Dies war der vermutlich letzte Besuch auf Burg Hessenstein, da deren Betreiber ja leider vor einigen Monaten Insolvenz anmelden mussten.
Es war ein ziemlich kleines Treffen, nur 35 Personen diesmal, was vermutlich auch der Tatsache geschuldet war, dass in letzter Zeit etliche Tanelornis die Burg nicht mehr als passenden Ort empfinden bzw. die bei der Location existierenden Schwächen (Jugendherbergs-Atmosphäre mit dünnmatratzigen, kurzen Doppelstockbetten in Mehrpersonenzimmern, ziemlich unterdurchschnittliches Jugendherbergs-Essen) inzwischen nicht mehr so leicht hinnehmen wie vielleicht früher einmal. Nichtsdestotrotz hatten sich aber gerade für dieses letzte Treffen auf der Burg einige Leute auf der Burg, die sehr lange nicht mehr da gewesen waren.
Tatsächlich hatte ich vom ersten Moment an dieses Gefühl der Melancholie: Die letzten Male, die ich die Treppe hoch- und herunterjogge, weil ich etwas ins Zimmer bringen will oder dort vergessen habe; die letzten Male, dass wir gemeinsam im Burghof oder auf der hinteren Terrasse sitzen; die letzten, größtenteils ruhigen, aber manchmal doch von ganz leichtem Schnarchen durchsetzten Nächte in unserem 'Ketzerzimmer', das traditionell als 'Frischluft- und Moderatschnarchzimmer' definiert ist.
Donnerstag Abend: Grillen und ChillenNach einem Ladestop an einer Schnelladestation im ca. 20 km von der Burg entfernten Allendorf/Eder kamen wir immer noch relativ früh an unserem Ziel an und verbrachten, nachdem wir unsere Sachen im Zimmer deponiert und unsere Betten bezogen hatten, den Rest des Nachmittags plaudernd im Burghof. Wie immer war es sehr schön, sich mit alten Freunden und neuen Bekannten zu unterhalten (wobei diesmal für mich nur ein Teilnehmer komplett neu war; mit ein paar anderen hatte ich aber in der Vergangenheit kaum etwas zu tun, das zählte auch).
Zum Abendessen wurde im Burghof gegrillt, was laut allgemeiner Meinung die eine große Ausnahme vom unterdurchschnittlichen Burgessen darstellt und wofür ich in vergangenen Jahren auch schon eigenes Grillgut mitgebracht und auf einem separaten kleinen Grill zubereitet hatte. Diesmal jedoch hatte ich mir die Mühe nicht gemacht, und so gab es eben Grillpaprika, Grilltofu und Salat, das war auch gut.
Auch den Rest des Abends verbrachte ich mit Unterhalten - es hatten zwar auch einige Leute (nicht zuletzt wir) ein paar Brettspiele dabei, aber zumindest mir war nicht so richtig nach Brettspielen.
Freitag Nachmittag: Sexy Vampire HairdressersNachdem wir am Freitag vormittag bei bestem Wetter im Burghof in einer kleinen Runde ein wenig unsere jeweiligen Spielrunden vorbereitet hatten - oder besser, es wurde eine Mischung aus Runde vorbereiten und labern - hatte ich am Freitag nachmittag mit '
Sexy Vampire Hairdressers' bei Saffron einen wunderbar launigen Einstieg ins Treffen. Das ist ein kleines, kostenloses und regelleichtes Indie-RPG, ein Hack von '
Lasers & Feelings', dessen Regeln und Prämisse auf eine Seite passen und bei dem man genau das spielt, was der Name besagt: die Angestellten (oder Eigentümer) eines Friseursalons, die gleichzeitig auch Vampire sind und sich neben anstrengender Kundschaft und den üblichen Problemchen, die das Vampirdasein so mit sich bringt, auch mit fiesen anderen Gefahren herumschlagen müssen. Dabei ist es beinahe schon Pflicht, dass man mit sämtlichen Vampir- und Friseur-Klischees arbeitet, die man nur finden kann.
Mit Saffrons Abenteuer, bei dem wir erst einige nervige Kunden betüddeln mussten und dann eine Nachwuchs-Werwolfsgang die tolle Salon-Location übernehmen wollte, hatten wir viel Spaß und waren auch früh genug fertig, dass wir uns bis zum Abend nicht hetzen mussten.
Freitag Abend: Bite MarksVor einigen Jahren kam das PbtA-basierte Rollenspiel '
Bite Marks' heraus, das ich damals auf Kickstarter unterstützte. Seit damals stand das Buch bei mir im Schrank, und ich hatte immer Lust gehabt, es einmal auszuprobieren, aber erst jetzt kam ich auch tatsächlich dazu, eine Session zu leiten. In dem Rollenspiel geht es um die Dynamik in einem Werwolfsrudel und die Gefahren, denen das Rudel sich ausgesetzt sieht, von innen wie von außen.
Als Vorlage für den Plot-Hook diente mir ein Handlungfaden des von mir sehr geschätzten Webcomics '
How to be a Werewolf', der sich ganz ausgezeichnet auf eine Rollenspielgruppe anpassen ließ.
Wie bei allen PbtA-Spielen gehört auch die Beantwortung einiger Fragen und Festsetzung einiger Gegebenheiten zur Kultur und dem Codex des Werwolfsrudels, was wir vor Spielbeginn gemeinsam angehen wollten. Eigentlich hatte ich gedacht, dafür - sowie für einige kurze Erklärungen zu den Regeln - würden wir nicht länger als 30 Minuten brauchen, aber dann wurden es doch eineinhalb Stunden, bis wir uns auf ein paar Setzungen geeinigt hatten. Ich war frustriert und genervt, und ich befürchtete schon, dass die eigentliche Runde möglicherweise ebenso frustrierend und enervierend werden würde.
Aber Jiba, dem meine etwas gereizte Stimmung nicht entgangen war, machte den Vorschlag, vor dem Losspielen noch einmal fünf Minuten Pause zu machen und durchzuatmen, und das half tatsächlich. Die Runde selbst wurde dann entgegen meiner Befürchtungen richtig gut und spannend und hatte einige sehr schöne und intensive Charaktermomente.
So fand das neueste Rudelmitglied heraus, von wem sie vor einigen Monaten zum Werwolf gemacht worden war und warum. Die 'Wölfin fürs Grobe' hatte ein ernsthaftes Gespräch, in dem sie endlich einmal klar machen konnte, dass sie für das Rudel zwar häufig über die Grenze ging, aber das eigentlich nur aus Liebe zum Rudel tat und nicht, weil es ihr eigener Wille und Wunsch wäre. Und im großen Endkampf verstieß ausgerechnet der Alpha des Rudels, der sich ganze Session lang sehr stark auf seine menschliche und sehr wenig auf seine wölfische Seite konzentriert hatte, gegen die eine unumstößliche Regel des Codex und verlor die Kontrolle über seine Wolfsnatur, sodass er ausgerechnet von seinem loyalsten Rudelmitglied dominiert werden musste. Daraufhin übergab er die Alpha-Rolle an dieses Mitglied und zog sich selbst in Wolfsgestalt in den Wald zurück.
Einige aus der Runde sagten mir hinterher, dass sie durchaus Lust hätten, ihre Charaktere noch einmal aufzugreifen. Und vielleicht wäre das tatsächlich eine Idee. Denn von den zwei mit einander verbundenen Plot Hook-Hälften, die ich in die Runde geworfen hatte, löste die Gruppe eine permanent; die andere hatte auch ein für einen One-Shot zufriedenstellendes Ende, ließe aber noch die Möglichkeit für eine Fortsetzung offen, Marke: Der Antagonist gibt sich mit seiner Niederlage nicht zufrieden. Und das 'Bite Marks' Regelwerk verfügt ja unter anderem über ein 'Prodigal'-Playbook - ein Wolf, der das Rudel für eine Weile verlassen hat, jetzt aber zurückkehrt. Also wer weiß, vielleicht gibt es beim nächsten Treffen ja wirklich eine Neuauflage.
Samstag Vormittag: AuktionDafür, dass wir nur so wenige Leute waren, kam zur Versteigerung erstaunlich viel an Material zusammen. Für manches gab es kein Gebot, das ging dann nach kurzem Warten zurück an diejenigen, die die Sachen mitgebracht hatten. Aber das meiste kam doch unter den Hammer. Für mich selbst gab es für einen symbolischen Euro einen Roman, der sonst nicht weggegangen wäre, und Knörzbot ersteigerte das charmante Abenteuer-Rollenspiel '
The Troubleshooters', das im Stil der franco-belgischen Comics der 1960er Jahre wie z.B. 'Tim und Struppi' gehalten ist.
Samstag Nachmittag: Der Eine RingÜber mehrere Treffen hatte Jiba bereits mit dem 'Der Eine Ring'-RPG nicht nur Abenteuer in J. R. R. Tolkiens Mittelerde geleitet, sondern abseits stattfindende Begebenheiten des Ringkriegs, die im 'Herrn der Ringe' nur mit wenigen Worten angerissen werde, ausgearbeitet und mit Leben erfüllt, wobei als Charkatere teils 'namhafte' und in den Büchern tatsächlich erwähnte oder auch eigens erstellte, neue Figuren gespielt werden konnten.
Bislang hatte ich an einer solchen Runde noch nicht teilgenommen, doch bei diesem Treffen bot sich nun endlich einmal die Gelegenheit. Unter dem Titel 'der Krieg im Norden' sollte die Schlacht von Thal und deren Vorlauf abgehandelt werden.
Vor Jahren war ich sehr aktiv in einem Herr der Ringe-Forum und beteiligte mich dort nicht nur an Diskussionen zum Thema, sondern spielte auch in einigen Foren-Rollenspielen im Mittelerde-Setting mit. In einem dieser Foren-Rollenspiele war mein Charakter ein Thalsmann, den es nach der Zerstörung von Thal durch den Drachen Smaug nach Gondor verschlagen hatte und der dort jetzt erster Leutnant der Garde war.
Zu dessen Ehren wollte ich, auch wenn die Zeit eine ganz andere war, einen Thalsmann desselben Namens spielen, der aber in dieser Inkarnation im wieder aufgebauten Thal als erster Leutnant der königlichen Garde diente, aber unser Spielleiter meinte, dass sich eine Figur aus dem Tolkien-Kanon, Prinz Bard II., ganz ausgezeichnet als SC machen würde, und so spielte ich den. Auch der Kanon-Charakter Thorin III, Sohn des Königs Daín II, wurde aktiv gespielt, dazu kamen eine frei erfundene Waldelbin, Botschafterin von König Thranduil an König Brands Hof in Thal, sowie eine Zwergin, Tochter eines der ursprünglichen Gefährten von Bilbo im 'Kleinen Hobbit'.
Diese Runde war mein Highlight des Treffens. Bei aller Settingtreue und dem 'Nachspielen' einer in den Romanen erwähnten Episode fühlte es sich doch jederzeit völlig frei an, denn unser Spielleiter hatte von vorneherein klar gemacht, dass es keine 'Plot-Rüstung' gab - wenn wir andere Entscheidungen getroffen oder andere Würfelergebnisse erzielt hätten, dann hätten wir uns vom Kanon entfernt, und die Schlacht um Thal hätte auch verloren gehen oder unsere Charaktere sterben können.
Das Mittelerde-Feeling, das in der Runde aufkam, war großartig, nicht nur durch die Beschreibungen der Welt, sondern auch dadurch, wie immersiv die ganze Gruppe ihre Charektere spielte. Die Verzweiflung und vermeintliche Ausweglosigkeit der Situation gegen Ende zum großen Finale hin kamen sehr schön heraus, ebenfalls die Entschlossenheit eben im Angesicht dieser vermeintlichen Ausweglosigkeit, und es galt einige dramatische Dilemmata zu überwinden, ebenso wie es einige wirklich schöne Szenen der Kameradschaft und Freundschaft gab. Und wir wissen jetzt, wie Gollum den Händen der Waldelben entkommen konnte und warum Legolas sich zu Elronds Rat aufmachte... (Und als kleines Schmankerl für mich bekam, als unsere Charaktere aus der belagerten Festung aufbrechen wollten und wir einige NSCs, die unseren Charakteren etwas ähnlich sahen, beauftragten, in unserer Rüstung auf den Zinnen für uns die Doppelgänger zu geben, in Bards Fall Tamriar, der erste Leutnant der königlichen Garde von Thal, diesen Auftrag.)
Eine tolle Runde!
Samstag Abend: Coriolis mit Death in SpaceDen spielerischen Ausklang des Treffens leitete Knörzbot mit einem Abenteuer für 'Coriolis'. Allerdings war uns bei früheren Runden mit diesem Rollenspiel aufgefallen, dass die Erfolgschancen mit den Standardwürfen nicht sonderlich gut, um nicht zu sagen, oft frustrierend schlecht stehen, und so nutzten wir für diese Session nicht die eigentlichen Coriolis-Regeln, sondern die Regeln des Rollenspiels 'Death in Space'.
Die Geschichte war relativ geradlinig, machte aber viel Spaß: Eine Raumschiffbesatzung ist in einem abgelegenen Sternensystem gelandet und braucht Geld, um ihr angeschlagenes Schiff wieder zu reparieren. Der Bergungsjob, den die Gruppe annimmt, stellt sich aber natürlich als längst nicht so einfach heraus wie von der Auftraggeberin beworben.
Die Charaktere waren vorgefertigt und liebevoll miteinander verknüpft: Ich selbst spielte die gestresste Kapitänin, und dann gab es noch ihre kleine Schwester, die immer fröhliche und sorglos-leichtsinnige Pilotin ("your constant source of joy and sorrow") und drei weitere Mitglieder der Crew. Es machte großen Spaß zu sehen, wie alle ihre Charaktere verköperten, weil das die Dynamik zwischen der kleinen 'Familie' richtig schön herausstellte. Wir hatten alle viel Spaß und große Lust, beim nächsten Mal in derselben Besetzung vielleicht eine weitere Session zu spielen.
Die 'Death in Space'-Regeln funktionierten eigentlich nicht schlecht, schienen aber für ein Space Opera-Setting wie Coriolis doch etwas zu tödlich; falls es eine Fortsetzung gibt, wollen wir beim nächsten Mal also nochmal andere Regeln verwenden.
Samstag Nacht: Hessenstein-NostalgieMit der Coriolis-Runde waren wir ziemlich früh fertig, sodass wir noch genug Zeit hatten, um den Abend noch ausklingen zu lassen und nicht gleich ins Bett gehen zu wollen.
Im Speisesaal fanden wir bereits eine größere Runde, die ein nostalgisches Frage- und Antwortspiel spielte: Man stellte sich gegenseitig Fragen zu den Treffen - was jemandes schönste Runde gewesen sei, beispielsweise, oder was man für das eigene Rollenspiel auf der Burg gelernt habe.
Auf diese Weise verbrachten wir noch ein paar sehr schöne und nostalgische Stunden, bevor es dann schließlich doch ins Bett ging.
FazitEs war ein rundum schönes Treffen, vielleicht gerade weil es das letzte auf der Burg war. Dass wir nur vergleichsweise wenige Leute waren und man sich deswegen mit fast allen unterhalten konnte, trug sicherlich auch seinen Teil bei. Ich werde den Hessenstein jedenfalls vermissen, auch wenn ich mich schon auch auf die neue Location freue. Und vielleicht wird die Burg ja nach Beendigung der Insolvenz und Entschuldung unter neuem Management wieder eröffnet. Das würde mich freuen.