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Medien & Phantastik => Sehen, Lesen, Hören => Lesen => Thema gestartet von: condor am 16.03.2013 | 10:55

Titel: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 16.03.2013 | 10:55
Warum gibt es eigentlich in der zeitgenössischen Buchproduktion <Achtung: Behauptung> keine Bücher im Fantasy-Genre, die als große Literatur ernst zu nehmen wären?

In früheren Epochen war das Fantastische, Märchenhafte wenigstens z.T. noch Stoff der Weltliteratur; zuletzt vielleicht am stärksten in der Romantik. Heute gibt es zwar große postmoderne Autoren, deren Romane in Richtung Mystery oder Urban Fantasy gehen (ich nenne nur stellvertretend Haruki Murakami und Mario Vargas Llosa), aber Elfen, Zwerge und Drachen findet man durchweg nur in der Trivialliteratur.

Schon bei Klassikern des Genres (Tolkien, Leiber) fällt auf, dass sie z.T. unglaublich fantasievoll waren, aber schriftstellerisch gesehen über reine Gebrauchsprosa kaum hinauskamen und selbst da einige klare Defizite aufweisen.

Ist es das Schicksal der Fantasy, Bahnhofsliteratur zu sein? Oder wird Fantasy von der Kritik grandios unterschätzt? Oder ist die Kombination von Hochliteratur und Fantasy einfach nur unverkäuflich?
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 16.03.2013 | 15:29
Behauptung: Hochliterarische Fantasy-Werke haben nicht das Etikett "Fantasy" aufkleben und steht in der Buchhandlung auch nicht neben den Vampir- und Drachen-Büchern. Das ist bei SciFi nicht anders.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Stonewall am 16.03.2013 | 16:37
aber Elfen, Zwerge und Drachen findet man durchweg nur in der Trivialliteratur.

Richard Wagner would like to have a word with you.  ;D

Als interessierter Laie habe ich da kein ganz klares Bild. Man müßte wohl auch zwischen literaturwissenschaftlicher Betrachtung und feuilletonistischer Literaturkritik unterscheiden?

Ich würde meinen, daß sich da die zwei Tendenzen verstärken: Der Großteil der "Fantasy" ist schematisch-trivial. Einerseits erwartet die Kundschaft das so. Andererseits befestigt das das Bild der highbrow-Kritiker von Fantasy als "unwürdigem" Genre. Das macht es dann Autoren mit "Willen zum Hohen" schwer, in dem Genre zu schreiben, wenn sie ernstgenommen werden wollen.

Wahrscheinlich grenzt sich die "Fantasy im engeren Sinne" auch unnötig selbst thematisch und stilistisch ein. Das allgemeinere Feld der "Phantastik" hat nämlich durchaus anerkannte Autoren: E.T.A. Hoffmann, Edgar Allan Poe, Franz Kafka, Jorge Luis Borges etc...
MWn gilt zB HP Lovecraft im anglophonen Raum mittlerweile durchaus als modern classic. Ähnlich wie der vor einem halben Jahrhundert noch generell als trivial gehandelte Kriminalroman mit seinen eigenen Klassikern (zB Chandler, Hammett) jetzt literarisch etabliert ist.
Vielleicht hat "man" in den anglophonen Länder da auch tendenziell weniger prinzipielle Genrevorurteile als im deutschsprachigen Raum.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 16.03.2013 | 17:52
@Stonewall: Um noch mal zu präzisieren: Ich beziehe mich auf zeitgenössische Autoren. Von den von dir genannten ist Borges noch der jüngste, und der hat wirklich großartige Sachen geschrieben, z.T. sogar in Richtung Phantastik, aber Fantasy... bin mir nicht sicher. Lovecraft sehe ich wie Tolkien oder F. Leiber: überwältigende visionäre Phantasie, aber als sprachlich und erzählerisch schon eher Bahnhofskiosk (so sehr ich ihn schätze).

@Pyromancer: "Fantasy" im Buchladen ist sicher eine negative Vorauswahl, wenn es um Hochliteratur geht (genau wie "Historischer Roman"). Wo sollte ich denn schauen, bzw. nach welchen Autoren?
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 16.03.2013 | 18:09
@Pyromancer: "Fantasy" im Buchladen ist sicher eine negative Vorauswahl, wenn es um Hochliteratur geht (genau wie "Historischer Roman"). Wo sollte ich denn schauen, bzw. nach welchen Autoren?

Das letzte hochliterarische Werk mit Fantasy-Einschlägen, das ich gelesen habe, war "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" von Christian Kracht. Wenn es nicht ganz zeitgenössisch sein muss würde ich mal bei Thomas Mann und Ernst Jünger nachschauen.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Stonewall am 16.03.2013 | 18:36
@Stonewall: Um noch mal zu präzisieren: Ich beziehe mich auf zeitgenössische Autoren. Von den von dir genannten ist Borges noch der jüngste, und der hat wirklich großartige Sachen geschrieben, z.T. sogar in Richtung Phantastik, aber Fantasy... bin mir nicht sicher. Lovecraft sehe ich wie Tolkien oder F. Leiber: überwältigende visionäre Phantasie, aber als sprachlich und erzählerisch schon eher Bahnhofskiosk (so sehr ich ihn schätze).

Bei zeitgenössischen Autoren fehlt mir einfach der nötige breite Überblick.
Und: Wie grenzt Du Fantasy von allgemeinerer Phantastik ab? Ist Fantasy für Dich wirklich nur der "Elfen-Zwerge-Drachen-Kram"? Wenn man ein Genre bewußt extrem einengt, wird halt der Kandidatenpool eben auch recht klein.

Bei HPL hindert mMn seine gesuchte "Altertümlichkeit" daran, ihn rundweg in eine Gebrauchsprosa-Ecke zu schieben, auch wenn man sicher hinterfragen kann, wieweit er seinen künstlerisches Intentionen gerecht wurde. Ähnlich bei Tolkien mit seiner Orientierung am Saga-Stil.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 16.03.2013 | 19:05
Gute Frage - wie grenzt man Fantasy sinnvoll von anderen Genres ab. Als Versuch:

Fantsy = Erzählungen, die in einer erdachten Welt spielen. Geschichten, die von der realen Welt ausgehen, sind lediglich in dem Maße "Fantasy" wie sich ihre Bewohner, Gesetzmäßigkeiten etc. von der Realität unterscheiden (z.B. Urban Fantasy, Mystery, Realismo Magico, Historische Fantasy).
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Stonewall am 16.03.2013 | 19:32
Ich würde zur erdachten Welt das märchenhafte/übernatürliche Element ergänzen wollen. Es sind ja auch Andersweltgeschichten denkbar, die sich exakt an realweltliche Naturgesetze halten. Diese wären, finde ich, je nach Sujet evtl eher der Science Fiction zuzuordnen. Und gerade bei "Klassikern" der Fantasy wie Howard und Tolkien findet sich die Prämisse, daß das fantastische Setting eine legendäre vorgeschichtliche Epoche der realen Welt darstellen soll.

BTW habe ich gegen den Begriff "Mystery" meine Bedenken, da das Wort im Englischen für den "normalen" Detektivroman ohne übernatürliche Elemente verwendet wird. Evtl könnte man das gemeinte wie Urban Fantasy unter Contemporary Fantasy subsumieren. Wenn man Wikipedia glauben darf, ist im Englischen wohl supernatural drama als Bezeichnung dafür gängig.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Skele-Surtur am 16.03.2013 | 19:58
Ich behaupte, dass das am Snobbismus der selbsternannten Hochliteraten liegt. Wer hohe Literatur schreiben will, schreibt kein Fantasy, weil er genau weiß, dass er von der selbsternannten Literaturelite damit nicht ernst genommen würde und für den Rest der Welt wäre das ganze eh zu hoch, was im Klartext bedeutet, dass er weder die Anerkennung der Literaturwelt, also kulturellen Erfolg, wenn man so will, noch kommerziellen Erfolg hat. Und ein Hohlbein sein, dessen Werke verissen werden, der sich aber eine eigene Häuserzeile leisten kann, ist besser als ein... unbekannter Typ zu sein, dessen Buch von den einen nicht ernstgenommen und von den anderen nicht gelesen wird.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Niniane am 16.03.2013 | 20:11
Tolkien wollte niemals Fantasy schreiben, auch wenn er als Vater der modernen Fantasyliteratur gilt, btw. Und zur Phantastik hat Stonewall eigentlich schon alles sehr gut beschrieben und gesagt.  :d
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 16.03.2013 | 20:18
Für "Das Glasperlenspiel" gab's immerhin den Nobelpreis für Literatur, von daher kann ich dem Argument nicht ganz folgen, "Fantasy" würde von der Literaturelite nicht ernst genommen.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Skele-Surtur am 16.03.2013 | 20:53
Weil nach meiner Wahrnehmung das Glasperlenspiel kein Fantasyroman ist.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Stonewall am 16.03.2013 | 20:55
Naja, da stellt sich eben wieder die Frage nach der begrifflichen Differenzierung von "Fantasy" und "Phantastik". Phantastische Stoffe können meiner Wahrnehmung nach durchaus "hoffähig" sein. Was nicht ernstgenommen wird, noch nicht einmal verrissen, denn das würde eine Auseinandersetzung voraussetzen, ist "extruded fantasy product", also die ganzen zweitklassigen Tolkien-Epigonen.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: La Cipolla am 16.03.2013 | 21:45
Zitat
Behauptung: Hochliterarische Fantasy-Werke haben nicht das Etikett "Fantasy" aufkleben und steht in der Buchhandlung auch nicht neben den Vampir- und Drachen-Büchern.
Zitat
Ich würde meinen, daß sich da die zwei Tendenzen verstärken: Der Großteil der "Fantasy" ist schematisch-trivial. Einerseits erwartet die Kundschaft das so. Andererseits befestigt das das Bild der highbrow-Kritiker von Fantasy als "unwürdigem" Genre.

Klingt für mich völlig plausibel und ausreichend als Erklärung.
Dann wiederum verschwimmen die Kategorien ja sowieso zunehmend, weil die "ernsthaften" Kritiker sich wahlweise weiter einkapseln und nur noch möglichst schematisch-Außergewöhnliches wahrnehmen oder aber gleich auf Kategorien wie Hochliteratur und Co. scheißen. In der Akademik wird das Triviale auch immer wichtiger, und spätestens wenn die vorletzte Generation ausgestorben ist, dürfte das noch deutlicher werden.
Hab schon gelegentlich mal gehört, dass Song of Ice and Fire "hochkarätige" Preisungen absahnt oder Twilight ähnlich analysiert wird wie ein Shakespeare-Werk (nur halt mit anderen Ergebnissen ;D).
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Niniane am 16.03.2013 | 21:50
Ein gutes Beispiel von "Hochliteratur trifft Fantasy" wäre auch ein Großteil der "Horus Heresy". Die strotzt nur so vor Anspielungen auf die englische/europäische Literaturgeschichte, aber sie macht auch als SF/Space Opera einfach Spaß.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: KlickKlack am 16.03.2013 | 22:13
Wirklich schwierig. In gewisser Weise finder sich in sehr, sehr vielen Werken der s.g. Hoch Literatur Phantastik, manchmal weit mehr als in manchem fantasy Werken. Hoch gelobt in Deutschland und durchzogen von kruder phantastik wäre z.b. die Blechtrommel. Im englischsprachigen Bereich vielleicht Irving, der immer wieder phantastische Elemente einbaut (wobei man da generell ganz anders an die literatur kritik herangeht - pratchett z.b. wird auf eine weise bewertet die hier undenkbar wäre ?)   
Ich glaube die schon erwähnten Elfen, Drachen etc. sind das grosse problem. Viele um nicht zu sagen die Mehrzahl der zeitgenössischem fantasy werke sind eben nur müde wiederholungen, gepickt mit den immer wiederkehrendem versatzstücken. Das macht dem sagenekundigen leser ja schon tolkin so schwer erträglich :)
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Niniane am 16.03.2013 | 22:23
Ich wage übrigens auch zu behaupten, dass diese Unterscheidung zwischen "Literatur" und "Schund" (mal etwas abwertend gesagt) hauptsächlich im deutschen Sprachraum stattfindet. Warum das so ist, keine Ahnung, vielleicht, weil die ersten Fantasy- und Sci-Fi-Titel von den Heftchenroman-Verlagen übersetzt und verlegt wurden und damit einen eher schlechten Ruf hatten. Und ich muss sagen, dass auch unglaublich viel Mist schnell auf den Markt geworfen wird, um die Leserschaft mit ähnlichen Büchern bei Laune und Kasse zu halten.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Stonewall am 16.03.2013 | 22:57
Ich wage übrigens auch zu behaupten, dass diese Unterscheidung zwischen "Literatur" und "Schund" (mal etwas abwertend gesagt) hauptsächlich im deutschen Sprachraum stattfindet. Warum das so ist, keine Ahnung, vielleicht, weil die ersten Fantasy- und Sci-Fi-Titel von den Heftchenroman-Verlagen übersetzt und verlegt wurden und damit einen eher schlechten Ruf hatten. Und ich muss sagen, dass auch unglaublich viel Mist schnell auf den Markt geworfen wird, um die Leserschaft mit ähnlichen Büchern bei Laune und Kasse zu halten.

Vielleicht besonders stark im deutschen Sprachraum. Aber wohl nicht ausschließlich. In der französischen Wikipedia habe ich für Genreliteraturen den Begriff paralittérature (http://fr.wikipedia.org/wiki/Paralitt%C3%A9rature) gefunden. Das Präfix para- impliziert ja doch irgendwie, daß es doch keine "echte" Literatur sei?

Interessanterweise heißt es da wie folgt:
Zitat
Toutes ces littératures sont encore souvent méprisées par l'institution universitaire, sauf en ce qui concerne le fantastique, le roman historique et maintenant le roman policier,

"Alle diese Literaturen werden immer noch häufig von der universitären Institution geringgeschätzt, außer was das Phantastische, den Historienroman und nun auch den Kriminalroman betrifft."

Der englische Sprachraum scheint allerdings toleranter zu sein.

Man müßte wohl auch ideologische Gründe beleuchten, wie zB die Forderung nach "Gegenwarts-/Sozialrelevanz" von Literatur oder die manchmal unterstellte Affinität des Phantastikgenres zu wie auch immer gearteten "reaktionären" Gesinnungen, die ja bei manchen Vertretern durchaus gegeben ist.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 17.03.2013 | 09:12
Heißt das nun, dass es Fantasy-Autoren eigentlich brillant sind und von der schnöseligen Literaturkritik und -wissenschaft nur nicht ernst genommen werden - oder doch, dass anspruchsvolle Schriftsteller sich lieber gleich ein anderes Genre suchen?

Ich befürchte letzteres, wobei es eine gewisse Schnittmenge im Bereich der Kinder- und Jugendbücher gibt. O. Preußler und M. Ende galten jedenfalls als ernst zu nehmende Literaten, die über Hexen, Zauberer, Drachen und was weiß ich geschrieben haben.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 17.03.2013 | 10:16
Heißt das nun, dass es Fantasy-Autoren eigentlich brillant sind und von der schnöseligen Literaturkritik und -wissenschaft nur nicht ernst genommen werden - oder doch, dass anspruchsvolle Schriftsteller sich lieber gleich ein anderes Genre suchen?

Es bedeutet, dass anspruchsvolle Schriftsteller, wenn sie Fantasy schreiben, eher keine seichten Abenteuergeschichten mit Zwergen und Orks abliefern, und auch keine Vampir-Schmonzetten.

Und wenn dann der Verlag keine Gestalt in wehendem Gewand und auch kein Monster aufs Cover druckt, und auf dem Buchrücken der Einsortier-Hinweis "Fantasy" fehlt, dann entsteht der Eindruck, fähige Autoren hielten sich vom Genre fern.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Oberkampf am 17.03.2013 | 11:25

Ich befürchte letzteres, wobei es eine gewisse Schnittmenge im Bereich der Kinder- und Jugendbücher gibt. O. Preußler und M. Ende galten jedenfalls als ernst zu nehmende Literaten, die über Hexen, Zauberer, Drachen und was weiß ich geschrieben haben.

Kinder- und Jugendliteratur ist nochmal so ein eigenes Ding. Man kann z.B. von Harry Potter halten, was man will (ich mochte die meisten), aber man kann nicht leugnen, dass Joanne K. Rowling trotz des Labels Kinderbuch eine recht weit reichende Beachtung bis hinein in die Reihen der professionellen Literaturkritik gefunden hat. Dabei kamen viele ihrer Motive aus der traditionellen Fantasy. So eine Beachtung scheint mir für "Erwachsenenfantasy" nicht möglich zu sein.

Allerdings würde ich das auch für andere Formen von Abenteuerliteratur geltend machen, nicht nur Fantasy. Welcher Westernroman, außer vielleicht Karl May, kommt denn über Heftchenformat hinaus. Krimis? Bisschen Dürrenmatt, Name der Rose und das wars fast.

Spitz gesagt würde ich behaupten, dass ein Buch auf eine bestimmte Art ziemlich langweilig sein muss, um von der professionellen Literaturkritik ernst genommen zu werden - Fantasy ist auf die falsche Art langweilig.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Samael am 17.03.2013 | 11:50
Kinder- und Jugendliteratur ist nochmal so ein eigenes Ding. Man kann z.B. von Harry Potter halten, was man will (ich mochte die meisten), aber man kann nicht leugnen, dass Joanne K. Rowling trotz des Labels Kinderbuch eine recht weit reichende Beachtung bis hinein in die Reihen der professionellen Literaturkritik gefunden hat. Dabei kamen viele ihrer Motive aus der traditionellen Fantasy. So eine Beachtung scheint mir für "Erwachsenenfantasy" nicht möglich zu sein.

Das war einzig und allein wegen des gigantischen Erfolgs, der ein Ignorieren undenkbar machte. Erwachsenenfantasy die sehr erfolgreich ist, schafft es auch ab und an ins Feuilleton (Song of Ice and Fire).
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Xemides am 17.03.2013 | 17:54
Naja, es gibt bei allen Genres immer wieder Werke, die ernst genommen werden.

Western: Der mit dem Wolf tanzt, Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses

Krimi: Doyles und Christie sind doch durchaus als Autoren angesehen, oder moderner Henning Mankell  oder Georges Simeon

Abenteurromane zählen sogar als Hochliteratur und Gras und Dumas als Abenteuerautoren.



Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Timo am 20.03.2013 | 12:18
Song of Ice and Fire ist ca 20 Jahre alt, das ist jetzt nur im Gespräch wegen der Fernsehserie, was übrigens mittlerweile auch typisch ist für Deutschland.

Als Hochliteratur würde ich zZ nur Rothfuss in der Fantasyecke sehen, der zumindest im Original einen sehr sehr guten Sprach-/und Schreibstil hat, über den Plot lässt sich streiten(Stichwort MarySue, wobei der Charakter ein Barde ist und durchaus die Story komplett übertrieben sein kann).

Ein sehr gutes Gegenbeispiel wäre Ben Aaronovitch der sehr gute Plots/Charaktere hat aber einen miesen Schreibstil (ich bin mir äußerst sicher, dass der Mann nur says als Wort für die mündliche Rede kennt).
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: La Cipolla am 20.03.2013 | 14:12
Seit wann hat Hochliteratur denn was mit Sprach- und Schreibstil zu tun? ;D
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Timo am 20.03.2013 | 15:44
stimmt auch wieder  ;)
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 2.04.2013 | 22:10
Einen interessanten Sonderfall, wie ich finde, behandelt dieser Sammelband (http://www.amazon.de/Walter-Zamonien-Romane-Vermessungen-fiktionalen-Kontinents/dp/3899719069).
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: korknadel am 3.04.2013 | 08:15
Immerhin die SF hat einige "hochliterarische" Vertreter:

McCormac: Die Straße
Roth: Plot against America
Chabon: Vereinigung jiddischer Polizisten
Chabon hat auch einen Abenteuer-Kolportage-Roman geschrieben und mit Kavalier und Clay ein Superheldending

Dietmar Dath schreibt viel, was mit SF zu tun hat.
Julie Zeh hat auch schon SF geschrieben.

Von Alban Nicolai Herbst gab es auch mal so fantastisch angehauchte Sachen. Habe den oder die Titel vergessen.
House of Leaves von Mark Danielewski ist im Grunde ein Schauerroman, irgendwie.

Suhrkamp hätte damals sicher gern gehabt, dass Zafons Bestseller -- wie hieß der noch gleich? -- Hochliteratur wäre, aber über gediegene Wohlfühlliteratur kommt er dann vielleicht doch nicht raus. Sonst wäre das mal mehr oder weniger richtige Fanatsy gewesen.

Gibt es bei Roberto Bolano nicht auch fantastische Elemente?

Adolf Muschgs Roter Ritter ist mehr oder weniger großartige Fantastik, da es aber eine Verarbeitung des Wolframschen Parzival ist, kann man es kaum als Fantasy bezeichnen.

In Das letzte Abenteuer von Heimito von Doderer von 1953 geht es immerhin um Drachen.

Aber "reine" Fantasy sucht man im ernsten Fach natürlich vergeblich.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: La Cipolla am 3.04.2013 | 08:32
Zitat
Von Alban Nicolai Herbst gab es auch mal so fantastisch angehauchte Sachen. Habe den oder die Titel vergessen.

Thetis: Anderswelt
Buenos Aires: Anderswelt

Ist echt eine ungewöhnliche Mischung aus mythologischer Fantasy, Endzeit, der tatsächlichen Gegenwart und ultrapostmodernem Kram, definitiv zu empfehlen, da sich zumindest das erste Buch auch nicht zu wichtig nimmt. Das dritte Buch (Argo: Anderswelt) fehlt leider seit Jahren, weshalb mich die Motivation immer so auf halber Strecke verloren hat. Selbes Phänomen wie bei Song of Ice and Fire. ^^
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: גליטצער am 3.04.2013 | 09:48
Also die Schriftstellerischen Fähigkeiten von Tolkien und Leiber würde ich ja nicht unbedingt auf einem Level anorten, auch nicht deren Dramaturgie. Leiber ist für mich deutlich näher am "Schund" (auch wenn er noch lange nicht auf das Level heutiger deutscher Mainstream-Autoren herabsank). Echte Perlen sind halt selten. Das trifft auf die frühen Fantasy-Werke genauso zu, wie auf die heutigen. Eine Unterscheidung, was genau Trivialliteratur und was ein Meisterwerk ist, wird wohl erst nach einiger Zeit möglich sein (ein echtes Meisterwerk ist IMHO zeitlos). Ich habe irgendwann mal die These aufgestellt, dass gute Literatur sich von schlechter dadurch unterscheidet, dass sie auch von Lesern, die nicht Fan dieser Literatur-Gattung sind, genossen werden kann. Das ist jetzt sehr subjektiv, aber die ganze Kulturdebatte ist ja von Subjektivität durchsetzt.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Crimson King am 3.04.2013 | 10:11
Hat hier eigentlich schon jemand Trivialliteratur und Hochliteratur definiert und voneinander abgegrenzt?
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: La Cipolla am 3.04.2013 | 10:27
Äh, darum geht es seit gefühlten 50 Posts?
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Crimson King am 3.04.2013 | 10:44
Nö. Ich habe keinen einzigen Post gefunden, der zu erklären versucht, was Hochliteratur eigentlich ist und wie sie sich von Trivialliteratur abgrenzt, oder anders herum. Die meisten Menschen scheinen aber ein intuitives Verständnis davon zu haben, welches Werk zu welcher Rubrik gehört.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 3.04.2013 | 10:52
Nö. Ich habe keinen einzigen Post gefunden, der zu erklären versucht, was Hochliteratur eigentlich ist und wie sie sich von Trivialliteratur abgrenzt, oder anders herum. Die meisten Menschen scheinen aber ein intuitives Verständnis davon zu haben, welches Werk zu welcher Rubrik gehört.

Definition: Was in der Buchhandlung unter den Rubriken Fantasy, Science Fiction und Horror steht, ist immer Trivialliteratur.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Crimson King am 3.04.2013 | 11:11
Ist keine Definition, sondern eine Behauptung, die zu beweisen oder zu widerlegen wäre.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: La Cipolla am 3.04.2013 | 11:13
Wozu definieren, wenn sich alle intuitiv einig sind?

Wir sind ja hier nicht in der Uni (zum Glück).
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Crimson King am 3.04.2013 | 11:15
Ich denke ernsthaft, dass ein präzises Verständnis davon, was Literatur zu Hochliteratur oder ernster Literatur macht, einem dabei weiter hilft, zu verstehen, wieso Fantasy es schwer hat, als Hochliteratur durchzugehen oder warum es ggf. sogar sehr schwer bis unmöglich ist, ein Fantasy-Werk zu schreiben, dass die Kriterien erfüllt.

Ich bezweifle im Übrigen, dass sich nach intuitivem Verständnis alle einig sind.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: La Cipolla am 3.04.2013 | 11:24
Okay. Hau doch eine raus, schaden kann's denk ich nicht und es kommen bestimmt ein paar Uneinigkeiten zutage, an denen man weiterarbeiten kann (also, wer Bock drauf hat - ich bevorzuge das Thema intuitiv und finde eigentlich auch, dass es der Thread ganz gut behandelt hat).
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Crimson King am 3.04.2013 | 11:44
Ich kann's mal versuchen:

Trivialliteratur ist Literatur, die mindestens zwei der vier folgenden Kriterien erfüllt:
leicht verständlich geschrieben
behandelt gut zugängliche Themen wie Liebe, Rache, Familie etc.
präsentiert klare Wertebilder, moralische Fragen werden entweder garnicht gestellt oder eindeutig beantwortet
enthält keine offensichtlichen weiterführenden Interpretationsflächen

Alles andere wäre dann Hochliteratur.

Die Masse der Fantasyliteratur erfüllt alle vier Kriterien. Bei SciFi sieht das etwas anders aus.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 3.04.2013 | 11:59
Ist keine Definition, sondern eine Behauptung, die zu beweisen oder zu widerlegen wäre.

Wenn man eine Definition beweisen oder widerlegen könnte, dann bräuchte man sie nicht, oder?
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Sun Wukong am 3.04.2013 | 12:06
Natürlich gibt es eine ganze Menge tatsächlicher Trivialliteratur innerhalb des Fantasybereichs (die Definition von Metal King ist schonmal eine Richtung, würde ich sagen), aber ich halte auch das allgemein Selbstverständnis von Feuilleton und universitärer Literaturelite für das größere Problem. Deutlich wurde das bei der letzten Verleihung des Literaturnobelpreis an Mo Yan und die Debatte um den so genannten "magischen Realismus".

Ich bin ziemlich davon überzeugt, dass das nur ein bescheuerter, verschleiernder Begriff ist, der im Grunde genommen Fantasyliteratur beschreibt, anders ausgedrückt, damit die Eliten sich nicht mit diesem so trivial klingenden Wort herumschlagen müssen. Und damit bin ich nicht der Einzige, wenn man sich mal anguckt, was im Bezug dazu so alles schon gesagt wurde. Fakt ist, dass Yans Literatur (was man von dem Mann und seinem Werk sonst auch halten mag) im Grunde ziemlch viele Kriterien für die Umschreibung "Fantasy" umfasst, daneben auch für Märchen und Parabeln, was im Grunde recht nah im Raum des allgemein Phantastischen anzusiedeln ist.

Einer meiner Dozenten in der Germanistik versucht übrigens seit Semestern einen entsprechenden "Phantastik-" beziehungsweise Fantasyschwerpunkt in Form von Hauptseminaren durchzusetzen. Entweder er wird auf entsprechend weniger in die Tiefe gehende Proseminare vertröstet, oder es wird ihm frechweg offen gesagt, dass man das in der Fakultät nicht für universitär-diskutablen Forschungsstoff hält. Daher wehen die Pestwinde, wenn ihr mich fragt.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Yerho am 3.04.2013 | 13:48
Auch wenn die Trennung von Hoch- und Unterhaltungsliteratur eine über weite Strecken gekünstelte ist, muss man sich keine Illusionen darüber machen, dass das, was in der Breite an Fantasy konsumiert ist, tatsächlich reine Unterhaltungsliteratur darstellt, der nun einmal das - wenn auch im Idealfall handwerklich einwandfreie - Wiederkäuen der immer wieder gleichen Motive, Elemente und Stilmittel darstellt.

Der größte Teil des hochliterarischen Kanon hingegen besteht aus ollen Kamellen, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung nur haarscharf am Kolportageroman vorbei geschrammt sind und die mit der Zeit durch bloße Alterung und/oder den Local-Hero-Status ihres Verfassers und/oder durch besondere Befindlichkeiten der Rezipienten einer bestimmten Epoche sozusagen geadelt wurden.
Neue Vertreter der Hochliteratur sind sogar noch strittiger. Von der Schickeria im eigenen Glanz vergoldete oder von Avantgardisten (Kraft eigener Arroganz) erhobene Werke können ebenfalls der größte Murks oder doch zumindest kurzlebige Vertreter augenblicklicher Trends sein.
Daneben gibt es noch Dauerbrenner mit Anwartschaft auf den Grad der Hochliteratur, allen voran die unsägliche Betroffenheitsprosa, die jedes beliebige Kritikerrudel schon seit Jahrhunderten immer wieder reflexartig in Begeisterungsstürme ausbrechen lässt. Auch sehr beliebt sind Sprachexperimente, deren Qualität weniger durch Originalität, als durch pubertär-hormornelle Störungen und/oder exzessiven Alkohol- und sonstigen Drogenkonsum befeuert werden.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich halte die Unterteilung von vornherein für schwachsinnig und wäre - wenn überhaupt - eher für eine Trennung anhand der Intention des Verfassers (und der Vermarkters). Qualitative Unterscheidungen in gute oder schlechte [jeweilige Kategorie einsetzen]-Literatur kann man dann immer noch vornehmen und begründen, haben jedoch mit der vorangegangenen Kategorisierung nicht zwingend etwas zu tun.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Oberkampf am 3.04.2013 | 16:34
Natürlich gibt es eine ganze Menge tatsächlicher Trivialliteratur innerhalb des Fantasybereichs (die Definition von Metal King ist schonmal eine Richtung, würde ich sagen), aber ich halte auch das allgemein Selbstverständnis von Feuilleton und universitärer Literaturelite für das größere Problem.

Genau das ist die Sache: es geht hier um Elitenliteratur und um Abgrenzung. Fantasy ist einfach nicht als Distinktionsliteratur geeignet, zumindest nicht in Deutschland. Genausowenig wie Comics, und eigentlich auch Sci-Fi. Die meisten von Haderlump aufgeführten Dinger würden entweder nicht als Sci-Fi bezeichnet werden, oder nicht als Hochliteratur  (mit Chabon habe ich genau diese Erfahrung gemacht, dass es "nur" als Spannungsliteratur abgetan wird).

Meine Definition von Hochliteratur ist folglich auch: Was Eliten als Literatur definieren, ist Literatur.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 3.04.2013 | 16:56
Und umgekehrt. Viele Fantasy-Leser würden ja ein "ernsthaftes" Buch nicht mit der Kneifzange anfassen, selbst wenn Zwerge und Orks drin vorkämen.

Science Fiction hat es da ein bisschen einfacher, weil es die großen Dystropien gibt, die ganz klar, offensichtlich und mit dem Holzhammer gesellschaftlich relevant sein wollen, und deswegen, sofern sie dem linken Zeitgeist entsprechen, durchaus auch von der Literaturelite gewürdigt werden.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Oberkampf am 3.04.2013 | 18:13

Science Fiction hat es da ein bisschen einfacher, weil es die großen Dystropien gibt, die ganz klar, offensichtlich und mit dem Holzhammer gesellschaftlich relevant sein wollen, und deswegen, sofern sie dem linken Zeitgeist entsprechen, durchaus auch von der Literaturelite gewürdigt werden.

Welche linke Sci-Fi?
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: גליטצער am 3.04.2013 | 20:49
Fantasy hat auch das Zeugs zur Dystopie, man mag allerdings die durchaus berechtigte Frage stellen, wieso Fantasy so selten gesellschaftliche Fragen in Angriff nimmt.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: La Cipolla am 3.04.2013 | 22:04
Wenn man stumpf ist ... Eskapismus? Ist ein großer Reiz des Genres, und die meisten Eskapisten sind eher progressiv (was mal gar nicht in den intellektuellen Zeitgeist passt), Ausnahmen hin oder her.

Zitat
Welche linke Sci-Fi?
Böse Kapitalisten, böse Imperialisten, böse Rassisten etc ... aber frag mich nicht nach Buchtiteln, ich hab keine Ahnung von Literatur.  :(
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Sun Wukong am 3.04.2013 | 22:55
Fantasy widmet sich meiner Erfahrung nach gerne eher zeitlosen, gesellschaftlichen Fragen und nutzt veränderte und phantastische Historie zur Spiegelung einst herrschender, realer Verhältnisse. Das wirkt bei mir auch immer besser, als allzu deutliche Verweise auf "aktuelle Probleme" unserer Gesellschaft. Einen Fantasyroman, der sich hauptsächlich mit Migration beschäftigt und damit auf die Situation hier in Deutschland verweisen will, fände ich höchstwahrscheinlich sterbenslangweilig. So wie ich mir auch ungerne Theaterstücke gebe, die Iphigenie auf Tauris mit Palästinaflaggen umhertanzen lassen. Das ist auch oft zu bewusst und gewollt "anspruchsvoll".
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Xemides am 3.04.2013 | 23:34
Es gibt sehr viele intellektuelle Science-Fiction, auch linke:

H.W. Wells (Kritik am Kolonialismus)
George Orwell (Kritik am Kommunismus)
Philip K. Dick (Hinterfragen der Realität)
Joe Haldeman (Der ewige Krieg)
Clifford D. Simak (Als es noch Menschen gab)
Daniel Galouye (Simulacron 3 oder Welt am Draht)

Wir haben die osteuropäischen Autoren wie Lem und die Strugazkis, die durchaus nahe an der Hochlitaratur sind und durchaus sehr hintergründig sind (wer Solaris für trivial hällt soll das mal erklären)
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Wellentänzer am 4.04.2013 | 00:14
Und umgekehrt. Viele Fantasy-Leser würden ja ein "ernsthaftes" Buch nicht mit der Kneifzange anfassen, selbst wenn Zwerge und Orks drin vorkämen.

Science Fiction hat es da ein bisschen einfacher, weil es die großen Dystropien gibt, die ganz klar, offensichtlich und mit dem Holzhammer gesellschaftlich relevant sein wollen, und deswegen, sofern sie dem linken Zeitgeist entsprechen, durchaus auch von der Literaturelite gewürdigt werden.
Aua, da schüttelt es mich aber. Paranoia der Schweigespirale revisited? Die aktuelle Finanz-, Schulden- und Systemkrise ist mit Sicherheit keinem "linken Zeitgeist" geschuldet. Die Privatisierung von Profit bei gleichzeitiger Verstaatlichung von Verlusten ist jedenfalls meines Wissens ebenso wie irrwitzige Deregulierung nur bedingt eine klassisch linke Position. Denk vielleicht noch mal drüber nach. Aber eines stimmt immerhin: Utopien wie Dystopien lassen sich in der SciFi erheblich besser transportieren. Fantasy eignet sich dafür durch die genrebedingten Umwege nur bedingt und kommt daher quasi ausnahmslos als Abenteuerliteratur daher - Lord Dunsany und Konsorten dabei mal ausgeblendet.

Wir haben die osteuropäischen Autoren wie Lem und die Strugazkis, die durchaus nahe an der Hochlitaratur sind und durchaus sehr hintergründig sind (wer Solaris für trivial hällt soll das mal erklären)

Nah an der Hochliteratur ist lustig. Lem hat Dutzende Literaturpreise gewonnen und gilt seit fast zwei Jahrzehnten als Kandidat für den Nobelpreis.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 4.04.2013 | 00:38
Aua, da schüttelt es mich aber. Paranoia der Schweigespirale revisited? Die aktuelle Finanz-, Schulden- und Systemkrise ist mit Sicherheit keinem "linken Zeitgeist" geschuldet. Die Privatisierung von Profit bei gleichzeitiger Verstaatlichung von Verlusten ist jedenfalls meines Wissens ebenso wie irrwitzige Deregulierung nur bedingt eine klassisch linke Position. Denk vielleicht noch mal drüber nach.

Die Masse der (selbsternannten) Intellektuellen und der Literaturelite sind selbsterklärte Linke. Das ist auch ganz normal, weil die intelligenten Rechten ja damit beschäftigt sind, Panzer an Diktatoren zu verkaufen, die Arbeiterklasse auszubeuten und durch Terminspekulation auf Lebensmittel ganze Kontinente in den Hungertod zu stürzen - die haben also zum Lesen von Romanen gar keine Zeit, vom Schreiben derselben ganz zu schweigen.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Falke359 am 4.04.2013 | 01:34
Ich kann's mal versuchen:

Trivialliteratur ist Literatur, die mindestens zwei der vier folgenden Kriterien erfüllt:
leicht verständlich geschrieben
behandelt gut zugängliche Themen wie Liebe, Rache, Familie etc.
präsentiert klare Wertebilder, moralische Fragen werden entweder garnicht gestellt oder eindeutig beantwortet
enthält keine offensichtlichen weiterführenden Interpretationsflächen

Alles andere wäre dann Hochliteratur.

Die Masse der Fantasyliteratur erfüllt alle vier Kriterien. Bei SciFi sieht das etwas anders aus.

Die Kriterien sind etwas willkürlich gewählt und beschäftigen sich mit rein inhaltlichen Aspekten beschäftigen; die sprachliche und formale Ebene berücksichtigst du nicht. Deshalb mein Versuch:

Vorbemerkung:
Eine klare Trennlinie ist nicht möglich. Was zur Hochliteratur zählt, wird erstens nach literaturwissenschaftlichen (also objektivier- und überprüfbaren) Maßstäben untersucht, kann zweitens erst mit einem gewissen Abstand bewertet werden und ist drittens dem Konsens der Gesellschaft (und vor allem der Literaturwissenschaft) unterworfen.
Ich würde den Begriff der "Hochliteratur" insgesamt nicht zu hoch hängen, auch wenn mir andererseits die Galle hochkommt, wenn mir jemand Werke wie "Twilight" als hochwertige Literatur anpreisen will.

Einige Punkte erscheinen mir für eine Definiton wichtig:



Die Liste ist sicherlich nicht vollständig, aber das fällt mir ganz spontan dazu ein.
Warum z.B. selbst Tolkien oft nicht zur "Hochliteratur" zählt, liegt wohl daran, dass die einzelnen Werke nach literarischen Kriterien großteils einfach nur schlecht geschrieben sind.

Und letztlich ist die Verknüpfung zu unserer Welt ein wichtiger Faktor, selbst für fantastische Literatur, und eben den Weg gehen Fantasy-Romane oft nicht.
Kafka z.B. erschafft nicht einfach surreale Welten, er zeigt, wie surreal die von ihm erlebte wirkliche Welt ist. Das ist ein riesiger Unterschied.
Dichtung ist letztlich verdichtete Wirklichkeit. Fantasy verliert oft den Bezug zur Wirklichkeit.

Und zum Schluss eine einfache Faustregel: Gute Literatur wird besser, je öfter man sie liest bzw. je genauer man sie untersucht, Trivialliteratur wird dagegen schlechter, je öfter man sie liest bzw. je genauer man sie untersucht.


- oh Mann, ist der Beitrag lang. Sorry  :-[ -
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Oberkampf am 4.04.2013 | 07:34

H.W. Wells (Kritik am Kolonialismus)
George Orwell (Kritik am Kommunismus)
Philip K. Dick (Hinterfragen der Realität)
Joe Haldeman (Der ewige Krieg)
Clifford D. Simak (Als es noch Menschen gab)
Daniel Galouye (Simulacron 3 oder Welt am Draht)


Natürlich gibt es linke und intellektuelle Sci-Fi-Autoren, das bestreite ich nicht. Es geht mir um die Zuschreibung selbiger als Hochliteratur.

Lem, ok, lass ich gelten, gilt als Hochliteratur. Über seine politischen Ansichten habe ich keine Ahnung (ich kenne nur seine Kritik am Robotermodell von Asimov). H.G. Wells akzeptiere ich auch. Von den anderen ist Orwell sicher ein Linker, der als Hochliterat gehandelt wird, aber seine bekanntesten Sachen in Richtung Sci-Fi/Fantasy (1984 und Animal Farm) basieren auf einer Totalitarismustheorie*, die eigentlich heutzutage (und auch schon "damals") bei Konservativen beliebt ist. Insofern ist 1984 keine "linke" Dystopie (auch wenn Kritik an autoritären/totalitären Systemen in der Linken natürlich eine Tradition hat).

Phillip K. Dick gilt auch eher nicht als Hochliteratur, so populär Blade Runner (Do Androids dream of electric sheep?) auch ist. Ich würde ihn eher auf der Ebene Moorcock, Spinrad, Miéville usw. einordnen, die auch linke Autoren sind, aber trotz aller Popularität nicht als Hochliteratur gehandelt werden.

Die Masse der (selbsternannten) Intellektuellen und der Literaturelite sind selbsterklärte Linke. Das ist auch ganz normal, weil die intelligenten Rechten ja damit beschäftigt sind, Panzer an Diktatoren zu verkaufen, die Arbeiterklasse auszubeuten und durch Terminspekulation auf Lebensmittel ganze Kontinente in den Hungertod zu stürzen - die haben also zum Lesen von Romanen gar keine Zeit, vom Schreiben derselben ganz zu schweigen.

Kann schon sein, dass die literarische Elite in ihrem Mainstream eine andere politische Meinung vertritt als die politische und wirtschaftliche Elite. Aber beispielsweise eines der bekanntesten politischen Fantasybücher ist Atlas Shrugged , und das ist eher nicht links.

*Totalitarismustheorie: Stark verknappt: Kommunismus = Rot lackierter Faschismus/Linksfaschismus. Ursprünglich mitentwickelt von Sozialwissenschaftlern der (sozial)demokratischen Linken im Abgrenzung zur kommunistischen/autoritären Linken, aber heutzutage aus verschiedenen Gründen unter den linken Sozialwissenschaftlern nicht mehr so populär. Das Theoriegerüst fand aber schnell Zuspruch bei den Konservativen.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: La Cipolla am 4.04.2013 | 09:27
Zitat
Kann schon sein, dass die literarische Elite in ihrem Mainstream eine andere politische Meinung vertritt als die politische und wirtschaftliche Elite.

Ja, Zeitgeist ist so eine Sache. Wahrscheinlich gibt es mehrere, und zumindest in Deutschland dürfte es inzwischen laaaange her sein, dass zumindest die Akademik eine rechte Richtung hatte. Versuch mal, an einer beliebigen Uni eine offen rechte Veranstaltung/Gruppe/Interessenvereinigung aufzumachen, da kriegst du Gegenwind aus jeder Ecke der Pyramide. Und die Akademik gilt immer noch als Hochburg der Intellektuellen.
Der politische Mainstream ist meiner Meinung nach eher pragmatisch (bzw. opportunistisch), mit linken und rechten Anleihen und Images hier und da (was ich so auch prinzipiell gut finde, jetzt mal komplett abgesehen von der praktischen Arbeit der aktuellen Spieler).

Dann wiederum finde ich ja, dass links und rechts Kategorien sind, von denen man sich mal dringend lösen müsste. Die haben ihre Definitionen schon immer hin und hergeschoben, wie es gerade gepasst hat, und in der Komplexität der heutigen Welt wird das Ganze immer nur lustiger. Es ist verständlich, dass die wirklich linken und rechten Parteien heute eher wie Relikte rüberkommen, die man nicht mehr so wirklich ernst nehmen kann.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 4.04.2013 | 09:42
Aber beispielsweise eines der bekanntesten politischen Fantasybücher ist Atlas Shrugged , und das ist eher nicht links.

Und jetzt schau dir mal an, wie viele Mainstream-Literaturkritiker es gibt, die Atlas Shrugged gut finden. Da kannst du lange suchen, bis du einen findest. ;)

(Ich hab keinen gefunden.)
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Feuersänger am 4.04.2013 | 09:43
Mich wundert, dass Walter Moers noch nicht genannt wurde. Der verbindet mit einigen seiner Zamonienromane sehr wohl Hohe Literatur und Fantasy. Also jetzt nicht unbedingt mit dem Käptn Blaubär. Aber doch zumindest mit dem Schrecksenmeister, quasi ein Rewrite von "Spiegel, das Kätzchen" von Gottfried Keller ist. Wenn auch mit dem Umweg über "Echo, das Krätzchen" von Gofid Letterkerl. ;)

Aber das ist halt das Problem mit dem deutschen BIldungsbürger, dass er immer gleich Zensuren austeilen muss: richtig - nichtig; E-Musik - U-Musik; wertvoll - sinnlos.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: gunware am 4.04.2013 | 10:32
 ~;D

wenn mir jemand Werke wie "Twilight" als hochwertige Literatur anpreisen will.

Einige Punkte erscheinen mir für eine Definiton wichtig:
  • "Hochliteratur" behandelt menschliche Erfahrungen, Konflikte oder grundlegende Lebensfragen,
Soll sich die Frau dem Manne unterordnen und ihre Bedürfnisse hinten anstellen? Sind Frauen nur dazu da, um die Männer zu bekochen und für sie zu sorgen? check.
  
  • Das Werk bietet etwas genuin Neues (siehe oben)
Vampire als Discokugel, na wenn das nicht neu ist.

  • Der Umgang mit Sprache, Form und Aufbau des Werkes erfolgt auf einem hohen handwerklichen Niveau.
Einfach geschriebene verschwurbelte Sätze - das muss doch Absicht sein.

  • Die intertextuellen und kulturellen Bezüge sind wichtig.
Mormonische Lebensweise ist den anderen überlegen, Familienoberhaupt ist das Größte.

  • Das Werk hat eine Wirkungsgeschichte, beeinflusst, prägt oder verändert den Zeitgeist
Abertausende kreischende Teenager und schmachtende Hausfrauen.

Dichtung ist letztlich verdichtete Wirklichkeit. Fantasy verliert oft den Bezug zur Wirklichkeit.

Schelm, der dabei etwas böses denkt.  ~;D
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Falke359 am 4.04.2013 | 15:54
~;D
Soll sich die Frau dem Manne unterordnen und ihre Bedürfnisse hinten anstellen? Sind Frauen nur dazu da, um die Männer zu bekochen und für sie zu sorgen? check.
Eine viel zu einfache Fragestellung, die in der Literatur seit Jahrhunderten schon so oft anders und weitaus komplexer beantwortet wurde, und das bereits seit der Antike.
Zitat
 
 Vampire als Discokugel, na wenn das nicht neu ist.
Es reicht nicht, dass etwas neu ist, es muss schon auf eine Weise neu sein, dass sie eine Thematik weiter bringt. Ich sprach von einem wertvollen neuen Ansatz. Das in Twilight dargestellte Konzept eines Vampirs entfernt sich derart weit von dem, was bisher mit dem Begriff "Vampir" umrissen wurde, dass es sich nicht mehr wirklich um Vampire handelt. Eine echte Innovation geht auf den Kern zurück, der ursprünglich mit einem Konzept verbunden war und beschäftigt sich damit. Das macht Twilight nicht.
Zitat
Einfach geschriebene verschwurbelte Sätze - das muss doch Absicht sein.
Ein literaturwissenschaftliches Fachwissen hilft dann doch, handwerkliche Qualität zu beurteilen zu können und zu erkennen, dass "absichtlich einfach verschwurbelte Sätze" als Beurteilungskriterium etwas oberflächlich sind. Als Analogiebeispiel: Dass ein Automotor absichtlich auf eine bestimmte Weise zusammengebaut wurde oder das Design vielen Menschen gefällt, heißt ja noch lange nicht, dass der Motor auch funktioniert.
Zitat
Abertausende kreischende Teenager und schmachtende Hausfrauen.
...die zeigen, dass es das Werk schafft, Träume und Fantasien einer bestimmten Zielgruppe anzusprechen. Diese ist jedoch nicht groß und repräsentativ genug, um gesamtgesellschaftlich relevant zu sein. Twilight als Ausdruck des Zeitgeists? In gewisser Weise, aber nur für eine sehr begrenzte Gruppe.
Zitat
Schelm, der dabei etwas böses denkt.  ~;D
Den Satz verstehe ich außerhalb des Zusammenhangs nicht.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: gunware am 4.04.2013 | 17:04
Den Satz verstehe ich außerhalb des Zusammenhangs nicht.
Seufz. Wenn man einen Witz erklärt oder wenn ein Witz nicht verstanden wurde, dann hat es immer so einen fahlen Nachgeschmack. Es ging mir darum, dass Du oben gesagt hast, dass keiner Dir erklären soll, dass Twilight hochwertige Literatur sein sollte. Dann habe ich einfach Deine Punkte abgehackt und mit Twilight in Verbindung gebracht. Und der Satz sollte einfach aussagen, dass Deine Anforderungen passen, aber trotzdem willst Du es nicht anerkennen - das war bloß ein Witz (ich dachte, anhand des vorgestellten und abschließenden Kasperle wäre es ziemlich klar als Witz gekennzeichnet). Ich wollte damit bestimmt nicht andeuten, dass man Twilight zur hochwertigen Literatur zählen sollte.

(Auch wenn ich mit einigen Deiner Punkten trotzdem nicht einverstanden wäre, wäre es von mir ernst gemeint gewesen. Über Punkt 2 und 4 ließe sich diskutieren, denn so eindeutig ist es nicht, aber das würde das Thema zu viel wegführen und deswegen sollten wir es lieber lassen.)
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Falke359 am 4.04.2013 | 17:44
Ein interessanter Artikel zum Thema:

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.der-hobbit-und-seine-erben-nichts-gegen-fantasy.9ba613a7-8e96-4e54-95ee-85906fea5cec.html (http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.der-hobbit-und-seine-erben-nichts-gegen-fantasy.9ba613a7-8e96-4e54-95ee-85906fea5cec.html)
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Orok am 4.04.2013 | 21:34
Könnte man nicht das "Spiel der Götter" von Erikson als Fantasy-Hochliteratur bezeichnen? Zumindest passt es mMn in die hier vorgebrachten Definitionen.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: גליטצער am 4.04.2013 | 23:34
Könnte man nicht das "Spiel der Götter" von Erikson als Fantasy-Hochliteratur bezeichnen? Zumindest passt es mMn in die hier vorgebrachten Definitionen.
Was haben wir denn für eine Definition, sind wir schon über einen Konsens zu irgendetwas ausser zu "Was ich lese ist Kultur. Was Ihr lest könnte auch Schund sein." hinaus?
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 5.04.2013 | 10:07
Mich wundert, dass Walter Moers noch nicht genannt wurde.

Ich habe tatsächlich gerade einen Sammelband mit literaturwissenschaftlichen Artikeln über die Zamonienromane auf dem Schreibtisch (und weiter oben verlinkt).

Aber was macht nun Belletristik zu hoher Literatur? Randschärfe kann man hier von einer Definition wohl nicht erwarten, aber eine gewisse Kernschärfe. Ein einfaches Kriterium dafür ist zweifellos die Rezeption über eine längere Zeit, d.h.:

Was nach Ablauf der Urheberrechte noch aufgelegt wird, besitzt nun mal eine gewisse Bedeutung, egal wie trivial oder schlecht es anderweitig ist (A.C. Doyle? Marquis de Sade?).

Bei Gegenwartsliteratur kann man halt bloß spekulieren, ob sie zeitlos oder ephemär ist; Fantasy-Romane sindallerdings oftmals dermaßen als Gebrauchsprosa verfasst und so wenig allgemein beachtet, dass man ihr Schicksal in der Hinsicht leicht absehen kann.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Falke359 am 5.04.2013 | 10:46
Was haben wir denn für eine Definition, sind wir schon über einen Konsens zu irgendetwas ausser zu "Was ich lese ist Kultur. Was Ihr lest könnte auch Schund sein." hinaus?

Ich wiederhole mich gerne:

Zitat
Einige Punkte erscheinen mir für eine Definiton wichtig:
  • "Hochliteratur" behandelt menschliche Erfahrungen, Konflikte oder grundlegende Lebensfragen, und zwar mit einer möglichst hohen Reichweite (die Erfahrungen sind so grundlegend, dass sie von den meisten Menschen nachvollzogen werden können). Das Werk muss, so alt es sein mag, etwas mit mir zu tun haben.
  • Das Werk bietet etwas genuin Neues (siehe oben), folgt also nicht völlig einem vorgegebenen Schema, sondern bietet in irgendeinem Bereich einen wertvollen neuen Ansatz, sei es in Sprache, Form oder Thema. Es muss sich lohnen, gerade dieses Werk zu lesen, es muss ein Kriterium geben (jenseits des rein Inhaltlichen), das ich so nirgendwo anders finde. (Bsp.: Faust-Dramen gibt´s wie Sand am Meer, Goethes Faus ist durch seine handwerkliche Qualität einzigartig.)   
  • Der Umgang mit Sprache, Form und Aufbau des Werkes erfolgt auf einem hohen handwerklichen Niveau. Das muss nicht heißen, dass die Sprache zwangsläufig "gestelzt" wirkt, aber man kann sprachliche und formale Qualität durchaus nach vielen Kriterien objektiv beurteilen. Mit Hochliteratur kann ich ein halbes Jahr im Unterricht arbeiten und bin immer noch nicht fertig damit, Trivialliteratur lese ich durch und habe nichts weiter dazu zu besprechen.
  • Die intertextuellen und kulturellen Bezüge sind wichtig. Entweder das Werk hilft, den Autor in seinem Gesamtwerk besser zu verstehen oder es passt sich in die Kulturgeschichte ein durch möglichst zahlreiche Bezüge zu früheren Werken, Themen, Epochen (-> Verknüpfung mit der Vergangenheit). 
  • Das Werk hat eine Wirkungsgeschichte, beeinflusst, prägt oder verändert den Zeitgeist, indem es z.B. das "Gefühl" oder die Grundthemen seiner Zeit genau trifft, kritisch hinterfragt oder ganz neue Anstöße gibt (-> Verknüpfung mit der Zukunft).
Ein einfaches Kriterium dafür ist zweifellos die Rezeption über eine längere Zeit
siehe mein letzter Punkt.

Zitat
Bei Gegenwartsliteratur kann man halt bloß spekulieren, ob sie zeitlos oder ephemär ist; Fantasy-Romane sindallerdings oftmals dermaßen als Gebrauchsprosa verfasst und so wenig allgemein beachtet, dass man ihr Schicksal in der Hinsicht leicht absehen kann.

Bei Gegenwartsliteratur kann man aber die anderen von mir genannten Punkte abprüfen. Interessanterweise ist dieses Jahr mit "Agnes" von Peter Stamm ein erstaunlich aktuelles Werk Abiturthema.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 5.04.2013 | 12:06
Ein interessanter Artikel (http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.der-hobbit-und-seine-erben-nichts-gegen-fantasy.9ba613a7-8e96-4e54-95ee-85906fea5cec.html) zum Thema:

Sehr interessante Betrachtung. Denis Scheck ist ein kluger Kopf. Einige weitere Beispiele für lesenswerte Fantasy wären allerdings hilfreich gewesen.

Deine Kriterien würde ich auch nicht von der Hand weisen. Aber gerade daran scheiden sich ja oft die Geister: Geht es bei Paolo Coelho um existentielle Themen oder um billige Gemeinplätze? Heben sich Mankells Krimis von anderen ab oder bleiben sie eine handwerklich saubere Genreprosa? Ist Bukowskis Sprache genial einfach oder einfach vulgär? Schafft Moers mit seinen intertextuellen Bezügen einen eigenen Anschluss an die Weltliteratur oder nur eine beliebige Collage von Versatzstücken?
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Falke359 am 5.04.2013 | 16:27
Deine Kriterien würde ich auch nicht von der Hand weisen. Aber gerade daran scheiden sich ja oft die Geister: Geht es bei Paolo Coelho um existentielle Themen oder um billige Gemeinplätze? Heben sich Mankells Krimis von anderen ab oder bleiben sie eine handwerklich saubere Genreprosa? Ist Bukowskis Sprache genial einfach oder einfach vulgär? Schafft Moers mit seinen intertextuellen Bezügen einen eigenen Anschluss an die Weltliteratur oder nur eine beliebige Collage von Versatzstücken?

Deshalb kristllisiert sich erst nach einer gewissen Rezeptionsgeschichte heraus, was zur Hochliteratur zählt und deswegen fallen darunter hauptsächlich die alten Schinken. Was nach 1-2 Jahrhunderten immer noch oder gerade als hochwertige Literatur angesehen wird, zählt sicherlich dazu. Was bis dahin in den Orkus der Vergessenheit gerät, nicht.
Und bis dahin braucht es einen Diskussionsprozess, der kritisch (also anhand bestimmter Kriterien) und nicht nur nach persönlichen Vorlieben. Wichtig ist natürlich auch immer das Zusammenspiel von Form, Sprache und Inhalt.   
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: גליטצער am 5.04.2013 | 18:04
Ich seh's schon kommen, in 50 JAhren diskutieren die im Anglistikstudium Shades of Grey, Harry Potter, Twilight sowie ein paar fragwürdige YT-Videos und ziehen daraus merkwürdige Schlüsse über unsere Zeit...
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: El God am 5.04.2013 | 20:36
Oder wir lesen Beiträge in Internet-Rollenspielforen...
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Kriegsklinge am 6.04.2013 | 10:48
Ich vermeide mal die unselige Hochkulturdiskussion - das führt zu nichts. Stattdessen empfehle ich mal ein paar Fantasy-Romane, die ich literarisch für gelungen halte, also handwerklich überzeugend, mit vielschichtigen Figuren und "welthaltig", also eine Menge von gesellschaftlichen/psychologischen Situationen abbildend. Als schwächeres Kriterium nehme ich noch hinzu, dass die literarischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts nicht so ganz verpennt wurden, in formaler Hinsicht, insbesondere aber auch, was die Auseinandersetzung mit Populärkultur angeht .... was den Literaturnbegriff schon wieder in Frage stellt, aber lassen wir das. Es ist halt schwer.

Erstmal vieles, was der Haderlump genannt hat. Dann:

Samuel R. Delany: Nimmerya.

Kommt jüngst neu auf deutsch.
http://golkonda-verlag.de/cms/front_content.php?idart=361

KJ Parker: Die Engineer-Trilogie
http://en.wikipedia.org/wiki/K._J._Parker

China Mieville: Die Bas-Lag Bücher
http://en.wikipedia.org/wiki/China_Mi%C3%A9ville

Susana Clarke: Jonathan Strange & Mr. Norrell
http://en.wikipedia.org/wiki/Susanna_Clarke

John Crowley: Little Big
http://en.wikipedia.org/wiki/Little,_Big

Neil Gaiman und diverse ZeichnerInnen: Sandman
Tja, das sind Comics, aber so ist das halt in der zeitgenössischen Literatur.
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Sandman_%28Vertigo%29

Jeff VanderMeer: Stadt der Heiligen und Verrückten
http://en.wikipedia.org/wiki/Jeff_VanderMeer

Ursula LeGuin: Erdsee
http://de.wikipedia.org/wiki/Erdsee

Auf deutsch vielleicht am ehesten Tobias Meißner: "Paradies der Schwerter" und "Hiobs Spiel", Markolf Hoffmann "Das Flüstern zwischen den Zweigen" und "Raumanzüge und Räuberpistolen" der Gruppe Schlotzen&Kloben.

Wenn es noch etwas weiter Weg von Fantasy im Sinne von "Magie und Schwerter" sein darf, lege ich dir auch noch Matt Ruff, Hal Duncan und Kelly Link ans Herz.

Das sind so Bücher, die aus meiner Sicht "literarisch" auf der Höhe der Zeit sind.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: La Cipolla am 6.04.2013 | 12:40
Literarisch interessant im Jugendbuchsegment finde ich auch die Artemis-Fowl-Reihe. Ist kein hoher Anspruch (auch wenn ein sehr cooles, glaubwürdiges Setting geschaffen wird), aber wie offen und direkt die Bücher die Ästhetik eines Hollywood-Films aufgreifen, ist faszinierend. Man liest ein Buch und hat das komplette Feeling eines Films. Versuchen viele Autoren, gelingt aber kaum einen.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Boni am 6.04.2013 | 12:49
Ich seh's schon kommen, in 50 JAhren diskutieren die im Anglistikstudium Shades of Grey, Harry Potter, Twilight sowie ein paar fragwürdige YT-Videos und ziehen daraus merkwürdige Schlüsse über unsere Zeit...

Ich sags ja nur ungern, aber meine Schwester hat ihre Abschlussarbeit im Lehramtsstudium Englisch vor ein paar Jahren (iirc 2005) über Harry Potter geschrieben und würde dazu auch mündlich geprüft. Dabei musste sie sich Spoiler verkneifen, da der Dozent den neu erschienenen sechsten Band noch nicht gelesen hatte. Und das beim Thema Todeserfahrungen  ;D
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 6.04.2013 | 21:09
Ich sags ja nur ungern, aber meine Schwester hat ihre Abschlussarbeit im Lehramtsstudium Englisch vor ein paar Jahren (iirc 2005) über Harry Potter geschrieben und würde dazu auch mündlich geprüft.

Glaube ich sofort. Allerdings macht wird ein Buch noch nicht dadurch zu großer Literatur, dass es Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung ist. Man kann ein Lustiges Taschenbuch oder einen Burger von McDonalds mit den gleichen Methoden untersuchen wie den Zauberberg von Th. Mann oder eine Bouillabaisse von Paul Bocuse.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Falke359 am 7.04.2013 | 03:13
Bei der literarischen Betrachtung des (späten) 20.Jahrhunderts wird man in späteren Zeiten an der Fantasyliteratur sicherlich nicht vorbeikommen. Die Frage ist aber spannend, welche Werke exemplarisch in 100 Jahren noch in Erinnerung bleiben werden. Und da sehe ich für die bisher genannten Beispiele (vielleicht abgesehen von Harry Potter im Bereich Jugendroman) kaum Chancen, außer etwas würde wiederentdeckt.

Aber das Ganze ist wie immer auch eine Generationenfrage, und wie Bonis Beispiel zeigt, haben jüngere Generationen weitaus weniger Berührungsängste. Auch Comics sind exemplarisch längst im Kanon der "Hochliteratur" angekommen.

Ich frage mich nur, wieso uns das so wichtig sein sollte, dass gerade der Fantasy-Bereich unbedingt in der "Hochliteratur" vertreten sein sollte, vor allem, wenn man nicht alles Phantastische der bisherigen Literaturgeschichte (z.B. Elemente der Romantik) in diese Kategorie einordnet. Ist das nicht einfach nur der Wunsch nach gesamtgesellschaftlicher Anerkennung der ganz persönlichen Vorlieben?
Wäre das nicht ähnlich, wie wenn ich fordern würde, Tabletop-Turniere oder NERF-Fights müssten als Olympische Disziplinen anerkannt werden?

Ich sehe jedenfalls keine "Kampagne" irgendwelcher "Intellektuellen", mit dem Ziel, großartige Werke aus diesem Genre aus purer Ignoranz nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Oberkampf am 7.04.2013 | 12:24

Ich sehe jedenfalls keine "Kampagne" irgendwelcher "Intellektuellen", mit dem Ziel, großartige Werke aus diesem Genre aus purer Ignoranz nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen.

Kampagne klingt so verschwörungstheoretisch. Das heißt nicht, dass sich irgendwelche Literaturkritiker und Germanistikprofessoren in geheimen, dunklen Schlössern treffen, um gemeinsam Pläne zu schmieden, wie sie Fantasy aus dem Kreis der Hochliteratur heraus halten können. Dass Fantasy keine Hochliteratur ist oder werden wird und nicht als Ditiktionsliteratur in Deutschland taugt, ist einfach eine Tradition, die in mehrere Richtungen wirkt. Auch in die Richtung, dass Fantasy-Leser sich nicht als Konsumenten von Hochliteratur verstehen (wollen) und entsprechend auch weniger Nachfrage nach besonders innovativen Produkten vorliegt, die entgegen der Tradition auch mal als Nicht-Kinderbuch unserer Literaturelite aufgenommen werden könnten.

Natürlich hat die Literaturkritik irgendwelche "objektiven" Kriterien "entwickelt", die Hochliteratur von anderer Literatur abgrenzen kann.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Sun Wukong am 7.04.2013 | 15:06
Und solange ein gewisses, elitäres - also ausschließendes - Denken in akademischen Kreisen vorhält, solange haben Fantasy-Publikationen und die, die sich damit befassen, einen schweren Stand auf wissenschaftlichem Niveau ernst genommen zu werden. Und dieses "ernst genommen werden" hat wieder unmittelbaren Einfluss auf finanzielle Förderung, Bereitstellung von Forschungsplätzen, wissenschaftliche Aufarbeitung und Analyse etc.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 7.04.2013 | 21:52
Naja, ich z.B. bin kein Literaturwissenschaftler oder -kritiker, aber eben ein anspruchsvoller Leser. Deshalb finde ich die aktuell gängige Gebrauchsprosa im Fantasybereich schwer erträglich (habe zuletzt bei einer Con mal zwei Lesungen gehört).

Dabei mag ich Fantasy an sich. Als Jugendlicher fand ich z.B. LotR und die Chronik der Drachenlanze faszinierend. Dann habe ich wirklich große Klassiker gelesen (Hugo, Dostojewski, Th. Mann u.a.) und gemerkt, was für eine rein schriftstellerische Kraft möglich ist.

Auch unter zeitgenössischen Autoren gibt es echte Genies (ich sag nur mal Murakami, Rushdie, Vargas Llosa). Warum nur so wenig, wenn überhaupt, in der Fantasy, gerade Fantasy im engeren Sinne?
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Thandbar am 7.05.2013 | 11:26
Ein interessantes Thema!
Meiner Meinung nach existiert diese Trennung vor allem aus verlegerischen Gründen, um das Sortiment zu gliedern und die Auswahl zu erleichtern (das erspart auch Kritikern einige Arbeit, die sich in der Regel nur mit einer Gattung richtig gut auskennen).
Ich denke nicht, dass man feste literarische Kriterien finden kann, um eines vom anderen klar abzugrenzen. Die Hochliteratur oder anspruchsvolle Literatur ist ein eigenes Genre, und das gibt es mit den je eigenen schematischen Techniken und typischen Erwartungshaltungen in Amerika genauso wie in Deutschland.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 7.05.2013 | 18:15
Neulich gelesen: "Auf den Marmorklippen" von Ernst Jünger.

Das ist im Kern eine typische Fantasy-Geschichte in einer Fantasy-Welt: Ein Krieger zieht sich nach einem Krieg in die Einsamkeit der Berge zurück und will von der Welt nichts mehr wissen. Dann bedroht ein Bösewicht mit seinen Schergen die Zivilisation. Der Krieger weigert sich zuerst, einzugreifen, bis er am Ende doch in den Kampf gegen das Böse zieht. Angereichert ist das Ganze mit ein bisschen mystischem Brimborium (eine Szene am Ende wird in der Wikipedia mit "magischer Giftschlangen-Angriff" beschrieben).

Das könnte man vom Plot und von der Geisteshaltung des Protagonisten her "Die letzte Schlacht des Elfenkriegers" nennen und neben die Orks und Trolle ins Fantasy-Regal stellen.

"Hochliteratur" ist das Ganze nur wegen des Schreibstils und deswegen, weil der Autor im Roman sein eigenes moralisches Versagen während der NS-Zeit vorwegnimmt, also zeitgeschichtliche und gesellschaftspolitische Relevanz vorhanden ist.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 8.05.2013 | 19:04
Ein Artikel in dem Sammelband über Walter Moers' Zamonienromane (s.o.) versucht es andersrum und fragt: Was ist trivial? Demnach macht die Erwartbarkeit der Dramarturgie das Triviale eines Textes aus. Dem Ergebnis des Artikels nach ist Moers dann nicht trivial, d.h. tendenziell hohe Literatur, weil er bewusst mit Erwartungshaltungen spielt, sie im Text reflektiert und ironisch einholt.

Im selben Band wird übrigens Fantasy von Fantastik abgegrenzt. In einer Fantasywelt ist demnach das Übernatürliche nicht nur real, sondern auch plausibel und unhinterfragt, während es in der Fantastik quasi unerklärt über die Protagonisten hereinbricht.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Pyromancer am 8.05.2013 | 19:48
Ein Artikel in dem Sammelband über Walter Moers' Zamonienromane (s.o.) versucht es andersrum und fragt: Was ist trivial? Demnach macht die Erwartbarkeit der Dramarturgie das Triviale eines Textes aus. Dem Ergebnis des Artikels nach ist Moers dann nicht trivial, d.h. tendenziell hohe Literatur, weil er bewusst mit Erwartungshaltungen spielt, sie im Text reflektiert und ironisch einholt.
Literaturklassifikation über den informationstheoretischen Entropie-Begriff? Klingt jetzt nicht so abwegig.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Talasha am 7.06.2013 | 00:29
Ich sags ja nur ungern, aber meine Schwester hat ihre Abschlussarbeit im Lehramtsstudium Englisch vor ein paar Jahren (iirc 2005) über Harry Potter geschrieben und würde dazu auch mündlich geprüft. Dabei musste sie sich Spoiler verkneifen, da der Dozent den neu erschienenen sechsten Band noch nicht gelesen hatte. Und das beim Thema Todeserfahrungen  ;D

Jemand der Englische Literatur studiert hat hat mal in meiner Gegenwart geflucht das er in Fachliteratur andauernd auf Harry Potter stößt.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Ghostrider am 7.06.2013 | 04:19
Hat hier eigentlich schon jemand Trivialliteratur und Hochliteratur definiert und voneinander abgegrenzt?

Soweit ich mich an KT I und II erinnere:

"Hochliteratur" versucht, etwas aufzuarbeiten, bzw. zu erarbeiten, in einem reflektierten Prozess des Erkenntnisgewinns.


"Trivialliteratur" ist vorrangig Unterhaltung, aber muss bei weitem nicht niveaulos sein.
"Faserland" von Christian Kracht fällt mir da als griffiges Beispiel ein. Sehr "trivial", aber bitterböser Zeitkommentar, wenn man ihn so lesen möchte.



Zum Thema an sich:
Die Fantasy und Sci-Fi kommt mittlerweile aus dem Vorwurf der Niveaulosigkeit heraus, das zeigt sich schon auch daran, dass ein recht großer Literaturkritiker namens Denis Scheck Fantasybücher empfiehlt, z.B. "Der Name des Windes". 

Interessanter Artikel, der mich persönlich überrascht hatte, nachdem ich von Scheck erstmals in KTI und II gehört hatte (Der Artikel erschien erst danach):
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.der-hobbit-und-seine-erben-nichts-gegen-fantasy.9ba613a7-8e96-4e54-95ee-85906fea5cec.html
 

Ein Artikel über Scheck, und warum manche ihn als neuen Reich-Ranicky sehen, und manche schlicht als enfant errible des Literaturbetriebs:
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/denis-scheck-was-erlauben-scheck-11039801.html

p.s.: Ich mag D.S., weil er zwar Bücher verreissen kann, wie M.R.-R., dies aber immer schlüssig argumentiert und nie aus reiner Sympathie oder Antipathie.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Thandbar am 7.06.2013 | 06:53
Denis Scheck ist da eine Ausnahme, meiner Meinung nach. Der kennt sich mit dem SF- und Fantasy-Zeug ja auch aus und kann das auch richtig besprechen.
Wenn es um den Preise, Wettbewerbe, Förderprogramme etc. geht, scheint mir schon eine gewisse Trennung nach Gattungen vorzuliegen. In Klagenfurt wurde sich über die SF-Geschichte seinerzeit auch eher lustig gemacht, wenn ich mich recht entsinne (ist jetzt drei oder vier Jahre her, glaube ich).
Dass in Deutschland viel Fantasy gelesen wird, ist unbestritten. Aber der Literaturbetrieb selber konzentriert sich - auch förderungstechnisch - eher auf andere Sparten. 
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: JS am 15.07.2013 | 01:34
Das letzte hochliterarische Werk mit Fantasy-Einschlägen, das ich gelesen habe, war "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" von Christian Kracht. Wenn es nicht ganz zeitgenössisch sein muss würde ich mal bei Thomas Mann und Ernst Jünger nachschauen.

Uff, Respekt, das sind große Stilisten. Kracht war für mich eine Überraschung, die mir fast die Freudentränen in die Augen trieb; man lese nur die ersten Seiten! Doch Obacht: Nach der Lektüre der Werke dieser Meister ist man für viel Fantasygeschreibsel nicht mehr empfänglich.
:)
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Noir am 19.11.2013 | 19:24
Thread-Nekromantie:

Eine These, die ich jetzt nach einigen Semestern Germanistik-Studium aufgestellt habe ist ja, dass Fantasy-Bücher zuweilen über Dinge berichten, die in irgendeiner Art und Weise wichtig für die Welt, in der sie spielen, sind. Und sich damit selbst disqualifizieren.

Bei "Hochliteratur" - und man verzeihe mir, wenn ich hier sehr direkt bin - habe ich in den letzten Jahren einfach oft nur den Kopf schütteln müssen. Ich habe jetzt in so vielen Autorenlesungen der Universität gesessen (dieses Jahr sogar jede Woche eine, als Seminar) und was ich da zu hören kriege - da drehen sich mir echt die Fußnägel hoch. Völlig unwichtiger Murks, wird da SEITENLANG beschrieben ... und dann behaupten die Autoren gerne noch: "Jaaaa, aber das EIGENTLICH Wichtige ist ja hinter dem Unwichtigen verborgen! Ich walze hier zwar seit 4 Seiten aus, wie der Protagonist auf der Parkbank sitzt und den Geruch seines Darmwindes beschreibt ... aber eigentlich schreibe ich hier natürlich über die Vergänglichkeit des Seins. Der warme Dunst soll hier die Zeit symbolisieren, das man natürlich daran erkennen kann, dass ... "

Und unser eins sitzt da nur und denkt: "Wenn DAS hohe Literatur ist ... dann bin ich dankbar, dass es Trivialliteratur gibt."

Es mag hier stark überzeichnet sein ... aber das sind Gedanken, die hier viele Studenten, mit denen ich gesprochen habe, teilen. Und das finde ich ... zumindest etwas ... beruhigend. Dann fühlt man sich plötzlich nicht mehr so dumm ;)
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Feuersänger am 20.11.2013 | 09:53
Hachja, Stream of Consciousness, da krieg ich auch jedesmal das kotzen. -.- Kapitelweise langweiliges Gelaber über die unwichtigsten Banalitäten.
Davor ist man wenigstens in der Fantasy einigermaßen sicher.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Gorilla am 20.11.2013 | 11:38
Danke. Jetzt weiß ich wieder, was ich wollte: mich durch die nächsten 30-40 Seiten Ulisses quälen, damit ich vielleicht doch damit durchkomme, bevor ich 40 bin (lang hab ich nimmer  :o ).
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Slayn am 20.11.2013 | 11:51
Lieber Ulysses als Finnegans Wake, kann ich dazu nur sagen.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: La Cipolla am 20.11.2013 | 12:20
Ich find gerade Ulysses auch schrecklich, aber man muss zur Verteidigung entsprechender Sachen sagen, dass sie auch nicht zum "einfach lesen" gemacht wurden. Die mit dem durchschnittlichen Fantasy-Roman zu vergleichen, finde ich etwas ... unpassend. Das ist in etwa wie "mit dem Auto zu nem Kumpel fahren ist besser als ein Spaziergang" - hat beides seine Vorteile, wenn man Bock drauf hat. Wenn nicht, dann nicht. ;) Aus dem Grund find ich es aber auch absurd, zu sagen, "Hochliteratur" wäre irgendwie besser.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: condor am 20.11.2013 | 20:22
Stream of consciousness würde ich als literarisches One-Trick-Pony sehen (etwa wie einen Roman in der 2. Person oder umgekehrter Chronologie) - Wenn man es als erster macht und es gut macht, dann ist es evtl. große Literatur. Aber danach geht es stark in die Richtung Effekt um des Effektes willen und der Leser ist zurecht genervt.

In jedem Fall kommen die allermeisten der ganz großen literarischen Werke mit einfacher, klassischer Erzähltechnik aus - das ist also bestimmt nicht der Unterschied zu Fantasy oder anderer Unterhaltungsliteratur.
Titel: Re: Hochliteratur vs. Fantasy
Beitrag von: Slayn am 20.11.2013 | 22:50
Stream of consciousness würde ich als literarisches One-Trick-Pony sehen (etwa wie einen Roman in der 2. Person oder umgekehrter Chronologie) - Wenn man es als erster macht und es gut macht, dann ist es evtl. große Literatur. Aber danach geht es stark in die Richtung Effekt um des Effektes willen und der Leser ist zurecht genervt.

In jedem Fall kommen die allermeisten der ganz großen literarischen Werke mit einfacher, klassischer Erzähltechnik aus - das ist also bestimmt nicht der Unterschied zu Fantasy oder anderer Unterhaltungsliteratur.

Es gibt einige, aber wenige, Bücher, die man genau wegen solcher Effekte lesen sollte. Viele Dinge aus der Metafiktion oder der Postmodernen Literatur mögen zwar anstrengend sein, bringen aber auf ihre Art etwas. Schlachthof 5, "The Laugthing Man" von Salinger, Fahles Feuer oder Das Haus/House of Leaves