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Pen & Paper - Rollenspiel => Pen & Paper - Spielleiterthemen => Thema gestartet von: Seraph am 17.01.2019 | 17:55

Titel: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Seraph am 17.01.2019 | 17:55
Hi zusammen,

ich habe mich kürzlich gefragt, ob ein Rollenspiel (mit den passenden Spielern selbstverständlich!) funktionieren würde, das

a) in unserer normalen Welt spielt
b) den Alltag von vorzugsweise Teenagern behandelt
c) keine übernatürlichen Elemente, keine Mordfälle, Serienkiller und sonstigen "unglaubwürdigen" Kram beinhaltet

Auf den Trichter gekommen bin ich durch das Videospiel "Life is Strange". Ja, das hat natürlich übernatürliche Elemente (Zeitreisen), viel interessanter fand ich dabei aber das normale Leben in Arcadia Bay, die Freundschaftsbeziehungen, die Schule etc. Das hat einfach unfassbar viel in mir getriggert!

Lange Rede, kurzer Gin - hat schon mal jemand ein "stinknormales" Roleplay ausprobiert, in dem man alltägliche Dinge ausspielt?

Viele Grüße,

Seraph
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Pyromancer am 17.01.2019 | 19:01
Wenn man alles "interessante" (jaja) weglässt, dann bleibt ja nur die Soap-Drama-Schiene übrig, oder? Das kann man machen, hab ich auch schon gemacht, als One-Shot mit Fiasco. Als Kampagne spräche ich das aber nicht an.
Es gibt für das Thema aber tatsächlich Spezial-Rollenspiele, "Nicotine Girls" fällt mir da spontan ein (hab ich aber nie gespielt).
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Teylen am 17.01.2019 | 19:11
Es gibt da Pasión de las Pasiones (https://www.magpiegames.com/product/pasion-de-las-pasiones-ashcan-edition-print/) von Magpie Games, wird aber noch entwickelt.
Neben dem uralten Dallas Rollenspiel, das mittlerweile out-of-print ist.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Seraph am 17.01.2019 | 19:20
Danke für eure System-Tipps.
Wisst ihr denn, ob diese Systeme spezielle Merkmale für "unspektakuläres Rollenspiel" aufweisen oder ist es einfach ein generisches System?
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Jiba am 17.01.2019 | 19:21
Lange Rede, kurzer Gin - hat schon mal jemand ein "stinknormales" Roleplay ausprobiert, in dem man alltägliche Dinge ausspielt?

Sei mit so einer Formulierung vorsichtig. Denn das willst du eigentlich nicht. Du willst nichts Alltägliches. Du willst etwas Dramatisiertes.

Das kann auch eine Menge sein, wenn es um Teenage Life geht. Sowas wie in "Skins". Sowas wie "Gossip Girl". Sowas wie "Degrassi". Sowas wie "Club der roten Bänder". Du willst also eigentlich eine gewisse dramaturgische Fallhöhe, die es ja bei "Life Is Strange" auch ohne dieses Zeitreisezeugs gegeben.

Und da hast du diverse Möglichkeiten. Man kann "Monsterhearts" hacken und die Skins zu Highschool-Cliquen (Nerds, Jocks, etc.) umbauen (steht irgendwo bei mir auf To-Do). Du kannst "Bubblegumshoe" nehmen, etc.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Der Läuterer am 17.01.2019 | 19:24
Das wäre dann eine Art Soziodrama, in welchem sich Kinder und Jugendliche in vorgegebenen Situationen (z.B. Konflikten) ausprobieren können, um das Gelernte später auf die reale Welt zu übertragen.
Das läuft nach dem Motto teste unterschiedliche Vorgehensweisen aus, ohne dass Du dafür die Konsequenzen tragen musst.
Das Ganze kann man als Weiterentwicklung von Vater-Mutter-Kind oder Kaufmannsladen betrachten. Und immer mit Moderator.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Maarzan am 17.01.2019 | 19:30
Du wirst noch viel öfter am Spieltisch Verweise auf "die Realität" und die spielerspezifische Wahrnehmung dazu erleben , wenn es darum geht, was funktioniert und was nicht.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Urias am 17.01.2019 | 19:59
Danke für eure System-Tipps.
Wisst ihr denn, ob diese Systeme spezielle Merkmale für "unspektakuläres Rollenspiel" aufweisen oder ist es einfach ein generisches System?

Ich meine mich zu erinnern, dass das von Feuersänger erwähnte "Nicotine Girls" so ne spezielle Mechanik hatte um Zigarettenpausen darzustellen, also Szenen in denen die Mädels so klischeemäßig an der Schulmauer rumhängen und eine Rauchen während sie über ihre Probleme reden. Ist aber schon ewig her, dass ich es gelesen habe aber es ging so ein wenig in Richtung Ghost Girls (der Film mit Scarlett Johansson und Thora Birch) als Rollenspiel. Könnte also so ziemlich das sein was du suchst.

Auch wenns jetzt weniger Alltag ist sei hier noch "Grey Ranks" von Jason Morningstar in den Raum geworfen, das auch ohne irgendwelche fantastischen Elemente das Thema Jugendliche während des Aufstands im Warschauer Ghetto behandelt und soweit ich mich erinnere auch einiges an Platz für Themen wie aufkeimende Sexualität, Beziehung usw. einräumt.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: AlucartDante am 17.01.2019 | 20:17
Wir haben das meistens mit Gurps, Chtulhu oder World of Darkness gemacht. Die beiden letzten eben ohne übernatürlichen Kram. Hat aber beides keinen Teenyschwerpunkt

Zum Teenyschwerpunkt könnte man auch mal in Buffy oder Harry Potter reingucken, aber da ist wahrscheinlich der übernatürliche Anteil zu groß, als das man ihn rausstreichen kann.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 17.01.2019 | 20:27
Ich weiß, es ist nicht hilfreich, zumindest nicht unmittelbar. Jedoch:

Zitat
Lange Rede, kurzer Gin - hat schon mal jemand ein "stinknormales" Roleplay ausprobiert, in dem man alltägliche Dinge ausspielt?

Ja, ich nenne es "Arbeiten".


Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: AlucartDante am 17.01.2019 | 20:34
Ja, ich nenne es "Arbeiten".

Made my day!  >;D

Entspricht auch meinem Alltag.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Lord Verminaard am 17.01.2019 | 20:42
Bei einer der besten Runden, die ich je gespielt hatte, ging es um eine Gruppe von Menschen, die aus einem Seniorenheim im Bundesstaat Washington ausbüchsten und auf einen Road Trip nach San Francisco gingen. Das war insofern "alltäglich", als es keinen Mord und Totschlag, keine Vampire oder Monster oder Magie, keine Spionage oder sonstige Action gab. Es war das, was man im Kino ein Road Movie nennen würde. Aber es war natürlich, wie Jiba schon sagt, dramatisiert. Jeder Charakter hatte seinen definierenden Konflikt, der während des Spiels behandelt wurde, einige haben ihn aufgelöst, andere nicht. Es gab starke Bilder, symbolträchtige Situationen, die Konfrontation mit der Vergangenheit. Es gab Leitmotive und Pacing und ein sehr ergreifendes Finale. Das alles nahezu in Freiform verhandelt, auch wenn das nominelle System Fate2Go war. Der Schlüssel war eine akribische Vorbereitung, nicht nur der Spielleiterin sondern auch der Spieler in Form der Charaktere und deren Beziehungen zueinander, ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis zwischen allen Mitspielern, eine hohe kreative Synergie und ein kooperativer, erzählerischer Spielstil. Am Ende liefen drei von fünf Leuten die Tränen offen das Gesicht runter. Insofern: Alltäglich und aber auch nicht, und ja, es funktioniert. Ist aber wirklich eher was für einen One Shot, als für eine Kampagne.

Eine andere Art von Alltäglichkeit hatten wir früher in unserer Vampire-Kampagne, wo sich viele Sitzungen wirklich um den Alltag unserer Charaktere drehten, einfach darum, wie wir unsere Nahrungsbeschaffung organisieren, wie wir unsere Zufluchten und Ressourcen und unser Netzwerk ausbauen, wie sich unsere Beziehungen zueinander und wichtigen NSCs entwickeln, usw. Aber das wäre ohne den "Vampir"-Aspekt glaube ich weniger spannend gewesen. ;)
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Issi am 17.01.2019 | 20:50
Zitat
Lange Rede, kurzer Gin - hat schon mal jemand ein "stinknormales" Roleplay ausprobiert, in dem man alltägliche Dinge ausspielt?
Ja ein rein historisches Rollenspiel, ohne Magie, könnte evtl. interessant sein.
(Halt nur mit Kriegern, Dieben, Gelehrten, Kräuterkundigen  etc.)

Dennoch hoffe ich inständig, dass diese Anfrage nix mir einem gewissen "Feen-Verboten-Flyer" zu tun hat.
Das würde mir echt Leid tun.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: kamica am 17.01.2019 | 20:55
Ich habe es nicht gespielt, aber Bubblegumshoe könnte das sein, was du suchst:
https://www.evilhat.com/home/bubblegumshoe/ (https://www.evilhat.com/home/bubblegumshoe/)
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Teylen am 17.01.2019 | 21:03
Ja, ich nenne es "Arbeiten".
Du arbeitest in einer Schule mit Mädels und deren Probleme im Teenager Alter? :o
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: KhornedBeef am 17.01.2019 | 21:03
Lord Verminaard hat den Knackpunkt erwähnt: Vorbereitung. Serien um Teenager die rauchend an der Wand lehnen und reden sind nur deshalb dramatisch und interessant statt "oh Gott dieses Dummvolk ist unsere Zukunft..." Weil hochkompetente Drehbuchautoren wochenlang schwitzen um ihnen geschliffene Dialoge in den Mund zu legen.
Und    genau das    passiert am Spieltisch nicht so ohne weiteres. Das solltest du also nicht erwarten. Drama erzeugen durch "ich hau dem auf'n Kopp weil ich hab zwölf Talente dafür" ist Größenordnungen einfacher :)
Also entweder steckst du auch Größenordnungen mehr Arbeit rein als "ich nehme mal das System das der da empfohlen hat" oder es geht mit etwas Pechhalt so:
"Ja, hm. Ich geh Mal Rasen mähen"
"ich auch!"
"Ich geh erstmal auf Klo"
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Megan am 17.01.2019 | 21:16
Ja, hab ich.
Da geht es halt um zwischenmenschliche Beziehungen, Fehlentscheidungen, die das Leben in die falsche Richtung gebracht haben und vielleicht auch andere Menschen betroffen haben. Liebe, Verantwortung, Pflicht, Trauer, Verlust, die Bereitschaft sich/etwas zu ändern.

Eigentlich nichts anderes, als bei Geschichten in nicht alltäglichen Settings mit charakterlichem Tiefgang.
Ich finde Setups mit einem übernatürlichen Touch oft einfacher, weil man ein Vehikel hat, um diese Themen aufzugreifen und in eine interessante Geschichte zu packen.
Tatsächlich habe ich noch nichts gespielt, was wirklich so alltäglich war, dass ich darin hätte vorkommen können (außer vielleicht mal in einem Jeepformszenario), sprich hier in meiner Stadt, in einem Umfeld, das meinem entspricht.

Der Kunstgriff, ist dann eben den Ort des Geschehens wenigstens in ein anderes meist dennoch westlich geprägtes Land zu verlegen (z.B. Amerika), eine andere Gesellschaftsschicht zu verkörpern, mit der Erzählform zu spielen/zu experimentieren (wie z.B. bei Jeepform) oder die Art der Story anders zu gestalten (z.B. Roadtrip oder sowas).

Zu nah an meinem eigenen Leben mag ich Rollenspiel aber auch einfach nicht haben, außer gespickt mit experimentellen Stilmitteln.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Jiba am 17.01.2019 | 21:25
Ich kann dem, was Vermi sagt, nur zustimmen. Vorbereitung oder zumindest eine kooperative, erzählerische Grundhaltung ist das A und O. Ich meine... wer will denn bei High-School-Encountern die Coolnesspunkte mit Beleidigungsattacken runterwürfeln? ;)

Ich erinnere mich auch an eine sehr denkwürdige "Alltags"-Runde, die ich hatte, mit einer zerstrittenen Familie, die sich beim Begräbnis der Oma wieder zusammenfindet. Da wurde aber auch im Vorfeld ziemlich viel gedarftet und ausdefiniert und dann am Tisch auf Würfel verzichtet.

Spiele, die übrigens zumindest aus "Alltagssituationen" ihre Konflikte und Herausforderungen ziehen, wären noch:
- Poutine (finde ich grade keinen Link zu, hilft mir wer aus?)
- Golden Sky Stories (http://starlinepublishing.com/our-games/golden-sky-stories/) (hat zugegebenermaßen eine übernatürliche Note, aber es gibt eine Erweiterung für rein-menschliche Charaktere)
- Misspent Youth (http://misspentyouth.robertbohl.com/) (spielt eigentlich in einer "F***ed-Up Future", kann man aber auch sehr gut in der "F***ed-Up Gegenwart" spielen, denke ich)
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Seraph am 17.01.2019 | 21:35
Ja, hab ich.
Da geht es halt um zwischenmenschliche Beziehungen, Fehlentscheidungen, die das Leben in die falsche Richtung gebracht haben und vielleicht auch andere Menschen betroffen haben. Liebe, Verantwortung, Pflicht, Trauer, Verlust, die Bereitschaft sich/etwas zu ändern.

Eigentlich nichts anderes, als bei Geschichten in nicht alltäglichen Settings mit charakterlichem Tiefgang.
Ich finde Setups mit einem übernatürlichen Touch oft einfacher, weil man ein Vehikel hat, um diese Themen aufzugreifen und in eine interessante Geschichte zu packen.
Tatsächlich habe ich noch nichts gespielt, was wirklich so alltäglich war, dass ich darin hätte vorkommen können (außer vielleicht mal in einem Jeepformszenario), sprich hier in meiner Stadt, in einem Umfeld, das meinem entspricht.

Der Kunstgriff, ist dann eben den Ort des Geschehens wenigstens in ein anderes meist dennoch westlich geprägtes Land zu verlegen (z.B. Amerika), eine andere Gesellschaftsschicht zu verkörpern, mit der Erzählform zu spielen/zu experimentieren (wie z.B. bei Jeepform) oder die Art der Story anders zu gestalten (z.B. Roadtrip oder sowas).

Zu nah an meinem eigenen Leben mag ich Rollenspiel aber auch einfach nicht haben, außer gespickt mit experimentellen Stilmitteln.

Hui, ich bin überrascht von den ganzen Rückmeldungen und sage erst mal "Danke schön" :)
Stellvertretend möchte ich mal auf diesen Post hier konkret eingehen, da ich den Gedanken des "Ventils" sehr interessant finde. Ich sollte auch noch einmal deutlich, dass es mir nicht ausschließlich um Teenager-Dramen geht. In meinem konkreten Beispiel "Life is Strange" war es nur das, was mich am stärksten getriggert hat - eben weil wir alle vermutlich dass noch aus früheren Jahren kennen.
Auch suche ich nicht zwangsläufig nach einem neuen System. Ich könnte mir z.B. gut vorstellen, das mit dem regelarmen Cthulhu oder Vampire-Gerüst zu stemmen.

Und ja - Dramatisierung ist vermutlich da. Kaum einer möchte monotonen Alltag ausspielen, d.h. 5 Ingame-Tage lang arbeiten, essen, Hausarbeit machen und schlafen gehen. Aber dramatisiertes Rollenspiel ohne jegliches übernatürliches Zeug fasziniert mich einfach.

Ein Beispiel: in einem selbst geschriebenen Cthulhu-Abenteuer spielten beide Spieler Detectives, die den Fall eines Serienkillers aufklären sollten. Als Hintergrund hatte sich einer Spieler überlegt, dass er geschieden war und seinen Sohn am Wochenende sehen konnte. Spontan beschlossen war, dass zu Beginn des Abenteuers der Sohn bei eben jenem Spieler für eine Woche blieb, da die Ex-Frau verreiste. Die Spieler begann, herzerwärmend immersives und tolles Rollenspiel als Vater und als "Onkel in Spé" aufzuziehen.
Nach etwa 2 Sitzungen hatte ich deutlich mehr Spaß an dem improvisierten "Freizeit"-Spiel, als an dem eigentlichen Plot voller Tatorte, übernatürlichem Mythos und sonstigen übernatürlichen Scheiß. Wir spielten eine halbe Stunde lang aus, wie die beiden Cops mittags mit dem kleinen Jungen Hotdogs kaufen gingen, auf ihrem Stamm-Basketballplatz Körbe warfen und über das Leben sinnierten.
Mir ist bewusst, dass man da definitiv die richtigen Spieler zu braucht (und vermutlich auch eine gewisse Intimität, um sich vollständig fallen lassen zu können), nichtsdestotrotz ist das trotz aller Drachenhorte, Geisterhäuser, Serienkiller, Magiertürme usw. der Moment gewissen, der mir am meisten am Herzen liegt.
Ich grübele immer noch, warum genau.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Lord Verminaard am 17.01.2019 | 21:50
Ich grübele immer noch, warum genau.

Vielleicht, weil es da nachvollziehbar um etwas ging, was den Charakteren wirklich wichtig war?
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: nobody@home am 17.01.2019 | 21:52
Was mir spontan vielleicht noch einfiele, auch wenn man sich über den "Alltags"-Anteil sicher gerne streiten kann, wäre "1W6 Freunde". Regeltechnisch recht einfach gehaltenes kleines deutschsprachiges System zum Spielen klassischer "Schülerdetektive" a la 3 Fragezeichen und dergleichen, sollte sich aber eigentlich auch recht gut für ähnlich tatendurstige junge Leute mit anderen Hobbies eignen.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Megan am 17.01.2019 | 21:52
Mir ist bewusst, dass man da definitiv die richtigen Spieler zu braucht (und vermutlich auch eine gewisse Intimität, um sich vollständig fallen lassen zu können), nichtsdestotrotz ist das trotz aller Drachenhorte, Geisterhäuser, Serienkiller, Magiertürme usw. der Moment gewissen, der mir am meisten am Herzen liegt.
Ich grübele immer noch, warum genau.

Weil es einen stärker ergreift. Ich würde nicht ohne solche charakterlichen Hintergründe, ohne solche Szenen spielen wollen. Wie geschrieben: In meinen Lieblingsgeschichten ist das Besondere des Settings nur ein gutes Werkzeug um grundmenschliche Themen zu beleuchten, oder sich ihnen zu nähern.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Seraph am 17.01.2019 | 21:53
Vielleicht, weil es da nachvollziehbar um etwas ging, was den Charakteren wirklich wichtig war?

Ja, vielleicht. Vermutlich hatten wir einen sehr empathischen Moment. Und die Immersion (Hinterhof, Hotdogstand, Stadtgeräusche, heiße Sonne auf Asphalt) war sehr hoch in dem Moment.

Weil es einen stärker ergreift. Ich würde nicht ohne solche charakterlichen Hintergründe, ohne solche Szenen spielen wollen. Wie geschrieben: In meinen Lieblingsgeschichten ist das Besondere des Settings nur ein gutes Werkzeug um grundmenschliche Themen zu beleuchten, oder sich ihnen zu nähern.

Das hast du wirklich schön auf den Punkt gebracht! :)
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Pyromancer am 17.01.2019 | 21:55
Weil es einen stärker ergreift. Ich würde nicht ohne solche charakterlichen Hintergründe, ohne solche Szenen spielen wollen. Wie geschrieben: In meinen Lieblingsgeschichten ist das Besondere des Settings nur ein gutes Werkzeug um grundmenschliche Themen zu beleuchten, oder sich ihnen zu nähern.

Das ist für mich auch das Salz in der Suppe. Ohne ist es fad. Aber eine Mahlzeit nur aus Salz - das ist halt auch nix.  8)
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: KhornedBeef am 17.01.2019 | 22:11
Das würde sich gut als Schlusswort machen. ;)
Mein Ziel ist, nicht immer, aber immer öfter (#only90skidswillgetthis) das eine Runde, oder wenigstens mein Charakter, die Anlagen zu solchen Momenten haben, wie oben beschrieben. Ich sehe bis jetzt lediglich keinen Hinweis darauf, dass die von einem Ausschluss nicht-alltäglicher Elemente abhängen, oder auch nur profitieren.
Dafür würde aber der berühmte Sense of Wonder fehlen, sowie die Freiheit sich, in abenteuerlichen Handlungen auszutoben ... Und manchmal auch nur das Amüsement, nach einem anstrengenden Tag einen Haufen Skelettkrieger eine Treppe hinunterzuschmeißen und 30 Sekunden "kleppkleppkllirrrrkloppkleeppklepp" nachzumachen.
Also theoretisch geht das auch mit Hausmeister Krause im Mietshauskeller, aber irgendwas ist daran...falsch ;)
Edit: Ich muss mir direkt Mal selbst ein schwaches Argument um die Ohren hauen. Es dehnt den Begriff "alltäglich" etwas aber es gibt auf der Erde selbst heute noch genug Orte, die einen Sense of Wonder hervorrufen. Allerdings nicht in Essen-Kray, es sei denn man buddelt sehr sehr tief.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Wonko am 17.01.2019 | 22:11
Apropos Salz.

Spiele, die übrigens zumindest aus "Alltagssituationen" ihre Konflikte und Herausforderungen ziehen, wären noch:
- Poutine (finde ich grade keinen Link zu, hilft mir wer aus?)

https://www.tanelorn.net/index.php/topic,107951.0.html
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 17.01.2019 | 22:26
Als Schüler+ haben wir gerne Kram wie Millennium's End oder Twilight: 2000 gespielt. Gerade bei ME ging es ja um eine absolute Normalwelt, gegen die unsere heutige übler Cyberpunk wäre. Seitdem man aber selber mehr und mehr Lebenserfahrung sammelte, da flog der Reiz des "Normcore" und Ultrarealismus (zu Unterscheiden von Hyperrealismus*) hinfort wie Pusteblumen.

Fun Fact:
Eine mir helfende hochgestellte Person mit sehr weitem Horizont und Bildung meinte dann eines Abends, nachdem wir erneut Realintrigen abwehren mußten: "I am in no mood watching House of Cards, which I promised my partner, tonight. We had enough of that shit this week. I'll be watching Batman."


 *Damit meine ich Quentin-Tarantinos Big-Kahuna-Burger Universum. Das hat offiziell glaube ich einen anderen Namen. Aber das ist ja fast wie Mittelerde, dahin entfliehe ich gerne.

ADD Zitat QT:
Zitat
There are actually two separate universes. There’s the realer than real universe, and all the characters inhabit that one. Then there’s this “movie” universe, so From Dusk Till Dawn and Kill Bill take place in this special movie universe. Basically, when the characters from Reservoir Dogs or Pulp Fiction go to the movies, Kill Bill and From Dusk Till Dawn is what they go see.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Crimson King am 17.01.2019 | 22:57
Ich sehe das so: selbst wenn ich alltägliche Menschen spielen möchte, möchte ich nicht ihren Alltag spielen. Was ich spielen möchte, sind die Momente, die diese Menschen definieren, in denen sie Schlüsselerlebnisse haben und Entscheidungen treffen, die ihr eigenes Leben und das von anderen in neue Richtungen lenken.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Megan am 17.01.2019 | 23:02
Ich sehe das so: selbst wenn ich alltägliche Menschen spielen möchte, möchte ich nicht ihren Alltag spielen. Was ich spielen möchte, sind die Momente, die diese Menschen definieren, in denen sie Schlüsselerlebnisse haben und Entscheidungen treffen, die ihr eigenes Leben und das von anderen in neue Richtungen lenken.
Ja!  :d
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: TaintedMirror am 18.01.2019 | 09:16
Was mir noch einfällt: Wenn man in Richtung Soap Opera oder ähnliches gehen will, dann bietet sich auch "Das Monster aus der Spätvorstellung" an. Dort spielt man Schauspieler, die selbst in jeder Art von Film spielen können. Man könnte so quasi im Film (Abenteuer), wie auch außerhalb des Filmes soziale Dramen ausleben. Wenn man dann zwischendrinn doch mal Bock auf was anderes hat, spielt man halt einen Krimifilm.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: LushWoods am 18.01.2019 | 10:13
Wir haben das mal mit FATE durchgezogen.
Das ging aber noch einen Level höher: Wir haben uns selber in einer etwas außergewöhnlichen Situation gespielt.
War ein sehr interessantes sozial-psychologisches Experiment.
Und hat sogar Spaß gemacht.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: YY am 18.01.2019 | 10:28
Als Schüler+ haben wir gerne Kram wie Millennium's End oder Twilight: 2000 gespielt. Gerade bei ME ging es ja um eine absolute Normalwelt, gegen die unsere heutige übler Cyberpunk wäre. Seitdem man aber selber mehr und mehr Lebenserfahrung sammelte, da flog der Reiz des "Normcore" und Ultrarealismus (zu Unterscheiden von Hyperrealismus*) hinfort wie Pusteblumen.

 :o

In ME spielt man weder normale Leute mit alltäglichen Jobs noch ist das unsere bzw. eine normale Welt. Der Autor bezeichnet das als "CNN reality", also eine Welt, in der die ganze abgefahrene Scheiße, die auf CNN & Co. rund um die Uhr präsentiert wird, so alltäglich ist, wie man meinen könnte, wenn man nicht die echte Welt als Vergleich und Erdung hätte. Sprich: Das ist ganz explizit eine übersteigerte und verzerrte Realität.

Aus ME "rauswachsen", weil dessen Welt von unserer überholt worden ist oder weil das zu nah an der eigenen Lebenswirklichkeit ist, halte ich beides für einigermaßen absurde Aussagen. Es sei denn, die ganze Spielgruppe besteht aus Kommandosoldaten und Polizisten in Spezialverwendung.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 18.01.2019 | 13:16
Das sehe ich anders, aber ist auch eine Wahrnehmungsfrage.

Einerseits: Lagerfeuer anmachen abfeiern und Tavernenspiel bei DSA fallen da für mich in eine ähnliche Richtung.

Andererseits: Ein Feuergefecht von Normalsterblichen öfter in den Spielbetrieb einzubauen ist ja nur die Gewaltversion von:

Zitat
Was ich spielen möchte, sind die Momente, die diese Menschen definieren, in denen sie Schlüsselerlebnisse haben und Entscheidungen treffen, die ihr eigenes Leben und das von anderen in neue Richtungen lenken.

Seitdem ich persönlich genug Mun in real ins (Übungs!-)Ziel gebracht habe, reizt mich das zu 1000% weniger als davor das im Rollenspiel zu machen. Gerade weil ich mir einigermaßen ausrechnen kann bzw. Leute kenne, die mir den Reiz das "realistisch"  umsetzen zu wollen, auch von der personnagenpsychologie her, komplett genommen haben. Aber das ist ja ganz subjektiv.

Von den Veteranen von denen ich weiß spielen, wenn überhaupt noch, die meisten histoische CoSims oder D&D. So wie auch Knackis vor allem D&D spielen und nicht Shadowrun.

Insofern.

Auf jeden Fall kann man aber mit ME und Twilight:2000 ein gutes Regelgerüst finden, zusammen mit den Zivilkarrieren aus Dark Conspiracy sind das jeweils einmal RQ und Traveller-Ansatz der Charaktererschaffung für moderne komplexe Gesellschaften.


ist ja alles ganz subjektiv, aber je mehr ich von der Welt gesehen habe, desto lieber ist mir das Phantastische.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: KhornedBeef am 18.01.2019 | 16:12
Wozu scharf schießen wenn du doch das Nervenkostüm vieler Anwesender auch effektiv mit Wortmonstern wie "Personnagenpsychologie" perforieren kannst  >;D
(Bitte nur als Scherz verstehen)

Ich nehme an, wer die Schlacht von Azincourt miterlebt hätte, würde auch eine andere Einstellung zum elfischen Langbogenschützen entwickeln. Ich finde es aber generell OK, wenn man das Rollenspiel von einigen Tatsachen der Realität abkoppelt. Fantasy ist das, letztendlich.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Chiarina am 18.01.2019 | 19:21
Ich finde das, nach dem hier gefragt wird, ganz normal. Ist eben eine Möglichkeit des Rollenspiels. Sicherlich nicht die populärste, aber das spielt für mich überhaupt keine Rolle!

Ich habe mit ein paar Leuten auf einem Tanelorn-Treffen mal ein Abenteuer gespielt, in dem vier randständige Personen, die sich Nachmittag für Nachmittag an einem Kiosk zum Biertrinken treffen, die Protagonisten waren. Das hat mir gut gefallen.

Hier ist übrigens der Link zum weiter oben erwähnten Poutine (http://apo.calypti.ca/poutine/static/poutine_current.pdf), einem Spiel, das von Leuten in einem Schnellimbiss handelt, die sich dort von ihren Problemen erzählen... ein Spiel, das ich sehr schätze. Das Spiel ist hier (https://www.tanelorn.net/index.php/topic,107951.msg134676681.html#msg134676681) bei Tanelorn schon kontrovers besprochen worden. Auch das hat mir gefallen.

Verwiesen sei noch auf No boundaries (http://www.lessthanthreegames.com/content/No%20Boundaries.pdf). Ein Spiel über Buchhändler, die in einem existenzbedrohten, schlecht gemanagten Laden arbeiten und denen jederzeit die Arbeitslosigkeit drohen kann.

Solche Sachen soll eben spielen wer mag. Ich bin dabei.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Der Läuterer am 18.01.2019 | 20:09
Ich finde das, nach dem hier gefragt wird, ganz normal. Ist eben eine Möglichkeit des Rollenspiels.
Ich habe nach dem Lesen von Poutine im betreffenden Thread nicht abgestimmt. 5? Oder 1? Genial oder Mist? Persönlich finde ich das Konzept abgedreht.

Hat nicht mal jemand über das Rollenspiel geschrieben, dass je näher die erdachte Figur der eigenen Realität kommen würde, desto eher könne man sich in / an dieser/r anderen Welt verlieren?

Ich kann nicht sagen weshalb, aber ich finde das echt gruselig.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: YY am 18.01.2019 | 22:45
Seitdem ich persönlich genug Mun in real ins (Übungs!-)Ziel gebracht habe, reizt mich das zu 1000% weniger als davor das im Rollenspiel zu machen. Gerade weil ich mir einigermaßen ausrechnen kann bzw. Leute kenne, die mir den Reiz das "realistisch"  umsetzen zu wollen, auch von der personnagenpsychologie her, komplett genommen haben.

Bei mir ist das genau umgekehrt: Die eigene Erfahrung und sonstige Beschäftigung damit hat da vielen Aspekten erst richtig Leben eingehaucht und die beiden Seiten haben sich über die Jahre in unterschiedlicher Intensität immer mal wieder gegenseitig befruchtet - auch in anderen Themengebieten. 

Klar gibts einerseits jene, die sagen "Hab ich den ganzen Tag, brauch ich am Spieltisch nicht auch noch". Aber andererseits bestand die Hauptspielerschaft von T2000 aus Aktiven und (relativ frischen) Ehemaligen.
Kommt eben auf den Typ an...aber da wüsste ich gerne, wie die Anteile aussehen.


ist ja alles ganz subjektiv, aber je mehr ich von der Welt gesehen habe, desto lieber ist mir das Phantastische.

Auch das geht mir insofern umgekehrt, dass mir das bisher nie langweilig geworden ist und ich immer platzen könnte, wenn jemand erzählt, man brauche unbedingt fantastische Elemente bzw. Magie, um taktische Vielfalt/Tiefgang und Sense of Wonder reinzukriegen.
Die Leute sind medial bedingt gegenüber Dingen abgestumpft bzw. von Dingen gefühlt übersättigt, die sie gar nicht kennen...eigentlich total abgefahren. 
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Bad Horse am 18.01.2019 | 23:18
Es gibt schon etliche Spiele, die ohne übernatürliche Elemente auskommen, zusätzlich zu den genannten fällt mir noch ein:
- Good Society: Jane-Austen-Drama bzw. romantic comedy. Habe ich schon ein paar Mal gespielt, und es funktioniert einfach sehr, sehr gut. Romantische Komödien finde ich zwar als Film eher öde, aber als Spiel ist das noch mal ganz was anderes.
- The Ward: Ein Krankenhausdramaspiel auf PbtA-Basis. Habe ich noch nicht gespielt.
- Velvet Glove: Teenager-Mädchen aus der Unterschicht in den 70ern. Habe ich einmal gespielt, war sehr lustig.
- Star-Crossed: Das kann man mit oder ohne übernatürliche Elemente spielen, wie man möchte. Es geht um zwei Leute, die sich lieben, aber die aus irgendwelchen Gründen nicht einfach zusammensein können.

Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 18.01.2019 | 23:23
Zitat
Auch das geht mir insofern umgekehrt, dass mir das bisher nie langweilig geworden ist und ich immer platzen könnte, wenn jemand erzählt, man brauche unbedingt fantastische Elemente bzw. Magie, um taktische Vielfalt/Tiefgang und Sense of Wonder reinzukriegen.
Die Leute sind medial bedingt gegenüber Dingen abgestumpft bzw. von Dingen gefühlt übersättigt, die sie gar nicht kennen...eigentlich total abgefahren.

Da will ich nicht grundsätzlich widersprechen.
Auch dem OP nicht, da KANN alles toll sein, haben wir alles gemacht, war gut, wir haben es intensiv gmacht, aber nun ist halt bei mir da persönlich kein Feuer mehr. Ach, wie toll wir das fanden nen Highschool Quarterback und nen Truckdriver zu spielen usw.

Aber nun, wenn am Ende keine Monster oder Aliens oder Götter rüberkommen, sondern The Wire-artige Verschwörungen und Organisationskatastrophen, danke, nein. Bin ich "zu alt" für. Ich kann da nirgendwo mehr meine Begeisterung anhängen.

Tausendmal lieber Rifts Phase World. Trotzdem empfehle ich alle RQ-artigen und Traveller-artigen Regelsysteme dafür, das geht sehr gut und trägt für Kampagnen von 5 Jahren, ist also belastbar.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 20.01.2019 | 08:48
Ich habe mehrere Stunden nachgedacht, über das hier:

Zitat
Ich sehe das so: selbst wenn ich alltägliche Menschen spielen möchte, möchte ich nicht ihren Alltag spielen. Was ich spielen möchte, sind die Momente, die diese Menschen definieren, in denen sie Schlüsselerlebnisse haben und Entscheidungen treffen, die ihr eigenes Leben und das von anderen in neue Richtungen lenken.

Hervorhebung von mir.

Was meint ihr damit?
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Crimson King am 20.01.2019 | 09:42
Ich habe mehrere Stunden nachgedacht, über das hier:

Hervorhebung von mir.

Was meint ihr damit?

Das Menschen manchmal Entscheidungen treffen, die enorme Auswirkungen auf ihr Leben und/oder das von anderen haben, und ich genau solche Entscheidungen, ihre Auswirkungen und den Umgang mit ihnen erspielen will. Das ist das Wesen dramatischer Figuren.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 20.01.2019 | 10:27
Das verstehe ich, aber mir sind nicht viele eingefallen, irgendwie bin ich da phantasielos:


oder meint ihr so Marty McFly Momente? -> "Ich sage ja oder nein zum Autorennen."

Aber die gehen ja nur mit Zeitreisen. oder hat man dann Tabellen, wie sich von bestimmten Punkten alles dann weiterentwickelt?

Ansonsten kommt mir, die Realität eben gesteuert von tausenden Mikroetnscheidungen vor, die eher von Big Five Persönlichkeitsmerkmalen gesteuert sind, und Änderungen sind auch eher langsam?

Ich will gar nicht über die Wahrheit reden, sondern nur verstehen, welche ENTSCHEIDUNGEN und KRITISCHEN MOMENTE im Leben eines Menschens man eben verspielen könnte. Bei mir kommt nur RomCom raus  :D :-*, oder Bewerbungsgespräche bzw. zufällige Elevator-Lift-Talks, die über ganz viel entscheiden.

Wobei ich dann als SL gar nicht so genau wüßte, wie man das entscheidet, ob der Elevator-Talk jetzt geflasht hätte in Echt oder nicht.

Wie Du siehst tappe ich da im Dunkeln.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Crimson King am 20.01.2019 | 10:45
Das verstehe ich, aber mir sind nicht viele eingefallen, irgendwie bin ich da phantasielos:

  • Wen heiratet man?
  • Berufswahl?

Manche Menschen werden mit Situationen konfrontiert, in denen ihr bestehendes Wertebild knüppelthart herausgefordert wird. In anderen Situationen sind es scheinbar kleine Entscheidungen, die große Auswirkungen haben. Da wird dann eben ganz ergebnisoffen eine Grundprämisse bespielt, beispielsweise "wie geht die Person mit der Schuld um, die er auf sich geladen hat?" oder "ist die Person bereit, einer anderen zu helfen, auch wenn dies zu Schaden am eigenen Lebensplan führen kann?" etc.

Wenn du verstehen willst, was da erspielt wird, hilft ggf. der Blick auf Sozialdramas auf der Leinwand, beispielsweise American Beauty.

Die vielen Mikroentscheidungen, die in ihrer überwiegenden Mehrheit keine Auswirkungen haben, interessieren dabei gerade nicht.

das Erspielen geschieht dabei vornehmlich über verbale Verhandlung zwischen den Teilnehmern am Spieltisch. Die Würfel werden ganz sicher auch zu Rate gezogen, vor allem bei Uneinigkeit oder in Situationen, die man nicht über verbale Verhandlung auflösen möchte. Das sind dann üblicherweise über die gesamte Spielsitzung nur wenige Würfe, in die über Stake Resolution viel Bedeutung rein gepackt wird.

Der Ansatz eignet sich im Übrigen praktisch ausschließlich für One Shots. Eine Kampagne würde ich damit nicht spielen wollen.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: tartex am 20.01.2019 | 10:51
Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Primetime Adventures für spannendes Drama-Spiel ohne körperliche Gewalt gesammelt. (Okay, vielleicht hat in einer Szene aus 7 oder 8 Episoden mal jemand Prügel eingesteckt.)

PtA ist natürlich nicht mehr ganz gewöhnliches Rollenspiel, weil alle Spieler selbst Szenen setzen können/müssen, aber allein schon die Art wie man Konflikte und Issues für die Charaktere bei der Erstellung und in jeder Folge setzt, sind perfekte Inspiration, die für jedes andere Rollenspielsystem verwendet werden können.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Crimson King am 20.01.2019 | 10:53
Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Primetime Adventures für spannendes Drama-Spiel ohne körperliche Gewalt gesammelt. (Okay, vielleicht hat in einer Szene aus 7 oder 8 Episoden mal jemand Prügel eingesteckt.)

PtA ist natürlich nicht mehr ganz gewöhnliches Rollenspiel, weil alle Spieler selbst Szenen setzen können/müssen, aber allein schon die Art wie man Konflikte und Issues für die Charaktere bei der Erstellung und in jeder Folge setzt, sind perfekte Inspiration, die für jedes andere Rollenspielsystem verwendet werden können.

Meine persönliche Erfahrung mit PtA ist nicht gut. Ich fühle mich da immer durch die Karten gerailroadet. Für andere ist so ein harter Play to find out-Ansatz mit geringen eigenen Einflussmöglichkeiten aber gerade das Richtige.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: tartex am 20.01.2019 | 10:55
Das verstehe ich, aber mir sind nicht viele eingefallen, irgendwie bin ich da phantasielos:

  • Wen heiratet man?
  • Berufswahl?

Ich dachte immer dein Name käme von Thomas Manns Zauberberg. Das Buch sollte ja mehr als genug Inspiration liefern.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 20.01.2019 | 11:07
Im Zauberberg gibt es nur so ein paar Entscheidungen. Daß Hans Castorp da länger bleibt, als die paar Tag zu Besuch. Danach hat er seinen Willen ja größtenteils auf standby gestellt. Alles andere passiert ihm. Dann gibt es noch eine große Entscheidung, nämlich als Settembrini in die Luft schießt, anstatt auf Naphta. Aber das ist ja, wie ich gerade beim Tippen merke, eben eine Waffengewaltszene.

Das was Crimson King da sagt, hört sich für mich alles wie Thematisches Rollenspiel a la Edwards, Ron an. Also Dilemmata der Mittelschichtsmoralität und so weiter.

Das ist mir klar wie das läuft und was da gewollt wird. Ich hatte den Eindruck, daß Alltags-Rollenspiel etwas anderes meint. Eben zwar mit zeitlicher, aber nicht moralischer Zuspitzung. Und ohne diese Agenda, die auf die Moral der MITSPIELER zielt.

Wie gesagt, ich sage überhaupt nicht, daß man das nicht spielen kann, nur eben daß ich da phantasielos bin, was denn so die "Schlüsselszenen" eines Normallebens sind. Alle tollen Geschichten die ich dazu kenne, sind Zeitreisegeschichten. Ich liebe Zeitreisegeschichten, weswegen ich ja usw. Aber die fallen ja raus.

Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Crimson King am 20.01.2019 | 11:12
Das was Crimson King da sagt, hört sich für mich alles wie Thematisches Rollenspiel a la Edwards, Ron an. Also Dilemmata der Mittelschichtsmoralität und so weiter.

Das ist mir klar wie das läuft und was da gewollt wird. Ich hatte den Eindruck, daß Alltags-Rollenspiel etwas anderes meint. Eben zwar mit zeitlicher, aber nicht moralischer Zuspitzung. Und ohne diese Agenda, die auf die Moral der MITSPIELER zielt.

Ja, unbedingt. Ich will im Rollenspiel keine moralischen Statements über die Realität abgeben. Ich will auch nicht eine bestimmte Form von Story erspielen, die irgendwelche Tropes abhakt.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 20.01.2019 | 11:13
Wie gesagt: ich denke schon mehrere Stunden die letzten Tage darüber nach.

Wenn zum Beispiel du jemande aus Versehen umbringst, ja? Wie soll man das spielen? Die Entscheidung dazu?
Oder wenn Du an einer Unfallstelle vorbeifährst. Passiert in Echt dauernd. Aber im Rollenspiel, wer fährt denn drann vorbei? Denn da hilfst Du jemanden, kannst was machen, triffst einen Freund fürs Leben oder was auch immer. Oder ist das dann so wie ein Dilemma: Du fährst angetrunken Auto, hilfst Du beim Unfall oder nicht?
Und dann würfelt man? Aber wenn man dann doch vorbeifährt?

Ich kann mir das alles nicht Recht vorstellen. Ich muß mal bei sowas mitmachen, ich schlage das auf der nächsten Grande Assemblée vor.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Crimson King am 20.01.2019 | 11:22
Wenn zum Beispiel du jemande aus Versehen umbringst, ja? Wie soll man das spielen? Die Entscheidung dazu?

Wenn es aus Versehen ist, ist es wohl keine Entscheidung. Wie du damit umgehst, ist der spannende Teil. Da gibt es eine Menge zu entscheiden.

Oder wenn Du an einer Unfallstelle vorbeifährst. Passiert in Echt dauernd. Aber im Rollenspiel, wer fährt denn dran vorbei? Denn da hilfst Du jemanden, kannst was machen, triffst einen Freund fürs Leben oder wa auch immer. oderist das dann so wie ein Dilemma: Du fährst angetrunken Auto, hilfst Du beim unfall oder nicht?
und dann würfelt man?

Wann man würfelt, hängt von den Regeln ab. Man würfelt beim von mir beschriebenen Vorgehen beispielsweise dann, wenn die Spieler oder die SL den Ausgang eines Konfliktes (potenziell eines inneren) nicht über verbale Verhandlung ermitteln wollen oder aufgrund mangelnder Einigkeit nicht können. PtA oder Itras by (das bei mir interessanterweise wesentlich besser funktioniert) zwingen einem die Resolutionsmechanik dagegen recht stark auf.

Ich kann mir das alles nicht Recht vorstellen. ich muß mal bei sowas mitmachen, ich schlage das auf der nächsten Grande Assemblée vor.

Das dürfte helfen, wobei die Spieler auch ein entsprechendes Mindset haben müssen.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 20.01.2019 | 11:49
Zitat
PtA oder Itras by (das bei mir interessanterweise wesentlich besser funktioniert) zwingen einem die Resolutionsmechanik dagegen recht stark auf.

Das sind nun aber Thematische Rollenspiele und Storygames par excellance, das muß ich nicht mehr probieren, das habe ich hinter mir.

Zitat
Wenn es aus Versehen ist, ist es wohl keine Entscheidung. Wie du damit umgehst, ist der spannende Teil. Da gibt es eine Menge zu entscheiden.

Ich will wirklich nicht provozieren. Deswegen einfach nur die Frage:

Was gibt es da zum Beispiel zu entscheiden? Und wie interessiert das die Mitspieler? Die Menschen, denen sowas wiederfahren ist, sind üblicherweise gesellschaftlich sehr auf sich alleine gestellt, mit ihrem Problem. Wie macht man daraus eine Situation für alle am Tisch?
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Crimson King am 20.01.2019 | 11:57
Was gibt es da zum Beispiel zu entscheiden? Und wie interessiert das die Mitspieler? Die Menschen, denen sowas wiederfahren ist, sind üblicherweise gesellschaftlich sehr auf sich alleine gestellt, mit ihrem Problem. Wie macht man daraus eine Situation für alle am Tisch?

Melde ich das oder versuche ich, es zu vertuschen? Oder gar jemand anderem in die Schuhe zu schieben? Mache ich im folgenden persönlichen Ausnahmezustand andere dumme Dinge? Führt die wahrgenommene Schuld zu Änderungen am eigenen Lebensbild und wie wirkt sich das im Umgang mit anderen aus?

Davon abgesehen entsteht eine Situation für alle am Spieltisch bereits dann, wenn die anderen Spieler an der Situation dieses Charakters Anteil nehmen.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Issi am 20.01.2019 | 11:59
Ich nehme an, das Schlüsselwort ist einfach "Drama."
Das kann ich mit oder ohne übernatürliche Elemente haben.
Die Welt oder Existenz der Figuren muss halt irgendwie auf dem "Spiel" stehen. Im doppeldeutigen Sinn.

Alternativen zum tatsächlichen Mord,  wären zum Beispiel der Rufmord, der Gesellschaftliche Tod, der finanzielle Tod usw.

Kommt halt auch irgendwie darauf an, um was es geht. Was ist das Spielziel? Was sammelt die Figur an?
Erfahrung klar. Aber in welcher Form gewinnt man?
Und wie wird das von den Regeln festgehalten?

Oh tartex war schneller. Zu langsam editiert.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: tartex am 20.01.2019 | 12:02
Meine persönliche Erfahrung mit PtA ist nicht gut. Ich fühle mich da immer durch die Karten gerailroadet. Für andere ist so ein harter Play to find out-Ansatz mit geringen eigenen Einflussmöglichkeiten aber gerade das Richtige.

Ich meinte auch, dass man nur das Framework vor dem Spiel für Konfliktsuche nutzt. Der Spielleiter kann dann das dann innerhalb eines "normalen" Rollenspiels nutzen.

Es geht halt darum, dass die Spieler wissen, was die Charaktere wollen, und - für mich sehr wichtig - dass man für das Erreichen solcher Ziele spielmechanisch belohnt wird.

Die XP-Systeme in den unterschiedlichen PbtA- Systemen geben da auch oft gute Inspiration.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: tartex am 20.01.2019 | 12:09
Im Zauberberg gibt es nur so ein paar Entscheidungen. Daß Hans Castorp da länger bleibt, als die paar Tag zu Besuch. Danach hat er seinen Willen ja größtenteils auf standby gestellt. Alles andere passiert ihm. Dann gibt es noch eine große Entscheidung, nämlich als Settembrini in die Luft schießt, anstatt auf Naphta. Aber das ist ja, wie ich gerade beim Tippen merke, eben eine Waffengewaltszene.

Ich habe mehr so an die unterschiedlichen Schicksale der anderen Patienten gedacht. Generell finde ich es spannend, wenn man sich etwas nimmt, was man nicht darf, und das muss ja nichts materielles sein.

Ich würde es vielleicht einfach als Grenzüberschreitung bezeichnen. Die Gefahr dabei ertappt und sanktioniert zu werden ist spannend.

Das mag auch einfach das heimliche Belauschen  eines Patienten beim Sterben sein - so lange ich mir danach spielmechanisch was davon kaufen kann.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 20.01.2019 | 12:27
Der OP sagt:

Zitat
a) in unserer normalen Welt spielt
b) den Alltag von vorzugsweise Teenagern behandelt
c) keine übernatürlichen Elemente, keine Mordfälle, Serienkiller und sonstigen "unglaubwürdigen" Kram beinhaltet

Auf den Trichter gekommen bin ich durch das Videospiel "Life is Strange". Ja, das hat natürlich übernatürliche Elemente (Zeitreisen), viel interessanter fand ich dabei aber das normale Leben in Arcadia Bay, die Freundschaftsbeziehungen, die Schule etc. Das hat einfach unfassbar viel in mir getriggert!

Für mich kllingt das wie was anderes als Drama-Storygame. Wie dem auch sei, für die Erzeugung von zeitgenössischen Teenagern-Personnagen und deren Sozialprobleme sind tolle Regeln von Erick Wujik in der 1. Auflage von Beyond the Supernatural! Sinda uch zu allen Runequest-artigen kompatibel.
Heißer Tip.

(https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/4/40/Beyond_the_Supernatural_RPG_1st_Ed_1987.jpg)

Ansonsten bin ich soweit raus hier, als daß/falls hier High-Drama Storygaming gemeint ist.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Jiba am 20.01.2019 | 12:40
Ich nehme an, das Schlüsselwort ist einfach "Drama."
Das kann ich mit oder ohne übernatürliche Elemente haben.
Die Welt oder Existenz der Figuren muss halt irgendwie auf dem "Spiel" stehen. Im doppeldeutigen Sinn.

Es muss nicht einmal so krass sein, es kann eben auch nur der Ruf oder Leumund eines Charakters oder sein Selbstverständnis auf dem Spiel stehen.

Um zu verstehen, um welche Arten von Entscheidungen es geht, hat Crimson King schon richtig auf "Sozialdramen" verwiesen. Wo man aber auch schön sieht, was gemeint ist, sind Videospiele wie das schon im OP angesprochene Life is Strange (https://www.youtube.com/watch?v=KIO-7z99EPo) oder (noch deutlicher) Detroit: Become Human (https://www.youtube.com/watch?v=rY8-RAfTKvI) .

Diese Entscheidungen, darum geht es, wo sich Dinge einfach auf den Kopf stellen können, wo man sich selbst Optionen verbaut und auch mal Dinge bereuen kann. Eben... Menschliches.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Issi am 20.01.2019 | 12:50
Allgemein :Was halt ein Setting bietet, das in einer anderen Zeit, oder einer anderen Welt spielt,  ist
-. Einen gewissen Abstand zur Figur und zum Spiel.
Wenn man stattdessen einen Charakter in der jetzigen Welt(wie sie ist)  spielt, dann hat das mMn. was von "Second Life."
Oder evtl. "Ich spiele jmd.,  der ich gerne im echten Leben wäre."
Und Trennung zwischen Spiel und Realität kann uU.  etwas erschwert sein.
Nicht alle Spieler sind Schauspieler,  und kriegen das so problemlos hin.

@
Jiba
Ja natürlich. Im Prinzip läuft das ja auf Sozialdrama hinaus.
Aber auch das kann theoretisch tödlich werden.
Wenn sich jmd. wegen Mobbing umbringt z. B.. Oder aus Eifersucht ein Verbrechen begeht.

Edit.
Ich würde das nur Spielern empfehlen,  die mit sich selbst und ihrem Leben zufrieden sind. Und die ihre Rolle gut von ihrer Reallife Rolle trennen können.
Ist denke ich nix für labile Menschen.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Lord Verminaard am 20.01.2019 | 19:22
Beispiele aus meinen Spielrunden:

* Für etwas Großes um Vergebung bitten und sie bekommen, oder nicht bekommen.
* Mit Tauer/Schmerz abschließen, oder generell mit etwas Frieden machen.
* Sich aus einer toxischen Beziehung lösen.
* Einer Lebenslüge ins Auge blicken.
* Seinem leiblichen Kind, das einem fremd ist, begegnen.
* Kurz davor stehen, etwas zu erreichen, auf das man ewig hingearbeitet hat, und erkennen, dass einem etwas anderes viel wichtiger ist.
* Und ja, Lebensentwurf und Liebe sind natürlich Klassiker, die kann man ja in vielen verschiedenen Varianten durchdeklinieren. Du würdest ja auch nicht auf die Idee kommen, dich zu wundern, dass bei D&D immer wieder Schwerter und Äxte zum Einsatz kommen.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Issi am 21.01.2019 | 08:39
@
Vermi
Charakter Entwicklung und Charakter Tiefe kann man eigentlich auch in D&D haben. Ist vielleicht nur eine Frage des Schwerpunktes.
Wenn die Regeln Charakterspiel nicht explizit belohnen oder einfordern , dann ist es halt eine freiwillige Sache.

Will sagen : Ein Familiendrama oder ein Sozialdrama etc., ist auch mit D&D möglich. Und ist auch sicherlich in einigen Gruppen nichts Ungewöhnliches. Auch wenn man sonst eher Monster, Axt und Schwert damit in Verbindung bringt.

Edit.
Es gibt natürlich auch die Klischees des seichten, unterhaltsamen Hack & Slay,  die bei den Helden, wenn dann nur an der Oberfläche kratzen.
(Und manche Spieler wollen vielleicht auch genau das (wertfrei gemeint))
Aber tatsächlich sind die von Dir aufgeführten Themen auch Teil klassischer Heldenepen oder Space Soap Operas.


Es gibt mMn.  kein Entweder oder.. . Man kann die Äxte mit oder ohne Sozialdrama haben. Oder umgekehrt das Sozialdrama mit oder ohne Äxte, Zauber, Monster whatever.

Für mich ist eher die Frage interessant,  warum es möglichst nahe an der Realität sein muss. Bzw. warum Übernatürliches dabei nicht existieren soll?


 
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Megan am 21.01.2019 | 10:32
Für mich ist eher die Frage interessant,  warum es möglichst nahe an der Realität sein muss. Bzw. warum Übernatürliches dabei nicht existieren soll?
Hm...

Punkte, die mMn *für* Übernatürliches/SciFi-/Fantasysetting etc. sprechen:
- es gibt anderes zu entdecken
- man kann komplett verrückte Ideen ausfahren
- die Gefahr, dass man irgendwelche persönlichen Issues der Spieler schrammt ist geringer, bzw. die Spieler können sich ggf. besser von ihrer Figur distanzieren
- man kann Geschichten unter ganz anderen Blickpunkten beleuchten
- man kann Geschichten spielen, die es in unserer Welt nicht geben kann
- man kann mit Sicherheit besser Realitätsflucht begehen  :)


Warum sollte/könnte man das alles ausklammern wollen?
- um den Fokus ganz auf den Menschen zu rücken
- um Geschichten zu erzählen, die eben auch in der echten Welt so hätten passieren können
- um die Herausforderung zu haben, andere stilistische Mittel zu finden, mit denen man die Geschichte erzählen kann
- weil man nur unsere Welt mag (gibts bestimmt auch; die Frage ist, ob man solche Leute in Rollenspielerkreisen findet.  ;D)

Ich denke, in einem "Alltags-Setting" gibt es halt wenig mehr zu entdecken und zu erfahren, als die Figuren, die sich darin bewegen. Da ist die Prämisse vielleicht klarer.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Issi am 21.01.2019 | 11:12
Vielen Dank für die Antwort!
Ich kann das Meiste davon nachvollziehen.
- um die Herausforderung zu haben, andere stilistische Mittel zu finden, mit denen man die Geschichte erzählen kann
Das ist das Einzige, was ich (noch) nicht verstehe.
Was wären denn das für stilistische Mittel?
Bzw. wo sind denn da die Unterschiede?
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Megan am 21.01.2019 | 12:28
Was wären denn das für stilistische Mittel?
Bzw. wo sind denn da die Unterschiede?

Ich meine damit besondere Geschichtsformen, Setups oder auch Erzähltechniken, die ermöglichen, noch näher an die Firguren heranzurücken, aber auch, um die Geschichte aufzupeppen.

Zu den Erzähltechniken fallen mir ein paar Sachen ein, die ich über Jeepform kennengelernt habe, z.B.
- Szenen mehrfach durchspielen, jeweils mit dem Fokus auf einem anderen Detail oder mit z.B. Figurenwechsel untereinander
- Innere Monologe vortragen/tatsächliche Gedanken (der Figuren) laut aussprechen

Setups z.B. (auch da bietet Jeepform vieles an)
- genau 4 Personen, lokal sehr begrenzt (weil sie im Aufzug stecken geblieben sind oder weil sie zusammen im Zug sitzen)
- Päarchenabend

Mit Geschichtsformen meine ich Ideen, die das übliche Schema aufbrechen z.B.
- von hinten nach vorne erzählt
- Anthologien
- etwas im Stile von Episodenfilmen

Natürlich kann man alle diese Mittel auch in Nichtalltgssettings einsetzen, aber vielleicht ist es da weniger nötig, weil man die ganzen Möglichkeiten des Settings auch zur Verfügung hat.
Tatsächlich basiert dieser ganze Punkt auf meinem subjektiven Empfinden.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Lord Verminaard am 21.01.2019 | 12:40
Ja, ich spiele so was meistens auch neben einer abenteuerlicheren/phantastischeren Geschichte und nicht für sich allein. Spontan fallen mir nur zwei One-Shot-Runden ein, wo es wirklich um ganz normale Menschen in unserer ganz normalen Welt der Gegenwart ging. Eine davon ist aber in meinen Top 3 aller Zeiten. Ich finde es eigentlich nicht verwunderlich, dass zumindest Erzählspieler so was machen sollten. Wenn man sich schließlich Filme, Serien und Romane anschaut, dann scheint es doch wirklich mehr als ausreichend Geschichten über unsere Welt der Gegenwart zu erzählen zu geben.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Issi am 21.01.2019 | 13:11
Ich meine damit besondere Geschichtsformen, Setups oder auch Erzähltechniken, die ermöglichen, noch näher an die Firguren heranzurücken, aber auch, um die Geschichte aufzupeppen.

Zu den Erzähltechniken fallen mir ein paar Sachen ein, die ich über Jeepform kennengelernt habe, z.B.
- Szenen mehrfach durchspielen, jeweils mit dem Fokus auf einem anderen Detail oder mit z.B. Figurenwechsel untereinander
- Innere Monologe vortragen/tatsächliche Gedanken (der Figuren) laut aussprechen

Setups z.B. (auch da bietet Jeepform vieles an)
- genau 4 Personen, lokal sehr begrenzt (weil sie im Aufzug stecken geblieben sind oder weil sie zusammen im Zug sitzen)
- Päarchenabend

Mit Geschichtsformen meine ich Ideen, die das übliche Schema aufbrechen z.B.
- von hinten nach vorne erzählt
- Anthologien
- etwas im Stile von Episodenfilmen

Natürlich kann man alle diese Mittel auch in Nichtalltgssettings einsetzen, aber vielleicht ist es da weniger nötig, weil man die ganzen Möglichkeiten des Settings auch zur Verfügung hat.
Tatsächlich basiert dieser ganze Punkt auf meinem subjektiven Empfinden.
Interessant ! :)

Zitat
- Innere Monologe vortragen/tatsächliche Gedanken (der Figuren) laut aussprechen
Das ist witzig. Das kenne ich tatsächlich auch aus Fantasy Settings.
Wo der Spieler dann in krassen Momenten spontan sagt: "Verdammt! Was mache ich denn jetzt!? ",
oder "Ich möchte am liebsten im Boden versinken. Geht da nicht irgendwo zufällig ein Loch auf?."
Also quasi Gefühle für seine Figur äußert. In vielen Fällen sind die Gefühle der Figuren aber auch bei den darstellenden Spielern sichtbar.
a la...Der Spieler sagt nicht nur, was die Figur sagt. Sondern stellt auch ihre Gefühlslage  dar.
(z.B. Wut,  Angst, Freude,Trauer)-um mal nur die vier Grundgefühle zu nennen.

Zitat
- genau 4 Personen, lokal sehr begrenzt (weil sie im Aufzug stecken geblieben sind oder weil sie zusammen im Zug sitzen)
- Päarchenabend
Solche "Gesprächskäfige" gibt es tatsächlich  auch in Fantastischen Welten. Z.B. in  Kutschen.
Oder Kerkern. Aber da muss man die Helden ja auch erstmal rein bekommen.
Das mit der Kutsche klappt meistens ganz gut.
Auch kleine Boote bieten sich an. Oder Zimmer die verschlossen sind.
Im SciFi, wäre das Gegenstück dazu eventuell eine Raumkapsel. In moderneren Settings vielleicht auch schon ein Taxi ~;D

Edit. Solche Einzelszenen klappen bei einer klassischen Abenteuer Gruppe halt nur, wenn die Figuren auch mal Einzelaktionen haben dürfen.
Da herrscht auch (für mich unnötigerweise)  teilweise noch das Dogma- "never split the party" vor.
Titel: Re: Alltags-Rollenspiel ohne übernatürliche Elemente?
Beitrag von: Settembrini am 21.01.2019 | 16:49
Zitat
* Für etwas Großes um Vergebung bitten und sie bekommen, oder nicht bekommen.
* Mit Trauer/Schmerz abschließen, oder generell mit etwas Frieden machen.
* Sich aus einer toxischen Beziehung lösen.
* Einer Lebenslüge ins Auge blicken.
* Seinem leiblichen Kind, das einem fremd ist, begegnen.
* Kurz davor stehen, etwas zu erreichen, auf das man ewig hingearbeitet hat, und erkennen, dass einem etwas anderes viel wichtiger ist.

Das sind alles emotionale Erlebnisse oder Situationen. Vielleicht sogar emotionale Szenen, Spielszenen. Die spiegeln sich aber nicht in den einzelnen, spannenden (s. o.) Entscheidungen wieder (zumindest ohne Zeitreise, s. BtF I-III retc. pp.). Was meine Frage war nimmt gewissermaßen an, daß diese "Emotionsszenen" zeitlich extrem entkoppelt sind, von den Entscheidungen, die ihnen zugrundeliegen. Außer eben in ganz wenigen Fällen, die mir da einfielen. Mehr habe ich gar nicht gefragt, wiel es so klang, als wäre das ganz offensichtlich und ich wäre eifach phantasielos, aber ich denke ich habe es jetzt verstanden.

Um zum Beispiel die toxische Beziehung zu beenden, muß die ja erst bekanntermaßen toxisch sein. Dem lentfremdeten Kind begegnen setzt eben einen Arschvoll anderer Sachen vorraus. Also eine Art Zeitreise wieder dabei. Was nicht schlimm ist, aber etwas anderes, als ich meinte/dachte.

Und wenn Sozialdrama langweilig weil ewig gleich wäre, dann gäbe es keien Liebeslieder etc. mehr. Da rennst Du offene Türen ein. OK, dann viel Freude euch noch und danke für den Fisch!