irgendjemand hat sich scheinbar große Mühe gegeben, ihn zu töten ohne ihn äußerlich zu beschädigen."
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Erstaunt stieg Mortan auch wieder in das Kiesbett und machte sich daran, das Seil vom Kadaver zu lösen. Dabei fielen ihm ebenso die Striemen am fetten Hals des Ogers auf.
"Meister Nimrott, und wer auf dem Weltenkreis würde einen Oger erwürgen können?"
Ratlos nahm Mortan sein Seil und wickelte es zu einer Schlaufe zusammen.
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Nimrott staunte nicht minder und sagte:
"Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht viel über Oger. Sie sind groß, sie sind schwer. Sie stinken und fressen am liebsten was lebt und denkt. Mehr kann ich dazu auch nicht sagen. Vielleicht sind diejenigen, die den Karren gezogen haben, ebenfalls durch das Kiesbett gekommen. Wenn wir dem Fluss folgen, vielleicht finden wir dann ein paar Antworten. Denn immerhin muss das Untier ja irgendwo her gekommen sein."
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"Dem Fluss folgen ist wohl das beste um irgendwann mal nicht nur Fragen, sondern auch mal ein paar Antworten zu finden." meinte die junge Frau, während sie sich angeekelt von selbigem abwand, ob des Ogers der dort jetzt lag.
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Die Gruppe wanderte also weiter das ausgetrocknete Flussbett entlang, auch wenn keiner von ihnen die geringste Ahnung hatte, was sie in der Ferne erwarten würde. Zum Glück hatten sie genügend Proviant dabei, um mehr als nur ein paar Tage durch die Wildnis zu wandern. Sie machten eine kurze Rast, weil Nimrotts Wunde am Arm versorgt werden musste. Sie suchten sich ein schattiges Plätzchen unter den mächtigen Baumkronen und erholten sich von der anstrengenden Wanderung an diesem heißen Tag. Talonis nahm dem Gelehrten den Verband ab und wunderte sich, dass weder eine Entzündung zu sehen war, noch eine echte Beeinträchtigung zu erkennen war. Nimrott meinte, dass der Arm kaum schmerzte und der Priester fand schnell heraus warum. Der Pfeil war genau zwischen zwei Oberarmmuskeln stecken geblieben und hinterließ kaum einen blauen Fleck. Die Reisenden waren sich nicht ganz so sicher, ob ein schlecht gezielter Pfeil so exakt hätte treffen können. Schon wieder tauchte eine weitere Frage auf, die keiner von ihnen zufriedenstellend beantworten konnte.
Noch bevor es Abend war, wollten sie das Flussbett verlassen und eine geeignete Stelle zum Übernachten gefunden haben. Doch so weit kam es nicht. Am Flussufer standen einige halb eingestürzte Bauernhäuser. Ein mit Unkraut zugewucherter Platz war umsäumt von einfachen Hütten, von denen aber keine den Anschein machte noch bewohnt zu sein. Bei den meisten fehlten die Dächer. Von einigen waren nur noch niedergbrannte Reste zu erkennen. Aus einer der Hütten drang ein lautes Schnarchen zu den Reisenden herüber.
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Talonis bewegt seinen Finger zum Mund und bedeutete den anderen, Leise zu sein.
Dann ging er leise zum Haus, aus dem das Schnarchen kam.
Auf den Weg dorthin trat er jedoch auf einen Ast, der laut knackte. Einen Moment blieb er stehen. Doch das Schnarchen setzte sich fort. Dann setzte er seinen Weg fort, bemüht, auf keinen weiteren Ast zu treten, um einen Blick durch das Fenster zu werfen. Vielleicht konnte er erkennen wer dort so schnarchte.
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Talonis blickte in den Innenraum. Noch bevor er etwas sehen konnte, drang ein übler Gestank nach Schweiß und Verwesung zu ihm herüber. Er ahnte bereits was dort lag, bevor er es gesehen hatte. Ein großer, sehr dicker Oger schnarchte dort und hatte scheinbar einen gut gefüllten Magen, denn trotz des ohnehin schon recht massigen Körpers wölbte sich der Bauch wie eine Kugel hervor. Offenbar scheute das Ungeheuer die Hitze des Tages ebenso wie die Reisenden, denn das kleine Haus war noch recht gut in Takt und zudem erheblich kühler als die Außenwelt.
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Mortan versuchte erst garnicht, leise und unbemerkt zu der Häuserrunie zu kommen. Er stellte nur vorsichtig seine schwere Tasche auf den Grasboden und löste ein kleines Faustbeil, das gerade mal zum Feuerholz schlagen geeignet war, aus einer Trageschlaufe.
"Lieber ein Holzbeil, wie gar keine Waffe", dachte er bei sich und richtet seinen Blick auf den Mönch, der durch das Fenster in die Hütte lugte.
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Der Priester hielt sich die Nase zu und ging ein paar Schritte rückwärts. Dann schlich er zurück zu seinen Gefährten.
"Im Haus schnarcht ein Oger. Er scheint jemanden gefressen zu haben und stinkt genau so wie der 1. Oger."
Talonis blickte zurück zum Haus. Das Schnarchen war zwar laut, aber er bemühte sich trotzdem, leise zu sprechen: "Egal, ob wir das Dorf verlassen oder den Oger im Schlaf meucheln. Wir sollten uns beeilen. Ich habe keine Lust hier zu stehen und noch zu beratschlagen, wenn das Monstrum aufwacht."
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"Ich bin einfach für verschwinden." erklärte Luana leise.
Dabei schaute sie sich aufmerksam um. Die Hütten waren schon länger nciht mehr bewohnt. Was der Oger wohl gefrassen haben mochte? Doch eigentlich wollte sie da gar nicht weiter drüber nachdenken.
Sie hatte das GEfühl nicht allein zu sein. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Nur ein Oger? Und der schläft? Noch einmal spähte sie aufmerksam über den zugewucherten Platz. Doch sie konnte nichts merkwürdiges finden.
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"Dann lasst uns schnell, aber leise, dem Flusslauf folgen."
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Nimrott stimmte zu. Sie verloren keine Zeit jenen Ort zu verlassen, der offenbar schon seit längerem von wenigstens einem Oger bewohnt wurde. Sie fanden einen Trampelpfad, der weiter am Waldrand entlang führte. Aber kaum waren sie dabei ihre Reise wieder aufzunehmen, tauchte hinter ein paar Bäumen ein weiteres von diesen Ungeheuern auf. Dieser Oger war nicht so groß und auch nicht so fett wie die anderen, hatte dafür aber einen mindestens ebenso dummen Gesichtsausdruck. Er bemerkte die Reisenden und blickte auf. Er war in der Hocke und buddelte nach irgendetwas in der Erde. Der Gruppe fiel schnell auf, wo sich der Oger dort befand. Kaum hatte er nämlich die Reisenden gesehen, schnappte er sich einen Knüppel, der neben ihm gelegen hatte, und trümmerte mit diesem auf einen Grabstein ein, der sich direkt neben dem gegrabenen Loch befand. Er schrie dabei irgendetwas in einer fremden Sprache, die sich dukel und hart anhörte.
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Talonis stellte sich vor Luana, um sie zu beschützen.
Anschließend griff er nach unten und hob einen Stein vom Boden hervor. Kampflos würd er sich nicht ergeben. Er nahm den Stein und warf ihn nach dem Oger.
Dann ergriff er seinen Stab mit beiden Händen und hielt in verkrampft fest.
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Fluchend zog Mortan wieder das Holzbeil und liess seine Tasche fallen. Nervös stellte er sich einwenig abseits. Egal auf wen sich der Oger stürzen, so könnte ein anderer ihm dann in die Seite fallen. Ausser Luana wäre schneller und würde dem Oger mit Pfeilen den Garaus machen.
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Während sie dabei waren den eleganten Rückzug anzutreten, bespannte Luana den Bogen. Dieses seltsame Gefühl wollte einfach nciht weichen.
Luana hatte es geahnt, es war nciht nur einer dieser Oger hier. Im Bruchteil einer Sekunde lag ein Pfeil auf dem Bogen und zerschnitt gleich darauf die Luft auf dem Weg zu dem trommelnden Oger. Leider konnte Luana nicht richtig zielen, da sich Talonis vor sie schob. Und so traf der Pfeil lediglich den rechten Oberarm. Der Oger brüllte laut auf, als ihn das Geschoss traf.
Doch Luana hatte schon den zweiten Pfeil auf der Sehne...
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Durch das Trommeln des Ogers angelockt, stürmten aus der Entferung zwei weitere dieser Ungheuer aus dem Unterholz, als hätten sie dort gelauert. Mit lautem gegröhle trampelte auch der besonders große und kräftige Oger, welcher zuvor noch geschlafen hatte, aus der anderen Richtung heran. Wie es aussah, war die Gruppe umstellt. Um sie herum diese stinkenden, dicken Männer. Nimrott stand einen kurzen Moment wie versteinert da. Gasper war dagegen sofort bei der Stelle. Er zog sein langes Schwert und stieß Mortan hektisch mit den Worten an:
"Ich kümmere mich um die beiden da vorne, ihr nehmt euch den Dicken vor!."
Nimrott hielt die beiden auf, indem er meinte:
"Nein, ich kümmere mich um die beiden. Ihr beide nehmt euch den Dicken vor."
Mortan und Gasper verloren keine Zeit und stürmten auf ihren Feind zu. Der Gelehrte sagte nun hektisch zu Baratos:
"Eure Kunst ist das Feuer, mein Freund. Lasst Luanas Pfeile in den Flammen Eldamars erglühen!"
Der Zauberer betrachtete noch einmal Luana. Sie wirkte etwas nervös und hielt den Bogen nicht so treffsicher wie sonst. Selbst sie bräuchte wohl mehr als einen Pfeil, um den nahenden Oger niederzustrecken. Nimrott schloss die Augen, hielt seinen Zauebrstab fester und begann in einer ungewöhnlich tiefen und rauen Stimme fremde Worte zu murmeln, wobei seine Blickrichtung zu den nahenden Ogern wies. Luana wagte einen nervösen Blick zu Nimrott und Baratos. Beide sahen harmlos aus. Doch ihr zweites Gesicht sagte ihr mehr. Obwohl die Augen der Gelehrten offenkundig geschlossen waren, blickten sie tief in die Geisterwelt. Ihre Stimmen hallten in den unsichtbaren Welten wieder. Luana schauderte es ein wenig, denn die Stimmen der beiden durchstießen die Schatten und wurden in der Geisterwelt immer lauter. Kurz stockte auch Mortan in der Bewegung. Denn er vernahm ebenfalls die schemenhaften Worte. Erst als er von Gasper am Arm gezogen wurde, nahm er wieder den Angriff auf.
Talonis war ratlos. Ihm hatte niemand gesagt, was er zu tun hatte. Für den Kampf war er nicht ausgebildet. Dennoch wollte er nicht von der Seite seiner Begleiter weichen und kämpfen, falls es nötig werden sollte.
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Sie wartete nicht was die beiden vorhatten. Ihr zweiter Pfeil traf den trommelnden Oger mitten in den Oberkörper. Immerhin hörte er nun mit dem Trommeln auf. Dafür wandte er sich ebenfalls der Gruppe zu. Brüllend vor Schmerz oder vor Wut. Es war auch egal.
Ein weiterer Pfeil verließ die Sehne ihres Bogens und schnellte durch die Luft. Luana war nicht sonderlich erstaunt das die Spitze dieses Pfeiles brannte, denn sie hatte die Bewegungen in der anderen Welt gespürt.
Noch während dieser Pfeil flog versuchte die Jägerin den Schwachpunkt des Ogers zu erkunden und legte einen weiteren Pfeil nach.
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Luana erkannte, dass die brennenden Pfeilspitzen sich nicht nur mühelos in das Fleisch bohrten, sondern darüber hinaus zischten und schwelten. Die im Fleisch steckenden Pfeilschäfte fingen sofort Feuer und stoben funkend auseinander. Die Wunden aber verlangsamten oder behinderten den Oger offenbar weniger, als dass sie ihn anstachelten. Das Biest wirkte nur noch wütender.
Die Flammen Eldamars, dachte Luana. Das war etwas, was auch sie wusste, denn viele Märchen gab es über Eldamar, den Herren des Feuers, das unvorstellbare Schmerzen verursachte. Schmerz war aber offenbar etwas, was auf Oger anders wirkte, als auf die meisten irdischen Geschöpfe.
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Gasper und Mortan rannten auf den großen Oger zu. Mortan schwirrten noch die unwirklichen Worte der Zauberer und Geister in seinem Kopf. Gasper war dem Zwerg zwei Schritte voraus, wich geschickt der großen Ogerkeule und holte zum Gegenschlag aus.
Mortan griff den Oger von der Seite an, legte alle seine Kraft und Schwung des Anlaufes in seinen Schlag. Das Beil fetze in das Bein des Ogers, traf auf einen Knochen. Mortan wurde von der Wucht des Aufpralles derart überrascht, dass er strauchelte und fluchend zu Boden stürzte. Das Beil war weg, als sich der Zwerg wieder aufrappelte.
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Er wird immer wütender, dachte Luana. Wenn das mal nicht schief geht. Sie schoß den Pfeil ab, welcher sich ebenfalls brennend in den Oger bohrte.
Dann versuchte sie etwas neues. Zwei Pfeile legte sie auf die Sehne des Bogens. Sie hatte schon Leute gesehen die dies taten, doch selbst hatte sie es bisher nicht probiert. Jedoch war die Situation gegeben, alle Möglichkeiten auszuschöpfen um den Oger zu erledigen. Schnellstmöglichst! Denn das Vieh bewegte sich nicht gerade langsam auf die Gruppe zu.
Sie schoß die Pfeile ab und schaute angespannt ihrmen Flug nach. Mit beiden Pfeilen verfehlte sie den Oger. Luana fluchte leise, zog aber weitere zwei Pfeile aus dem Köcher.
Mehr Konzentration! Was hast du gelernt Luana.
Sie legte die Pfeile an, schloss die Augen und konzentrierte sich. Sie zeichnete den Flug der Pfeile und den Punkt an dem sie den Oger treffen sollten in ihren Gedanken. Sie zeichnete sie Linie in die Geistwelt. Dann ließ sie die Pfeile fliegen.
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Talonis blickte sich hilflos um: Um ihn herum tobte der Kampf. Von Überall so schien es, waren Rufe und Schreien zu hören.
Dann hatte Talonis sich wieder im Griff. Er rannte zu dem Oger, auf den bereits Mortan einhackte, und traff ihn mit der vollen Wucht seines Stabes auf den Kopf.
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Der von den Pfeilen angestachelte Oger stürmte scheinbar ohne sich an weiteren Treffern zu stören auf seine Feinde zu. Luana fing an zu zittern, als ihr das Ungetüm immer näher kam und seinen Knüppel hoch in der Luft schwang, offenbar nur mit einem Ziel: zu töten. Ein Treffer würde reichen, um jeden von ihnen zu erschlagen. Der nächste Pfeil streifte das Ungeheuer nur noch, ein weiterer traf den Oberschenkel, bewirkte aber nur, dass der Oger einige Momente humpelte.
Gasper hatte wenig Schwierigkeiten den Schlägen des großen Ogers auszuweichen. Allerdings kam er nicht zum Gegenangriff, da dieser wütende Gegner seinen Holzknüppel wie ein wahnsinniger, mit aufgerissenem und geifernden Maul schwang. Hin und wieder schaffte der Paladin es dann doch einen Schlag durch die offene Deckung des Ungheuers zu bringen, allerdings waren es in der Hauptsache Streifschläge oder Hiebe ohne Kraft, die gerade einmal die Haut verletzten. Talonis duckte sich etwas unbehende unter dem Schlag seines Widersachers weg, doch hatte er die Geschwindigkeit des Angriffes total falsch eingeschätzt. Der Knüppel traf ihn glücklicherweise nicht direkt, denn das hätte sicherlich den Tod zur Folge gehabt. Statt dessen streifte die Waffe über seinen Kopf hinweg und schleuderte ihn so derb zu Boden, dass er für einen Moment vollkommen die Orientierung verlor und unzählige Sterne über den sich immerzu drehenden Boden tanzten. Mortan hielt sich erstaunlich gut. Er hatte zwar wenig Kampferfahrung, doch beachtete ihn der Oger nicht so sehr, wie seine größeren Gegner. Ein Fehler wie sich herausstellte. Dem Zwerg gelang es einen heftigen Schlag gegen die Kniehscheibe zu führen, so dass der Oger laut aufschrieh und nun dem kleinen Mann doch seine Aufmerksamkeit zollte. Das Biest trat zu und grub seinen kräftigen Fuß tief im Bauch des Zwerges ein, so dass dieser strauchelte und vor dumpfen Schmerzen stöhnend zu Boden fiel.
Die Reisenden fragten sich, was Nimrott die ganze Zeit machte. Er hatte gesagt, er würde sich um die aus der Ferne nähernden Oger kümmern. Doch sie kamen ungehindert voran, nichts hielt sie auf, bis sie schon bald nah genug waren, um anzugreifen. Doch schließlich passierte es. Die Stimme des Alten hob sich beständig und wurde aggressiver, vor allem in der wiederhallenden Unendlichkeit der Geisterwelt. Die Welt schien sich um den Zauberer zu verdunkeln, als zöge er das Licht zu sich. Der Stab vollführte langsame, kreisende Bewegungen als würde er Wasser zum strudeln bringen. Seine freie Handfläche hielt er geöffnet in Richtung der sich nähernden beiden Oger. Nimrott konzentrierte sich, seine Augen blickten starr nach vorn und glänzten merkwürdig. Die letzten Worte sprach der Alte so laut, dass es jeder hörte:
"Letender Altasier Asterion!"
Für einen Augenblick drehten sich alle Anwesenden zu Nimrott. Die letzten drei Worte waren voll und dunkel, nicht nur seine eigene Stimme war da zu hören, sondern die einer höheren Wesenehit. Nicht nur in der Geisterwelt schienen Funken von Stab und Hand zu springen, obwohl sich niemand sicher war, ob es sich dabei nicht um eine Einbildung handelte. Entlang der Augenline schien sich das Licht zusammen zu ziehen. Luana und Mortan waren abgelenkt, doch die beiden waren die einzigen, die hätten sehen können wie in den unsichtbaren Welten Schatten am helligten Tag dem Blick des Alten folgten. Was allerdings jeder merkte war, wie für einige kurze Momente der Boden bebte und knarrte, wie ein altes Segelschiff. Wie in einer einzigen Entladung barst der Ungergrund und gab in einem schnellen Ruck einen eineinhalb Schritt breiten Erdspalt frei. Beide Oger stürzten noch in der Bewegung. Einer landete in einer breiteren Stelle und stürtzte auf den Grund, der nicht allzu tiefen Spalte. Der andere fing sich schnell, aber verhakte einen Fuß. Die beiden Ungeheuer hätten sich bestimmt schnell befreit, doch es dauerte nicht lange, da löste sich die Anspannung in den Zügen des Zauberers, nur um dann noch einmal aufzuflammen und zu rufen:
"Eledenir Asterion!"
Und die Spalte schnappte wieder zu, so schnell wie eine Großtierfalle und beförderte unmengen von trockenem Lehm in die Luft. Als sich der Staub wieder gelegt hatte, sah man wie ein Oger bis zur Brust im Erdreich steckte und vergeblich versuchte sich zu befreien. Von dem anderen fehlte jede Sprur.
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Luana bemerkte nur aus dem Augenwinkel was mit den anderen beiden Ogern geschah, auf sie und Talonis stapfte immer noch ein wütender Oger zu. Einen weiteren Pfeil schoß sie noch ab. Dieser traf ein weiteres mal den Oberkörper, doch wie die anderen Pfeile wurde er von dem Oger ignoriert.
Dann war der Riese ran. Sein Gestank vernebelte ihre Sinne. Sie ließ den Bogen sinken und griff mit der anderen Hand nach dem Dolch an ihrer Seite. Ein kurzer Blick zu Talonis verriet ihr das er bereit war zu kämpfen.
Die Angst saß ihr im Genick. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als die Keule des Ogers auf Luana und Talonis hinabfuhr...
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Mortan stütze sich schwer auf seine Arme. Das Atmen fiel ihm schwer, doch er schien sich förmlich die Schwerzen aus dem Leib zu husten. Noch leicht benommen und schwankend stand er auf und schaute nach seiner Axt. Sie lag irgendwo unerreichbar zwischen den Füssen der Kämpfenden. So leicht gab er nicht auf. Der Zwerg hob zwei schwere Steine vom Boden um sie dem Oger in den Rücken zu werfen. Vielleicht, so dachte er bei sich, wäre der Oger dann abgelenkt genug um von Gasper getroffen werden zu können.
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Nicht nur Luana starrte erschrocken auf das Ungetüm von Oger vor ihr. Auch Nimrott und Baratos waren wie versteinert. Das Biest hieb zwar auf Luana ein, doch die Kraft des Schlages verebbte so schnell, dass sie leicht ausweichen konnte. Nur einen Augenblick später erschlafften die Gesichtszüge des Ungeheuers, es ließ die Keule fallen und stürzte schließlich selbst zu Boden. Der stinkende Leib hatte überall dort schwarze Flecken auf dem Körper, wo die Pfeile eingeschlagen waren. Zudem zischten und rauchten die Wunden wie Schlote und gaben den ätzenden Geruch von Elderans Flammen frei. Vielleicht mochte der Oger auf Schmerzen merkwürdig reagieren, doch brachten auch ihn Pfeile zu Fall.
Das große Ungeheuer, welches Gasper gegenüber stand, sah nun auch seinen letzten Atemzügen entgegen. Das Biest stachelte sich selbst zu enormer Wut auf, als es die anderen Oger fallen sah. Und Gasper wusste, dass er keinen Moment länger warten durfte. Wenn sein Gegner ersteinmal in einen Kampfrausch geraten sollte, wäre er nicht mehr zu stoppen. Also sprang der Paladin hervor, schwang sein Schwert und zielte genau auf den aufgedunsenen Unterleib seines Widersachers. Der Oger aber stoppte den zweihändig geführten Schlag mit seinen kräftigen Händen, indem er Gaspers Hals griff und ihn würgte. Noch bevor sein Genick brach, stach der Paladin mit dem Schwert zu. Der Oger ließ ihn los. Dann schwang Gasper das Schwert von rechts nach links und schnitt seinem Gegner den Unterleib auf, so dass unmengen an Blut und Innerein herausquollen. Ein Widerlicher Anblick und ein fürchterlicher darauf folgender Gestank. Der gestandene Krieger hüpfte hektisch und unbehende einige Schritte zurück, weil ihm das ganze Zeug entgegenkam, was ihn offenbar sehr überraschte. Dabei stolperte er über Mortan, verlor sein Schwert und blickte sich schweißüberströhmt hektisch um. Es dauerte eine Weile, bis er sich beruhigt hatte und merkte, dass ihnen keine Feinde mehr gefährlich werden konnten. Gasper sagte zu Mortan:
"Dank sei Metorn, dass ihr noch am Leben seid. Ich dachte der Tritt des Ogers hätte euch den Rest gegeben."
Die Übrigen kamen heran und halfen dem Zwerg auf. Noch immer gingen dumpfe Schmerzen von seinem Magen aus. Einen Menschen hätte solch ein Tritt umgebracht, gab Talonis zu bedenken. Die Gruppe blickte sich um. Der größte Oger lag mit geöffnetem Bauchraum vor ihnen und gab keinen Ton mehr von sich. Ein weiterer war von Luanas Pfeilen niedergestreckt worden. Einer war irgendwo unter der Erde und mit Sicherheit bereits erstickt. Der letzte aber lebte noch. Sein Unterkörper war so weit eingegraben, dass er sich aus eigener Kraft nicht befreien konnte. Der Oger schimpfte in seiner angestammten Sprache und suchte nach Steinen, die er werfen konnte. Vergeblich.
Alle Anwesenden hatten heute zum ersten mal erlebt, wozu die beiden Zauberer in der Lage waren. Mortan war erstaunt, aber nahm es mit zwergischer Gelassenheit. Dennoch fragte er sich, ob Nimrott oder sein Begleiter ihm etwas über seine teils seltsamen Visionen erzählen könnten.
Luana war weniger erstaunt über die Fertigkeiten der Magier, als viel mehr entsetzt. Macht, so hatte sie gelernt, geht immer einher mit Zurückhaltung. Was die Magier aber in den unsichtbaren Welten hinterließen, war Chaos. Ein vielleicht nie wieder gut zu machender Schaden. Sie hatte viele ihrer Fähigkeiten noch nicht enthüllt, würde es aber tun, wenn auch nur um den Zauberern zu zeigen, wie man mit der Geisterwelt umgehen musste.
Talonis sah heute zum ersten mal, wovon er schon so viel gehört hatte. Er war überzeugt, dass Metorn den Zauberern ihre Kräfte aus gutem Grund gegeben hatte. Aber ebenso bedeutsam war es wohl, dass er sich auf dieser Reise befand. Vielleicht war seine Aufgabe sicherzustellen, dass die beiden ihre Macht nicht missbrauchten.
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Talonis ging ein paar Schritte auf den gefangenen Oger zu. Dabei achtete er darauf, dass er außerhalb der Reichweite seiner Arme blieb.
"Verstehst du unsere Sprache?", fragte er. "Und wenn ja, wie lange wohnt ihr hier schon?"
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Luana sammelte sich wieder, steckte ihren Dolch weg und schaute zu Talonis. Auch ihm ging es gut, der Oger war vorher zusammen gebrochen. Jetzt näherte sie sich dem von Pfeilen gespickten Oger. Da dieser nach vorn gefallen war, lag er leider auf den meisten ihrer Pfeile drauf, jedoch konnte sie drei Pfeile aus dem Toten bergen. Mit ein wenig Nacharbeit, wären diese dann wieder so gut wie neu. Luana war zu frieden.
Erst jetzt drehte sie sich zu den anderen um.
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Mortan war nach dem schweren Treffer immer noch benommen.
"Dankt Metorn, dass er Euer Schwert so treffsicher geführt hat. Denn ohne eure Hilfe hätte der Oger sicher noch ein paarmal mehr nach mir getreten.", sagte er zu Gasper, während er sich von ihm helfen liess, wieder auf die Beine zu kommen. Dann blickte er sich um und kramte stöhnend und mit schmerzverzerrtem Gesicht kramte er seine Sachen wieder zusammen.
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Der vom Erdboden gefesselte Oger blickte zornig zu Talonis auf. Er tastete mit einer Hand nach Steinen, fand aber keine mehr, da er schon alle umliegenden weitgehend ungezielt weggeworfen hatte. Dann änderte sich sein Gesichtsausdruck und Furcht zeichnete sich in seinen Zügen ab. Dem Priester fiel es schwer für ein solch grässliches Ungetüm Mitleid zu empfinden. Da der Oger scheinbar nicht ein Wort verstanden hatte, versuchte es Talonis mit einer anderen Sprache. Er wählte nach mehreren Versuchen einen Dialekt, den man die Stimme der Unterwelt nannte, welcher in der Heimat eigentlich nur von wenigen Ungläubigen in Form von Beschwörungen verwendet wurde. Die Oger in diesen Landen nannten diesen Dialekt offenbar als Sprache ihr eigen. Talonis wiederholte die Frage und das Biest gab zögernd Antwort:
"Viel Essen macht Dicke noch dicker und Starke noch stärker. Ihr dürft nicht töten oder wir töten. Grabt und gebt Beine wieder."
Der Priester war ein wenig verwirrt. Ob es sprachliche Hürden waren, die den Oger so schwer verständlich machten? Talonis fragte, was mit diesem Ort geschehen war. Der Oger sah in dem Moment, als er die Frage hörte, sehr dumm aus und ebenso schwer verständlich war die Antwort. Talonis verstand sowas wie:
"Der schwarze Mann und die schwarzen Männer machen große und kleine Männer kaput. Sie machen ihr Fleisch kaput. Sie nehmen ihren Saft mit und sie machen ihr Fleisch kaput. Sie machen die dicken Männer kaput und nehmen ihren Saft mit. Die dicken Männer nehmen das Fleisch von den kaputen Männern. Du machst die dicken Männer kaput und nimmst dem Dicken die Beine weg."
Der Oger blickte an seinem eingegrabenen Körper herab.
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Talonis schaute verwirrt. Er dacht kurz nach.
Dann erwiderte er: "Seit wann machen die schwarzen Männer die Oger kaputt? Und hast du schonmal einen schwarzen Mann kaputt gemacht?"
Zu seinen Gefährten sagte er: "Die Oger scheinen im Krieg mit irgendwelchen schwarzen Leuten zu sein, die den Ogern das Blut oder andere Körpersäfte stehlen."
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"Das würde doch durchaus zu dem seltsma verunstalteten Oger passen den wir vorhin gesehen hatten." Luana kam etwas näher, blieb aber ausser Reichweite für den Oger. "Schwarze Männer? Was geht hier vor in diesem Wald?"
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"Ich denke, wir sind gerade dabei, dies herauszufinden." meinte Baratos lächelnd zu Luana, während er sein Gewand ordnete und sich dann nochmal nachdenklich durch den langen Bart fuhr. Er hielt sich zwar deutlich weiter entfernt vom Oger als Luana und Talonis aber wirkte ungleich neugieriger und interessierter an dem hässlichen Geschöpf, was da halb in der Erde steckte.
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"Irgendwie habe ich das Gefühl das wir noch weit davon entfernt sind etwas heraus zu finden. Das einzige was wir seit dem Verlassen der Stadt gefunden haben waren Fragen, keine Antworten." Luana wirkte nachdenklich.
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Der Oger stotterte sich irgendwas zusammen, nachdem Talonis gefragt hatte. Der Priester wurde aber beim besten Willen nicht aus seinen Worten schlau. Gasper ging dazwischen:
"Ich weiß vielleicht, wer die schwarzen Männer sind. Der höchste Berater des Fürsten trägt traditionell schwarze Gewandung, genau wie seine Schergen. Ob der Fürst so tief gesunken ist seine Leute in die Wildnis zu schicken, um irgendwelchen Kreaturen das Blut auszusaugen?"
Nimrott dachte nach. Er meinte:
"Das Blut von lebenden Wesen trägt die Kraft des Körpers. Wir kennen drei verschiedene Ströme der Kraft: Das Blut oder den Saft von Pflanzen. Den Fluss der Elemente und den Manaregen. Blut trägt an sich im Vergleich zu den anderen Quellen nur wenig Kraft in sich. Für magische Rituale ist es absolut ungeeignet. Es sei denn..."
Der Zauberer kratzte sich am Kopf und betrachtete noch einmal den halb vergrabenen Oger. Dann fuhr er fort:
"Es sei denn man verwendet das Blut von sehr alten und mächtigen Geschöpfen. Alt genug werden eigentlich nur Elfen. Oger sind meines Erachtens zu dumm, um große Macht in sich zu vereinen."
Talonis leuchteten die Worte von Nimrott ein. Blut gehörte aber oft zu verwerflichen Ritualen, egal welche Kraft nun wirklich in ihm steckte. Gasper fragte:
"Und was machen wir jetzt mit diesem stinkenden Oger?"
Das Ungeheuer blickte ängstlich und etwas unaufmerksam um sich. Die Aggressivität war vollständig verflogen.
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Talonis schaute zum Oger. Für eine Sekunde verspürte er Mitleid mit der Kreatur. Doch dann erinnerte er sich, wie ein einziger Schlag von ihnen ausgereicht hatte, um ihn zu Boden zu schleudern; und das Mitleid war wieder verflogen.
Dann antwortete er Gasper: "Wir können ihn unmöglich frei lassen. Er würde sobald ihn der Hunger überkommt wieder Menschen angreifen. Und wenn wir ihn hier halb eingegraben lassen, würde er qualvoll dahinsiechen, bevor ihn der Tod erlöst. - Ich bin dafür, wir töten ihn hier."
Während er so vom Tod sprach, fiel ihm ein, dass einer der Oger vorhin an einem Grab gebuddelt hatte. Er ging zu dem Grabstein und schaute, wonach dieser gegraben hatte.
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Mortan verfolgte die Diskussion nur beiläufig.
"Wir sollten uns nicht zu lange hier aufhalten. Vielleicht sind noch mehr dicke Männer hier in der Gegend. Und auf deren Gesellschaft kann ich gerne verzichten."
Er folgte dem Mönch zu den Grabstein und warf einen neugierigen Blick auf den aufgewühlten Boden.
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Der Erdboden offenbarte nichts außergewöhnliches. Zwischen aufgewühltem Erdreich fand sich genau das, was man dort erwartete: Menschliche Überreste. Ein halb verwester, bleicher Leichnam war aus seinem Grab gerissen worden. Ein Arm fehlte der Person. Er war offenbar mit außerordentlicher Gewalt ausgekugelt und abgerissen worden.
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"Vielleicht solltet ihr ein Gebet sprechen, danach können wir das Grab wieder schliessen.", meinte der Zwerg.
Sein Blick fiel wieder auf den Oger, der hilflos im Erdreich festsass. Ihm gefiel der Gedanke überhaupt nicht, den wehrlosen Dicken, der offenbar sogar einer Form von Sprache mächtig war, einfach so wie ein wildes Tier zu töten.
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Nimrott kam mit Gasper herbei und schlug vor:
"Wir sollten heute so weit wie möglich von hier fort. Wer weiß, wie viele Oger noch in der Gegend herumlungern. Das Biest da vorn sollten wir so schnell wie möglich erledigen."
Der Zauberer sah sich um und ergänzte:
"Davon haben sich die Oger ernährt. Überall geöffnete Gräber."
Der gesamte kleine Friedhof war durchwühlt. Die meisten Gräber waren mit einfachen Holzstecken markiert, ein Anzeichen dafür, dass sehr viele Menschen in kurzer Zeit gestorben waren. Nur wenige Natursteinblöcke, in die Namen graviert waren, fanden sich hier. Das mussten die älteren Gräber sein.
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Talonis schaufelte mit seinen Händen das eine Grab wider zu. "Herr, behüte die Seelen dieser Verstorbenen." Dann sprach er einen Grabsegen auf die Gräber.
Als er damit fertig war, stützte er sich erschöpft auf seinen Stab. "OK, wir können weiterreisen", murmelte er zu der Gruppe.
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Luana überlegte was sie am besten mit dem zur Hälfte eingegrabenen Oger tun sollten. Und sie mußte zustimmen, am besten wäre es ihn zu töten. Wenn man ihn so ließe, würde er auf kurz oder lang eh sterben.
Sie ging zu Gasper hinüber und meinte dann leise zu ihm "Kannst du ihn nicht schnell erledigen?" Sie hoffte das der Paladin dies tun könnte und würde.
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Gasper zog sein Schwert und bewegte sich mit eiserner Mine auf den eingegrabenen Oger zu. Dieser ahnte offenbar, was auf ihn zukam, so dass er versuchte sich krampfhaft aus seinem Gefängnis zu befreien. Der Paladin aber zögerte nicht und trennte seinem Opfer mit einem gezielten Schlag den Kopf vom Körper, so dass der Leib erschlaffte und das Haupt dumpf neben dem massigen Ungetüm auf dem Boden aufschlug. Der trockene Erdboden wurde von dem dicken, roten Blut des Ogers gesäumt. Gasper kramte ein Lumpentuch aus seiner Tragetasche am Gürtel, zog einmal das Schwert hindurch, um es vom Blut zu reinigen und warf anschließend den Stoff neben den verendeten Oger.
"Widerlich."
sagte der Paladin mehr zu sich selbst und steckte sein Schwert wieder weg. Hier zeigte sich sehr deutlich, dass Gasper Oger nicht für merkwürdig anmutende, menschliche Wesen hielt, sondern für eine Abartigkeit der Natur. Nimrott mochte den Anblick von Tod und Verderben garnicht. Er sagte nur kurz:
"Lasst uns weitergehen."
Die gedamte Gemeinschaft folgte ohne weitere Worte. Egal, ob diese Monster nun dumm, unkultiviert oder brutal waren, so konnten sie doch reden und empfanden wenigstens sowas ähnliches wie Todesangst. Vor allem bei Talonis blieb ein unbehagliches Gefühl zurück. War es richtig Wesen hinzurichten, die möglicherweise in der Lage waren Metorns Gnade zu empfangen?
Die meisten in der Gruppe aber legten schnell jedgliche Reue ab, da die Gefahren keinesfalls gebannt schienen. Ganz im Gegenteil mochten in dieser Wildnis, im Wald oder auf den weiten Auen weitere Oger lauern. Daher hatten die Reisenden während ihrer Wanderschaft auch immer ein Auge auf das Unterholz. Bald verwendeten sie den Flusslauf nicht mehr, sondern durchquerten das hohe Gras neben dem Waldrand. Mortan, der kaum über die Halme hinwegsehen konnte und sich vorkam, als ginge er durch ein Labyrinth, fragte sich spätestens in diesem Moment, wohin die Reise sie eigentlich führen sollte. Sie verwendeten keine Wege mehr, was vor allem das kleine Volk überhauptnicht mochte. Erst als die Sonne bereits unterging, erreichten die Reisenden einen kleinen See, dessen Ufer nur von niedrigem Bewuchs gesäumt war. Das Abendlicht glitzerte rötlich auf dem Wasser, welches immer wieder kleine, kreisrunde Wellen schlug. Das war ein untrügliches Zeichen von Fischen, welche nach Insekten schnappten. Talonis verstand viel vom Angeln und unterbreitete den Vorschlag die Nacht hier zu verbringen und sich an den Früchten der Natur zu bedienen. Nimrott freute dieser Vorschlag, da er nicht wusste wie lange sie noch von ihren Vorräten leben mussten. Als nur noch der Wiederschein des Halbmondes und der Sterne im Wasser zu erkennen war und Glühwürmchen durch die nahegelegenen Büsche tanzten, war das Lagerfeuer das hellste Licht in dieser Gegend. Die Gruppe saß zusammen im Kreis und bediente sich an schon alt gewordenem Brot. Dazu kam der frisch gefangene Fisch aus dem kleinen See. Nimrott brach das Schweigen und meinte:
"Vielleicht sollte ich euch über mich aufklären. Heute habe ich einen Teil meiner Macht offenbart, als uns die Oger angriffen."
Die Anwesenden lauschten aufmerksam. Die geheimen Künste waren verrucht und in den Ohren vieler hörten sich die Erzählungen darüber wie Märchen an. Heute hatten sie gesehen, was dahinter steckte. Zugegeben waren die meisten Anwesenden nicht völlig unbedarft. Talonis verkehrte mit Zauberern, auch wenn er ihre Macht völlig unterschätzt hatte. Luana mochte auf der einen Seite die Künste der Magier nicht, auf der anderen Seite war sie neugierig, was sie davon lernen könnte. Allein Mortan war überaus neugierig, was es mit der Maige auf sich hatte. Er fragte sich, ob er Talonis etwas von seinen merkwürdigen Visionen erzählen sollte. Nimrott fuhr fort:
"Die Magie der Zauberer ist eine Fortsetzung allen Wirkens auf der Welt. Feuer kann jedermann mit Flint und Zunder machen. Nur Hände und Worte zu verwenden ist eine ähnliche Kunst, nur ist sie weit erhabener. Nicht jeder ist fähig den Fluss der Welt über seinen irdischen Körper, seinen Avatar, hinaus zu beeinflussen. Baratos und ich wurden mit dieser Fähigkeit geboren. Wir wurden unterrichtet und lernten sie zu beherrschen. Dabei haben Sterbliche selten auch nur die geringste Vorstellung, was wir eigentlich tun..."
Nimrott lächelte und blickte in die Flammen des Feuers. Er meinte:
"Einige von uns können sehen, was den meisten verborgen ist. Das ist der erste Schritt die unsichtbaren Welten zu verstehen. Der erste Schritt Magie zu wirken. Seht ihr die Flammen. In den Augen des gemeinen Volkes nur das Spiel von Licht und Farben. Dabei ist es so viel mehr. Es ist keine geheime Kunst zu sehen. Man muss es nur zulassen. Wenn ihr euch bemüht, vergesst wovon ihr überzeugt seid und statt dessen das Geschenk eurer Sinne annehmt, fällt es leichter die wahre Natur der Falmmen zu verstehen."
Die Gemeinschaft schwieg still. Talonis und Gasper sahen sich gegenseitig fragend an. Luana dagegen brauchte nicht erst vom Zauberer belehrt zu werden. Sie sah bereits die unsichtbaren Dinge besser als die meisten sterblichen. Allein Mortan blickte gebannt und gedankenverloren in das Feuer. Plötzlich fürchtete er die merkwürdigen Gestalten nicht mehr, die sich manchmal in sein Gesichtsfeld schoben. Mit einem mal verschwand die Umgebung in absoluter Dunkelheit und nur noch die Flammen züngelten vor seinen Augen. Die flackernden Spitzen vollführten mit einem mal einen Tanz nach einer unsichtbaren Melodie, welche die gesamte Welt durchwebte. Farben wurden zu Mustern, die Hitze des Feuers wurde zu Klängen. Die Klänge zu Worten, die Wahrheit flüsterten. Mortan begann dunkle Schleifen zu sehen, welche sich durch die Flammen züngelten. Dazwischen tauchten schemenhafte Gesichter auf, die etwas zu sagen hatten, aber nicht gehört wurden. Der Zwerg verstand nichts von den Dingen, die gesagt wurden und war doch gefesselt von dem Spiel des Elements. Mit einem mal stieß ihn etwas gegen die Seite. Die Klänge verstummten, die Formen lösten sich in Rauch auf und das Feuer lag vor ihm, wie man es erwartete. Es loderte leicht und hin und wieder knackte funkensprühendes Holz. Talonis fragte:
"Alles in Ordnung?"
-
Mortan blickte noch einen langen Moment ins Feuer, auf der Suche nach den Schattengesichteren. Dann sprach er ruhig, den Blick nicht vom Feuer wendend:
"Nein Talonis, ich glaube, der zwergische Wahnsinn hat mich ergriffen. Ich konnte gerade die Melodie dieses Feuers hören und sah den Reigentanz der dunklen Funken. Doch sind auch Gestalten dort, die versuchen etwas zu sagen, nur ich kann sie nicht verstehen. Ich habe sie schonmal gesehen, in Steinen und Felsen, doch war ihr Geschrei dort fürchterlich und leidend."
Der Zwerg rieb sich seine Seite, die wieder zu schmerzen begann. Er wandte sich den beiden Zauberern zu und fragte Nimrott: "Dann können Zauberer mit den Gesichtern im Feuer reden und deren Sprache verstehen? Was wollen sie mir sagen?"
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Nimrott kratzte sich am Kinn und gab zurück:
"Ihr seht Gestalten im Feuer? Entweder es ist Schlafmoon der eure Sinne trübt oder eure Sinne sind wacher als es für einen Zwerg üblich ist. Wir Zauberer sind nicht mit der Gabe gesegnet in die unsichtbaren Welten zu blicken. Wir müssen Magie verwenden, um unseren Blick dorthin zu wenden. Was man sieht hängt ganz stark von der jeweiligen Person und seiner Geübtheit zusammen. Wenn ihr, Mortan, tatsächlich mit dem zweiten Gesicht gesegnet seid, wäret ihr der erste Zwerg mit dieser Gabe, den ich kenne."
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Talonis fragte: "Seht ihr diese Gesichter häufiger, Mortan? Oder sind diese im Feuer die ersten, die ihr seht?"
Und Nimrott fragte er: "Wenn ihr nicht sehen könnt, was ihr in der unsichtbaren Wlet manipuliert, wie könnt ihr dann dort überhaupt etwas mittels Magie manipulieren?"
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"Ich bin mir nicht sicher, wann ich sie sehe. Wirklich real habe ich sie nur einmal gesehen, dass war beim Steinschnitzen in einer alten Ruine. Fürchterlich war es, doch faszinierend zu gleich. Wie feinste Fäden, filigrane Netze und wunderschöne Muster spannten sich schwarze Fäden um den Stein und offenbarten dessen, wie soll ich sagen, Wirklichkeit. Dann kamen Gesichter zum Vorschein, schrecklich verzerrt, schreiend und voller Leid. Danach bin ich aus der Runie geflohen und ziehe seitdem rastlos durch die Gegend."
Mortans Stimme war zittrig geworden und nicht mehr so stark wie in den letzten Tagen:
"Und dann scheine ich Dinge zu sehen, die nicht sein dürfen. Erinnert ihr euch an den Abend vor unserem Aufbruch aus Fronholm? In der Wirtschaft wäre es zu einer schlimmen Schlägerei gekommen, wäre der Glatzkopf damals nicht über seine eigenen Füsse gestolpert. Doch mir war es, als sei er über Schatten, die aus dem Boden kamen, gefallen. Das ist doch nicht normal. Und ich weiss nichtmal, warum ich diese Dinge und Gesichter oder Geister sehe!"
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Als Nimrott Talonis Worte gehört hatte, musste er lachen. Er gab zur Antwort:
"Wie ich Magie wirken kann, fragt ihr? Habt ihr es nicht mit eigenen Augen und Ohren erfahren? Worte sind der Schlüssel. Nur die Worte. Mit ihnen kann man bitten, auffordern oder befehlen. Ich brauche nicht zu wissen, was ich befehlige, Hauptsache es gehorcht mir. Natürlich verändert sich mein Avatar mit jedem Wort und mit jedem Atemzug. So wie der Körper jedes Menschen. Und mit jedem Machtwort, das ich spreche, wird mein Körper stärker in die unsichtbaren Welten gezogen und wenn man nicht aufpasst, vielleicht daran gefesslt. Geduld und Besonnenheit sind wichtig für jeden Zauberkundigen. Die Macht allein sollte es nicht sein, die sein Handeln bestimmt, sonst wird man Opfer des Schicksals."
Luana hörte, was Mortan sagte und erinnerte sich an alte Lehren, die ihr einst zuteil wurden. Der Blick in die Geisterwelt war nicht bei jedem anders. Aber es gab unterschiedliche Ebenen, die ein Betrachter wahrnehmen und vielleicht sogar beeinflussen konnte. Luana erinnerte sich daran, was ihr über die Nebelschatten gesagt wurde. Schatten und Nebel durchwebten einen Teil der unsichtbaren Welten. Das einzige was sie darüber wusste war, dass Legenden von Ahnengeistern und verlohrenen Seelen sprachen, die dort ihr unwesen trieben. Sie war sich nicht sicher, ob sie das dem Zwerg erzählen sollte. Ihr war der Gedanke schon unheimlich genug, dass in der Runde eine Person mit der Fähigkeit saß, Nebelschatten zu sehen, vielleicht sogar die Pforten zum Schattenreich selbst. Und wenn sie eins von Zwergen wusste, war es der Umstand, dass sie die Geister verstorbener fürchteten, als sei jeder von ihnen mit einem entsetzlichen Fluch belastet.
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Talonis starrte auch in die Flammen und versuchte, etwas zu erkennen.
Doch nach einiger Zeit schmerzten nur seine Augen und er wandte den Blick ab.
Es war schon spät und er war Müde. Er sprach ein kurzes Gebet, in dem er Metorn für den erfolgreichen Tag dankte und ihn um eine geruhsame Nacht bat.
Dann legte er sich hin und schlief ein.
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Uana verfolgte aufmerksam das Gespräch der anderen. Doch sie wollte sich nicht einmischen. So hörte sie einfach nur zu während sie etwas zu essen und zu trinken zu sich nahm.
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"Heute war ein zu anstrengender Tag für einige von uns.", bemerkte Mortan, während er sich in seine Decke einrollte. "Und über Eure Worte muss ich auch erstmal schlafen." Er murmelte noch so etwas wie Gute Nacht zu den Zauberern und zu Gasper und versuchte einzuschlafen.
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Nimrott tat den übrigen gleich und begab sich zur Nachtruhe. Er stellte sich die Frage, was die kommenden Tage noch bringen würden. Die Gemeinschaft, in der er reiste offenbarte viele Überraschungen. Bald ruhte die Gemeinschaft in einem tiefen Schlaf. Die Nacht verging ruhig und Ereignislos. Am nächsten Morgen rafften sich die Anwesenden wieder auf, um dem Ziel ihrer Reise, den Waldelfen, näher zu kommen.
Der Weg führte sie weg von dem See und tiefer in die unbekannte Wildnis. Wieder mussten sie durch hohes Gras wandern, das Mortan wegen seiner Körpergröße unmöglich überblicken konnte. Einen ganzen Tag lang folgten sie dem Waldrand, um in der darauffolgenden Nacht erneut unter den Sternen zu übernachten. Luana erblickte in den Abendstunden regelmäßig eine weiße Eule, die ihnen scheinbar folgte. Am folgenden Tag gewitterte es heftig und der Boden weichte völlig auf. Als besonders ungünstig erwies sich dieser Umstand, als die Gruppe eine flache Niederung erreichte, die lehmig und schlammig war. Luana wurde unruhig, als sie große Fußabdrücke fand. Von Ogern, da waren sich alle einige. Nimrott wurde nervös und versuchte hektisch die Umgebung zu mustern. Er meinte schließlich:
"Vielleicht ist es an der Zeit in den Wald zu gehen. Ich schätze, hier draußen vor den Pforten des Baumreiches finden wir nur noch Grasland und Oger. Nicht das, wonach wir suchen."
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"Der Wald bietet wirklich mehr Schutz für uns." Luana ließ ihren Blick stetig über das Land gleiten.
"Abgesehen davon werde ndie Waldelfen wohl eher im Wald zu finden sein und wir finden dort vielleicht auch einen trockenen Unterschlupf für die Nacht."
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"Zumindest trockener wie hier im Gras.", brummte Mortan in seinen Bart. Er bog das hohe Gras auseinander, um zumindest einwenig weiter in das hügelige Grasland hinausblicken zu können. Er konnte keinerlei Zeichen von Besiedelung oder Zivilisation ausmachen, keine Hausdächer oder rauchenden Schornsteine. Nichts ausser einer Graslandschaft und einem von schweren Regenwolken behangenem Himmel.
"In diesem Nirgendwo kann ich kein Ziel für unsere Reise erkennen. Wir sollten langsam wirklich unseren Weg in den Wald einschlagen. Weit genug entfernt von Fronholm und den Schergen des Fürsten sollten wir ja schon sein."
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Talonis stimmte zu. "Wir sollten endlich in den Wald gehen. - Wenn wir noch länger hier draußen bleiben, werden wir früher oder später wieder auf Oger treffen."
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Nimrott blickte sich noch einmal um. Dieses unbekannte und wilde Land mochte im Endeffekt nicht weniger gefährlich sein als der Wald. Außerdem war der Zauberer ja auf der Suche nach den Waldelfen. Er sagte zu seinen Gefährten:
"Also gut, betreten wir den Wald. Er ist an dieser Stelle nicht so dicht, wie anderswo. Das könnte für uns von Vorteil sein."
Gasper entgegnete:
"Ich hoffe die Elfen lassen mit sich reden. Nur deshalb betrete ich diesen gottlosen Ort. Der Fileipwald steht nicht unter Metorns Schutz. Womöglich beheimatet er das alte Böse."
Talonis dachte in diesem Moment genau das selbe. Die alten, lebenden Wälder waren nicht nur Heimat für gutmütige Kreaturen. Manchmal fanden auch finsterere Mächte dort ihren Unterschlupf. Es wurden nicht mehr viele Worte gewechselt. Luana wurde immer aufgeregter. In diesem sagenumwobenen Wald würde sie vielleicht Antworten finden.
Der Waldrand offenbarte nichts außergewöhnliches. Er sah aus, wie man sich den Rand eines Waldes eben vorstellte. Vor allem Buchen und Eichen wölbten ihre Äste mit den unzähligen kleinen Blättern wie Fächer über die letzten Halme des Auengrases. Dahinter eröffneten sich luftige Korridore zwischen den mächtigen Baumriesen. Der Boden war ein wenig schlammig und modrig, doch halbwegs begehbar. Als erstes wagte Luana einen Schritt in den Fileipwald. Die übrigen folgten schnell. Mortan dachte sich, dass ein verwunschener Wald wahrscheinlich angenehmer wäre als das Zeckenverseuchte Gras zwischen den Hügeln. Aber das war schließlich doch nur der erste Eindruck. Unter dem Blätterdach und zwischen dem niedrigen Unterholz war es dunkler als außerhalb des Waldes. Vor allem aber war es angenehm kühl. Im laufe des Tages veränderte sich der Wald kaum, obwohl die Gruppe bereits ein ganzes Stück zurückgelegt hatte. Irgendwann am Nachmittag sah nicht nur Luana die Eule wieder, welche sie schon zuvor bemerkt hatte. Auch die Übrigen erblickten das Tier, welches in niedrigem Bogen fast lautlos an ihnen vorüberflog. Talonis meinte gelesen zu haben, dass Eulen Tiere des Nacht und nicht des Tages wären. Am Abend schimmerte eine rötliche Sonne durch die Lücken im Blätterdach. Als die Reisenden eine Lichtung fanden, bereiteten sie ihr Lager vor. Als Mortan seine Habseeligkeiten durchsuchte, um Feuerstein und Zunder herauszuholen, stellte er fest, dass sein Wasserschauch angesengt war, als ob er zu nahe am Feuer gelegen hätte. Schlimmer noch war sein Beil zugerichtet. Der ganze Schaft war halb verbrannt und nur noch ein rußiger Stumpf war übrig geblieben. Die Anwesenden sahen sich fragend an. Nimrott aber blickte skeptisch zu Baratos, der als Meister des Feuers bekannt war. Hatte er etwas mit dem Vorfall zu tun?
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Mortan was sich sicher, dass das Beil und der Rest seiner Ausrüstung am Morgen noch in Ordnung gewesen waren. Er konnte sich bei bestem Willen nicht vorstellen, wie er es nicht gemerkt haben soll, wenn plötzlich irgendetwas in seiner Tascher Feuer fing. Und überhaupt, wie sollte sich der Beilschaft entzünden? Und warum haben es die anderen dann auch nicht bemerkt?
Mortan schaute aus den Augenwinkeln in den düsteren Wald. Die Stille kam im unheimlich vor. Er erinnerte sich an Nimrotts Worte, dass Zauberer mit Worten Magie wirken, aber nicht in die Welt der Geister und Schatten blicken konnten. Vielleicht war der verbrannte Stiel einer Warnung aus der anderen Welt? Oder eine Drohung? Und nur deshalb haben er und die anderen davon nichts gemerkt.
Er wandte sich an Nimrott und Baratos: "Als Zauberer stehen euch Möglichkeiten zur Verfügung, die für uns andere hier bisher nie vorstellbar gewesen wären? Habt ihr eine Ahnung, wie mein Beil verbrannt ist? Und warum? Waren es die Schatten?"
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Nimrott blickte streng und erwiederte:
"Schatten mögen in diesem Wald umgehen, aber Feuer entzünden sie nicht, jedenfalls nicht, dass ich wüsste."
Der Zauberer blickte noch einmal zu Baratos herüber und ergänzte:
"Aber es gibt Kreaturen, die Feuer wirken können, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Zauberer binden sich manchmal an fremdartige Wesen, um ihre Macht zu vergrößern. Wir nennen diese Wesenheiten Vertraute. Ich habe den Schritt nie gewagt, meinen Geist und meine Seele mit einem anderen Wesen zu teilen!"
Luana wusste, dass auch Druiden das Wort Vertrauter verwendeten, um einen nahestehenden tierischen Freund zu bezeichnen. Aber niemals würde ein Weiser der Wildnis seinen Geist und seine Seele mit dem Tier teilen.
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"Wollt ihr damit sagen, das irgendein Wesen, vielleicht irgendein Tier meine Sachen angezündet hat?". Ungläubig blickte Mortan auf die Reste des Beils in seinen Händen. Er begann, den verkohlten Stumpf vom Axtblatt zu lösen. "Dann sollten wir sehr wachsam sein. Mir scheint, der Wald bietet uns kaum mehr Schutz wie die Steppe. Kann man sich vor solchen Vertrauten nicht irgendwie schützen? Was halter ihr davon, Talonis? Auch wenn Metorn hier nicht stark sein soll, vermag er uns Schutz zu gewähern?"
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Talonis betrachtete den angekohlten Stil.
"Wenn das Wesen dämonischen Ursprungs ist, so vermag uns Metorn vielleicht davor zu bewahren. Wenn es sich aber um ein sterbliches Wesen handelt, so sollten wir das Problem auch ohne Metorns Hilfe lösen können. Denn Metorn hilft uns, sobald wir seine Hilfe benötigen. Wenn wir aber ein Problem auch alleine lösen können, dann wäre es hochmütig von anderen Hilfe einzufordern."
Er warf dabei einen misstrauischen Blick auf die Magier. Denn wie sie zugaben, hatten sie die Oger nicht aus eigener Kraft besiegt, sondern sich auf die Hilfe der Geisterwelt verlassen.
"Wir sollten auf alle Fälle mehr acht auf unsere Ausrüstung geben." Während Talonis das sagte, untersuchte er seine eigene Ausrüstung, ob diese irgendwelche Anzeichen von Feuer oder andere Ungewöhnlichkeiten zeigte.
Dann wandte er sich an Baratos:"Wenn man einen Zauber wirken will, muss man das Ziel dabei sehen können, oder kann man den Geistern auch befehligen, Sachen zu verbrennen, die außerhalb der eigenen Sicht liegen?"
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Luana dachte bei den Worten Vertrauter an die Eule. Aber irgendwie mochte sie nicht glauben das diese etwas damit zu tun hatte. Ohne darüber nach zu denken überprüfte sie ihre eigenen Ausrüstung. Doch diese war vollkommen in Ordnung. Es fehtle nichts und es war nichts verkohlt.
"Könnt ihr den Stiel der Axt reparieren?" wandte sich Luana an Mortan.
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"Dazu bräuchte ich trockenes und ausgehärtetes Holz. Alles andere wäre nur eine Notlösung. Das Beil ist erstmal nicht zu gebrauchen."
Mortan zog ärgerlich den verkohlten Stumpen aus dem Metall und warf ihn ins Unterholz.
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Mortan wandte sich an Luana und Talonis: "Mir erscheint das ganze etwas Unheimlich, auch wenn ich mich nicht fürchte. Ich denke es ist das beste, wir sollten unser Wissen über die Elfen und Waldelfen teilen, vielleicht haben wir ja dann eine bessere Chance, einen freundlichen oder zumindest keinen feindlichen Kontakt zu den Elfen herzustellen. Ich kenne nichtmal ein paar alte Sagen über Elfen. Ich weiss nur, dass Elfen und Zwerge schon seit sehr sehr langer Zeit auf dem Weltenkreis zusammen lebten, noch bevor Menschen überhaupt das Sonnenlicht erblickten. Es gibt eine Geschichte, in der Zwerge den Elfen die Bearbeitung von Stein beigebracht haben. Ein Märchen erzählt sogar von einem Zwergenkönig, der einem Elfenvolk eine ganze Stadt mit wunderbarsten Häusern, Türmen und Palästen geschenkt haben soll. Doch schon bald gingen wir Zwerge und die Elfen dann getrennte Wege, und so verschwanden die Elfen aus der Erinnerung der Zwerge. Vielleicht gibt es ein paar Priester und alte Gelehrte, die in ihren Runenbüchern noch Wissen über die Elfen bewahren. Das ist so ziemlich alles was ich über die Elfen weiss."
Mortan schaute erwartungsvoll die anderen beiden an.
(Nur so, damit hier mal wieder was passiert. Sorry für den Doppelpost.)
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"Leider hab ich nicht sehr viel Wissen über die Elfen..." begann Luana. Sie schwieg zu ihrer Herkunft, aus Angst wie die anderen darauf reagieren würden.
"Sie haben eine Art von Magie, soweit ich weiß. Eine Intuitive Begabung dafür. Sie sollen sehr geschickt sein und sie sind ein sehr altes Volk."
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(gut, ich muss umstrukturieren ;) . Ich möchte nicht für jemand anderen anderen etwas schreiben, also stellen wir die Vebranntes-Holz-Geschichte ein wenig zurück)
Baratos schwieg, obwohl er zweifelsfrei etwas über Mortans verkohlte Axt wusste. Er war offenbar froh darüber, dass der Zwerg vom Thema abgelenkt hatte, denn seine Gesichtszüge lockerten sich merklich.
"Hmm, die Elfen..."
begann Nimrott. Er blickte flüchtig zu Luana. Er wusste also, wer und was sie war, verlor aber noch kein Wort darüber. Dann sprach er weiter:
"Die Elfen sind ein sehr altes Volk, das steht außer Frage. Nur sollte nicht verschwiegen werden, dass nach allem was ich in Erfahrung gebracht habe, es das Elfenvolk garnicht gibt. Sie sind viele, sehr viele. Sie sind über den Weltenkreis verteilt und bewohnen die entlegensten Orte. Was ist ihr Plan? Was ist ihr Ansinnen? Ich weiß es nicht."
Nimrott erzählte so viel er über die Elfen zu erzählen vermochte. Das war eine ganze Menge, obwohl es sich hauptsächlich um unverständliches Zauberergerede handelte. Dennoch erfuhren die Reisenden vor allem eines: Die Elfen waren ein geheimnisvolles Volk und klare Antworten konnte man nur schwerlich finden. Schließlich endeten der Zauberer mit den Worten:
"Egal, was ich euch auch erzählen mag. Die Antworten erhalten wir womöglich erst von den Kindern des Waldes selbst. Wir sollten hier nicht zu lange verweilen und schlafen, solange wir es noch können..."
Nimrott beäugte misstrauisch die im leichten Wind wogenden Baumriesen.
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Mortan hörte Nimrott gespannt zu, doch gegen Ende war auch ihm die Müdigkeit und die Erschöpfung der letzten Tage anzusehen.
"Was glaubt ihr, sollen wir heute Nacht ein Feuer entzünden? Vielleicht würde das die Aufmerksamkeit der Elfen auf uns lenken. Andererseits glaube ich nicht an Zufälle und mein verkohltes Beil schien mir eine Warnung, kein Feuerholz zu schlagen. Wie lange reicht eigentlich noch unser Proviant?", dabei blickte er zu Luana und ihrem Bogen. Er war sich sicher, dass sie mit dieser Waffe nicht nur große Oger zu treffen vermochte. Dann hockte er sich auf seine Decke und begutachtete im Dämmerlicht den restlichen Inhalt seiner Tasche und seiner Ausrüstung.
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"Ich denke wir sollten am Morgen einen neuen Plan aufstellen wie es weitergehen soll. Unsere Vorräte werden nicht mehr lange halten und wir brauchen eine Richtung, blindlings in etwas hinein zu laufen war noch niemals eine Gute Idee. Die Elfen sind mysteriös, doch sie sind auch ein Volk dieser Welt. Schlimmer als Oger können sie doch nicht sein." ein Lächeln huschte über ihr Gesicht bei diesen Worten. Zu bem Beil äußerte sich Luana nicht weiter. Sie war sich sicher das dies eine Art Warnung war. Daher war sicher eine erhöhe Wachsamkeit geboten.
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Die Nacht war entgegen aller Befürchtungen ruhig. Gerade in Luanas Ohren war das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln beruhigend. Dennoch wurde sie in dieser Nacht geweckt. Die ihr bekannte Eule saß hoch oben auf einem Ast und schien sie zu beobachten. Nur wer das Blut eines Waldelfen in sich trug, konnte sie zwischen den finsteren Bäumen erkennen. Als schließlich das Tier fortflog hatte Luana das Gefühl folgen zu müssen. Sie bewegte sich behende durch das Unterholz und verfolgte den Vogel stets mit ihrem Blick. Irgendwann war die Eule aber verschwunden und es blieb nichts als dunkle Nacht. Dann funkelten Augen in der Dunkelheit. Keine tierischen, da war sich die Halbelfe sicher. Klare Blicke, so rein wie grüner Bergkristall sahen auf sie von den Baumkronen herab. Sie glaubte mehr als eine Person sehen zu können. Bald erkannte sie einige von den Fremden besser. Luana wusste nicht, was sie tun sollte. Waren das die Waldelfen? Dann mit einem mal erschrak sie, weil eines der fremdartigen Wesen herunterrief:
"Menschenhure! Du dreckige Missgeburt, verlass unseren Wald!"
Eine weibliche Stimme schrieh dazwischen:
"Giftiges Blut fließt in dir. Verschwinde oder der Wald wird dein Grab!"
Von der Seite hörte Luana weitere Schimpfworte. Auf unflätigste Weise, wie sie es noch nie gehört hatte, gingen die Unbekannten mit ihr ins Gericht. Von überall kamen jetzt die Stimmen. Die sichtbaren Gestalten verschwanden hin und wieder in der Dunkelheit, um kurz darauf an anderer Stelle im Wald zu erscheinen. So ging es immer fort. Ein Fluch folgte dem andern.
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Neugier und Angst waren die in ihr vorherrschenden Gefühle. Was sollte sie davon halten?
Waren das wirklich die Waldelfen? Die Elfen von denen ihr Vater kam? Warum nannten sie sie so? Sie hatte ihnen doch nichts getan? Und woher wußten sie...? Sie drehte sich im Kreis, versuchte die Elfen zu beobachten. Bei den harten Worten die man ihr entgegen brachte stiegen ihr unwillkürlich die Tränen in die Augen. Luana versuchte diese zu unterdrücken. Sie kannte Beschimpfungen ja schließlich. Die Menschen waren auch nicht anders. Auch sie hatten Luana niemals haben wollen.
"Warum seid ihr so gemein? Ich habe euch doch nichts getan." ihre Stimme bebte. Hilflos sah sie sich um. Gehörte sie denn nirgends dazu?
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Mit einem mal verschwanden die Gestalten in den Schatten des Waldes. Nur noch die Laute der vielen kleinen Waldtiere schallten durch das Unterholz. Dann näherten sich Schritte. Es waren die von Gasper, der schnell heran kam. Als er Luana erblickte, meinte er etwas aufgeregt:
"Ihr solltet euch in der Dunkelheit nicht so weit vom Lager entfernen. Was treibt euch so spät in der Nacht überhaupt in den dunklen Wald?"
Der Paladin blickte sich misstrauisch um, obwohl er kaum etwas sehen konnte.
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Erschrocken drehte sich Luana um. "Gasper." ihr Blick suchte das Dunkel ab, doch sie sah nichts. Es war alles ruhig und so wie es sein sollte in einem Wald. Hatte er die Stimmen der Elfen gehört? Sie sah ihn an, doch nichts verriet ihr ob er etwas gemerkt hatte.
"Ich dachte ich hätte etwas gehört." stammelte sie "Und wollte mal nachsehen." Sie versuchte zu lächeln.
"Wir sollten zurück zum Lager gehen. Bevor die anderen etwas merken." Noch einmal wanderte ihr Blick durch die Dunkelheit, doch es war nichts mehr von dem Schrecken übrig.
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Gasper nickte leicht, was selbst für Luanas Augen nur wie ein flüchtiger Schemen in der Nacht war. Kaum erreichten die beiden die Lichtung, welche etwas heller als die Umgebung war, starrte die gesamte Gemeinschaft in Richtung der beiden düsteren Gestalten, welche aus dem Unterholz kamen. Es brannte kein Feuer und doch waren die Gesichter der Rastenden deutlich zu erkennen. Ernst lag in Nimrotts Augen. Kaum war Luana herangekommen, sagte er streng:
"Luana, erzählt uns wer ihr wirklich seid! Ich war mir nicht ganz sicher, was eure Herkunft angeht, aber jetzt ist mir alles klar. Ihr habt bessere Augen als normale sterbliche. Euer Gehör und euer Geruchssinn übersteigen den von gewöhnlichen Menschen bei weitem. Ihr habt die Gabe und fürchtet nicht den Fileipwald in der Nacht. Denkt ihr nicht, dass es an der Zeit ist eure wahre Natur zu enthüllen? Dieser Wald ist alt und gefährlich. Wir müssen ehrlich zueinander sein, wenn wir nicht den Unbillen der Wildnis und ihrer Bewohner zum Opfer fallen wollen!"
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"Ich bin diejenige die hier vor euch steht, Nimrott." Luana trat auf die Lichtung, schaute von einem der Reisenden zum nächsten.
"Was wollt ihr hören? Ich bin Luana Isara, ein einfaches Mädchen und eine Bogenschützin aus einem kleinen Dorf im Westen." Sie sah Nimrott an. In ihrem Blick lag Wut und Traurigkeit.
"Ihr habt ebenso viele Vorurteile wie jeder andere Mensch auf dieser Welt. Nur weil ich anders bin, heißt das nicht das ihr mir nicht vertrauen könnt. Und nur weil ich ein Geheimnis habe um mich selbst zu schützen, glaubt ihr es unbedingt ans Licht ziehen zu müssen. Ich bin zur Hälfte eine Elfe und zur Hälfte ein Mensch. Ich gehöre weder in die eine noch in die andere Welt." Ihre Stimme klang zornig. Sie nahm die Mütze von ihrem kopf, welche bisher die spitzen Ohren verborgen hatte. Somit konnte jeder sehen das sie die Wahrheit sprach.
"Jeder verurteilt was er nicht kennt. Doch niemand macht sich die Mühe zu verstehen was dahinter ist. Das Geheimnis kennen wollt ihr. Doch das war es dann auch schon." Vorwürfe schwangen mit in den Worten welche die junge Frau sprach. Erneut standen Luana die Tränen in den Augen in dieser Nacht. Sie ging zu ihren Sachen und begann zu packen. Vielleicht war es doch ein Fehler die Gruppe begleitet zu haben. Weder die Menschen noch die Elfen wollten einen Mischling in ihren Reihen dulden.
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"Interessant." kommentierte Baratos Luanas Enthüllung. Doch konnte man nicht erkennen, welche Gefühle dies bei ihm auslöste, jedenfalls schien es ihn weder zu erfreuen noch zu verärgern, auch überrascht wirkte er nicht sonderlich, unter seinem weißen Bart. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen wendete er sich an Nimrott. "Nur wenige Menschen haben solch großes Geschick beim Bogenschießen." Dann wandte er seinen Blick zum Feuer, welches sich in seinen Augen wiederspiegelte.
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Nimrott erhob sich vom Feuer und ballte die Faust. Zorn glühte in ihm auf. Er sah Luana direkt an:
"Reißt euch zusammen, Luana! Benehmt euch nicht wie ein Kind! Jeder von uns trägt seine Bürde. Da seid ihr nicht allein. Ihr musstet doch wissen, dass ich euer Geheimnis früher oder später erfahren würde. Ich bin der Zauberer, der auf der Suche nach Waldelfen ist, ihr Wesen, ihre Eigenarten und Fähigkeiten jahrzehntelang studiert hat. Ihr wusstet ganz genau, dass ich das Geheimnis irgendwann enthüllten würde."
Nimrott holte tief luft und setzte sich wieder auf einen umgestürzten, vernarbten Baumstamm neben dem Feuer. Jetzt sprach er ruhiger weiter:
"Vielleicht wäre es besser gewesen, ihr hättet es selbst irgendwann verraten. Aber ich fürchte, früher oder später hätten es alle gewusst und das misstrauen wäre stets größer geworden. Das kann nicht in eurem Sinne sein."
Nimrott sagte kein weiteres Wort mehr. Er senkte seinen Blick. Vielleicht bereuhte er, was er gesagt hatte. Dagegen kam Gasper heran, blickte in die Runde und sagte zu Luana:
"Ihr glaubt also die einzige Person in dieser Runde zu sein, die nirgens zuhause ist. Dann möchte ich euch mal eine kleine Geschichte erzählen, die ich bisher noch niemandem anvertraut habe..."
Der Paladin zögerte und wirkte mit einem mal so verwundbar. Die Aura der Stärke und Entschlossenheit um ihn herum erlosch. Die Worte, die Gasper jetzt sprach wirkten so offen und ehrlich, wie sonst keine, die die Anwesenden bisher gehört hatten:
"Ich war fünf Jahre alt, da kamen sie das erste man. Die Hawender Windsleejer erreichten das erste mal unser Dorf. Es war am Tag nach meinem Geburtstag, daran erinnere ich mich noch ganz genau. Ich bewunderte meinen Onkel für sein Stärke und Ausdauer, seine Redegewandtheit und überhaupt die ganze Erhabenheit, die ihn umgab. Ich wollte so werden wie er. Ein Anführer, ein Beschützer, der für seine Mitmenschen da ist und ihnen mit Rat und Kraft zur Seite stehen kann. Die Windsleejer schlugen ihn an diesem Tag zusammen und brachen ihm alle Knochen, wie einen gemeinen Räuber. Meine Mutter wurde geschendet, meine älteren Brüder getötet. Aber ich war noch jung, Kinder verkraften viel und so lebte auch ich weiter. Wir überlebten wie durch ein Wunder alle den Winter. Die Knochen meines Onkels wuchsen nie wieder richtig zusammen, er konnte nur noch kriechen, aber seinen Stolz hatten sie ihm nicht genommen. Es kam das Frühjahr. Es ging uns schon wieder besser. Im Sommer war es allerdings wieder so weit. Die Windsleejer klopften an unsere Türen, diesesmal noch vor meinem Geburtstag. Sie nahmen uns weg, was geblieben war. Sie verschleppten alle Frauen und verprügelten meinen Onkel erneut als er widerstand leisten wollte. Ich hasste die Windsleejer. Nicht weil sie raubten, mordeten, vergewaltigen und plünderten. Nein, nicht deswegen. Ich hasste sie, weil sie meinem Onkel niemals eine Gelegenheit gegeben hatten ihnen in einem gerechten Kampf gegenüberzutreten. Immer rotteten sie sich zusammen, um wie eine Horde Ratten über ihn herzufallen. Alle, die in unserem Dorf noch übrig waren zogen fort. Weg von diesem verfluchten Ort, der gefährlicher nicht sein könnte. Nur mein Onkel und ich blieben zurück, er war der letzte meiner Familie. Schließlich bekam er die Schwindsucht und noch vor dem Winter siechte er dahin. Alles, was ihm noch geblieben war verlor sich in der Zeit. Wie ein Blatt welkte er dahin. Nichts blieb von ihm übrig außer einer leeren Hülle. Selbst das Fleisch an den Knochen und unter der Haut schien nicht mehr vorhanden zu sein. Ich legte mich zu ihm, um zu sterben."
Gasper seufzte und blickte zu Boden. Er redete weiter:
"Ein Wandermönch nahm mich mit. Ich weiß nicht, wie er erfahren hat, dass in unserem verlassenen Dorf noch ein lebendes Kind war, das mit seinem Onkel sterben wollte. Jedenfalls begann ab diesem Punkt erst meine niemals enden wollende Reise. Er brachte mich zu seinen Ordensbrüdern nach Vittland. Im Kloster zu Jasic verbrachte ich drei Jahre bei den Verhüllten. Sie wollten wissen, ob ich besessen sei, weil ich ungezogen und furchtlos war. Ich fluchte und schimpfte immerzu. Ich wollte doch nur mit meinem Onkel sterben, statt dessen siechte er ohne mich dahin. Er wurde mir entrissen. Sie folterten mich und ich wünschte mir, sie würden mich töten. Schließlich verstießen sie mich, weil sie dachten die dämonische Saat käme mit mir in ihr schönes Kloster. Das Meer sollte mein Grab werden, so wünschten sie es sich und so wünschte ich es mir. Aber ich starb nicht. Ein Fischer las mich auf. Aus irgendeinem Grund meinte er ich müsste leben und brachte mich zum Hafen. Die folgenden Jahre arbeitete ich auf einem Handelsschiff. Sie schlugen mich, aber das war ich gewohnt. Ich lachte sie aus und dafür wurde ich verprügelt. Aber ich wollte es ja nicht anders. Schließlich fand mich irgendein Haberländer, der mich in seine Heimat brachte. Ich war sehr stark geworden und gewachsen. Ich war furchtlos und machte großen Eindruck auf die Leute. Ich kam an den Hof eines Ritters und lernte die Schwertkunst und alle möglichen Waffengänge. Wieder brachten sie mich ins Kloster, weil ich ihnen Angst machte. Weil ich zu aufbrausend war und nur unflätige Worte übrig hatte. Ich wurde gefoltert, verhört, gedemütigt. Aber das hatten wir ja alles schon. Nichts von alldem konnte mich beeindrucken. Sie schickten mich auf Pilgerreise, da war ich gerade siebzehn Jahre alt. Ich kam nur mit, weil mich meine Reise nach Hawende führte, dem Land, in dem ich die Windsleejer finden und richten würde, mein Zorn galt ganz ihnen, die meinen Onkel getötet und gedemütigt haben..."
Gasper hielt inne und starrte ins Feuer. Dann lockerte sich seine Mine und er er endete ganz plötzlich mit den Worten:
"Ihr seht also Luana, dass auch ich nirgends zuhause gewesen bin, bis ich meinen Weg zu Metorn gefunden habe."
Die Anwesenden blickten verwundert. Irgendetwas bei seiner kleinen Geschichte hatte er ausgelassen, aber warum?
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Mortan war noch schwer verwundert über die Worte der Menschen. Schienen hier etwa alle ein Geheimnis zu haben? Und es muss ja noch nicht alles gewesen sein, was die anderen zu verbergen hätten.
Er wandte sich zu Gasper: "Eine harte Jugend hab Ihr hinter euch, wahrlich. Aber was geschah, als Ihr bei den Windsleejer wart? Wurdet Ihr Eurer Rache gerecht?"
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"Es ist die Art und Weise. In dem Moment wo ihr mir nicht mehr die Wahl gelassen habt selbst zu entscheiden euch zu erzählen was ich bin, habt ihr mich und mein Handeln verurteilt, Nimrott. Glaubt ihr etwa ihr seid der einzige der hier die Entscheidungen fällen darf?" sie sprach leise.
"Tut mir leid für euch, Gasper." sie schaute zu dem kräftigen Mann auf. Er hatte wenigstens die Wahl gehabt selbst zu entscheiden.
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Mit einem mal wurde Gaspers Miene ernster. Seine Entschlossenheit kehrte zurück und seine Stimme war wieder kraftvoll:
"Euer Mitleid richtet sich an den Falschen, Luana. Eine harte Jugend hatte ich gewiss, aber sie war die verdiente Strafe für das, was ich schließlich tat."
Der Paladin blickte flüchtig zum Zwerg und meinte:
"Ich werde euch den Rest der Geschichte erzählen. Ich gelangte nach Hawende, ich fand die Windsleejer und ich tötete ihren Anführer. All das tat ich und es war falsch. Was ich dort erfuhr änderte alles für mich. Ich traf nicht nur den Anführer der Bande, sondern zudem meine leibliche Mutter. Erst als ich dort war erkannte ich sie wieder. Verschüttete Erinnerungen wurden wach und ich dachte es müsste ein böser Fluch sein, der mir Trugbilder vortäuschte. Und mit wem war sie verheiratet? Mit meinem Vater, dem Anführer der ganzen Sippschaft, den Mann, den ich töten musste. Es war eine merkwürdige Wendung, eine, die man sonst nur in Märchen liest. Vielleicht war das ja der Grund, weshalb ich mir nie im Leben eine solche Wendung hätte vorstellen können. Ich erfuhr, wer mein Onkel war. Ich wollte es nicht glauben, als mir erzählt wurde, dass er mich als Kind geraubt und stets vor meinen leiblichen Eltern versteckt hatte. Zwei Stämme der Windsleejer, bis aufs Blut verfeindet. Vom König in den Adelsstand erhoben. Mein Onkel, der nie mein Onkel gewesen ist, war der Räuber und Dieb. Er hatte mich meinen Eltern geraubt, um ihren einzigen Erben vor ihnen zu verstecken. Es sollte für meine Mutter und meinen Vater eine Folter sein zu wissen, dass ihr eigen Fleisch und Blut ganz in der Nähe war, versteckt an einem geheimen Ort, erzogen von ihrem Feind. Mut hatte der, der sich immer als mein Onkel ausgegeben hatte, keine Frage. Er genoss seine Rache an meinen Eltern. Er genoss es jedesmal, wenn sie flehten und bitteten und ihn am Ende Schlugen. Das war seine Rache an sie für irgendetwas, was noch weit länger zurücklag. Und ich wollte mit ihm sterben, einem Verbrecher und Kindesentführer. Alles was Wahrheit war, wurde zur Lüge. Alles was Lüge war, wurde wahr. Die Welt stellte sich mir auf den Kopf. So viele überzeugende Worte, so viele verschüttete Erinnerungen. Und ich hatte meinen eigenen Vater aus Rache getötet.
Das alles konnte ich verschmerzen, nur eine Sache beschäftigt mich bis heute: Ich tötete meinen Vater, nachdem ich die Wahrheit erfahren habe. Mein Rachedurst sollte gestillt werden und der Schwur war zu alt und der Hass zu tief, als dass die Wahrheit etwas hätte daran ändern können. Ich tötete ihn, obwohl ich wusste, dass es falsch war. Erst da fing ich an meine wahre Berufung zu finden."
Gasper sah Luana eindringlich an:
"Wegzulaufen hilft euch vielleicht eure Wunschträume nicht zu gefährden, aber die Wahrheit erfahrt ihr so nicht. Unsere Wege sind sehr unterschiedlich. Wir tragen unterschiedliche Bürden. Aber wir beide können gleichermaßen Fehler machen. Ich würde meine Rache und meine Wut noch immer in mir tragen, wenn mich Metorn nicht geleitet hätte. Eure Last ist natürlich ungleich schwerer, da ihr von den Waldelfen und dem Ziel eurer Reise wisst. Das gibt euch aber die Gelegenheit Fehler zu vermeiden!"
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"Unsere Wege mögen zwar unterschiedlich sein, doch hier folgen sie sich für eine Weile. Und daher sollten wir diesen Weg auch gemeinsam in eine Richtung gehen. Und was euer Geheimnis angeht, Luana, so kann ich nicht verstehen, warum ihr es uns nicht schon früher erzählt habt. Schliesslich suchen wir die Elfen, weil wir von ihnen Antworten und vielleicht Hilfe erwarten. Und ihr könntet die Elfen besser kennen, wie jeder andere von uns. Da hilft uns eure Geheimniskrämerei nicht weiter."
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Talonis mischte sich ein: "Jetzt lasst Luana in Ruhe. Was passiert ist, ist passiert. Sie hatte sicherlich ihre Gründe, uns ihre Herkunft zu verschweigen. Und seien wir doch mal ehrlich: Hätten wir von Anfang an gewusst, dass sie eine Elfin ist, hätten wir sie nicht auf diese Reise mitgenommen."
Er machte eine kurze Pause: "Aber ihr Einsatz am Ogerdorf hat mir gezeigt, dass sie ihr Herz am rechten Fleck hat. - Sie hat sich dort besser geschlagen, als es eine menschliche Frau je könnte."
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"Äusserlichkeiten... warum urteilt ihr Menschen denn immer danach? Ich bin eine Frau und dazu auch noch eine Halbelfe. Nimrott wollte mich zu Anfang nicht einmal dabei haben, weil ich eine Frau bin. Hätte ich da etwa gleich mit der Tür ins Haus fallen sollen und euch auch noch sagen was ich bin? Sich ein Urteil bilden ist wirklich leicht. Ja, vielleicht war es nicht richtig das ich es so lange verschwiegen habe. Aber für mich hat es irgendwie keine Rolle mehr gespielt. Ich bin nun einmal was ich bin."
Die Halbelfe stand auf. Kurz tauchte der Mond sie in ein kühles blaues Licht, bevor er wieder hinter dunklen Wolken verschwand. Sie wartete auf das Urteil der Reisegruppe.
"Und nun?
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Nimrott erhob sich verärgert und zeigte offen seinen Zorn:
"Ihr fragt, warum euer tatsächliches Wesen eine Rolle spielt? Wir sind im Reich der Waldelfen und ihr seid wenigstens zum Teil eine von ihnen. Das ist euer Schicksal und vielleicht kann nichteinmal der Tod etwas daran ändern. Mein Schicksal ist es Zauberer zu sein. Talonis ist ein Priester. Jeder von uns hat seine Bestimmung. Man muss sie nehmen wie sie kommt, weil man nichts daran ändern kann! Ich habe gewartet, bis wir den Wald betreten haben, denn auch ihr hattet ein Recht es uns selbst zu sagen. Aber so Leid es mir tut, dieses Recht habt ihr verspielt. In der Stadt war es egal, wer oder was ihr wirklich seid. In den Auen war es egal, welcher Abstammung ihr seid. Aber hier ist es sehr wichtig."
Der Zauberer zügelte seinen Zorn ein wenig und blickte von oben herab:
"Und, dass ihr eine Frau seid, stört mich wenig. Aber ihr solltet doch wissen, wie die Welt der Menschen aussieht. Der Platz der den Frauen zugedacht ist, liegt nicht bei Schlachtfeldern oder in der Wildnis. Wenn mich eine Frau auf meinen Reisen begleiten will, bin ich stets vorsichtig. Und um ganz ehrlich zu sein: Ich hätte euch fort geschickt, hätte ich nicht schon zu Anfang eure besonderen Gaben geahnt. Und nun spielt euch nicht so auf. Auf meinen Reisen kann ich niemanden gebrauchen, der immerzu über sein Schicksal jammert... vielleicht solltet ihr wirklich gehen."
Nimrott wandt den Blick ab und setzte sich wieder. Er starrte ins Feuer und knetete angespannt seine Hände. Gasper schüttelte den Kopf. Nimrotts Worte waren ihm bei weitem zu harsch. Aber er schwieg, weil er nicht wusste, was er noch sagen könnte.
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Dieser Mensch stelle sich tatsächlich höher als den Rest der Gruppe. Er hatte nur Vorwürfe übrig für sie. Und sie fand er hatte definitiv nicht das Recht sie so zu behandeln. Glaubte er wirklich das er niemals Fehler machte? Anscheinend. Vielleicht war ihr Handeln nicht richtig, aber woher sollte sie es wissen? Woher sollte sie wissen das er es wußte. Er hätte ja auch erst einmal nur mit ihr reden können. Aber statt dessen machte er ir Vorwürfe. So wie er sie behandelte war fast schlimmer als das was die anderen Menschen tatan... sie offen davon jagen. Sie haderte. Sollte sie gehen oder sollte sie bleiben nd hoffen von dem Alten Mann für seine wirklich nicht sehr netten Worte eine Entschuldigung zu bekommen, die sie wohl niemals bekommen würde. Sollte sie weiter die Gruppe begleiten oder war es besser die anderen allein weiter ziehen zu lassen?
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"Hört mal", wandte sich Talonis an Nimrott: "Ihr habt uns zwar angeheuert, um euch auf dieser Reise zu begleiten, aber das gibt euch trotzdem kein recht, vorschnell über uns zu urteilen.
Metorn allein weiß, was sie für Gründe hatte, ihre Abstammung vor uns zu verheimlichen. - Und wie ihr bereits selber sagtet, kann es uns durchaus von nutzen sein, eine Gefährtin mit elfischem Blute bei uns zu haben."
Talonis blickte kurz zu Luana und dann wieder zu Nimrott. " Lasst uns deswegen die Vergangenheit hinter uns lassen, und uns der Zukunft zuwenden. - Ich bin sicher, dass Luana uns dort nicht enttäuschen wird."
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Luana schaute hoffnungsvoll zu Talonis und dann nach einander die anderen an. Was würden die anderen davon halten?
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"Sich hier in der Wildnis zu streiten bringt uns alle nicht voran. Luana, du hast uns bisher schon viel geholfen und ich glaube, dass es zukünftig nicht anders sein wird. Ich möchte zumindest deinen Bogen im Kampf nicht missen. Bleibe bei uns, denn ich glaube, deine elfische Herkunft wird uns bei der Suche nach den Waldelfen noch sehr von Vorteil sein."
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Nimrotts Gedanken kreisten, das konnte man ihm ansehen. Er schien sich nicht ganz sicher zu sein, was er jetzt tun sollte. Dann aber blickte er auf und sagte so ruhig, als wäre nichts geschehen:
"Lassen wir die Vergangenheit hinter uns. Verzeihen wir einander unsere kleinen Eitelkeiten und wenden uns unserem Ziel zu. Hier ist nicht der Ort und die Zeit, um zu streiten."
Gasper nickte vorsichtig:
"Im Zorn ist noch kein Gutes Urteil gefallen. Aber vielleicht solltet ihr euch bei Luana entschuldigen, Nimrott. Als ein Zeichen der Versöhnung."
In Nimrott flackerte der Zorn auf::
"Ich soll mich..."
Die Miene des Zauberers entspannte sich:
"Ihr bekommt von mir, sagen wir, eine halbe Entschuldigung, Luana. Das ist die Hälfte für mein mangelndes Taktgefühl und den ungünstigen Zeitpunkt. Ich halte es noch immer nicht für falsch, es der Gruppe mitgeteilt zu haben."
Nimrott blickte abwechselnd zu Luana und den übrigen. Er hoffte die Debatte damit beenden zu können. Er sagte in ganz anderem Tonfall:
"Dann sollten wir jetzt schlafen und unsere Reise morgen fortsetzen, wenn niemand etwas dagegen hat. Ich glaube der Wald birgt noch viele Geheimnisse... und Gefahren."
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Es war lange nicht das was Luana sich unter einer Entschuldigung von diesen eingebildeten Zauberer vorgestellt hatte, aber mehr würde sie wohl nicht bekommen. Sie nickt dem alten Mann zu und lächelte sogar.
"Wenden wir uns unserem gemeinsamen Ziel zu." war dann auch alles was sie äußerte. Ihre Worte waren freundlich und ließen nicht darauf schließen ob sie sich mit der Entschuldigung zufrieden gab oder nicht.
Wie die anderen legte sich die Halbelfe dann auch wieder schlafen, diese Nacht hatte gewiß genügend Aufregung gebracht. Etwas Schlaf würde ihnen allen gut tun.
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Diese Nacht schliefen die wenigsten in der Gruppe gut. Der Streit war nicht vergessen und würde es wohl auch in Zunkunft nicht so schnell sein. Der Morgen dagegen begann mit einigen dünnen Strahlen jener Sonne, die eigentlich die selbe war, wie über Frohnholm und doch wirkte sie hier, als gehörte sie zum Wald und nicht zum Himmel. Der Wind säuselte leise durch das Blätterdach und einige Völgel tanzten und zwitscherten zwischen den Baumriesen. Die Reisenden waren schweigsam. Heute die richtigen Worte zu finden, ohne erneut in einen Streit zu geraten empfanden viele als recht schwierig. Zudem wusste keiner so recht, wo es hinging. Dennoch gab Nimrott einen schnellen Schritt vor. Seine lederne Wanderrobe und seine Körpergröße ermöglichten ihm, die spitzen Äste und vereinelte Ranken auf den natürlichen Pfaden zu bezwingen. Der Zwerg hatte da schon sehr viel mehr Schwierigkeiten. Luana dagegen hatte keine Mühe mit dem Vorankommen und jeder, der daran gezweifelt hatte, dass sie auch Waldelfisches Blut in sich trug, wurde nun eines besseren belehrt.
Mortan war ein wenig zurückgefallen. Seine große Ausdauer hatte ihn mühelos über die weiten Ebenen geführt und die Menschen in der Gruppe schlecht aussehen lassen, die erhebliche Mühe gehabt hatten mitzuhalten. Aber hier verhedderten sich seine Beine ein ums andere mal in Brombeerranken oder aber der feste zwergische Tritt grub seine Füße in die weicheren, vermoosten Teile des Waldbodens ein. Mit einem mal, die übrigen waren etwas weiter vorn, schrieh Mortan auf. Ein leises Fluchen folgte. Die Anwesenden drehten sich um und sahen nur noch, wie sich vom Rucksack des Zwerges eine schwefliche und feurige Rauchwolte löste. Mortans Haare waren angesengt und ein Teil des Bartes brannte. Hätten die Übrigen gesehen, was er gesehen hatte, wären sie wohl auch vom Schrecken heimgesucht worden. Mortan war sich sicher ein kleines geflügeltes Wesen gesehen zu haben, das ganz unversehener Dinge einfach geplatzt war.
Nimrott blickte streng zu Baratos herüber und flüsterte ihm zu:
"Es ist wohl Zeit, dass ihr mir und der ganzen Gemeinschaft erklärt, was es mit der Erscheinung auf sich hat!"
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Luana hatte isch, wie die anderen, ebenfalls zu Mortan umgedreht. Nachdem sie sah das ihm jedoch nichts geschehen war, suchte ihr Blick rasch die Umgebung ab. Jedoch alles war ruhig. Ihre Körperhaltung blieb angespannt. Sie ging einige Schritte zurück, zu Mortan um sich zu vergewissern das soweit möglich, wirklich alles in Ordnung mit ihm war.
"Was ist geschehen?" fragte sie leise, so als fürchte sie fremde Ohren seien in der Nähe.
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Mortan rappelte sich wieder auf. Schwefelgeruch drang noch in seine Nase und mit flinken Händen erstickte er die noch sengenden Reste seines Bartes. Der Schock steckte noch in seinen Knochen und er kam erst langsam wieder zu sich. Mit weit geöffneten Augen antwortete er Luana: "Es war ein Vogel oder eine Fledermaus. Sie flatterte gegen meine Tasche und alles brannte. Habt ihr einen Schluck Wasser für mich?"
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Baratos blickte mit gehobener Augenbraue zu Nimrott herüber, doch dann nickte er langsam. Er strich seine Robe glatt, während er sich räusperte. Dann schloss er kurz die Augen und als er sie öffnete sagte er laut "Rako!" Wahrscheinlich würden nun einige verwirrt zu dem Zauberer herüber blicken, der scheinbar ganz ohne Sinn dieses Wort laut sprach und es dann nochmal wiederholte, als eine Weile nichts passierte. "Rako!" und im selben Moment taucht über der Schulter des Zauberer ein kleines rotes Teufelchen mit Flügeln auf, von der Größe einer Hand. Baratos blickte zu den Gefährten. "Darf ich vorstellen? Das ist Rako, mein Vertrauter. Ich habe ihn eins durch eine Beschwörung an mich gebunden und seitdem begleitet er mich. Meistens jedenfalls."
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Luana reichte Mortan ihren Wasserschlauch. "Bitte sehr." Jedoch wäre ihr beinahe der Wasserschlauch aus der Hand gefallen. Mortan hatte noch nicht ganz zugegriffen, als Baratos den Vertrauten rief und als dieser dann erschien, ließ Luana den Schlauch los. Sie erschrak vor dem roten Teufelchen, damit hatte sie nun nicht gerechnet. Zum Glück konnte Mortan den Wasserschlauch noch greifen. Luana starrte Baratos und den Teufel an.
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Mortan fing den Wasserschlauch zwar auf, doch im selben Augenblick, in dem er dem Vertrauten Baratos gewahr wurde, warf er den Schlauch wütend zu Boden.
"Wollt ihr damit etwa sagen, dass euer Viech für die Brände verantwortlich ist?"
Erbost ging der Zwerg zwei Schritte auf den Feuermagier zu.
"Raus mit der Sprache! Was habt Ihr Euch dabei gedacht!"
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Nimrott ging dazwischen:
"Ihr solltet euch nicht so aufregen. Was der Imp tätigt oder lässt, hängt ganz allein von den Befehlen seines Meisters ab."
Das kleine Ungeheuer tauchte mit einem mal unter einem besonders schattigen Baum auf und tapste langsam über einen Ast. Dabei ließ es die Anwesenden nicht aus den Augen. Der Gelehrte meinte:
"Imps sind besonders unberechenbar und launisch, aber auch sehr nützlich. Dieses kleine Wesen kann unsere Augen und Ohren sein. Er kann zwischen Orten ohne Zeitverlust reisen. Das heißt, er könnte im nächsten Augenblick in Frohnholm oder in Geißland sein. Die Entfernung spielt keine Rolle!"
Der Zauberer hob belehrend seinen Zeigefinger:
"Aber achtet stets sorgsam auf seine Worte. Auch wenn er fremde Orte bereisen kann, muss man dem was er sagt immer vorsichtig gegenüber stehen. Baratos, sagt ihm dass er keine Ausrüstung mehr verbrennen soll. Ich schätze eure Befehle waren nicht eindeutig genug. Was habt ihr ihm gesagt? Dass er im Gepäck bleiben soll? Vielleicht habt ihr verschwiegen in wessen Gepäck. Ein Imp... hätte ich gewusst, dass es ein Imp ist, den ihr euren Vertrauten nennt, hätte ich euch das früher gesagt. Ein mächtiger Vertrauter, gewiss. Aber er hat auch seine Schwächen."
Nimrott fragte Abschließend:
"Wenn ihr noch fragen habt, stellt sie jetzt, damit wir endlich weiter können!"
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"Fragen? Baratos soll sich erklären, ob es wirklich so war, wie ihr vermutet habt." Mortan hob den Wasserschlauch wieder auf und reichte ihn dankend Luana.
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Und mir macht der alte Zauberer solche Vorwürfe, nur weil ich nicht gesagt hab was ich bin. Das dort. dachte Luana, finde ich wesentlich schlimmer. Für einen Moment flackerte Zorn in ihren Augen auf, der sich aber ebenso schnell wieder legte.
Sie nahm den Wasserschlauch von Mortan wieder entgegen.
"Nun, hat denn sonst noch jemand eine Überraschung auf Lager, wo wir schon dabei sind?" Sie lächelte, sah jedoch nicht so aus als wenn sie wirklich erwarten würde das noch jemand ein Geheimnis an den Tag bringen würde.
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Baratos blickte zu Mortan und sein Blick flackerte gefährlich und Zorn schien kurz in seinen Augen zu brennen. Wie konnte dieser Zwerg es nur wagen, ihn mit seinen törichten Forderungen so blosszustellen. Doch dann schmunzelte er.
"Ihr solltet meinen Vertrauten nicht noch zusätzlich durch eure Worte reizen, Herr Zwerg. Er scheint euch sehr zu mögen. Aber seid beruhigt, ich werde ihm verbieten, mit euch seine Spielchen zu treiben. Offensichtlich hat er einige meiner Befehle sehr frei interpretiert."
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"Wie habt ihr in dazu gebracht, dass er euren Befehlen gehorcht?", fragte Talonis, "Und könnt ihr ihn auch dazu bringen, anderen zu folgen, oder hört er nur auf euer Wort?"
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Mortan war stutzig. Wie kam Baratos dazu, ihn hochnäsig mit Herr Zwerg anzureden. Der Feuermagier schien ein sehr eigenwilliger Zeitgenosse zu sein.
"Herr Baratos, dann erklärt mir doch mal, wann und wie ich euren Vertrauten Rato jemals gereizt haben sollte? Und warum verbrennt er meine Sachen, wo er mich doch so zu mögen scheint?"
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Nimrott ging dazwischen:
"Beruhigt euch! Wir sollten uns nicht schon wieder streiten. Sicherlich gibt es einen besseren Ort und eine bessere Gelegenheit sich wegen solcher Nichtigkeiten zu entzweien."
Gasper blickte aus schmalen Augenspalten und zischte:
"Ich wüsste zu gern, woher der Imp stammt. Er scheint etwas dämonisches an sich zu haben..."
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Nichtigkeiten nennt dieser eingebildete Zauberer das? Wenn ein Imp eine Nichtigkeit ist, was ist dann keine in seinen Augen? Luana schaute den Zauberer an, sie beobachtete ihn ganz offen, genauso wie sie die anderen beobachtete.
Eine eigenartig zusammengewürfelte Gruppe ist hier unterwegs. Die Basis des Vertrauens scheint gar nicht mehr vorhanden, wie sollen wir so einen solch gefährlichen Wald überleben?
Ihr Blick schweift von den Kameraden hin zu den Bäumen und deren Ästen, Zweigen und Blättern. Sie wurden beobachtet während sie hier einfach so herumstanden. Das Laub der Blätter raschelte im Wind. Durch das sich bewegende Blattwerk fiel ein wenig Sonnenlicht. Oder hatte sie sich getäuscht?
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"Da hat der werte Nimrott nicht ganz Unrecht." sprach Baratos und blickte zu dem Zwerg doch ersparte er der Gemeinschaft eine Antwort. "Wir haben nun weitaus wichtigere Dinge zu tun, als zu diskutieren und uns selbst zu zerfleischen. Er blickte zu Talonis. "Er gehorcht nur meinen Befehlen, denn er ist an mich gebunden. Wenn ich ihm befehle einem anderen eine kurze Zeit zu gehorchen, würde das sicher auch gehen, dennoch habe ich das noch nie ausprobiert, ein Imp ist ein sehr eigenwilliges Geschöpf, müsst ihr wissen."
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"Ihr macht es euch sehr einfach, Baratos." Mortan war sich nicht sicher, was er von dem Magier halten sollte. Er nahm sich vor, zukünftig ein Auge auf Baratos zu werfen. Ihm fiel auf, dass Luana die Diskussion kaum wahrgenommen hatte, sondern ihren Blick um die Lichtung schweifen liess.
"Alles in Ordnung Luana?"
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"Ich weiß nicht... Ich habe das Gefühl beobachtet zu werden, aber bin mir nicht sicher." Ihr Blick haftete noch immer auf den Bäumen. Was war das gewesen? War es noch da? Oder nicht?
"Wir sollten weiter ziehen." meinte sie dann.
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Es wurden in den weiteren Stunden kaum noch Worte gewechselt. Die Verunsicherung und auch eine leichte Wut lasteten auf den Herzen der Reisenden. Immerhin schien der Wald friedlich zu sein. Es gab kein Anzeichen von Ogern oder irgendwelchen boshaften Waldwesen. Der Imp ließ sich nicht mehr blicken. Offenbar hatte Baratos doch großen Einfluss auf das kleine Wesen, das einer Welt aus Feuer zu entstammen schien. Die Gruppe wanderte, immer mit wachsamem Blick auf das zunehmend dichter werdende Unterholz, die natürlichen Pfade des Fileipwaldes entlang. Sie durchschritten das ausgetrocknete Bett eines kleinen Baches über das sich das wogende Blätterdach der Baumriesen wölbte. Sie gingen über Lichtungen, die im vollen Schein der Sonne standen und manchmal den Eindruck erweckten, sie wären nicht mehr Teil des Waldes. Aber egal, ob sie zwischen den pockigen Wurzeln riesiger Eichen oder unter den unzähligen kleinen Blättern der Buchen wanderten, redeten sie kein Wort. Sie schwiegen so innig, als ob es der Wald wäre, der ihnen das Sprechen verbot.
Der Tag war schon weit fortgeschritten und die Beine der Wandernden müde, da wähnte sich Nimrott seinem Ziel schon viel näher, als es tatsächlich war. Als sie einen Hügel umgangen hatten, stand vor ihnen ohne Vorwarnung ein Mann. Wie aus der Luft gegriffen stellte er sich vor die Reisenden, die nicht so recht wussten, was sie sagen sollten. Wer war diese Person? Braune Lederkleidung, gebundene Stiefel und ein Filzumhang waren seine Gewandung. Lange blonde Haare waren zu einem Zopf geflochten. Und das freundliche, bartlose Gesicht eines jungen Mannes mit teifen blauen Augen lächelte sie vertraulich an, als kannte er die Gemeinschaft schon seit Jahren. Die Züge dieses seltsamen Mannes waren härter, als die von den meisten Menschen. Aber alles in allem konnte man sagen, dass es sich um eine attraktive Person handelte.
Nimrott blickte misstrauisch. Wer war dieser Mann? Warum lächelte er freundlich und was suchte er in diesem Wald? All diese Fragen ließen nur eine Antwort zu. Der Zauberer blickte fordernd und doch hilflos zu Luana.
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Luana starrte den jungen Mann der vor ihnen stand an. Wo kommt der denn her? Dann bemerkte sie das sie ihn anstarrte und schaute weg. Hübsch ist er...
Sie schaute zu ihren Begleitern und schien dabei irgendwie verwirrt und verlegen. Noch mehr Verwirrung brachte Nimrotts Blick. Glaubt er etwa ich kenn ihn? Wieder huschte ihr Blick zu dem Jüngling.
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Als Talonis Sakuras verwirrten Blick sah, ging er ebenfalls nach vorne.
"Seid gegrüsst!", begann er, "Ihr müsst ein Elf sein, oder? Wir haben euch schon lange gesucht. Ich hoffe, es macht euch nichts aus, dass wir ohne weiteres euren Wald betreten haben. Aber darf ich mich erstmal vorstellen: Mein Name ist Bruder Talonis, und wie ist der eure?"
Er streckte dem Mann seine rechte Hand entgegen, um ihre Hände zu schütteln.
"Hoffentlich sprechen die Wilden unsere Sprache.", dachte er sich noch. Aber er verzichtete darauf, es laut auszusprechen.
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Der junge Mann lächelte mit einem Mundwinkel und ignorierte Talonis. Statt dessen sah er Luana tief in die Augen und meinte zu ihr:
"Es ist mir eine Freude euch im Ileilenwald willkommen heißen zu dürfen, Luana. Wohin führt euch euer Weg?"
Er kannte ihren Namen, doch fragte wohin sie wollte. Verschwieg er etwas? Nimrott ging flapsig dazwischen:
"Unser Weg führt uns zum Herren dieses Waldes und zum Herren der Elfen. Könnt ihr uns dorthin führen?"
Der Elf drehte sich offenbar nur widerwillig zu Nimrott um. Er betrachtete abwechselnd den Zauberer und Talonis. Dann meinte er trocken:
"Das freut mich für euch, aber habt ihr keinen Anstand? Die einzige Frau in eurer Reisegruppe und ihr lasst sie nicht reden, wenn sie etwas gefragt wurde? Ich werde eure Fragen beantworten, zur rechten Zeit. Habt etwas Geduld."
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"Vielen...Dank." sie lächelte, sah aber irgendwie verwirrt aus.
"Nun, wir sind auf der Suche nach den Elfen. Die Gründe dafür sind recht unterschiedlich. Doch bitte sagt mir wer ihr seid?" sie sprach mit sanfter Stimme und schien auch ihre Fassung zurück zu haben.
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Baratos wirkte etwas ungehalten über das Spielchen des Fremden, leise brubbelte er sich etwas in den Bart, dennoch wagte er es nicht, laut etwas gegen den Fremden zu sagen.
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Mortan war verunsichert ob des Erscheinens des Elfen. Er wusste, dass Elfen und Zwerge noch nie Sympathie füreinander empfunden hatten, aber über das harsche Auftreten des Elfen gegenüber dem Zauberer war Mortan innerlich belustigt. Der Zwerg hielt sich ruhig im Hintergrund.
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"Ihr sucht nach den Elfen? Ihr habt einen gefunden. Mein Name ist Talahvin. Sagt, was ich für euch tun kann."
Der Elf zögerte ein wenig und ergänzte mit Blick auf die Übrigen:
"Und, was ich für eure Begleiter tun kann. Der Schattenblick erwähnte etwas vom Herren der Elfen dieses Waldes. Ich kann euch zu ihm führen, wenn ihr wollt."
Nimrott verwunderte es, dass er Schattenblick genannt wurde. Doch schon im nächsten Augenblick wurde ihm klar warum. Er zog Baratos zu sich heran und flüstere ihm etwas zu. Talahvin machte den Anschein jedes Wort gehört zu haben und sagte laut:
"Ganz recht, Zauberer. Die Seele jedes einzelnen flüstert seinen eigenen Namen. Es ist leicht ihn zu erkennen. Die meisten sprechen ihn auch laut aus, nur einige fürchten sich offenbar davor. Ihr, Zauberer, alle beide, verbergt was ihr seid, anstatt das Geschenk eines eigenen Namens mit der Welt zu teilen."
Talahvin lächelte:
"Aber was sage ich? Durch meine Worte erreicht ihr euer Ziel nicht. Allerdings können euch meine Taten führen. Machen wir ein kleines Spiel daraus."
Der Elf blickte nachdenklich gen Himmel und meinte einige Augenblicke später:
"Kann ich euch wirklich trauen? Bei Luana habe ich keinen Zweifel und allein, weil sie euch begleitet sollte ich nicht so misstrauisch sein. Doch liegt Streit in jedem Wort, das ihr mit ihr wechselt."
Der Elf sah dabei vor allem Nimrott in die Augen. Niemand konnte sonst dem Blick des Zauberers lange stand halten. Den meisten war es nicht einmal bewusst, doch sie mieden den Augenkontakt mit ihm. Aber Talahvin wirkte, als ob er nur einen Stein musterte.
"Ein Spiel, das euren guten Willen unter Beweis stellt und eure wahren Absichten zeigt. Wir machen einen Wettkampf."
Talahvin schien mehr und mehr begeistert von seiner eignen Idee und doch redete er ruhig und beherrscht:
"Zuerst schlage ich eine Aufgabe vor. Wenn ich sie besser meistere als ihr, habe ich gewonnen, sonst ist es euer Sieg. Dann könnt ihr eine Aufgabe wählen. Wir machen vier Wettkämpfe. Bei einem Unentschlieden siegt ihr. Luana soll die Schiedsrichterin sein."
Nimrott schüttelte den Kopf und meinte:
"So ein Unsinn. Wir haben keine Zeit für Spiele. Und übrigens, ihr dürft mich Nimrott nennen."
Gasper war aufgeschlossener:
"Lasst uns hören, was die Anderen dazu sagen. Wir haben doch nichts zu verlieren. Und außerdem können wir uns zwei von vier Aufgaben selbst wählen. Wir werden schon etwas finden, was einer besser kann als err."
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"So ein Schwachsinn, ich bin nicht auf diese Reise gegangen um irgendwelche dämlichen Spiele zu spielen." meinte Baratos mürrisch, denn seine Laune hatte sich in letzter Zeit nicht gerade gebessert. Er blickte zu den anderen. "Aber wahrscheinlich werde ich sowieso überstimmt von unseren... Gefährten."
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"Dämlich wäre es, dieses Spiel nicht mitzuspielen. Wie sollen wir sonst die Elfenherren finden? Und vielleicht könnt ihr ja während des Spiels noch Dinge über die Elfen erfahren, von denen ihr bisher nichts wusstet. Schliesslich ist das auch einer der Gründe für unsere Reise."
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Wieso traut er mir?
Er kennt mich doch gar nicht?
Und was war das dann letzte Nacht? Sie dachte darüber nach das man sie dort nicht gerade willkommen geheißen hatte, eher das Gegenteil. Und nun stand dieser Elf hier und behauptete ihr zu trauen? Was konnte der Elf sehen und was wußte er über Nimrott? Er ist seltsam, aber nicht unheimlich.
Ein Spiel? Nun ja, warum nicht...
"Ich denke das ist eine gute Idee." sagte sie dann.
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Baratos verdrehte die Augen. Natürlich war ihm klar gewesen, was hier nun passiert. Und das trug nicht eben dazu bei, dass sich seine Laune besserte. Aber einer musste ja noch seine Stimme abgeben...
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Talonis dachte darüber ausführlich nach. Letztendliche meinte er: "In Ordnung. Sagt uns wie eure erste Aufgabe lautet."
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Talahvin lächelte freundlich und gab und meinte vergnügt:
"Schön, dass wir uns einig sind. Mal sehen. Ich möchte es euch nicht zu einfach machen. Ein Wettrennen wäre nett, doch dafür ist hier der falsche Ort. Wie wäre es mit einem Zweikampf? Jeder wählt seine Waffe und wir kämpfen bis zum Sieg. Wählt einen aus euren Reihen, der kämpfen soll."
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"Was versteht ihr unter Sieg?", fragte Talonis Talahvin, "Meint ihr damit bis aufs erste Blut oder bis einer Tod ist?"
Bei den barbarischen Elfen konnte man sich da ja nie sicher sein.
Laut sagte der Mönch wieder: "Ich schlage Mortan vor. Keiner hier kann so gut mit der Axt umgehen wie er."
Er wandte sich an seine Gefährten: "Oder sollten wir vielleicht Baratos kämpfen lassen? Als Waffe nutzt er dann die Magie."
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"Welche Axt meint ihr? Mein altes Beil war keine Waffe, nur ein Werkzeug. Und im Kampf gegen die Oger war es Glück und kein Können, das mir mein Leben bewahrte." Morten zuckte mit den Schultern und machte eine ablehnde Geste. Dann sprach er weiter: "Wieso glaubt ihr, dass der Zweikampf überhaupt mit stählernen Waffen ausgetragen werden muss? Ich schlage vor, Talonis tritt für uns in dem Wettstreit ein, und er kämpft mit seinem scharfem Verstand und seiner Weisheit."
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Talahvin lachte. Er amüsierte sich sichtlich über das Verhalten der Reisenden. Dabei war es ein freundliches, kein verhöhnendes Lachen. Ein Lachen, aus dem sprach, dass er jeden der Anwesenden schätzte, wie einen alten Freund. Der Elf meinte:
"Es ist nur ein Spiel. Niemand wird sterben müssen und das Ziel ist nicht der Sieg. Ich will doch nur wissen, ob ihr bereit für die kommende Reise seid. Macht euch frei von allen Sorgen und genießt die Zeit im Ileilenwald."
Gaspers Miene verfinsterte sich von zusehens. Ihm Gefiel der Fremde nicht. Der Paladin zog sein Schwert und sagte offensiv:
"Ich werde gegen euch antreten, Talahvin. Ihr seid keiner von Metorns Dienern und deshalb traue ich euch nicht."
Talahvin hob beschwichtigend die Hand und erwiederte gefasst:
"Nur weil ihr nicht erkennen könnt oder wollt, was in mir vorgeht, solltet ihr nicht vorschnell urteilen. Die sogenannten Diener Metorns schlagen Baum für Baum meinen geliebten Wald kahl. Und doch verabscheue ich euch deshalb nicht, Himmelsfreund. Euer Gott ist nicht der einzige der gebietet, schon garnicht im Reich des Waldes."
Gasper blickte fordernd zur Gruppe und erwartete das Zugeständnis, kämpfen zu dürfen.
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"Sieht so aus als hätte Gasper die Wahl der Waffe getroffen." Luanas Lippen umspielte ein leichtes Lächeln.
"Nun wählt ihr die eure, Talahvin." Die Halbelfe nickte dem Paladin zu. Sie war sich sicher das die Gruppe nichts gegen die Wahl des Paladins sagen würde.
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Talahvin nickte kurz, schaute sich in der Umgebung um, und hob einen alten Ast auf. Er meinte:
"Mehr brauche ich nicht als Waffe."
Jetzt wurde Gasper langsam zornig. Es war eine Frechheit eine Herausforderung auf solch eine Weise zu beantworten. Ein Stock war keine Waffe. Der Elf wollte sich über ihn lustig machen. Gasper wartete nicht lange, sondern fragte ohne Umschweife:
"Bereit?"
Talahvin erwiederte:
"Wann immer ihr wollt."
Der Paladin schwang sein Schwert als würde es von selbst durch die Luft gleiten. Er zielte genau auf den Kopf seines Gegeners. Für ihn war das ganze kein Spiel und er machte keinen Hehl daraus, seinen Gegner zu töten, wenn es sich so ergeben sollte. Blitzschnell duckte sich Talahvin weg und der Schlag ging ins Leere. Gasper war zu langsam. Ohne es auch nur gemerkt zu haben, versetzte der Elf dem gestandenen Krieger aus der Hocke heraus einen Tritt gegen das Schienbein. Den Schmerz ignorierend hieb Gasper ein weiteres mal ein und verfehlte den Kopf seines Widersachers nur um Haaresbreite. Ein Zufall? Wohl kaum. Talahvin scherte sich wenig um die Angriffe, sondern bewegte sich gerade mal so viel, wie es notwendig war. Plötzlich schwang er seinen Stecken in einer eleganten Schleife und holte so seinen Gegner von den Beinen. Gasper lag nun längs auf dem moosüberzogenen Waldboden und hatte sein Schwert verloren. Er meinte mehr zu sich selbst:
"Er weicht schnell aus. Und seine Angriffe sind sogar noch schneller."
Talahvin lächelte freundlich und reichte seinem Gegner die Hand. Dieser aber schlug sie trotzig bei Seite, griff sich sein Schwert und rappelte sich wieder auf. Diesesmal war Gasper klüger. Anstatt anzugreifen, ließ er sein Schwert das Licht, welches durch das Blätterdach fiel, reflektieren und blendete damit Talahvin. Der Elf war für einen kurzen Moment abgelenkt. Das reichte dem Paladin, um einen schnellen Schlag zu führen. Talahvin versuchte auszuweichen, doch hinterließ die Klinge eine lange, blutige Schramme vom Hals bis unter das Auge. Es war nur ein Hauch von Zorn, der über das Gesicht des Elfen huschte, doch den meisten entging das nicht. Schnell und elegant wie eine jagende Katze bewegte sich Talahvin an Gasper vorbei, griff ihn von Hinten und drehte ihm den Waffenarm um. Der Paladin schrieh auf, ließ sein Schwert fallen und hielt sich den Arm. Die Fassung des Elfen kehrte zurück und er meinte:
"Ich denke es ist an euch die zweite Aufgabe zu wählen."
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Einigermaßen erstaunt über den Ausgang des Kampfes, aber nicht überrascht darüber das Talahvin Gasper besiegt hatte, gab Luana bekannt: "Den Zweikampf hat Talahvin gewonnen."
Dann drehte sie sich zu ihren Kameraden um.
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Der Mönch bewunderte den Elfen: Er hatte seinen Gegner besiegt, ohne ihn zu verwunden.
Dann dachte er über die 2. Aufgabe nach. Es musste irgend etwas sein, was sie gut konnten und der Elf schlecht. Aber was kann ein Elf schon gut oder schlecht? Er wusste zu wenig über die Elfen.
Dann traf es ihn wie ein Blitz: Poesie! Diese Barbaren waren bestimmt unfähig ein vernünftiges Gedicht zu verfassen.
Laut sagte er zu seinen Gefährten: "Was haltet ihr von einem Gedicht? Möge der bessere Dichter gewinnen."
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Luana zog eine Augenbraue hoch bei den Worten Talonis'. Dann schaute sie zu Talahvin. Was würde er dazu sagen?
Sie selbst fand die Idee gut. Das war eine Art Wettstreit, wo es nicht auf körperliche, sondern Geistige fitness ankam. Die Halbelfe lächelte.
"Nun Talahvin? Nehm ihr an?"
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Baratos blickte eher skeptisch zu Talonis herüber nachdem er den Elf mit misstrauigen Blick fixiert hatte, aber im körperlichen Wettstreit schien dieser Elf weit besser zu sein, als die Gefährten, zumindest was Schnelligkeit und Gewandtheit anging. So nickte er dann schlußendlich, um wieder Luana anzusehen. Sein Blick wurde irgendwie bösartig, als sein Blick wieder zum Elf weiterwanderte.
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Talahvin blickte die Gemeinschaft verwundert an. Er meinte:
"Bitte, meinetwegen. Ein Gedicht in eurer Sprache zu erdenken wird für mich kein leichtes Unterfangen sein. Aber euer Vorschlag entspricht den Regeln. Ich nehme an."
Nimrott verdrehte die Augen. Er wirkte nervös und schien irgendwie in Eile. Gasper dagegen durbohrte den Elfen mit feindseeligen Blicken. Talahvin ergänzte noch:
"Folgt mir. Hier ganz in der Nähe ist ein Ort, der für Geschichten, Gedichte und Erzählungen viel besser geeignet ist als dieses Stück des Waldes."
Der Elf führte nun die Gruppe an und geleitete sie über Pfade, die selbst für Luana unsichtbar waren. Manchmal schob er einfach ein paar Zweige mitten im dichtesten Geäst auseinander und dahinter eröffnete sich wie durch Zauberhand ein natürlicher Weg, welcher mit grünem Gras oder niedrigem Farn gesäumt war. So begaben sie sich Schritt für Schirtt in einen immer dichter werdenden Teil des Waldes. Mortan wurde unruhig. Wohin führte sie der Fremde. In eine Falle? Aber wenn selbst Gasper durch den Elfen mit Leichtigkeit besiegt werden konnte, hätte Talahvin die Übrigen schon längst getötet, wäre es seine Absicht gewesen. Irgendwann eröffente sich vor den Reisenden ein flach ansteigender Hügel. Steinerne, leicht verwitterte Stufen führten hinauf. Die Bäume wurden lichter und wichen einem großen Platz, der völlig von hellem Tageslicht beherrscht wurde. Inmitten der fast kreisrunden Wiese fand sich ein halb verfallenes Bauwerk aus weißem Mamor, das aus glatten Säulen bestand und von vielen Rundbögen überspannt wurde. Inmitten dieser prächtigen Ruhestätte waren steinerne Bänke. Das Bauwerk war nichteinmal besonders groß oder für sich selbst eindrucksvoll. Alle waren allerdings überrascht, dass man inmitten dieser Wildnis soetwas finden konnte. Die Kuppe des Hügels war ein Ort des Rast und des Zusammenkommens. Das war jedem sofort klar.
Mortan war ganz angetan davon inmitten dieser Natur ein steinernes Bauwerk zu finden. In ihm machte sich ein wohliges Gefühl breit und vertrieb wenigstens für einen Moment alle Befürchtungen, dass sie diesen Wald vielleicht nie wieder verlassen würden. Einzig Talonis wagte einen flüchtigen Blick zurück, um sein Augenmerk anschließend erneut dem Bauwerk zu widmen. Doch was hatte er hinter seinem Rücken gesehen? Eine flüchtige Erinnerung verriet ihm, dass da mehr war als ein blauer Himmel und ein endloser Wald. Schnell drehte sich Talonis um und betrachtete eindringlicher, was eben noch seiner Aufmerksamkeit entgangen war: Am Horizont stieg eine pechschwarze Rauchsäule auf und verlüchtigte sich irgendwann im Wind. Er blickte gen Westen, Richtung Frohnholm.
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Talonis blieb aprupt stehen.
Im Geiste hatte er noch sein Gedicht rezitiert und versucht, einige Stellen auszubessern.
Doch als er die Rauchschwaden Richtung Fronholm kommen sah, verschwanden alle anderen gedanken. "Was mochte in Fronholm bloß pasiert sein?"
Die anderen schienen sein zögern zu bemerken. Doch der Mönch sagte nichts. Unbewegt starrte er nur in Richtung der Rauschwaden. "Wie lange brannte es schon dort, ohne dass es ihnen aufgefallen war?"
Wortlos deutete er in Richtung der Rauchschwaden und ließ anschließend sein Hand wieder sinken.
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Mortan betrat den Säulenkreis und liess seine Finger über den Marmor streifen. Er konnte das Alter des Steins förmlich fühlen, das beruhigte ihn ungemein. Gedankenverloren strich er über eingravierte, leicht verwitterte Verzierungen an einem Sockel, sehr feine Muster verwoben sich wie Blumenranken ineinander, doch der Zahn der Zeit hatte auch an ihnen genagt. Wer hatte wohl diesen Tempel hier erbaut? Wahrscheinlich wusste es nichteinmal der Elf.
Erst die Unruhe unter seinen Gefährten liess Mortan aufblicken. Talonis deutete auf eine Rauchsäule im Westen, doch schweig er dabei. Um besser zu sehen, stellte sich Mortan auf eine der Marmorbänke und hob die Hand schützend gegen die Sonne.
"Liegt dort nicht Frohnholm? Oder das Fischerdorf?"
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"Aber wir sollten unser Ziel nicht aus den Augen verlieren. Und das liegt bei den Elfen. Wir sollten uns dem zweiten Wettstreit widmen. Die alten Säulen erinnern mich an ein Gedicht:
Drei Steine stehen an ruhigem Ort,
verlassen und einsam, vergessen ihr Sinn.
Der Erste sollte Liebe bezeugen,
zwischen Prinz und Prinzessin aus freundlich Geschlecht.
Doch alter Streit vergiftet die Herzen,
der Bund zerbrach und wurde bitter gerächt.
Zwei Heere sich trafen, je tausend Mann,
mit wehenden Fahnen, stolz und eisenbewehrt.
Prinz und Prinzessin schlugen sich hier zu Tode,
Und nur der Stein erinnert sich dran.
Der Zweite verkündet von großen Taten,
eines Helden mit Mut und weisem Verstand.
Er zog durch die Welt, schlug Drachen und Geister,
er war gefürchtet und allseits bekannt.
Er fand den Ruhm, das Gold und die Ehre,
doch eines, das bliebt ihm für immer verwehrt.
Sein Herz suchte Liebe, Frieden und Treue,
und nur der Stein erinnert sich dran.
Der Dritte beschützte Wiesen und Felder,
vor dunklen Mächten in noch dunklerer Zeit.
Viele kamen hierher, zu beten und preisen,
denn der Stein war dem Gotte des Lichtes geweiht.
Die Menschen lebten in Frieden und Wohlstand,
doch sie vergasen den Gott und den Stein.
Das Dunkel zog auf und nahm gar grausamen Pfand,
und nur der Stein erinnert sich dran.
Drei Steine stehen an ruhigem Ort,
zur Mahnung an alle, die dort reisen.
Ihr dürft lieben und streiten, ernten und preisen,
Nur vergesst nie: Erinnert euch dran!"
Der Zwerg hatte sich dabei wieder auf eine der Steinbänke gesetzt und wandte sich an den Elfen.
"Talahvin, nun seit ihr an der Reihe. Und Luana fällt das Urteil, wem der Sieg gelang."
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Talahvin hörte aufmerksam zu. Er interessierte sich nicht im Geringsten für die Rauchwolke in der Ferne und nahm daher die Herausforderung an. Er erwiederte:
"Ihr habt eine starke Bindung zum Stein, nicht wahr? Erinnerung ist wichtig und verhilft den Rechten zur Macht. Aber mal sehen an was mich dieser Ort erinnert. Ich werde versuchen ein passendes Gedicht in eure Mundart zu übersetzen:
Es war ein König im Winter
Eine weiße Krone zierte sein Haupt
Er genoss den Frieden in seinem Reich
Als Aurels Kinder kamen
Es war ein König im Frühjahr
Eine weiße Krone zierte sein Haupt
Er genoss die aufkommende Wärme
Als Jylis Kinder kamen
Es war ein König im Sommer
Eine weiße Krone zierte sein Haupt
Er genoss den Wind in den Haaren
Als Metorns Kinder kamen
Es war ein König im Herbst
Eine weiße Krone zierte sein Haupt
Er genoss sein nahendes Ende
Als Lots Kinder kamen
Welche Kinder auch immer ihn besuchten
Bereute er nicht einen Tag
An dem die ersten an ihm nagten und die zweiten ihn missbrauchten
An dem die dritten ihn scherten und die letzten ihn verließen
Es gibt nur einen wahren König auf der Welt
Und eine Krone aus Stein ziert sein Haupt
Sein Herz ist aus Fels und seine Haut aus Erde
Seine Haare sind die Bäume und sein Reich ist die Welt"
Talahvin lächelte der Gemeinschaft zu. Nimrott hatte nicht aufgepasst. Er behielt statt dessen lieber die Rauchwolke in der Ferne im Auge.
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Eine schwere Entscheidung empfand die Halbelfe. Mortan hatte seine Zeilen mit ruhiger tiefer Stimme vorgetragen. Die Worte begleiteten Bilder vergangener Tage, welche sich in die Gedanken der Halbelfe schoben. Sie spürte die Zeit an diesem Ort vergehen und sie fühlte Leben und Tod. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als die Worte des Zwergen verstummten.
Nun lauschte sie dem Elfen. Thalavins Stimme war höher und lieblicher. In sanftem Ton verließen die Worte des Gedichtes seine Lippen. Auch dieses Gedicht fessele sie. So fällte sie unbewußt ihr Urteil noch bevor Thalavin geendet hatte.
Als auch er verstummte ließ Luana einen Moment verstreichen. Einen Moment in dem sie noch einmal beide Gedichte verglich. Dann schaute sie die beiden nach einander an.
"Nun." begann sie langsam "Es ist schwer sich zu entscheiden. Beide Gedichte sind wunderschön, tiefgreifend und fesselnd." Sie hiet inne und atmete tief ein "Leider muß ich mich für eines entscheiden. Und ich habe mich für Mortans Gedicht entschieden. Es schwer einen Grund zu nennen warum es mir besser gefallen hat, als jenes von Thalavin. Es ist eher ein Gefühl." Sie lächelte in die Runde. "Der Sieger in dieser Runde ist also Mortan."
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Talahvin nickte vorsichtig und bestätigte:
"Mortan verdient den Sieg. Obwohl er nur ein Zwerg ist, hat er doch eine Gabe. Dann bin ich wohl wieder an der Reihe die nächste Aufgabe zu wählen. Mh, mal sehen. Ah, ich weiß. Es stellt sich die Frage, wer die besseren Augen hat. Es ist ein leichtes Spiel. Sagt mir doch, was dort in der Ferne zu sehen ist."
Nimrott wurde plötzlich aufmerksam. Der Elf aber ließ sich keinesfalls aus der Ruhe bringen. Er redete einfach weiter:
"Der Schattenblick scheint ein teifes Interesse an dem leblosen Rauch zu haben, der von irgendwo stammen mag. Was ist die Quelle? Und wer ist verantwortlich?"
Gasper schimpfte in einem Anflug von Zorn:
"Das ist doch nur ein Trick. So weit kann nicht einmal ein Elf blicken."
Talahvin antwortete nicht. Luana hatte sehr gute Augen und eine hervorragende Weitsicht. Doch auch sie konnte nicht viel mehr erkennen als die hoch aufragende Rauchsäule. In ihren Adern floss elfisches Blut, doch offenbar hatte sie nicht alle Gaben dieses Volkes zur Gänze.
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"Baratos könnte seinen Vertrauten entsenden. Zumindest sagtet ihr doch, dass Imps sehr schnell reisen können. Und die Tatsache, dass es dort brennt, wird ihn wohl erfreuen", wandte sich Mortan zu den beiden Zauberern.
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"In der Tat, das wäre noch eine der einfacheren Übungen, Herr Zwerg." antwortete Baratos und lächelte Mortan an, doch wirkte sein Lächeln selbstverliebt und etwas zu sehr von sich und seinem Vetrauten überzeugt, jedenfalls nicht sonderlich symphatisch. Er blickte nacheinander einen Jeden der Gruppe an und sprach dann endlich den Namen seines Vertrauten aus, der auch sogleich auf der Schulter des Zauberers auftauchte. Er begann seinem Vertrauten leise zuzuflüstern und deutete dabei auf den Rauch der in der Entfernung immernoch aufstieg.
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Talonis blickte misstrauisch auf den Imp. Er würde sich besser fühlen, wenn der Imp weg war. - Auch wenn ihm klar war, dass der Imp bald wieder auftauchen würde.
Er starrte selber auf die Rauchfahne und hob seine Hand um sich vor der blendenden Sonne zu schützen. Aber er konnt nicht viel erkennen: Eine Rauchfahne, die in Windrichtung davon wehte.
Es lohnte sich nicht Gedanken darüber zu machen. Wennd er Imp zurückkehrte, würde er schon Bericht erstatten. Bis dahin konnte er sich auch die Zeit vertreiben, in dem er die Ruine näher untersuchte.
Er lief zwischen den Säulen und der Treppe herum und pflückte hier und da ein paar Pflanzen, die ihm interessant erschienen. Nebenbei schaute er auch, ob er in den Ruinen irgendwelche alten Inschriften erkennen konnte.
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Es dauerte kaum einen Augenblick, dass das kleine Täufelchen verschwunden war, da zischte und funkte es irgendwo im Schatten unter den Bäumen und aus einer stinkenden Schwefelwolke schälte sich der Imp, als wäre er nie weg gewesen. Auf die Frage, was er gesehen hätte, folgte zunächst keine Antwort. Das kleine Wesen grinste hämisch, glitt mit den Augen langsam durch die Baumkronen und gab dann zurück:
"In der Tiefe sind die Herzen rein,
Blut versüßt der Tränen Wein.
Den Hass gewählt,
durch Schmerzen gequält.
Die Liebe gespürt,
von Macht verführt."
Denn schwieg er. Es war ruhig zwischen den Bäumen. Nur der Wind säuselte untermalt von Vogelgesängen leise durch den Blätterwald. Ein Imp war ein mächtiger Vertrauter... wenn man seine Worte zu deuten verstand. Rätsel musste ein Zauberer lösen können. Doch dieses war selbst für Nimrott oder Baratos schwer zu verstehen. Talahvin verhielt sich plötzlich ganz merkwürdig. Er lächelte nicht mehr und schien niedergeschlagen. Der Elf meinte:
"Habt ihr diese Aufgabe doch tatsächlich gemeistert. Und fürwahr sah das Feuerauge mehr als ich oder irgendeiner sonst es je könnte. Ich sah nur die brennenden Mauern einer Burg und das Leiden der Bewohner, mehr nicht."
Gerade Luana kamen die Worte des Imps so bekannt vor und sie enthielt Wahrheit. Warum, konnte sie nicht sagen. Jetzt müsste sie die Entscheidung treffen, ob die Reisenden aus diesem Wettstreit als Sieger hervor gehen würden oder nicht.
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Talonis sah wütend zum Imp:
"Kannst du auch eine vernünftige Antwort geben?
Wer hat den Hass gewählt? Hast du gesehen, wer das Feuer entfachte oder war der Brand ein Unfall?
Und was hat eine brennende Stadt mit Liebe zu tun?"
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Das kleine Täufelchen sah flehend zu seinem Gebieter auf. Seine Blicke sprachen Bände und gerade ein unverhüllter Mönch wie Talonis wusste sie zu deuten. Sie schienen zu sagen:
"Meister, darf ich ihn für seine gemeinen Worte bestrafen?"
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"Baratos, sagt uns bitte, was euer Imp in Fronholm gesehen hat. Ihr müsstet ihm am besten verstehen können.", ging Mortan dazwischen. Er konnte den Imp zwar nicht ausstehen, aber noch einen weiteren Streit in der Gruppe wollte er verhindern.
"Aber haltet den kleinen Teufel blos ruhig! Er hat in unserer Reisegesellschaft schon genug Unheil gestiftet, neue Streiterein stürzen uns nur ins Unglück."
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"In dem Fall hat der Imp mehr gesehen, als jeder von uns hätte sehen können." Luana schaute in die Runde.
"Doch die Aufgabe ist nicht komplett gelöst von unserer Seite, denn es scheint das niemand von uns versteht was der Vertraute gesehen hat. So nützt es wenig das er es gesehen hat. Wenn Baratos nicht sagen kann was sein Vertrauter gesehen oder gesagt hat, steht es unentschieden." erklärte die Halbelfe. Sie sah Baratos an und wartete was dieser nun sagen würde.
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Nimrott zog Baratos unsanft zu sich heran und flüsterte ungehalten in einer geheimen Sprache der Zauberer, so dass es sonst keiner verstehen konnte:
"Los Baratos, denkt euch irgendwas aus. Lasst dieses Narrentheater zu seinem Ende kommen."
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Baratos blickte Nimrott an und warf auch seinem Vertauten kurz einen wütenden Blick zu. Dann wandte er sich an die anderen. "Nun, das Feuer war keinesfalls ein Unfall. Offensichtlich... ist jemand in die Burg eingedrungen und hat dort ein Feuer gelegt." berichtete er den anderen Gefährten. "Allerdings kann ich nicht sagen, wer genau es war."
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"Wisst ihr, ob es einen Kampf gab? Vielleicht war dem König das eigenmächtige Handeln des Fürsten doch schnell zu Ohren gekommen."
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"Mich kümmert zur Zeit nur ein König..."
nuschelte sich Nimrott in den Bart
"...und der wohnt in diesem Wald."
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"Ich bezweifel, dass der König etwas damit zu tun hat. Eine so schnelle Reaktion halte ich für extrem unwahrscheinlich." meinte Baratos.
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Luana bedachte Nimrott mit einem kurzen Blick. Dann wandte sie sich an den Rest der Gruppe.
"Nun, das wird wohl reichen müssen als Erklärung. Damit hat die Seite der Reisenden den dritten Wettstreit gewonnen. Denn es ist mehr als Talahvin gesehen hat. Hoffen wir nur das das das Feuer nicht zu viel Schaden angerichtet hat und zu viele Leute verletzt wurden." Ihre Stimme wurde leiser bei den letzten Worten und ihr Blick richtet sich wieder zu der Rauchsäule. Ihr war klar das es nicht möglich war zu helfen, ihr Ziel lag in einer anderen Richtung.
"Aber eine Aufgabe liegt noch vor uns und es ist an uns zu bestimmen welche Aufgabe es sein wird."
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"Nein!"
ging Nimrott laut dazwischen.
"Ich erinnere mich genau, dass der Elf gesagt hat, wir würden bei einem Unentschieden siegen. Talahvin, es ist an der Zeit, dass ihr uns nun sagt wo der Herr dieses Waldes sich aufhält."
Talahvin gefiel die direkte und etwas rüde Art von Nimrott überhaupt nicht. Er musterte sein Gegenüber streng und erwiederte:
"Ja, das habe ich gesagt. Und ich werde mich daran halten."
In der Gruppe wurde noch ein wenig diskutiert. Nicht jedem war sofort klar, wohin es denn jetzt gehen sollte. Talahvin hielt sich sehr bedeckt und war weniger gut gelaunt als zu Anfang. Besonders Gasper und Nimrott waren ihm offenbar nicht geheuer, denn er behielt sie die ganze Zeit im Blick.
Es dauerte nicht lange, da war die Gruppe wieder in den Teil des Waldes abgetaucht, der unter dichteren Baumkronen lag. Hier unten schien es ihnen erheblich kühler zu sein als auf der Kuppe des Hügels. Gleichzeitig wehte auch kein so starker Wind. Nur die mächtigen Baumkronen über ihnen wogten so träge hin und her, als wären es wandernde Riesen aus uralten Zeiten. Zunächst wurde nicht viel geredet, auch weil die Gruppe der Reiseden nach kurzer Zeit weit auseinander gezogen war. Vorne gingen im schnellen Schritt und vielleicht sogar etwas unvorsichtig Nimrott und Gasper. Etwas weiter hinten folgte Baratos. Mortan und Talonis wanderten in der Mitte. Und obwohl Talahvin die Reisenden anführen sollte, hielt er sich zusammen mit Luana ganz hinten auf. Irgendwann, es war schon Abend, brach der Elf die lange Stille, welche zwischen den Beiden die ganze Zeit vorgeherrscht hatte:
"Luana, hast du schonmal darüber nachgedacht zu deinem Volk zurück zu kehren? Ich weiß, dass du glaubst noch nie hier gewesen zu sein. Aber du täuschst dich! Wenn du dich der Welt nur ein wenig öffnen würdest, könntest du es erkennen. Die Menschen haben dir eingeredet, du solltest wie sie sein. Sie haben dir gesagt, dass du dir Kleider anziehen und einen Mann heiraten solltest. Sie verlangen von dir eine Frau der Städte und nicht der Freiheit zu sein. Das alles bist aber nicht du. Du bist mehr als das. Es ist deine freie Entscheidung die Sterblichen allesamt zu überleben. Du könntest noch die Welt erfahren, wenn es die Menschen schon garnicht mehr gibt. Selbst das Leben eines Zauberers ist doch nur ein Augenzwinkern."
Bei den letzten Worten sah der Elf etwas abfällig zu nach vorn zu den Vorauseilenden.
Diesesmal war es nicht die Elfe, die etwas sonderbares sah, sondern Talonis. Die weiße Eule saß hoch oben in den Bäumen, gut versteckt in der einbrechenden Dunkelheit und dem dichten Blätterdach. Was war das für ein Tier? Es gab jemanden, der vielleicht eine Antwort darauf hatte.
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Mortan lief schon eine ganze Weile. Anfangs war er noch enthusiastisch und studierte die faszinierende Flora unf Dauna. Aber der lange Fußmarsch ermüdete ihn und ein Baum sah wie der nächste aus.
Talonis sah nach oben in den Himmel, um am Sonnenstand zu erkennen, wie lange sie schon gelaufen waren, als er die weiße Eule bemerkte.
Der Mönch ließ sich zurückfallen, bis ihn die beiden Elfen einholten. Dann wandte er sich an diese und deutete auf die Eule: "Wisst ihr, was das für eine Eule ist? Ich habe noch nie eine Eule gesehen, die weiß ist."
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Talahvin fühlte sich ganz offenbar durch den Mönch gestört. Obwohl er eigentlich mit Luana ein paar Worte allein wechseln wollte, blieb er freundlich (vielleicht auch, um Talonis besser abwimmeln zu könnnen). Er meinte:
"Das ist eines der weißen Tiere des Ileilenwaldes. Sie dienen dem König. Folgt ihnen, wohin ihr auch geht und kein Unheil wird euch wiederfahren. Verlasst ihr aber ihre Pfade, begebt ihr euch in größte Gefahr..."
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"Die Oger haben wir schon kennengelernt. Aber welche Gefahren lauern noch in eurem Wald?". Mortan konnte sich nicht vorstellen, wie eine Eule jemanden vor irgendeiner Gefahr bewahren könnte.
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Talahvin seufzte. Jetzt fing auch noch dieser Zwerg an zu reden. Er erwiederte:
"Keine, solange ihr den Pfaden der Tiere folgt! Wie soll ich das blos erklären? Seht es so: Ihr habt kräftige Oberarme. Damit könnt ihr genausogut ein Kunstwerk schaffen, wie ein lebendes Wesen töten. Die Kraturen und Seelen dieses Waldes haben stets zwei Gesichter, wie jeder von uns. Folgt einfach den weißen Tieren und ihr werdet sicher sein!"
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"Eine Sache von Vertrauen also?" Es war nicht ganz das was Luana meinte, aber so traf es das am besten. Sie fühlte sich irgendwie sicher.
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Misstrauen gegenüber dem Elfen kam in Mortan auf.
Die Kreaturen und Seelen dieses Waldes haben stets zwei Gesichter, wie jeder von uns. Was war wohl das zweite Gesicht Talahvins?
Mortan schweig auf die Worte Talahvins, der Wald und die plötzliche Laune ihres Führers machte ihn unsicher.
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Es dämmerte bereits. Die Luft wurde zunehmend kühler und ein frischer Wind wehte leicht durch die Baumkronen. Es war ein Abend wie viele andere auch. Sie warteten darauf sich zusammen an ein Lagerfeuer zu setzen und von Talahvin mehr über den Fileipwald zu erfahren. Doch er fehlte. Luana war das als erste aufgefallen. Nur kurz hatte sie einige Worte mit Gasper gewechselt, da fand sie den Fremden nicht wieder. Er schien sich einfach in Luft aufgelöst zu haben, so wie er einst aus dem Nichts gekommen war. Warum er fort war und ob er wiederkommen würde, wusste keiner der Reisenden zu sagen. Trotzdem oder vielleicht wegen des fehlenden Elfen richtete die Gruppe ein Nachtlager ein. Es blieb ihnen ja sowie nichts anderes übrig, als die dunklen Stunden zum Schlafen zu nutzen.
An diesem Abend, der schon bald in die Nacht überging, ließ Nimrott niemanden zu Wort kommen. Er redete ohne Unterbrechung und so laut, dass man dachte er wollte die wilden Tiere des Waldes anlocken. In jedem Wort spiegelte sich die Wut wieder. Er erzählte, ohne dass es überhaupt jemand wissen wollte, wie unverantwortlich es von Talahvin sei, sein Versprechen zu brechen. Zwischenzeitlich schien er für einen Augenblick über sein fleischliches Wesen hinauszuwachsen. Es war als ob die Wut aus ihm herausprudelte und die Äste der Baumkronen zum Zittern brachte. Dabei ging ein zwar mattes, dafür aber tiefes und bedrohliches Leuchten von seinen Augen aus. Erst als Gasper den Zauberer zur Rede stellte und meinte, die Gruppe müsste schlafen, ließ sich Nimrott besänftigen. Auch wenn er bald, wie fast alle übrigen, die Augen geschlossen hatte, schlief er nur schlecht.
Von allen nam der Schlaf besitz, nur nicht von Luana. Ohne Müdigkeit zu verspüren, lag sich wach und dachte über die vergangenen Ereignisse nach. Mitten in der Nacht dann erweckte ein knurren ihre Aufmerksamkeit, welches aus dem dunklen Wald kam. Sofort stand sie Kerzengerade da und hielt ihren Bogen griffbereit, doch sie sah nichts. Erst als sie tiefer in den Wald blickte, meinte sie die Form eines Wolfes zu erkennen. Aber er war schneeweiß, sein Fell schimmerte im Mondlicht. Er sah auf wundersame Weise märchenhaft aus. Aber er knurrte und zeigte die Zähne. Es tauchten nur kurze Zeit später weitere von diesen merkwürdigen Tieren auf. Sie schienen nicht friedlich zu sein. Die Laute der Wölfe weckten nun auch die übrigen.
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Talonis erwachte. Er war vom langen Marsch noch ganz geschafft. Als er das Knurren der Wölfe hörte, war er aber sofort hellwach. Er griff nach seinen Stab und schaute sich um.
"Wenn es normale Wölfe sind, so fürchten sie sich vor Feuer." , dachte er bei sich. Langsam wich er also zum Lagerfeuer zurück und suchte nach einem brennenden Ast, den man halbwegs vernünftig halten konnte.
"TALAHVIN! Wo bist du?", schrie er in den Wald.
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Auch Baratos war mittlerweile erwacht und war aufgestanden, auch er zog sich zurück zum Lagerfeuer. Auch er hoffte, dass die Wölfe Angst vor Feuer hatten, doch innerlich hatte er das Gefühl, dass es eben keine einfachen Wölfe waren. Er blickte zu Talonis und meinte daraufhin. "Der ist sicher schon über alle Berge und hat uns im Stich gelassen."
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Mortan hatte einen festen Schlaf und wurde erst durch die Talonis Rufe wach. Hastig drängte er sich mit den anderen ums Feuer und suchte nach etwas, womit er sich verteidigen konnte.
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Nimrott Blickte schreckhaft nach allen Seiten. Er fragte urplötzlich in die Runde:
"Angreifen oder fliehen?!"
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Baratos versucht die Lage genauer zu erfassen, wieviele Gegner sich auf sie zu bewegten. Er wirkte zwar äußerlich ruhig, doch wie er sich zurückgezogen hatte, machte deutlich, dass auch er erschreckt gewesen war.
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Folgt einfach den weißen Tieren und ihr werdet sicher sein... hallten die Worte Talahvins in Luanas Kopf wieder.
"Er ist weiß... er sagte etwas von ihnen folgen und wir würden sicher sein, vielleicht sind wir aber auch einfach nicht willkommen." Ihr Blick war noch immer auf den ersten der Wölfe gerichtet.
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"Nicht fliehen! In der Dunkelheit des Waldes wären wir noch schutzloser den Wölfen ausgesetzt. Wir solltes uns um das Feuer herum notfalls verteidigen." Er verfluchte sich innerlich, weshlab er nicht sein Beil repariert hatte. Jetzt musst er sich mit einem stakren Ast erwehren.
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Mittlerweile standen die weißen Wölfe im Halbkreis um die Gruppe. Nur erhellt von der Glut des heruntergebrannten Feuers sahen ihre gefletschten Zähne furchterregend aus. Sie näherten sich langsam und drangen in den Lichtkreis der Glut vor. Nimrott schluckte schwer und gab zu verstehen:
"Das werden immer mehr und sie fürchten das Feuer nicht!"
Gasper wich einige Schritte zurück und meinte aufgeregt:
"Der Elf hat uns in eine Falle gelockt! Diese Tiere haben eine starke Aura und einen wachen Geist. Vor den Augen der sterblichen können sie sich verbergen, doch nicht vor Metorns Angesicht."
Der Paladin warf einen flüchtigen Blick zum Mond. Nur Gasper und Talonis ließ Metorn durch seine Augen sehen und zeigte ihnen die wahre Natur der weißen Wölfe. Nimrott sammelte sich und greinte:
"Was auch immer das für Tiere sind, legen sie sich doch mit dem falschen an. Ihr müsst sie nicht lange aufhalten. Gebt mir nur ein wenig Zeit. Ich lasse die Macht der unsichtbaren Welten auf sie herabregnen, egal ob normale Wölfe oder nicht!"
Gasper schien nicht ganz einverstanden mit Nimrotts Plan. Er sagte laut:
"Halt, erregt nicht ihren Zorn. Ihr könnt ihre wahre Macht nicht erkennen, ich schon. Sagt nur ein falsches Wort und sie springen euch an die Kehle. Wir müssen fliehen. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht."
Nimrott schien nicht überzeugt von den Worten des Paladins. Er sah zu Talonis herüber und wartete auf seine Meinung.
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Der Mönch betrachtete die Wölfe. Seine Gesicht verzerrte sich vor Schrecken. Unwillkürlich ging er einen Schritt zurück. Beinahe wäre er über das Lagerfeuer hinter ihm gefallen.
"Diese Wölfe sind gefährlich.", murmelte er. Laut rief er: "Wir müssen weg. Gegen diese Wölfe können wir nicht gewinnen."
Seine Augen suchten nach einer Lücke in den Wölfen zwischen denen sie verschwinden konnten. Er meinte eine zu erblicken und ging in diese Richtung, bevor die Wölfe sie vollend eingekesselt hatten.
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Nimrott wicht zurück. Hinter ihm waren die Tiere noch nicht. Er rief:
"Bleibt immer in meiner Nähe!"
Dann holte der Zauberer einmal tief Luft, schloss die Augen und sammelte in der Hektik seine Konzentration. Er murmelte einige Worte. Als die Übrigen diese hörten, schien es ihnen als änderte sich ihre Umgebung. Es dauerte nicht lange, da wurde die Umwelt träger, das Rauschen des Windes stumpfte ab und das Knurren der Wölfe hörte sich dunkel an. Irgendwie verlangsamte sich die Welt um sie herum, zwar nicht viel, aber dennoch merklich. Sich selbst zu bewegen wirkte beängstigender Weise mit einem mal ungewohnt. Wenn man den Kopf drehte, zog das helle Licht des Mondes schlieren vor ihren Augen und unidentifizierbare Schemen tauchten zeitweise im Blickfeld auf. Was auch immer das für eine Magie war, die Nimrott wirkte, sie betraf den Geist eines jeden in der Gruppe. Aber der Zauber war nur schwach, ein jeder Verstand wäre stark genug sich davon zu befreien, wenn er es wollte.
Die Reisenden sahen Nimrott wie er sich umdrehte und seine verschwommene, wabernde Gestalt das Weite suchte, heraus aus dem Halbkreis, den die Wölfe um das Feuer bildeten. Kurz drehte er sich um und winkte die Gemeinschaft zu sich.
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Während Nimroot loslief, sah Talonis auf die Wölfe: Wie lange würde es wohl dauern, bis auch sie sich wieder schnell bewegen konnten?
Dann rannte er hinter Niomrott her. Er beeilte sich wegzukommen, bevor der Zauber nachließ.
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Mortan stürzte den Flüchtenden hinterher. Blos nicht den Anschluss verlieren, war das einzigste, was ihm jetzt durch den Kopf ging. Alleine würde er gegen die Wölfe keine Chance haben.
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Nur eine Richtung haben sie uns gelassen... nur einen Weg den wir wählen können. luana warf einen letzten Blick auf die Wölfe, bevor sie den anderen folgte.
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Jetzt waren die Reisenden auf unkoordinierter Flucht. Sie stolperten querfeldein, ungeachtet der natürlichen Pfade des Waldes. Ein kurzer Blick zurück offenbarte, dass die Wölfe, welche durch Nimrotts Magie nur schemenhaft und verschwommen zu erkennen waren, den Halbkreis gänzlich schlossen. Offenbar hatten sie noch nicht bemerkt, dass die Abenteurer geflohen waren. Es dauerte aber nicht lange, da war schon wieder das Lächzen der Tiere zu hören, welche den Fährten der Flüchtenden folgten. Die Reisenden liefen bestimmt eine halbe Stunde und achteten schon garnichtmehr darauf, was hinter ihnen war. Noch immer wirkte Nimrotts Zauber, aber mit der Zeit fühlte sich diese merkwürdige Art der Bewegung immer unangenehmer an.
Luana fühlte die Übelkeit als erste in sich aufsteigen. Die Schlieren und schemenhaften Formen vor ihrem Gesicht hinterließen ein widerwärtiges Schwindelgefühl. Plötzlich blieb sie stehen, weil sie zu stürzen drohte und befahl ihrem Geist, sich von der Verwandlung zu befreien. Ein Brummen drang zunächst an ihre Ohren, das aber immer höher wurde, bis es in einem Fiepsen endete. Dann hatte sie das Gefühl, ihr Körper würde eine unsichtbare Hülle nach allen Seiten abstoßen, die schließlich in der Luft verpuffte. Das Fiepsen klang ab und die Welt sah wieder natürlich aus. Die Luft roch frisch und die Töne klangen rein. Doch kaum freute sich die Halbelfe ihre natürliche Wahrnehmung zurück erlangt zu haben, da stürzte irgendetwas auf sie zurück und machte den Eindruck gleichsam in ihrem Geist zu platzen. Ein unerträglicher Kopfschmerz folgte. Luana stürzte zu Boden und verlor für kurze Zeit die Besinnung.
Talonis bemerkte das und blieb stehen. Auch er hielt die Magie, die ihn umwebte, kaum noch aus. Daher schüttelte der Mönch den Zauber ebenso ab, wie es Luana getan hatte. Bei ihm lief der Prozess ganz ähnlich ab. Auch auf ihn fiel dieses unsichtbare Etwas zurück, so dass er Kopfschmerzen und ein unangenehmes Klingeln im Ohr hatte. Die Auswirkungen waren aber zum Glück nicht ganz so schlimm, wie bei der Halbelfe.
Anschließend befreiten sich auch die Übrigen von der Verzauberung. Bei allen lief es ähnlich ab. Am wenigsten hatte Mortan unter den Nachwirkungen zu leiden, obwohl er den Zauber mit aller Gewalt von sich geschüttelt hatte. Die Magier in der Gruppe gestalteten den Übergang zur normalen Welt offenbar fließender, so dass bei ihnen die Auswirkungen nicht so stark zum Tragen kamen. Aber auch sie litten unter Übelkeit und Kopfschmerzen.
Gasper suchte seine Orientierung wieder und blickte sich hektisch um. Er suchte in seiner Umgebung nach einer Stelle, wo sich vor den Wölfen verstecken könnten. Er wusste, dass die Tiere ihre Spuren wittern konnten. Sie waren praktisch ungeschützt. Obwohl der Mond hinter Wolken verborgen war, entdeckte er rechts einen abschüssigen Pfad, der in einer morastigen Niederung endete. Alte, knorrige Bäume wölbten sich über das schlammige Loch und lange, schmierige Flechten hingen von den Ästen herab. Ein modriger Geruch strömte zu ihnen herüber. Der Paladin rieb sich die Augen, weil sich alles um ihn herum drehte, und meinte:
"Lasst uns in der Niederung Schutz suchen. Wenn wir Glück haben, können die Wölfe unsere Witterung dort nicht aufnehmen! Wir können Luana hier nicht liegen lassen. Wir müssen sie tragen!"
Gasper wartete auf die Meinung der übrigen.
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Mortan taumelte vorwärts und musste sich kurz gegen einen Baum lehnen, bis der Schwindel des Zaubers vorbei war. Er sah in das Sumpfloch hinab: "Hoffentlich ist der Boden dort fest genug." Dann stoplerte zu Luana. Sein Schädel dröhnte wie nach einem zünftigen Rausch, die Stimmen der anderen waren leise und dumpf.
"Talonis, helft mir bitte, sie zu tragen. Und jemand anderes sollte ihren Bogen mitnehmen, der kann uns noch sehr helfen."
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Baratos griff nach dem Bogen. "Worauf warten wir dann noch, wir haben keine Zeit für lange Diskussionen." meinte er und blickt zu Nimrott und wartete dass Talos Mortan bei Luana half.
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Der Mönch half Mortan und hob Luana auf die Schulter. Gemeinsam mit Mortan versuchte er sich an den Abstieg. "Einer sollte hinter uns die Spuren verwischen.", sagte er zu den restlichen Gefährten.
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Zuerst wagte Gasper einen Schritt in die sumpfige Niederung. Die Nacht war nicht wirklich dunkel, denn der Mond erhellte den Wald, selbst wenn er hinter Wolken verborgen war. Zwischen den knorrigen, alten Bäumen herrschte aber die Dunkelheit.
Es dauerte nicht lange, da folgten die Übrigen. Luana erlangte bereits ihre Besinnung wieder, als ihr aufgeholfen wurde. Für die letzten Schritte in Richtung Sumpfloch brauchte sie schon garkeine Hilfe mehr. Obwohl der Boden hier entgegen aller Vermutungen recht fest war, wirkte dieser Ort gefährlicher als der offene Wald. Ein leises Knistern belebte die alten Bäume und schmieriges Wasser tropfte von oben herunter. Besonders Luana war dieser Ort unheimlich. Aber nicht nur ihr gefiel dieses dreckige Versteck nicht. Auch Talonis und Gasper konnten ihr Unwohlsein kaum verbergen. Trotzdem verharrten sie.
Und sie mussten nicht lange darauf warten, dass die Wölfe ihrer Witterung bis hier her gefolgt waren. Wie Gasper richtig vermutet hatte, verloren die Tiere die Spur der Reisenden genau hier. Obwohl sie nur wenige Schritte entfernt waren, konnten die Wölfe keine Witterung mehr aufnehmen. Sie schienen aber nicht gewillt ihre Suche aufzugeben. Einige dieser merkwürdigen Tiere entfernten sich zwar, andere blieben aber an Ort und Stelle. Gasper zog Nimrott an der Robe, was der Zauberer garnicht mochte, und meinte:
"Bleibt nicht hier zwischen den alten Bäumen sitzen, Zauberer. Wir folgen der Niederung und gehen an einer anderen Stelle wieder heraus. Und belegt mich ja nie wieder mit einer eurer Hexereien."
Im Moment konnten die Anwesenden Gaspers letzte Worte durchaus nachvollziehen. Auch sie spürten die Nachwirkungen der Magie und waren dementsprechend schlecht gelaunt.
Die Reisenden wateten durch den Morast und drangen immer tiefer in diesen fremdartigen Teil des Waldes vor. Gasper wollte die Niederung noch nicht verlassen, weil er befürchtete, die Wölfe könnten auf sie lauern. Irgendwann blieb er aber trotzdem stehen und sagte:
"Ich möchte nicht der einzige sein, der über unser Schicksal entscheidet. Wir können uns nicht ewig durch den Morast quälen. Auch wenn dieser Teil des Waldes uns im Moment Schutz gewähren mag, ist er doch nur schlecht zum Wandern geeigent. Überdies weiß ich schon garnichtmehr wo wir überhaupt sind. Sollen wir es wagen und die Niederung verlassen?"
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"Lange möchte ich hier nicht verweilen. Mich trügt die Sicherheit hier unten. Aber für den Augenblick sollten wir die kurze Ruhe nutzen, um uns zu entscheiden, wohin wir jetzt weitergehen. Talahvin hat uns verlassen und wahrscheinlich verraten. Jetzt jagen uns Wölfe, weisse Wölfe, die dem Elfenkönig treu sein sollen. Und uns auf diese Weise Gastfreundschaft zu zeigen, halte ich für sehr ungewöhnlich. Je weiter wir in dem Wald herumirren, desto schlimmer wird unsere Lage."
Er wandte sich an Nimrott: "Zauberer, wie wolltet ihr den Elfenkönig finden und mit ihm reden? Mit eurer Magie? Die hat uns schon aus misslichen Lagen befreit, aber die Elfen scheinen davon wenig beeindruckt."
Dann blickte er Gasper und Talonis an: "Glaubt ihr, Metorn wird uns zu dem König führen? Ich glaube, die Elfen können sich vor seiner Allmacht entziehen."
Er kam ins grübeln. "Ich selbst bin dem Wald so fremd wie Sonnenlicht in einer Höhle. Ich kann mein Schicksal hier nur in die Hände derjenigen legen, die über diesen Wald herrschen. Oder zumindest in die Hand der Person, die denen am nächsten steht. Luana ist meiner Ansicht nach die einzigste, die uns entweder zum Elfenkönig oder aus dem Wald herausführen kann. Sie muss es nur wollen, sonst sind wir alle dem Untergang verdammt."
Er drehte sich zu Luana: "Ihr wisst doch, wie ihr mit eurem Volk reden könnt und wie man auf den Pfaden der Elfen läuft. Dann macht das auch und erzählt den Waldelfen von unseren friedlichen Absichten! Und dann bringt uns zum Elfenkönig, egal in welcher Richtung sein Palast liegen mag!"
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Talonis sah zu Mortan: "Falls es Metorns Wille ist, so wird er uns sicher zum Elfenkönig geleiten. Allerdings hatte Metorn sicherlich seine Gründe, als er die Elfen in die tiefsten Stellen des Waldes verbannte."
Der Mönch machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr: "Ich denke auch, dass wir hier die restliche Nacht verbringen sollten und erst am Tage weitermarschieren. Sagt Baratos: Hat vielleicht euer Imp gesehen, wohin der Elf verschwunden ist?"
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"Sie sind nicht in die Tiefen der Wälder verdammt, sie leben dort von ganz allein." Ich kann sie gut verstehen, setzte Luana noch hinzu in Gedanken.
"Es wird schwer werden sie zu finden, denn sie wollen nicht gefunden werden. Talahvin hat uns gesagt wie wir sie finden könnten, nicht das wir es schaffen werden. Die Elfen sind Bewohner der Wälder, als solche achten sie die Wälder und deren Bewohner. Wir sollten ihnen zeigen das wir in guter, nicht in böser Absicht kommen." sie machte eine Pause und schaute die Gefährten an. "Das tun wir doch, oder?" ihr Blick blieb bei Nimrott hängen.
Leiser fuhr sie fort "Denn sollte das nicht der Fall sein, werden uns die Elfen nicht in ihren Wald lassen. Dann waren die Wölfe erst das erste um uns eine Warnung zukommen zu lassen." Sie deutete in die Richtung der Wölfe, oder in die Richtung in der sie sie vermutete.
"Fürs erste schlage ich vor bis zum Morgen hier zu verweilen, denn im Dunkel der Nacht im Wald umher zu wandern bringt nicht sehr viel." Damit setzte sie sich auf einen umgestürzten Baumstumpf und begann nach etwas Essbarem in ihrer Tasche zu suchen.
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Gasper nickte und bestätigte, dass sie an diesem unwirtlichen Ort eine Rast machen würden. Nimrott sagte zu Mortan:
"Ihr seid vielleicht den Wäldern fremd, aber nicht der Dunkelheit!"
Der Zauberer deutete damit die zwergische Fähigkeit an, ein natürliches Gespühr für Hindernisse oder Abgründe zu haben, selbst wenn sonst keine Sinne zur Verfügung standen. Nimrott sagte anschließend zu Luana:
"Verbrüdert euch nicht mit Elfen, ohne sie zu kennen! Wer weiß ob sie auf unserer Seite stehen. Zur Zeit sieht es eher so aus, als ob uns Talahvin die Wölfe auf den Hals hetzen wollte. Wer weiß, welch teuflische Tricks er sich noch ausgedacht hat."
Der Zauberer zögerte einen Moment und fragte schließlich in die Runde:
"Ich kann mir keinen Reim auf die Rätsel unserer bisherigen Reise machen. Warum haben uns die Dorfbewohner vor Frohnholm angegriffen, wo sie doch wissen mussten, dass die Festung für sie dadurch auf immer versperrt sein würde? Woher hatten sie Pfeile elfischer Machart? Warum haben wir einen ausgeweideten Oger im Flussbett gefunden? Warum brannte Frohnhom? Und zu guter letzt verwundert es mich über alle Maßen, dass Talahvin uns in eine Falle gelockt hat, wo er doch sogar geschickt genug war, Gasper zu besiegen. Wo ist der Zusammenhang? Bevor wir weiterreisen können, müssen wir sicher gehen nicht noch einmal in einen Hinterhalt zu geraten. Wir müssen Antworten auf all jene Fragen finden, sonst sind wir verloren. Helft mir diese Rätsel zu lösen!"
-
Talonis setzte sich ebenfalls auf einen Baumstumpf. Die heutige Nacht würde sehr ungemütlich werden. - Aber immer noch besser, als im Dunkeln weiterzureisen.
"Von Menschen kenne ich es, dass sie sich gegenseitig bekämpfen und häufig uneins sind, was bestimmte Vorstellungen anbelangt." Im Geiste dachte er dabei an die Verhüllten Mönche, deren Ansichten er überhaupt nicht vertrat, obwohl sie Metorns Lehren verbreiteten.
"E ist doch möglich,", fuhr er fort, "dass es zwischen den Elfen auch einen Streit gibt. Talahvin gehörte vielleicht zu den Elfen, die uns freundlich gesonnen sind. - Und dann gibt es noch Elfen, die uns feindlich gesonnen sind."
Der Mönch verlagerte seine Position. Der Baumstumpf war recht ungemütlich. Eine Weile starrte er in den Himmel und betrachtete die Sterne.
"Und was Frohnholm angeht: Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Elfen für den Tod der Elfin rächen wollten. Vielleicht konnten sie noch ein paar Strohdächer anzünden, bevor die Frohnholmer Gardisten sie wieder zurück in den Wald trieben oder sie vernichtend schlugen."
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"Zwei Gruppen von Elfen?" Luana kam ins Grübeln. Einmal hatten Elfen versucht sie davon abzuhalten witer in den Wald einzudringen, doch nur wenige Stunden später waren sie Talahvin begnet und der schien recht freundlich.
"Vielleicht gibt es tatsächlich zwei Gruppen. Wenn man bedenkt wie die Menschen mit der Elfin in Fronholm umgegangen sind, kann es durchaus möglich sein das die eine Gruppe noch immer die Hofnung hegt im Guten mit den Menschen zu reden. Und die andere Gruppe einfach nur Rache fordert für die Verbrechen der Menschen. Diese Gruppe könnte auch für das seltsame Verhalten in diesem Dorf verantwortlich sein. Die Sache mit dem toten Oger ist mir jedoch ein Rätsel." Luana sprach leise und bedacht, sie wollte um diese Stunde im Wald nicht zu laut reden, wer weiß wer alles mithören würde.
"Allerdings könnte es auch sein das weit mehr hinter alle dem steckt als wir ahnen." Dabei wanderten ihre Gedanken wieder zu Talahvin und dem was er ihnen erzählt hatte.
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"Wenn die Dürre oder schlechte Jagdbeute die Oger hungern liess, haben sie vielleicht einen der ihren gefressen. Oder irgendein Wesen, das wir nicht kennen, hat eine Vorliebe für Ogerfleisch. Vielleicht gewinnen die Waldelfen eine Art Gift aus Ogerfleisch? Es wird wahrscheinlich ein Rätsel bleiben."
Mortan suchte nach einem trockenen Platz zum Übernachten, fand aber keinen geeigneten. Also machte er sich daran, mit Ästen und dürrem Laub ein Stück des Bodes auszulegen. Das wird eine ungemütliche Nacht, dachte er sich dabei.
"Was die Elfen angeht, bin ich vollkommen ratlos. Das sie uns bisher nicht einfach getötet haben, sagt garnichts. Vielleicht sind wir ihnen egal, vielleicht spielen sie nur mit uns oder brauchen uns noch für irgendwas, oder vielleicht können sie uns nicht einfach töten."
Er blickte in die Dunkelheit, als würde er dort irgendwas suchen. Doch ausser leicht wiegenden modrigen Zweigen konnte er nichts ausmachen.
"Wir sollten zusehen, dass wir die Nacht unbeschadet überstehen und morgen bei Tageslicht unseren Weg auf der entgegengesetzten Seite der Niegerung weiter ins Waldesinnere fortsetzen."
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Wie es aussah, war keiner der Reisenden in der Lage die Rätsel der Vergangenheit zu lüften. Statt dessen mussten sie die Nacht in diesem mordigen Loch verbringen. Überdies kam keiner so recht zur Ruhe. Ihnen kam es so vor, als würden sie in eine endlose Tiefe fallen, wenn sie die Lieder schlossen. Sobald sie dann die Augen ruckhaft aufrissen, schienen sich die trüben, feuchten Zweige und verkümmerten Äste über ihnen zu drehen, als ob der eigene Körper in einen Strudel gezogen würde. Zuerst hatte sich keiner viel bei dieser merkwürdigen Erscheinung gedacht. Immerhin brummte den meisten noch der Schädel wegen Nimrotts Magie. Krazende und gluckernde Laute drangen aus der Dunkelheit zu ihnen herüber. Auch das war nicht ungewöhnlich, immerhin war der Fileipwald ja so gut wie unbekannt und keiner wusste, welche Kreaturen hier leben mochten. Erst als die Nacht vorüberging, wandelte sich das Unwohlsein in Furcht. Etwas stimmte nicht an diesem Ort und dieses etwas fiel selbst dem Unaufmerksamsten sofort auf. Nimrott weckte Talonis, der in einem unruhigen Schlaf lag, und fragte:
"Wie lange liegen wir schon hier? Es müsste längst die erste Morgenröte zu sehen sein. Aber es ist noch immer so finster, wie in der tiefsten Nacht."
Der Zauberer blickte in einen trüben Himmel, der lediglich matt leuchtete und fremdartig wirkte. Es waren keine Wolken und auch keine Sterne zu sehen. Kein Mond zeichnete sich am Firmament ab. Nimrott legte seine Stirn in Falten und weckte die übrigen. Er stellte allen die selbe Frage: Wie viel Zeit war vergangen? Allen wurde mehr und mehr klar, dass es nach ihrem Gefühl längst hätte Tag sein müssen. Der Zauberer spekulierte:
"Vielleicht sind das Folgen meiner Magie. Womöglich ist unsere Wahrnehmung getrübt. Eigentlich hätte ich sowas voraus sehen müssen. Die Gestirne wiesen keine beondere Konstellation auf. Der Mond verschaffte Klarheit und auch sonst spürte ich die Kraft des Manaregens deutilch. Der Zauber beeinflusste den Avatar, nicht die Seele..."
Nimrott redete noch weiter teils unverständliches Zeug. Er suchte offenbar zwanghaft nach einer Erklärung für das Ausbleiben des Sonnenaufgangs. Gasper und Talonis beunruhigte das nicht minder. Was konnte das wohl bedeuten, wenn Metorns allsehende Augen nicht auf sie herab blickten?
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"Es ist der Wald. Hier stimmt etwas mit dem Wald nicht. Die Wölfe sind uns nicht hierher gefogt..." Luana hielt inne. "Wir sollten sofort aufbrechen und hoffen das wir hier wieder rauskommen."
Sie nahm ihren Bogen und ihren Rucksack auf.
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Talonis setzte sich hin und versank in einen stillen Gebet zu Metorn. Aber irgendetwas war anders. Die göttliche, beruhigende Präsens, die ihm sonst immer im Gebet überfiel, stellte sich nicht ein.
Verunsichert stand er wieder auf. Aber er gab sich Mühe, seine Verunsicherung nicht zu zeigen.
"Ja, wir sollten aufbrechen. Mortan findet sich in der Dunkelheit am Bestenzu recht. Er sollte vorgehen."
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"Ich werds versuchen", sagte der Zwerg, während er sich erhob. "Bleiben wir eng zusammen, am besten haltet euch an den Schultern, der letzte soll Acht geben!"
Mortan brach sich einen langen Stecken zurecht, wartete bis alle bereit waren und ging dann los. Er hatte schon längst die Orientierung verloren und versuchte, den Weg weg von den Wölfen und auf die entgegengesetzte Seite der Niederung einzuschlagen. Die Nacht war tiefschwarz, nur schemenhaft tauchten die Baumstämme aus dem Bodennebel, um sich wieder in der Schwärze zu verlieren.
Langsam ging er voraus, testete gelegentlich mit dem Stock den Boden, falls er sich nicht sicher war. So bahnte sich die Gruppe den Weg in den Morast, überkletterte halbversunkene Baumriesen und umging tiefere Tümpel auf scheinbar sicheren Pfaden.
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Die Reisenden wanderten also weiter und versuchten diesem verfluchten Ort zu entkommen. Hier stimmte garnichts mehr. Nicht die Gestirne, nicht die Landschaft. Selbst die Gefühle, die in den Abenteurern aufkamen, schienen nicht normal zu sein. Es war eine Art Furcht, die viele von ihnen ergriff. Doch es war nicht ihre eigene. Es hatte den Anschein, dass dieser Ort den Reisenden jenes Gefühl aufzwang. Nimrotts Miene war wie versteinert. Trotzdem wanderte sein Blick nervös durch den trostlosen Wald... wenn es denn wirklich ein Wald war. Gasper umfasste mit der Faust das Metornsymbol der Sonne und betete innig. Die geweihten Symbole spendeten selbst hier noch Kraft und hielten die Verbindung zum Allsehenden aufrecht. Die Gruppe rückte immer enger zusammen. Keiner wollte seinen Rücken entblößen und keiner wollte vorne gehen.
Irgendwann endete der morastige Waldboden und in der Dunkelheit vor ihnen breitete sich ein weiter See aus. Er war nur schwach zu erkennen und stank nach Verwesung. Gluckernde Laute und die Geräusche von ans Ufer schwapendem Wasser waren zu hören. Irgendwo aus der Ferne drang ein dumpfes Grollen zu ihnen herüber. Nimrott ging sich durch den Bart und meinte ungewöhnlich kraftlos:
"Hier geht es nicht weiter. Wer weiß, ob es nicht doch besser gewesen wäre, sich den Wölfen zu stellen. Zusammen hätten wir sie vielleicht besiegen können! Wir sollten umkehren."
Gasper unterbrach sein Gebet. Von allen wirkte er noch am gefasstesten. Selbst Talonis, der bisher wenig seiner geistigen Kräfte verloren hatte, konnte sich nicht mit gleicher Stärke äußern. Der Paladin widersprach:
"Dieser verfluchte Ort wird nicht den ganzen Fileipwald durchziehen. Das ist vielleicht sowas wie ein Sumpfgebiet. Wir sind bereits viele Stunden gewandert, es kann nicht mehr lange dauern, bis wir die Niederung verlassen haben."
"Wir müssen umkehren!"
schrieh Nimortt voll im Zorn. Schweiß perlte von seinem Gesicht. Er wirkte furchtsam und nervös. Furchtsamer als alle anderen. Er wusste oder vermutete wenigstens etwas, was den anderen nicht klar war. Nur so ließ sich sein Verhalten erklären.
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Talonis ging zu Nimrott und schaute ihm milde in die Augen oder zumindest in die Richtung, wo er Nimrotts Gesicht vermutete: "Wart ihr es nicht, der den Fiileipwald aufsuchen wollte? Wieso sollten wir jetzt umkehren? Hat es mit dem See irgendetwas auf sich, dass wir wissen sollten?"
Talonis schaute zum See. Wie groß mochte diese See sein? Er ergriff einen Stock und stocherte vorsichtig im See herum.
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"Lasst das sein!"
geiferte Nimrott aufgeregt und packte den Mönch am Handgelenk. Der Zauberer rang nach Worten und brachte schließlich hervor:
"Ich möchte keine Panik verbreiten, aber wir sollten sehen dass wir diesen verfluchten Ort auf dem gleichen Weg wieder verlassen, auf dem wir hineingekommen sind. Wir müssen zu der Stelle zurück, an der wir die Wölfe getroffen haben... auch wenn wir kämpfen müssen. Wir dürfen nicht hier bleiben, das ist alles was ich jetzt dazu sagen möchte."
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Talonis wurde ungeduldig: "Ist deine Magie schiefgelaufen? Befinden wir uns gar nicht mehr im Fileipwald, seit du uns verzaubert hast? Oder kennst du Gerüchte über diesen See? - Diese Wölfe sind gefährlich. Einen offenen Kampf mit ihnen werden wir nicht überstehen. Sag uns, weshalb wri auf den gleichen Weg zurücksollen, wo wir Gefahr laufen, dass uns die Wölfe erneut entdecken? Du hattest Luana Vorhaltungen gemacht, dass sie uns ihre Herkunft verschwiegen hat. Du meintest, wir sollen offen untereinander sein. Nun liegt es an dir, uns offen zu sagen, was es mit diesem Ort hier auf sich hat."
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Was für ein furchteinflößender Ort. Die Dunkelheit, die Kälte... fast als wäre er verflucht.
Was ist mit Nimrott, sein Verhalten hat sich in den letzten Stunden zunehmend verändert. Was weiß er?
Neugierig schaute sie zu dem Zauberer als Talonis ihn aufforderte zu reden.
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"Nimrott, welches Spiel treibt ihr mit uns? Warum sollen wir wieder in die Arme der Wölfe laufen?" gereizt schlug Mortan mit dem Stecken auf den Boden.
"Den Weg zurück finden wir nicht mehr, und am See kommen wir auch nicht weiter. Wir sollen hier unsere Richtung ändern und hoffen, das das Licht zurückkommt."
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"Wenn Nimrott sagt, dass wir zurückgehen sollten, dann wird das schon seine Gründe haben. Er weiß mehr als wir alle zusammeen von unerklärlichen Orten und Phänomenen." schlug sich Baratos auf die Seite seines Mitmagiers. Auch wenn er dessen Beweggründe im Moment nicht nachvollziehen konnte, war die Führung eines Magiers weitaus sicherer, als wenn der Rest dieser Gruppe nun die Führung durch Diskussionen übernehmen würde, jedenfalls dachte sich Baratos das.
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Nimrott wischte sich den Schweiß von der Stirn und erwiederte:
"Ich werde ich es euch hier und jetzt erklären, wenn ihr es wirklich wünscht. Aber es wird etwas Zeit in Anspruch nehmen und es sind bloße Vermutungen. Nennt es einen Aberglauben, aber ich habe die Befürchtung, dass wir das Böse heraufbeschwören könnten, wenn wir darüber reden..."
Der Zauberer drehte seinen Kopf schreckhaft zur Seite, als hätte er etwas gesehen. Einen Moment verharrten seine Augen an einem Ort, bevor er etwas unkonzentriert fortfuhr:
"Wir sind immer in die gleiche Richtung gelaufen und haben deutliche Spuren hinterlassen. Wir werden den Weg zurück finden. Bitte, lasst uns jetzt losziehen. Ich werde alles erklären, wenn wir wieder am Ausgangsort angelangt sind... das verpreche ich."
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Talonis schaute nochmal zum See.
"OK, dann kehren wir wieder um. - Ich bin schon auf eure Erklärung gespannt."
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"Gut, kehren wir um." sagte Luana. "Ist besser als hier noch viel länger zu verweilen. Auf die Erklärung bin ich jedoch auch sehr gespannt. Doch das dann später."
Sie wandte sich vom See weg, wieder in die Richtung aus der sie gekommen waren.
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Der Zauberer wechselte noch ein paar unbedeutende Worte mit Gasper, bevor er sich auf dem Fuße umdrehte und in die Gegenrichtung davonmarschierte. Da es nicht völlig dunkel war, konnte man an lichteren Stellen des düsteren Waldes die Spuren sehen, welche die Reisenden hinterlassen hatten. Schon bald wurde der Gemeinschaft klar, dass nicht alles so aussah, wie sie es in Erinnerung hatten. Es tauchten sehr große, stark verästelte Bäume mit mächtigen, vernarbten Stämmen auf, von denen aber keiner glaubte sie jemals gesehen zu haben. Nimrott wurde ob dieser Entdeckungen noch unruhiger. Sie mussten nämlich hier gewesen sein, die Abdrücke ihrer Füße waren ganz klar im feuchten Schlick zu erkennen, der den ganzen Boden säumte. Mortan steckte die Unruhe Nimrotts offenbar ebenfalls an. Er glaubte verfolgt zu werden. Immer wieder drehte er sich schreckhaft um und war sich sicher schemenhaft zwei Gestalten zu sehen, die hinter ihnen her liefen. Aber deutlich konnte er sie nie erkennen, nur im Augenwinkel. Talonis und Gasper beteten immer wieder zu Metorn, ihr heilige Symbole gaben ihnen Kraft, auch in dieser verfluchten Welt. Luana erkannte langsam, wovor Nimrott sich fürchtete, konnte es aber nicht verstehen. Dieser Wald war nicht wirklich, nicht klar und rein. Er war anders, verworren und böse. Bessere Worte konnte sie dafür nicht finden. Alles was sie über die Natur der Welt gelernt hatte schien hier keine Gültigkeit zu haben.
Schließlich erreichten die Reisenden den Ort, an dem sie in den finsteren Wald abgetaucht waren. Sie erkannten die Böschung, welche in die Niederung herabführte, diese Stelle war ihnen bekannt. Aber alles sah irgendwie anders aus. Es gab keinen Fileipwald in sommerlichem Licht, sondern nur eine endlose Finsternis und abgestorbene Bäume, dessen kahle Äste überall zu erkennen waren. Wie konnte das sein? Nimrott stütze sich auf seinen Stab, als wäre er der gebrechliche, alte Mann seines Alters. Mit verzweifelter Miene verbarg er sein Gesicht unter der rechten Handfläche und schüttelte den Kopf. Dann seufzte er und erklärte die Lage, wie er sie deutete:
"Das ist der Fileipwald und er ist es nicht. Was wir gefunden haben, gilt als Legende, aber vermutet haben wir es schon lange. Wir, sie Zauberer aus Warmuun. Was ihr hier seht, sind vermutlich die ersten Pforten ins Schattenreich..."
Die meisten konnten mit Nimrotts Worten wenig anfangen, doch Baratos erschrak innerlich. Er hatte darüber gelesen, er wusste wovon der andere Zauberer sprach. Luana dachte an die Geisterwelt und ihre Nebelschatten, aber hatten die etwas damit zu tun? Alle übrigen gab allein der Ausdruck "Schattenreich" zu denken. Nimrott fuhr fort:
"Ich habe euch doch von der Feenwelt erzählt. Sie ist eine der Anderswelten. Die Pforten dorthin sind verborgen. Ein Irrgarten schützt den Zugang. Der Erbauer dieser Übergänge war schlau, sehr schlau sogar. Eine massive Wand, eine Schutzbarriere kann immer zerschlagen werden, wenn nur die nötige Kraft aufgewendet wird. Ein Irrgarten aber verleitet zum Suchen. Seine Hindernisse mit Gewalt aus dem Weg zu räumen treibt einen nur Tiefer in die Eingeweide dieser Welt. Die Wege mit Verstand zu suchen, macht einen irgendwann wahnsinnig. Dass wir den Weg unserer eigenen Spuren folgen können, bestätigt mich nun in dieser Vermutung.
Und es gibt nicht nur die Feenwelt. Die Dämonen suchen schon seit sie eingekerkert wurden nach dem Weg aus ihrem Gefängnis. Sie korrumpieren die Welten, die sie erreichen können. Und einst hatten sie Einfluss auf das Feenreich nehmen können und ein Teil davon ist zum Schattenreich geworden. Und da sind wir nun. Gefangen in einem Irrgarten, der allein aus den Schatten des Fileipwaldes geworden ist... wir sind nur sterbliche Wesen, nicht in der Lage wieder heraus zu finden. Wie konnte das nur geschehen? Was habe ich übersehen?"
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"Soll das heissen, wir kommen alleine nicht mehr aus diesem Wald heraus?" Mortan blickte verstohlen zwischen die Bäume, doch die Schattengestalten wollten sich nicht zeigen.
"Haben wie das Schattenreich denn erst bei der Flucht vor den Wölfen betreten, oder schon vorher? Wer kann uns dann wieder herausführen?"
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Nimrott senkte den Kopf und gab zur Antwort:
"Niemand kann uns hier heraus führen. Wir sind verloren..."
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Talonis dachte nach. "Ihr sagtet, mit Logik kann man hier nicht herausfinden. Und eure Magie scheint uns auch nur noch tiefer in's Labyrinth zu führen. - Vielleicht kann uns Metorn einen Weg hier heraus zeigen."
Er schaute zu Gasper: "Wir sollten ein gemeinsames Gebet sprechen oder Meditieren. Vielleicht zeigt uns Metorn, wie wir hier heraus kommen."
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Gasper nickte bestätigend und sagte bitter:
"Der Mond war seine Warnung. Metorn hat uns gewarnt. Nicht die Wölfe waren die Gefahr, die er uns zeigen wollte. Wir haben seine Zeichen nur falsch gedeutet. Nimrotts Magie..."
Der Paladin blickte fast zornig zum Zauberer und fuhr schließlich fort:
"Nimrotts Magie hat uns die Sinne vernebelt. Ohne diesen Trug hätten wir vielleicht die Wahrheit erkannt, bevor es zu spät war. Wenn er uns eine Prüfung auferlegen wollte, wird sie nicht einfach. Es hat einen Grund, dass wir hier sind. Zuerst müssen wir die Aufgabe finden, die uns Metorn an diesem Ort zugedacht hat. Dann wird er uns den Weg heraus schon weisen!"
Nimrott sagte mit kurzem Zögern:
"Das erste mal in meinem Leben hoffe ich, dass mein Wissen mich trügt. Ich hoffe, dass ich falsch liege und ein Entkommen doch noch möglich ist. Ich möchte mich nicht allein auf Metorn verlassen. Da Luana elfischen Blutes entstammt, sollte sie eine hervorragende Sicht haben... auch wenn nur wenig Licht zur Verfügung steht. Mortan sollte seine Orientierungsgabe nutzen. Baratos, ruft euren Vertrauten!"
Baratos tat wie ihm geheißen, doch der Imp erschien nicht, so als hätte es ihn nie gegeben. Nimrott ballte die Faust und meinte:
"Er kann uns hier her nicht folgen und er wird uns nicht helfen können. Jetzt stellt sich also nur noch die Frage, was wir als nächstes tun sollten. Gasper meint wir sollten nach einer irgendwie gearteten Prüfung suchen... was auch immer das für einen Nutzen haben soll. Und vor allem, wo sollen wir anfangen? Was könnten wir noch tun? Wenn wir weiterwandern, gelangen wir vielleicht noch tiefer in diese Hölle."
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"Ich bin mir nicht sicher," Mortan glaubte nur für einen Augenblick die Gestalten wahrzunehmen. Schnell drehte er sich herum und sah nichts als düsteren Wald.
"Mir ist, als beboachten uns Geister, doch entgehen sie meinem direkten Blick. Ihr erinnert euch, machmal sah ich Schatten, im Feuer, im Gestein. Ich weiss nicht, warum ich sie sehe und sie zeigen sich mir nur willkürlich und selten. Sie reden Unverständliches, doch wollen gehört werden. Vielleicht sind es dieselben, die uns jetzt beobachten und ich kann sie nur sehen, weil wir näher an ihrer Welt sind, wie an unserer. Und vielleicht könnte ich sie hier auch verstehen?" fragend sah er in die Runde.
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"Versucht es, aber es könnte die Falsche Richtung sein." gab Luana zu Bedenken "Immerhin sind es Schatten und wir wollen sicher nicht in ihr Reich, sondern zurück in unseres."
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Nimrott meinte:
"Seltsame Gestalten seht ihr... das wird etwas mit eurer Gabe zu tun haben, Mortan. Vielleicht sollten wir erst einmal warten, vielleicht sollten wir ihnen folgen. Ich weiß nicht, was richtig wäre. Sollen wir zurück zum See oder in die Gegenrichtung wandern? Vielleicht sollte jemand auf einen Baum klettern und gucken, ob er etwas in der Ferne erkennen kann... auch wenn es ziemlich dunkel ist. Aber eine Entscheidung muss getroffen werden!"
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"Wir sollten erstmal eine Fackel anzünden.", warf Talonis ein. "Durch das Licht werden wir zwar leichter gesehen, aber ich denke, was auch immer hier lebt ist unser bereits gewahr geworden."
Während er sprach sammelte er ein paar tote Äste auf dem Boden ein. Die Meisten würden wohl feucht sein und es würde eine Menge Arbeit bedeuten sie trocken zu kriegen. Aber momentan wusste er nicht, was er sonst tun könnte.
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"Da habts ihr recht, Talonis, Licht wird uns nicht schaden. Da unsere Lage aussichtslos erscheint, können wir auch genausogut wieder in Richtung des Sees gehen."
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Nimrott bestätigte:
"Dann kehren wir zum See zurück. Eine Fackel zu entzünden ist sicherlich keine schlechte Idee."
Nachdem Talonis ein geeignetes Stück Holz gefunden hatte, umwickelte er es mit einem alten Lumpentuch. Gasper hatte Öl für die Waffenpflege bei sich, so dass sie damit das Tuch tränken konnten. Die selbstgebaute Fackel brannte hell und spendete viel Licht. In einem engen Kreis um die Gruppe schienen die Schatten des Waldes gebannt zu sein, doch sehr weit konnte man mit dem Ding nicht leuchten. Nichts desto trotz machten sich die Reisenden auf, den See wieder zu finden. Was Nimrott vermutet hatte und die übrigen wenigstens ahnten, trat ein. Der See befand sich nicht dort, wo er sein sollte. Sie waren ihren eigenen Spuren gefolgt. Sie hätten das Gewässer erreichen müssen. Anscheinend war diese ganze Welt verdreht, Orte hatten hier keinen festen Platz. Auch ihre Fußabdrücke schienen verändert, waren teilweise verstreut oder endeten im Nichts.
Sie hatten bereits viele Stunden gesucht, da mussten sie aufgeben, weil dier Erschöpfung an ihnen nagte und die Fackel nicht mehr brannte. Sie fanden eine Stelle, an der die feuchten, fauligen Bäume nicht ganz so dicht standen und einen helbwegs offenen Platz frei ließen. Der dunkle Himmel lag wie ein massives Gewölbe über ihnen, welches jeden Moment einzustürzen drohte. Einige merkwürdig anmutende, ausgewaschene Lehmhügel reihten sich an der lichten Stelle aneinander. Auch bei genauerem Hinsehen offenbarte sich nicht, warum sie hier waren. Dass Mortan es trotz des feuchten Holzes gelang ein Feuer zu entzünden, zeugte von seiner zwergischen Abstammung und damit vom handwerklichen Geschick, das jedem seines Volkes in die Wiege gelegt war.
Luana dachte an die Worte ihres alten Meisters. Ihr hatte er vor langer Zeit etwas über geheime Pforten im Nebel und in den Schatten erzählt. Waren das die Pforten in das Schattenreich? Bei genauerem Nachdenken fiel ihr auf, dass jeder Ort, den sie in den letzten Stunden betreten hatten etwas vertrautes aufwies. Ihr zweites Gesicht gestattet es der Halbelfe mehr zu sehen, als den übrigen. Dabei war es nicht einmal eine Gewissheit, eher ein Gefühl, das den Orten anhaftete. Sie schienen ihre Gegenstücke in der realten Welt zu haben oder könnten wenigstens Pforten sein. Lange grübelte sie nicht mehr vor sich hin, denn schon bald übermannte sie der Schlaf.
Mortan übernahm die Wache, während die übrigen ruhten, weil er als Zwerg mit wenig Schlaf auskam. Vielleicht hätte die Wahl auf keinen besseren Fallen können, denn wieder schoben sich die zwei merkwürdigen Gestalten in sein Blickfeld, die er bereits zuvor gesehen hatte. Immer wieder drehte er sich schreckhaft um, weil er hoffte sie so gänzlich erblicken zu können. Doch immer wieder verschwanden die Schemen vor seinen Augen, so als wären sie bloße Einbildungen. Irgendwann starrte der Zwerg lediglich auf die sanfte Glut des heruntergebrannten Lagerfeuers, um ein Ablenkung zu haben. Trotzdem kamen die Schemen wieder. Bald kamen sie sogar näher. Dann hielt es Mortan nicht mehr aus und versuchte erneut einen Blick zu erhaschen. Diesesmal verschwanden die Schatten nicht. Sie standen zwischen den Bäumen und starrten zunächst regungslos in seine Richtung. Der Zwerg bekam es mit der Angst zu tun, denn seine ganze Wahrnehmung änderte sich schlagartig. Es gab keine klaren Geräusche mehr, sondern nur noch dumpfte Töne ohne Tiefe. Sein ganzer Körper fühlte sich taub an. Die Formen von Gegenständen seiner Umgebung wirkten stumpf und unwirklich. Jetzt waren die Gestalten besser zu erkennen. Es handelte sich um zwei dicke, große Kerle mit blasser, ledriger Haut, die abgestorben wirkte. Die Gesichter waren regungslos, die Blicke bleich und kalt. Der Eine bewegte seinen Mund. Es schien Mortan, als ob Erde herausquoll, anstatt dass Worte den Mund verließen. Der andere dicke Kerl versuchte nicht zu reden. Der Zwerg erkannte erst jetzt, dass der aufgedunsene Bauch geöffnet war und ihn eine eiternde, klaffende Wunde wie ein breiter Mund angrinste. Mortan traute sich nicht eine Bewegung zu machen. Er schluckte schwer und hoffte, dass die beiden Fremden keine bösen Absichten hegten. Er sah, wie die große Gestalt, der unablässig feuchte Erde aus dem Mund quoll, auf die Schlafenden zuging. Mortan war wie gelähmt und hoffte, dass nicht er das Ziel dieses Wesens war. Dann bewegte sich die Gestalt an einem der großen Lehmhügel vorbei, blieb kurz stehen und stemmte sich mit der Kraft faseriger, lebloser Muskeln, die deutlich hervortraten, dagegen. Es grollte, die Erde bewegte sich. Ganz plötzlich kehrte Mortans natürliche Wahrnehmung zurück und beide Gestalten verschwanden aus seinem Blickfeld. Die Umgebung wirkte nun wieder wie zuvor. Er stellte mit Erstaunen fest, dass er genau auf Nimrott blickte, der sich an die steile Wand des Lehmhügels gelegt hatte. Nur einen unbedeutenden Augenblick später, rutschte der Lehm ab und begrub den Zauberer unter sich. Der dadurch verursachte Lärm, riss schlagartig alle Übrigen aus dem Schlaf.
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"Hilfe! Wacht auf! Schnell!"
Mortan schrie laut und rannte so schnell er konnte zu dem Verschütteten.
"Sie haben Nimrott verschüttet! Er stirbt, wenn wir uns nicht beeilen!"
Wo er den Zauberer vermutete sank er auf die Knie, und begann hastig den schweren Lehm mit blossen Händen aufzuwühlen.
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Luana schrak aus ihrem Schlaf hoch und starrte in die Dunkelheit. Nimrott? Nur schemenhaft erkannte sie ihre Umgebung und Mortan. Sie sprang auf und hechtete zu Mortan hinüber, der hastig im Lehm buddelte und Nimrott suchte.
Luana begann nicht sofort ihm zu helfen, sie konzentrierte ihren Geist auf die andere Welt. Sie suchte den Zauberer unter der Erde. Sie wollte wissen wo genau er sich befindet und ob er noch am Leben war.
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Die Halbelfe hatte Schwierigkeiten ihren Blick in die unsichtbaren Welten hinübergleiten zu lassen. Schatten waberten um ihren Geist. Schließlich aber zeichnete sich vor ihren Augen die Aura des Zauberers ab. Normalerweise war sie deutlich und klar, so wie von einem mächtigen Wesen mit starkem Geist. Doch jetzt nahm Luna das Körperwesen des alten Mannes nur schemenhaft wahr. Sie erinnerte sich an all das, was sie über die fremden Welten, die unsichtbar für die meisten Augen waren, gelernt hatte. Jedes Wesen besteht im innersten selbst aus zwei Teilen: Dem Körper- und Geistwesen, dem Avatar und der Seele. Die Kunst lag darin, beide auseinanderhalten zu können. So weit sie es sehen konnte, lebte Nimrott noch. Er atmete aber nicht und schien bewusstlos. Die Halbelfe erkannte aber nicht im Geringsten die merkwürdigen Gestalten, die Mortan erblickt hatte.
Der Zwerg buddelte hastig, kam aber kaum voran, weil der Lehm schlammig und schmierig war und sich stark verdichtet hatte. Irgendwann kam eine Hand Nimrotts zum Vorschein. Bis sie den Verschütteten zur Gänze ausgegraben hätten, wäre er mit Sicherheit erstickt. Außerdem schoben sich immer wieder kleine Steinchen unter die Fingernägel der Grabenden, was sich als sehr unangenehm herausstellte.
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"Seine Hand! Wo ist sein Kopf? Luana, wir müssen uns beeilen!"
Mortan suchte einen Stecken, mit dem er den Lehm auflockern konnte. Er wurde zunehmend nervöser, begann mit dem Stecken wild den Lehm aufzukratzen.
"Schnell, helft mir doch!"
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"Ein Stück weiter dort müßte der Kopf sein." Luana verlor die Konzentration. Aber das war nicht so wichtig. Sie begann nun ebenfalls mit den Händen zu graben, dort wo Nimrotts Kopf sein müßte.
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Gasper kam herbei und griff die Hand des Zauberers. Mit ganzer Kraft zog er daran. Luana bekam den Kopf des Verschütteten nicht frei, doch Talonis schaffte es den Lehm derart aufzulockern, dass sich der rechte Arm Nimrotts aus seinem feuchten Gefängnis löste. Wie in einem Befreiungsschlag bröckelte der Lehm auseinander und Gasper schaffte es den leblosen Körper des Zauberers am Arm heraus zu ziehen. Nimrott lag nun vor dem Lehmhügel umringt von seinen Begleitern. Die Zöpfe in seinem Bart waren aufgegangen und die Haare spreizten sich von feuchem Lehm verschmiert in alle Richtungen. Seine durchdringenden Augen waren verschlossen und die wenigen tiefen Falten traten deutlicher hervor denn je. Der Zauberer wirkte so alt und gebrechlich, als hätte ihn der Tod eingeholt, dem der Gelehrte so lange Jahre entkommen war. Kein Leben und keine Magie schien sich mehr in ihm zu regen.
Gasper kniehte sich vor Nimrott hin und fuhr mit der flachen Hand über seine Brust. Er schüttelte den Kopf und seufzte. Dann wandte er sich zur Gruppe und gab zu verstehen:
"Er ist noch nicht tot aber seine Lebenskraft schwindet. Irgendetwas lastet auf ihm, etwas zieht ihn aus der Welt der Lebenden. Nur noch Gebete können ihm helfen. Schon bald wird er tot sein."
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Warum mussten die Schatten ausgerechnet bei meiner Wache auftauchen? Und warum hab ich nicht schon früher Hilfe gerufen? Nur deshalb wird Nimmrott jetzt sterben.
Doch die verzweifelten Gedanken wollte der Zwerg schnell wieder verwerfen.
"Ihr und Talonis seit Metorn näher, als ich es jemals könnte. Also betet um Nimmrotts Willen. Ich suche Wasser." Gefrustet warf Mortan den lehmverschmierten Stecken ins Gebüsch und beeilte sich, etwas Wasser in den Vorräten der Gruppe zu finden.
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Talonis setzte sich zu Nimrott und hielt seine Hand. Dann verfiel er in ein tiefes Gebet, in dem er Metorn um seine Hilfe bat.
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Als er betete, spührte Talonis eine bedrohliche Enge, die sein Herz ergriff. Ein innerer, quälender Schmerz, der in diesem Moment wohl auch Nimrott heimsuchte. Gasper betete nicht, sondern ging nervös einige Schritte auf und ab. Er fragte offen in die Runde:
"Wie konnte das passieren? Ist jemand hier gewesen oder war das ein Unfall?"
Luanas Blick wanderte immer wieder vorsichtig vom Waldrand zum eingestürzten Lehmhügel. Sie sah sich bewegende Wesen, ohne sie wirklich zu sehen. Sie hatte das Gefühl ihren eigenen Sinnen nicht mehr trauen zu können. Gasper fiel das sofort auf und er näherte sich der Stelle, die den Blick der Halbelfe fesselte. Er ging in die Hocke und blickte zurück in die Gruppe:
"Hier sind Fußabdrücke, es ist jemand hier gewesen, kein Zweifel."
Mit zornigem Blick stapfte er direkt auf Mortan zu und packte ihn unsanft an der Schulter, während er noch nach den Wasserschläuchen suchte. Gasper fragte ohne Umschweife:
"Ihr solltet doch Wache halten! Habt ihr denn nichts gesehen?"
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Unwirsch stiess Mortan Gaspers Hand von sich.
"Ach verdammt! Es war kein Unfall, es waren die Schattengestalten! Ich sah sie, doch bevor mir bewusst war, was überhaupt geschieht, war es schon zu spät. Ich war wie versteinert. Die Schatten verschwanden in dem Hügel und im selben Augenblick rutschte der Lehm ab. Es ist einfach verflucht!"
Grimmig trat der Zwerg irgendwas beiseite, doch er versuchte sich wieder zu fassen.
"Die Gestalten sahen aus wie die Oger, mit aufgeschlitzten Bäuchen und erbrachen Erde! Das ist doch verrückt! Wo sind wir hier?"
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"Ein gottloser Ort..."
flüsterte Gasper während er mit seinen Augen irgendwas in weiter Ferne zu suchen schien. Er dachte kurz nach und meinte dann:
"Wie die Oger haben diese Gestalten ausgesehen? Nimrott erwähnte, dass ihr eine Gabe hättet. Vielleicht die Gabe Tote zu sehen. Einem Oger habe ich den Bauch aufgeschlitzt. Einen anderen hat Nimrott in der Erde eingeschlossen und lebendig begraben..."
Gaspers Blick wanderte zum Zauberer, der noch immer wie tot auf dem Boden lag. Der Paladin wurde bleich und flüsterte kraftlos:
"Rache..."
Dann sagte er kein Wort mehr.
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Tote sehen? Wie soll das möglich sein, dachte sich Mortan. Tote können nicht auf dieser Erde wandeln! Das ist schlicht absurd. Das muss irgendein böser Zauber sein!
Er raffte zwei Wasserschläuche zusammen und beeilte sich zu Talonis, der noch bei Nimmrott kniete und in ein tiefes Gebet versunken war.
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"Nicht Tote, sondern deren Geister, womöglich. Wenn dies hier wie von Nimrott vermutet das Schattenreich ist, könnte es sein das die Geister der Toten hier weilen. Und wenn das stimmt, dann haben wir ein ernsteres Problem als ich mmir vorzustellen vermöchte. Und wenn die Geister der von uns erschlagenen Oger auf Rache aus sind, werrden sie nicht eher ruhen bis sie ihr Ziel erreicht haben." Die Worte Luana klangen kälter als beabsichtigt. Ihre Miene war unverändert, doch ihre Augen zeigten Furcht.
"Auf der einen Seite hoffe ich das Nimrott überlebt, andererseits befürchte ich das die Geister erst zufrieden sind wenn sie ihre Rachen haben."
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Gasper wurde immer unruhiger, denn auch er sah wie Nimrott aus dem Reich der Lebenden entglitt. Plötzlich sagte er in forderndem Ton zu Mortan:
"Ihr habt die Ungeheuer gesehen. Sie sind noch hier. Sie lassen den Zauberer nicht mehr los und bringen ihn dem Tode näher. Macht irgendwas. Ihr seid der einzige, der ihn noch retten kann!"
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Irgendwas tun? Aber was denn? Verfluchter metornverlassener Ort!
Der Zwerg blickte unentschlossen zwischen Gasper und dem sterbenden Zauberer hin und her.
"Gebt mir euer Schwert, Paladin. Vielleicht brauche ich eine Waffe," rief er dem Gottesmann zu.
Dann beugte er sich über Nimrott, wusch vorsichtig mit etwas Wasser den Lehm von dessen Gesicht.
Wo sind sie, die Geister? Hab keine Angst.
Behutsam legte er den Kopf des Alten und wischte das verdreckte Haar glatt. Mortan versuchte sich an seinen ersten Kontakt mit den Schatten zu erinnern, da war der Stein.
Erinner dich, Mortan!
Das Lagerfeuer, die tanzenden Flammen, verzerrte Gesichter, unverständliche Worte.
Zeigt euch, ich fürchte mich nicht!
Die Oger letzte Nacht, der rutschende Lehm, die Ohnmacht.
ZEIGT EUCH!
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Unentschlossen was sie tun sollte, starrte die Halbelfe Mortan an. Was tat er da? Und wofür benötigte er ein Schwert? Gegen Geister würde es ihm nichts nutzen.
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Gasper reichte dem Zwerg sein Schwert ohne Worte. Er wusste nicht, was der kleine Mann damit anfangen würde, doch traute er ihm.
Mortan suchte den Kontakt zu den unsichtbaren Welten. Aber bisher hatten ihn die Schatten gefunden und nicht umgekehrt. Der Zwerg sammelte seine Gedanken und dachte an die vergangenen Erlebnisse. Es verging einige Zeit, doch nichts änderte sich um ihn herum. Er konnte keine Verbindung herstellen und niemand war da, um ihm zu helfen.
Irgendwie tat sich dann aber doch etwas, nicht in der Umgebung, sondern in ihm. Ohne es zu merken befreite er seinen Verstand von den Sorgen und den Ängsten, die dieser Ort ihm auflastete. Als wäre die Antwort die ganze Zeit schon da gewesen, erreichte sie nun auch seinen Geist. Mortan riss ruckhaft die Augen auf und ihm wurde klar, was hier vor sich ging.
Rache, ja es handelte sich um Rache. Es waren die Geister verstorbener Oger, die hier rastlos verweilten und den Reisenden schon seit sie getötet worden waren folgten. Das Ungeheuer, dem die Erde aus dem Mund quoll, war von Nimrott begraben worden. Jetzt wollte es sich an dem Zauberer auf die gleiche Art rächen. Was dem Gelehrten den Atem nahm war noch immer der Oger, welcher unsichtbar und mit der Kraft seiner Rache auf die Brust Nimrotts drückte. Man konnte ihn nicht sehen und man konnte ihn nicht hören und doch konnte er Macht über die Lebenden ausüben. Eine grauenhafte Vorstellung.
Wie könnte man Nimrott noch helfen? Könnte man die Geister der Verstorbenen ablenken, konnte man sie täuschen? Was sahen sie eigentlich von der Welt und wie nahmen sie ihre Umgebung wahr? Diese Fragen mussten beantwortet werden.
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"Ihr hattet Recht, Gasper. Einer der Geister versucht, Nimrotts Brustkorb zu zerquetschen um so seinen Tod zu rächen. Danke für euer Schwert," sagte Mortan, während er aufstand und Gasper das Schwert zurückgab.
"Wir müssen versuchen, den Oger von Nimrott abzulenken. Wenn ich doch nur wüsste, was die Oger von uns sehen? Vielleicht erscheinen wir ihnen auch als Schatten und dunkle Gestalten? Vielleicht fürchten die Geister uns genauso, wie wir sie und haben uns deshalb im Schlaf angegriffen? Wie können wir uns bemerkbar machen?"
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Gasper dachte angestrengt nach. Dann meinte er:
"Sie konnten uns offenbar folgen. Soviel wissen wir über sie. Also irgendwie müssen sie uns gesehen haben. Wenn wir den Oger täuschen wollen, müssen wir sein Ziel kennen. Und das ist uns bekannt. Er möchte Nimrott den Atem nehmen. Könnten wir ihm vormachen, dass er sein Ziel erreicht hat, damit er vom Zauberer ablässt?"
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"Das heißt, dass wir für eine nicht zu kurze Zeitspanne Nimrotts Atem unterbrechen müssen, ohne dass er dabei Schaden erleidet. Nur wer garantiert uns,d ass der Oger dann von uns ablässt? Außerdem, was passiert, wenn er die Täuschung bemerkt?" meinte Baratos skeptisch.
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Gasper ließ seinen Blick durch die Gruppe schweifen und sagte leise:
"Haben wir denn eine Wahl? Die Zeit läuft uns davon! Wenn niemand eine bessere Idee hat, sollten wir ihm für kurze Zeit den Atem nehmen."
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"Hoffen wir, dass die Oger sich dadurch täuschen lassen und Nimrott es überlebt. Sonst haben wir ihn auf dem Gewissen. Ich werde ihm allerdings nicht die Kehle zudrücken."
Mortan stand auf und ging einen Schritt zur Seite, um irgendjemand anderem Platz zu machen.
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"In Ordnung. Dann sollten wir den Zauberer an die Todesschwelle bringen und aufpassen das er uns nicht entgleitet. Wer von uns verfügt über das beste Wissen in Medizin? Vielleicht sogar heilende Kräfte?"
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Talonis beendete sein Gebet. Dieser Ort schien wirklich weit von Metorn entfernt zu sein.
"Ich habe etwas Erfahrung im heilen. - Sollten wir ihn also wirklich bis zur Schwelle des Todes bringen, dann würde ich dies übernehmen."
Er schaute nochmal zu Mortan: "Ihr könnt doch die Oger sehen? Könnt ihr sie auch anfassen? Wenn ich ein Schwert segne, könntet ihr sie vielleicht angreifen."
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"Nein Talonis, ich kann die Oger weder sehen noch anfassen, und wahrscheinlich auch nicht verletzen. Ich weiss einfach nur, dass sie da sind."
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"Wir können ihn nicht angreifen. Brauchen wir ja auch nicht. Er soll ja nur von dem Zauberer ablassen in dem Glauben seine Rache bekommen zu haben."
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"Nun gut." Talonis schickte ein kurzes Stoßgebet zu Metorn und beugte sich dann über den Gelehrten. Er kramte ein paar belebende Kräuter aus seiner Tasche. "Die Atmung zu unterbrechen ist nicht schwer.", murmelte er, "Schwierig wird es nur, sie anschließend wieder in Gang zu bekommen."
Er gab dem Gelehrten ein paar Kräuter, die den Kreislauf verlangsamen sollten. Anschließend hielt er ihm mit einer Hand Nase und Mund zu. Mit der anderen spürte er nach dem Puls des Magiers.
Eine halbe Minute. - Maximal. Länger könnte er einen Herzstillstand nicht verantworten.
"Sagt mir Bescheid, sobald der Oger von ihm ablässt.", wandte er sich an den Zwergen.
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Talonis nahm dem Zauberer den Atem. Es tat sich nichts. Noch immer lag Nimrott regungslos und dem Tode nahe vor der Gruppe der Reisenden. Noch immer spürte der Mönch die bedrückende Enge, die den Zauberer umgab. Doch dann, wenige Herzschläge später, kehrte Leben in den Gelehrten zurück. Talonis hatte noch nie derartig eindeutig die Lebenskraft eines anderen Wesens wahrgenommen. Metorn war sogar hier bei ihm und erleuchtete ihn. Jetzt, in diesem Moment, half der Allsehende auch dem Mönch die Kraft eines lebenden Wesens wahrzunehmen. Hastig zog Talonis seine Hände zurück, um nur kurz darauf Nimrott schweren Atem zu hören, der wieder eingesetzt hatte. Plötzlich riss der Gelehrte die Augen auf und schlug hastig eine Hand seines Lebensretters weg. Mit der Anderen packte er Talonis und musterte ihn mit feurigen Augen. Erst wanderten die Blicken, dann musterte der Zauberer die Umgebung, als suchte er etwas. Er betrachtete nacheinander die Reisenden und ließ schließlich vom Mönch ab. Nimrott richtete sich auf und fasste sich an den Kopf. Dann sagte er:
"Ihr habt mir das Leben gerettet, Talonis. Sie waren hier, die Oger. Ich habe sie durch mein inneres Auge sehen könnten. Alles war verschwommen und..."
Nimrott erhob sich etwas schwächelnd unter den neugierigen Blicken der Übrigen und fragte:
"Wo sind wir hier? Was ist das für ein Ort?"
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"Beruhigt euch Zauberer, wir sind noch immer in jenem Fileipwald. Wir sind in soetwas wie eine Art Zwischenreich oder so geraten. Pforte zum Schattenreich nanntet ihr es." die Halbelfe schaute Nimrott durchdringend an, so als würde sie nach etwas suchen.
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"Hier, trinkt einen Schluck." Mortan reichte dem Zauberer den Wasserschlauch.
"Wir sind immer noch dort, wo wir uns zur Nachtruhe begeben hatten."
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Der Zauberer sammelte sich und schließlich wich auch der Ausdruck der Verwirrung in seinem Gesicht. Dann ging er sich mit der Hand durch den zerzausten Bart und gab zu verstehen:
"Was sollen wir nur tun? Wir müssen weiter, eine andere Möglichkeit gibt es nicht."
Gasper wartete nicht lange, sondern fragte gerade heraus:
"Wo kamen diese Geister her. Ist dieser Ort verflucht, so dass hier rastlose Seelen wandeln können?"
Nimrott atmete noch etwas schwer, doch gab er bald Antwort:
"Als meine Augen geschlossen waren, wurde mein Geist geöffnet. Ich habe mehr von dieser Welt erkennen können, als ich es jemals für Möglich gehalten hätte. Und nun ergibt alles einen Sinn. Dies hier ist das Reich von Nebeln und Schatten, da bin ich mir jetzt sicher... oder sagen wir, es ist der Eingang in jenes Reich. Diese Welt ist aus den Feenreichen erwachsen, aber durch den Einfluss der Dämonen, die in ihren Kerkern hausend, auf groteske Art alles verwünschen und verfluchen, was auf dem Weltenkreis wandelt, verdorben worden. Die Feenwelt ist eine Welt der Freude und des Gedeiens. Das Schattenreich ist eine Welt der Rache, des Hasses und des Verderbens. Nicht boshaft oder totbringend, aber verzehrend und Leid bringend.
Die Geister sind nicht von dieser Welt, sie sind mit uns hier herein gekommen. Sie haben auf der irdischen Welt keine Macht. Durch ihren plötzlichen Tot blieben ihre Seelen auf dem Weltenkreis gefangen und sie vergingen nicht, weil die Rache in ihnen brannte. Und nun, wo sie an diesem Ort sind, fällt der Hass und die Vergeltung, die ihre Seele verzehrt auf fruchtbaren Boden. Sie sind mächtig geworden, aber genau wie wir nur besucher in dieser Welt."
Gasper staunte ob der Worte des Zauberers. Aus dem alten Mann sprudelten die Worte nur so heraus. Was hatte er wirklich geshen, dass er nun so tief blicken konnte? Der Paladin haderte allerdings nicht lange, sondern sagte schnell:
"Dann müssen wir hier weg. Wir müssen das Schattenreich so schnell wie möglich verlassen!"
Nimrott erwiederte:
"Ihr sprecht wahr, Gasper. Doch weiß auch ich nicht, wie man diesen verfluchten Ort verlassen könnte. Er ist wie ein Irrgarten, ohne Anfang und Ende. Jeder Schritt mag uns nur noch tiefer ins Verderben treiben. Nicht dieser Ort wird uns zum Verhängnis, das sage ich euch. Nur Kreaturen, die sich hierher verirrt haben und nicht hier hin gehören... solche wie wir es sind..."
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"Ich habt wahrlich tiefen Einblick in diese Welt erhalten.", sagte Talonis, "Ist es euch möglich, mit eurem Geiste nochmal diese Welt zu betrachten und nach einem Ausgang zu suchen?"
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Nimrott ging sich durch den Bart und betrachtete die Anwesenden eindringlich:
"Meine Magie ist an diesem Ort gefährlich. Ich weiß nicht, welchen Einfluss mein Wirken auf dieses Reich haben mag. Für mich wäre es der letzte Ausweg die Zauberkunst zu Rate zu ziehen. Ich wüsste auch nicht was uns als Wegweiser dienen könnte. Was wir hier sehen sind vielleicht die Abbilder von Schatten unter Bäumen. Vielleicht bleibt uns nichts anderes übrig als weiter zu wandern und zu hoffen, dass uns das Unglück nicht einholt. Aber wer weiß, wohin uns unsere Schritte führen..."
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"Dann solltesn wir weitergehen." schlug die Halbelfe vor. Hier zu sitzen und darauf zu warten das etwas noch schlimmeres geschah, waollte sie nicht.
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Die Entscheidung war klar und obwohl nicht alle Antwort gaben, waren sie doch einer Meinung. Sie mussten fort von jenem Ort, der nur ein Teil dieses finsteren Reiches war. Gasper führte die Gruppe wie sonst auch an. Nimrott, der noch immer sehr mitgenommen aussah, ging ein paar Schritte hinter ihm. Der Rest folgte in einigem Abstand. Keiner sagte ein Wort. Und je weniger Stimmen zu ihnen drangen, desto unbehaglicher wurde die Stille. Langsam merkte jeder von ihnen, was es mit dem Schattenreich auf sich hatte. Diese Welt war ein Abbild der irdischen, aber nur ein unvollständiges. Aber da war mehr. Mächte, die hier wirken konnten und Leben in einer grotesken und verwunschenen Form.
Die Wanderung schien kein Ende zu nehmen. Es zeigten sich keine Gestirne und kein Lüftchen regte sich. Zwischendurch stieg Luana auf einen dieser kahlen Bäume mit den schmierigen Stämmen. Von oben versuchte sie das Land zu überblicken, doch die Sicht verlor sich in der Dunkelheit. Mehr als die Anderen bemerkte die Halbelfe die Eigenarten dieses Reiches, ohne sie erblicken zu können. Ein Teil von ihr fügte sich langsam aber merklich in das Schattenreich ein, verfloss mit ihm. Genauso wie die Wälder schon ihr ganzes Leben lang nicht ihre Heimat, sondern ein Teil von ihr gewesen waren. Und genauso wurde langsam das Schattenreich ein immer größerer Teil von ihr. Noch wollte sie den Gedanken verdrängen und sich diesem Schrecken nicht entgegenstellen.
Irgendwann mussten die Reisenden erneut rasten. Sie setzten sich an den Fuß eines knorrigen, dicken Baumes, der seine kahlen Äste weit in alle Richtungen streckte. Dann plötzlich brach Nimrott die Stille und fragte:
"Gasper, habt ihr noch Hoffnung?"
Es war ruhig. Keine Antwort folgte. Der Zauberer blickte sich um, aber fand den Gefährten nicht, so als hätte er sich in Luft aufgelöst. Auch die Übrigen schlossen sich schnell der Suche an und Unruhe machte sich in ihnen breit. Nirgens war auch nur eine Spur von Gasper, obwohl er sich eindeutig an den mächtigen Stamm gesetzt hatte. Und außer dem alten Baum war in unmittelbarer Umgebung nichts, wenn man von dem morastigen und faulig stinkenden Boden absah.
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"Nicht noch ein Überfall!", trotze der Zwerg hervor. Müdigkeit und Verzweiflung waren in seinem Gesicht zu lesen.
"Und niemand was gemerkt?" Es klang fast wie eine Feststellung, und Mortan erwartete keine Antwort darauf.
"Was meint ihr? Wurde Gasper genaus wie Nimrott vom Erdboden verschluckt?". Mortan trat vorsichtig mit einem Fuss auf die Stelle vor dem Baum, wo Gasper als letztes gesessen haben muss, um zu prüfen, ob das Erdreich aufgelockert war.
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"Nein, ich denke nicht das er auch vom Erdboden verschlungen wurde. Vielleicht..." Luana ging auf den Baum zu, genau dorthin wo sie Gasper zuletzt gesehen hatte.
"Ein Tor? Eine Luftspiegelung?" sie untersuchte den Baum.
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Zunächst half Nimrott bei der Suche, doch plötzlich hielt er inne. Sein müdes Gesicht, welches hart von den tanzenden Flammen der Fackel erleuchtet war, wirkte regungslos.
"Luana..."
grummelte er bedrohlich und fasste seinen Zauberstab fester, während er der Halbelfe misstrauische Blicke zuwarf. Dann fuhr er fort:
"Launa, wenn das euer wirklicher Name ist. Erst verschwindet Talahvin und jetzt auch noch Gasper. Ja, ich verstehe."
Nimrott schien nicht mehr er selbst zu sein, denn seine Augen huschten schnell hin und her. Sie musterten jeden in der Gruppe eindringlich. Er wich einige Schritte zurück und flüsterte:
"Jetzt ergibt alles einen Sinn. Baratos, von euch hätte ich einen solchen Hochverrat nicht erwartet. Ihr schient mir ein so treuer Freund zu sein und doch sollten mich eure Anteilnahme und euer Interesse für meine Forschung nur in die Irre leiten. Das war von Anfang an euer Plan. Hier her habt ich mich entführt, aber mich werdet ihr nicht kriegen."
Schreckhaft zuckte der Blick der Zauberers nach Rechts und seine Augen musterten die Leere. Anschließend nickte er bestätigend und seine Worte wurden immer wahnsinniger:
"Mortan, ein harmloser kleiner Zwerg. Welche Rolle spielt ihr in diesem Komplott? War das alles eure Idee. Bleibt mir fern. Mit trügerischen Spielchen und durchsichtigen Lügen wolltet ihr meine Gunst gewinnen. Nein, damit ist jetzt Schluss. Endlich verstehe ich, was hier vor sich geht. Bleibt weg!"
Mit zittrigem Zeigefinger deutet der Zauberer auf Talonis und sagte kraftlos:
"Ihr habt schon mehr als einmal versucht mich zu töten. Noch vor kurzem wolltet ihr mich ersticken. Dieser ganze Ort ist eure Erfindung, nicht wahr? Hier soll ich verenden wie ein Fisch ohne Wasser. Keine Luft, keine Atmung."
Nimrott fasste sich mit der Linken an den Hals, als ob wirklich etwas an seiner Kehle wäre.
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Erschrocken und verwirrt blickte Luana den Zauberer an. Was war denn mit ihm los? "Nimrott..." sie klang unsicher. Sie wußte nicht ob sie ihn anschreien sollte oder doch lieber ruhig zureden? Noch weniger wagte sie es auf ihn zuzugehen. Hilfesuchend schaute sie zu den anderen.
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Verständnislos blickte der Zauberer seinen langjährigen Reisegefährten und Begleiter an. Dann schüttelte er den Kopf und blickte zur Halbelfe herüber. "Wir müssen hier heraus, bevor wir alle wahnsinnig werden." meinte er leise und seine Worte klangen fast drohend. Dann ging er auf seinen Magierkollegen zu und legte ihm seine Hände auf die Schultern. "Das ist nicht euer Ernst. Ihr kennt mich und das schon seit Jahren. Habt ihr vergessen, wie lange wir schon zusammen reisen und studieren? Das ist nicht euer Ernst, mich des Verrats an euch zu beschuldigen, oder Nimrott? Denkt nach! Wieso sollte ich euch verraten wollen?"
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Nur kurz und fast angwidert ließ es der Zauberer zu, dass ihn Baratos berührte. Kaum hatte der andere Gehlehrte in der Gruppe seine Hand auf Nimrotts Schulter gelegt und ausgeredet, schnellte der Zauberstab des verwirrten, alten Mannes nach oben und traf en Unterarm Baratos so hart, dass er sich schreckhaft und mit Schmerzen zurückzog. Wieder zeichnete sich Wahnsinn in den Augen Nimrotts ab, doch diesesmal kein gewöhnlicher. Ein Leuchten ging von seinem Inneren aus, wie man es nur kannte, wenn der Gelehrte seine Magie heraufbeschwor.
"Latistane..."
hauchte Nimrott hervor und Baratos dachte nur 'nein, tut das nicht'. Der Gelehrte hob beide Arme und wurde lauter:
"...Eluruin!..."
Im Schattenreich kam ein Wind auf, etwas was bisher noch keiner von ihnen erlebt hatte. Sich bewegende Luft war ihnen hier nicht begegnet. Es war eine reinigende Kraft, die sie umspielte, aber sie war gegen jeden in der Gruppe gerichtet. Die Luft knisterte wie vor einem Gewitter und die faulen Bäume der Umgebung ließen ihre langen, dürren Äste tanzen, als spielten sie die Melodie, nach der Nimrott tanzte.
Luana wusste nicht, was der Gelehrte da sagte oder heraufbeschwor, doch eines war ihr klar: Dieser Ort machte die Magie gefährlich und unberechenbar. Nicht anders sahen es in diesem Moment Baratos und Talonis.