Moin!
In den 90ern bis sehr lange in die 00er, lange bevor
Ghoule bloggten oder ich den leisesten Dunst hatte,
wie "die Preußen" am liebsten spielen, leitete ich DSA. Die DSA-Bücher nannten das "Meistern", die Menschen, die mit das Spiel beibrachten, auch, und ich dementsprechend auch. Ganz selbstverständlich gehörte für mich dazu auch eine Technik, die Michelle Schwefel (damals noch Melchers) den Meisterinnen und Meistern bereits in der DSA3 Basisbox aus meiner Sicht sehr nachvollziehbar definiert:
Nun wünschen wir uns zwar einen spannenden, ja, nerven-zerfetzenden Kampf, bei dem es bis ans Äußerste geht, nicht jedoch, daß Ihre wackeren Helden unter den Klingen der Knochenmänner ihr junges, hoffnungsvolles Leben lassen.
Behalten Sie deshalb gut im Auge, wie viele LE jeder Held noch besitzt! Würfeln Sie verdeckt, das läßt Ihnen die höchstmeisterliche Option, nicht nur die Spieler durch fulminante Attacken das Fürchten zu lehren, sondern vor allem, im Notfall eine eigentlich gelungene, für den Helden aber todbringende Attacke eines Skelettes als mißlungen zu verkünden und Trefferpunktzahlen zu entschärfen.
Eines jedoch müssen Sie sich einprägen: Ihre Spieler dürfen nie von solchen freundlichen Schummeleien erfahren. Daß ein Held möglicherweise in einem Abenteuer zu Tode kommen kann, macht einen der Reize des Spiels aus, ist als Spannungsfaktor nicht zu unterschätzen. Was aber wäre ein Kampf ohne nervöses Kichern, ohne abgekaute Fingernägel, wenn die Runde weiß, der Meister tut uns eh nichts zu Leide? Zu leicht wird solche Milde ausgenutzt: Die Helden ergehen sich in waghalsigen, ja, hirnrissigen Aktionen, und am Ende verliert die gesamte Runde den Spaß am Spiel.
Ich nannte das auch "Schummeln". Ich machte es selbst. Ich fand überhaupt nix dabei, außer dass ich merkte, dass der Michelles Rat rein praktisch hinkte, was den "nie verraten"-Teil angeht, sobald das Meisteramt rotiert. Also hielten ich und viele andere "Manchmal-Meisternde" es nicht ganz so geheim und unterhielten sich schon ab und an mal darüber.
Auch die verstanden sehr genau, was mit "Schummeln" gemeint war und niemand störte sich an dem Begriff. Auch Shadowrun- oder Vampire-Spielleitende ohne großen DSA-Bezug in meinem Umfeld verstanden damals ohne Probleme, was ich meinte und niemand fühlte sich beleidigt. Eismann zeigte neulich, dass der Begriff in anderen Regelwerken auch völlig ohne Sorge verwendet wurde:
Die beste Faustregel lautet, die Ereignisse nur dann zu Gunsten der Chronik zu verändern, wenn es wirklich dem Spiel dient. Wenn den Charakteren eine höchst bedeutsame Information durch die Lappen geht, leiten Sie sie sanft zu einer zweiten Chance, um sie zu erhalten. Wenn Sie es lieber sähen, wenn Ihr Superschurke auf eine dramatischere Art stürbe, schummeln Sie beim Absorbieren und lassen Sie ihn vom Schlachtfeld humpeln. Tun Sie so etwas aber nur äußerst selten. Es ist zwar Ihr Privileg als Erzähler, aber wenn Sie es missbrauchen, werden Sie Ihren Spielern das Gefühl geben, ihre Charaktere könnten einfach nichts zustande bringen, und das ruiniert das Spiel.
Es war aus meiner damaligen Perspektive einfach das deutsche Äquivalent dessen,
was im englischen Sprachraum bis heute allgemein und nach meinem Kenntnisstand wenig umstritten als "Fudging" bezeichnet wird, zu deutsch auch so viel wie "Fälschen" und "Pfuschen". Für mich klingt "Schummeln" dagegen sehr viel sanfter.
Inzwischen schummel ich nicht mehr im Rollenspiel. In wie fern der Begriff dabei eine Rolle spielte, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich keine große.
Ich finde aber heute genau so wenig dabei, dieses Verhalten so zu bezeichnen, wie damals, als ich es selbst machte. Ich habe den Begriff nie genutzt, um jemanden zu beleidigen, auch wenn ich selbst das Verhalten nicht mehr gut finde. Mein Sprachgebrauch hat sich dadurch nicht verändert.
Zed und andere argumentieren, dass der Begriff falsch verwendet sei, weil "Schummeln" immer einen persönlichen Vorteil zum Ziel hätte. Das ist sicher eine mögliche Sichtweise, die sich mit der Gebrauchspraxis des Begriffs über Jahrzehnte in unserer Szene aber nicht deckt. Ich habe stichprobenartig in den letzten Tagen auch ein paar Nichtrollenspieler in meinem Umfeld zu ihrem Verständnis gefragt - die fanden durchweg, dass man auch mit anderen Zielen als persönlichem Vorteil schummeln kann, Gemeinwohl eingeschlossen.
Aber selbst wenn Zeds Sicht hier die einzig korrekte WÄRE, wird daraus immer noch kein Kampfbegriff.
Das unterscheidet den Begriff "Schummeln" von vielen Beleidigungen in Ghouls oben verlinktem Text, die auch meiner Meinung nach definitiv nicht helfen, gegenseitiges Verständnis zwischen Schummeln-Befürwortenden und Schummel-Skeptischen Rollenspielenden zu verbessern. Ich werde sie hier
nicht wiederholen. Ich erwähne das aber, um sicherzustellen, dass nicht der Eindruck entsteht, ich finde gut, wie Ghoul und andere in dieser Diskussion auftreten und anderen Spielweisen Spaß und Spannung absprechen. Das ist und war nie der Fall. Hier geht es um Schummeln mit der Absicht, Spaß und Spannung des Spiels zu verbessern. Menschen würden das nicht tun, wenn es für sie nicht funktionieren würde.
Aber ich verstehe nicht, wie es zum gegenseitigen Verständnis beitragen soll, plötzlich längst etablierte Begriffe abzulegen, in welchen über Jahrzehnte weg nie einer ein Problem sah, nur weil sie entsprechend eines wenig beachteten Wörterbuchs vielleicht etwas ungenau sind, oder sie plötzlich als "Kampfbegriff" diffamiert werden, wenn damit immer noch am besten jeder versteht, was ich meine. Denn Änderung von etablierten Begriffen verbessert so gut wie nie das gemeinsame Verständnis, ganz besonders nicht mit der Generation, welche sich an diese Technik unter dieser Begrifflichkeit als "normal" gewöhnt hat.
Aber einen Vorschlag habe ich: Ich kann wegen mir auch genau wie Michelle von "
Freundlicher Schummelei" sprechen. Damit wird die gut gemeinde Intension der Methode Rechnung getragen, ohne davon abzulenken, welche Technik gemeint ist.