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Pen & Paper - Rollenspiel => Pen & Paper - Rollenspiel- & Weltenbau => Thema gestartet von: Eulenspiegel am 8.08.2011 | 20:43

Titel: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Eulenspiegel am 8.08.2011 | 20:43
Da im alten Thread [Science Fiction] Schiffsdesign und Technologie (http://tanelorn.net/index.php/topic,39467.0.html) etwas OT, aber dennoch interessant, habe ich mal diesen Thread hier eröffnet.

Hier wird bereits das Pferd von hinten aufgezäumt, wenn man davon ausgeht, dass irgend jemand das Gefühl hat, irgend jemanden versorgen zu müssen, egal ob das rentabel ist oder nicht. So funktioniert freie Wirtschaft bekanntlich nicht. Wenn die Erde gegenüber Planet X nichts mehr hat, was Planet X braucht, wird die Erde von Planet X entweder nichts über bilateralen Handel erhalten oder das Exportdefizit aus anderen Quellen deckeln müssen.
Es fängt ja ganz vorne an: Erstmal muss der Planet besiedelt werden.

Die Besiedlung eines Planeten ist mit Kosten verbunden, die sich nicht in der 1. Generation und auch nicht in der 2. Generation amortisieren. Aber irgendwann zahlt sich die Kolonisation aus und die Kolonie macht mehr Gewinne als Ausgaben.

Man könnte sich das ganze sozusagen so vorstellen: Die 1. und 2. Generation der Siedler verschulden sich bei terranischen Organisationen, um sich ihr Heim auf der Kolonie aufbauen zu können. Und die späteren Generationen müssen diese Schulden samt Zins&Zinseszins zurückzahlen. (Andererseits wird ihr Heim gepfändet und geht an die terranische Organisation über.)

Zitat
Für die Entwicklung von Welten muss man Spezialisten hinkutschen, und die werden sehr schnell für technisch-wirtschaftliche Autonomie sorgen.
Kommt darauf an, wem sich die Spezialisten verpflichtet fühlen: Fühlen sich die Spezialisten den Kolonisten gegenüber verpflichtet? Oder fühlen sie sich der Organisation gegenüber verpflichtet, die sie bezahlt?
Erst recht, wenn die Spezialisten alle 5 Jahre weiterziehen, kommt so etwas richtiges wie Heimatgefühle nicht auf.

Zitat
Jedes Bemühen, dies zu unterbinden, wird unweigerlich in bewaffnete Konflikte münden, in denen das Mutterland der Mutterplanet noch stärker gelackmeiert ist als bei Unabhängigkeitskriegen auf der Erde, zumal die Versorgungswege noch länger sind.
Zum ersten Teil: Ja. Aber gerade diese bewaffneten Auseinandersetzungen sind aus rollenspielerischer Sicht doch interessant. Vor allem, wenn sich die Spieler dann aussuchen können, auf welcher Seite sie in den Konflikt eingreifen oder ob sie gar beide Seiten gegeneinander ausspielen.

Ansonsten denke ich, dass die Versorgungswege sich nicht viel nehmen und in etwa gleich lange dauern. (Bloß dass man auf einem Raumschiff nicht mit einer Windflaute zu kämpfen hat.)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: <Juju> am 8.08.2011 | 21:05
Es fängt ja ganz vorne an: Erstmal muss der Planet besiedelt werden.

Die Besiedlung eines Planeten ist mit Kosten verbunden, die sich nicht in der 1. Generation und auch nicht in der 2. Generation amortisieren. Aber irgendwann zahlt sich die Kolonisation aus und die Kolonie macht mehr Gewinne als Ausgaben.

Und diese Besiedlung wird vermutlich einem Zweck des Heimatplaneten folgen. Die Angesprochene Organisation handelt bestimmt nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit,
sondern verfolgt Ihre eigenen Ziele. Die ersten Siedler werden direkte Angestellte oder Subkontraktoren eben dieser Organisation sein. Bestehend aus Pionieren, im militärischen Sinne, Experten zum Abbau der Ressourcen und Vorsteher der Organisation. Dazu Familie und Kinder. Und später ein wenig Luxus.

Und ich denke Experte ist bei solch einer Aktion eher ein Job fürs Leben, als dass man da nach ein paar Jahren wieder weg versetzt wird.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 8.08.2011 | 21:41
Gute Idee, ich lagere mal auch meine Antwort hierhin aus:

Hier wird bereits das Pferd von hinten aufgezäumt, wenn man davon ausgeht, dass irgend jemand das Gefühl hat, irgend jemanden versorgen zu müssen, egal ob das rentabel ist oder nicht. So funktioniert freie Wirtschaft bekanntlich nicht. Wenn die Erde gegenüber Planet X nichts mehr hat, was Planet X braucht, wird die Erde von Planet X entweder nichts über bilateralen Handel erhalten oder das Exportdefizit aus anderen Quellen deckeln müssen.

Von "versorgen müssen" kann auch nicht unbedingt die Rede sein. Die Wirtschaft wird bei gegebener Technologie selber ihre Interessen verfolgen wollen, und von einem Konzern betriebene Bergbauunternehmen sind keine unabhängigen Staaten. Wenn auf der Erde kein z.B. Hafnium mehr verfügbar ist, weil die Chinesen die gesamte Produktion kontrollieren und nichts davon rausrücken, sucht man halt auf anderen Planeten oder Asteroiden danach.

Und mal weiter vorgespult: wenn eine extrasolare Kolonie wirklich autark ist, und nichts mehr von der Erde importieren _muss_, ja, dann hat sie insofern gewonnen. Da spricht aber aus der Draufsicht auch nichts dagegen. Vielleicht passt es dem Mutterland nicht und es gibt einen Unabhängigkeitskrieg -- wunderbar für uns und unsere Stories. Aber bis dahin ist es eine lange Frist, und eine Kolonie muss sich schon vorrechnen lassen, wieviel vorher von der Erde dorthin geflossen ist.

Zitat
Daher ja mein Vorschlag, die langweiligen, aber notwendigen Setting-Bestandteile von den spannenden, spielbaren zu trennen und der Deduktion ihren Lauf zu lassen.

Naja, auch wenn man es nicht spielt, muss es doch trotzdem funktionieren. Es kotzt mich in _allen_ Settings an, wenn die Zahlen und Werte vorn und hinten nicht zusammenpassen. Ob das nun in DSA ist, wo ein "armer Fischer" über ein Boot im Wert von 15 Kilo Gold verfügt, oder in Shadowrun, wo man für bescheidene 200.000 Nuyen einen ausgewachsenen Learjet kaufen kann. Die "es muss nur den Spielfluss der Gruppe unterstützen" These kann ich nicht ausstehen.


Zitat
1.) Wenn Raumreisen etwas für Abenteurer, VIPs und Flüchtlinge sind, werden wenige Passagiere genug zahlen, um Raumflüge für kleine Frachter rentabel zu machen. Sind Raumreisen alltäglich, werden die gewaltigen Zahlen an Passagieren in riesigen Passagierschiffen weniger Beförderungsunternehmen befördert und für kleine Trampfrachter besteht kein Bedarf.

Lies, wir brauchen einen Mittelwert. Vielleicht ungefähr so wie, ich sag mal, der Luftverkehr der 1950er Jahre oder so? Wohlgemerkt ist da Luftverkehr kein so guter Vergleich, weil es soweit ich weiss keine "Tramp-Flieger" gibt oder gab. Trampfrachter zur See hingegen gibt es bis heute. Zwischendurch waren sie mal im Rückgang, aber in letzter Zeit nimmt der Trampverkehr angeblich wieder zu.

Zitat
2.) Der große Rohstoffverkehr ist dröge und wird von Robotfrachtern abgewickelt. Trampfrachter sind klein, können also nur kleine Frachtmengen bewegen.

Die Größe des Frachters ist wie gesagt bei interplanetaren Raumschiffen relativ egal. Solange man den Schwerpunkt ausbalanciert, kann man so viele Fracht- und Tankmodule dranklipsen, wie man lustig ist -- intelligent designte Schiffe werden sowieso modular sein, um das zu ermöglichen. Die Größe des Schiffs limitiert eigentlich nur die Leistung des Antriebes, d.h. mit mehr Ladung wird das Ding halt langsamer.
Ich will es zwar auch so haben, dass der dröge Rohstoffverkehr von Robofrachtern (oder jedenfalls nicht von den SCs) erledigt wird, aber mir fällt dafür keine bessere Begründung ein als "Das ist den Raumfahrern zu langweilig". :6
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Tudor the Traveller am 8.08.2011 | 22:35
Die Besiedlung eines Planeten ist mit Kosten verbunden, die sich nicht in der 1. Generation und auch nicht in der 2. Generation amortisieren. Aber irgendwann zahlt sich die Kolonisation aus und die Kolonie macht mehr Gewinne als Ausgaben.

Man könnte sich das ganze sozusagen so vorstellen: Die 1. und 2. Generation der Siedler verschulden sich bei terranischen Organisationen, um sich ihr Heim auf der Kolonie aufbauen zu können. Und die späteren Generationen müssen diese Schulden samt Zins&Zinseszins zurückzahlen. (Andererseits wird ihr Heim gepfändet und geht an die terranische Organisation über.)

Kommt das nicht sehr darauf an, warum der Planet erschlossen wird? "Besiedlung" kann ja alles sein, von einer Forschungsstation, die nur das nahegelegene XY studiert, über Bergbaukolonien, die permanent versorgt werden müssen, oder Urlaubsresorts, weil die Sonne dort so schön ist, oder privaten Exilen steinreicher Personen, eben bis hin zur "echten" breit angelgeten "Kolonie".

Besetzung aus militärischen Gründen oder Gefängnisplaneten nicht zu vergessen  ;)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Chaos am 9.08.2011 | 00:54
Gute Idee, ich lagere mal auch meine Antwort hierhin aus:

Von "versorgen müssen" kann auch nicht unbedingt die Rede sein. Die Wirtschaft wird bei gegebener Technologie selber ihre Interessen verfolgen wollen, und von einem Konzern betriebene Bergbauunternehmen sind keine unabhängigen Staaten. Wenn auf der Erde kein z.B. Hafnium mehr verfügbar ist, weil die Chinesen die gesamte Produktion kontrollieren und nichts davon rausrücken, sucht man halt auf anderen Planeten oder Asteroiden danach.

Und mal weiter vorgespult: wenn eine extrasolare Kolonie wirklich autark ist, und nichts mehr von der Erde importieren _muss_, ja, dann hat sie insofern gewonnen. Da spricht aber aus der Draufsicht auch nichts dagegen. Vielleicht passt es dem Mutterland nicht und es gibt einen Unabhängigkeitskrieg -- wunderbar für uns und unsere Stories. Aber bis dahin ist es eine lange Frist, und eine Kolonie muss sich schon vorrechnen lassen, wieviel vorher von der Erde dorthin geflossen ist.

Ich stelle mir das so ähnlich vor wie damals in den amerikanischen Kolonien, dass das Mutterland der Kolonie schlicht verbietet, bestimmte Industrien zu betreiben, gerade extrem profitable Geschichten wie Pharmazeutik oder High-Tech-Elektronik, und dieses Verbot auch mit eiserner Faust durchsetzt, um die Kolonie von sich abhängig zu halten. Das Ganze wird dann irgendwann natürlich auch wie damals in den amerikanischen Kolonien enden, vielleicht mit einer "Microchip Party" im orbitalen Frachtumschlagplatz von New Boston.

Und selbst ohne so eine Konstruktion ist es ein himmelweiter Unterschied, ob eine Kolonie keine Importe vom Mutter braucht, oder ob das Mutterland nichts zu bieten hat, was die Kolonisten wollen. Eine Kolonie könnte etwa durchaus auch mit dem auskommen, was sie selbst an Agrarmaschinen und Medikamenten herstellen, aber ohne Exporte von entsprechend fortschrittlicheren Produkten von der Erde wäre die Lebenserwartung geringer und die Nahrungsproduktion würde wesentlich mehr Arbeitsaufwand benötigen.

Und letztlich ist die Erde vermutlich die einzige Quelle für Raumschiffe und moderne planetare Verteidigungssysteme, die man braucht, um sich Piraten, Plünderer und anderes Gesocks vom Leib zu halten.

Zitat
Ich will es zwar auch so haben, dass der dröge Rohstoffverkehr von Robofrachtern (oder jedenfalls nicht von den SCs) erledigt wird, aber mir fällt dafür keine bessere Begründung ein als "Das ist den Raumfahrern zu langweilig". :6

Wäre es nicht sowieso einfacher, den Rohstoffpaketen einen kleinen Stups zu geben und sie dann langsam und unbeaufsichtigt durch das System treiben zu lassen, bis sie am Zielort ein Schlepper "einfängt"? Zeitkritisch sind sie ja nicht, und wenn die Schiffe die Strecke nicht mitmachen müssen, braucht man auch viel weniger von ihnen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 9.08.2011 | 01:58
Ich stelle mir das so ähnlich vor wie damals in den amerikanischen Kolonien, dass das Mutterland der Kolonie schlicht verbietet, bestimmte Industrien zu betreiben,

In einem modernen Staat mit demokratischem Selbstverständnis wäre das absolut nicht mehr durchsetzbar. Schließlich kann der Machthaber dafür keinen besseren Grund liefern als "Die Wurst bleibt hier". Das mag mit einer chinesischen oder russischen Kolonie durchführbar sein, aber nicht mit einer europäischen oder amerikanischen. Also, damit meine ich nicht, dass es irgendwann zur "Mikrochipparty" kommt, sondern einfach von vornherein kein solches Gesetz erlassen werden könnte.

Kurz, das hängt vom politischen Status der Erde im betreffenden Setting ab. Die groben Optionen sind:
* Vereinigte Erde, demokratisches System
* Vereinigte Erde, Diktatur
* Mehrere Staaten/Blöcke mit unterschiedlichen Systemen (dafür habe ich mich bei Redshift entschieden, nicht zuletzt um eine möglichst große Bandbreite abzudecken.)

Zitat
Und letztlich ist die Erde vermutlich die einzige Quelle für Raumschiffe und moderne planetare Verteidigungssysteme, die man braucht, um sich Piraten, Plünderer und anderes Gesocks vom Leib zu halten.

Ja, mittelfristig. Langfristig werden die Kolonien sich da auch selber einrichten, zumal sie da auch vor Ort die Raumschiffe direkt für ihre Bedürfnisse maßschneidern können.

Zitat
Wäre es nicht sowieso einfacher, den Rohstoffpaketen einen kleinen Stups zu geben und sie dann langsam und unbeaufsichtigt durch das System treiben zu lassen, bis sie am Zielort ein Schlepper "einfängt"? Zeitkritisch sind sie ja nicht, und wenn die Schiffe die Strecke nicht mitmachen müssen, braucht man auch viel weniger von ihnen.

Das hab ich mir auch schonmal überlegt. Möglich wäre es natürlich, auf jeden Fall mit Hohmann-Transfers. Problem dabei ist, dass man zwischen den Planeten nur relativ selten ein Startfenster für einen Hohmann-Transfer hat. Z.B. zwischen Erde und Jupiter nur etwa einmal im Jahr, und die Ladung wäre dann fast 3 Jahre unterwegs.

Vereinfachte Erklärung: Hohmann-Transit heisst, dass man das Schiff / die Ladung zu einem bestimmten Zeitpunkt genau so beschleunigt, dass es später die Bahn des Zielplaneten genau dann tangiert, wenn dieser Planet auch gerade da ist. Das Schlüsselwort ist hier "tangiert", nicht "kreuzt". Hohmann-Transfers zeichnen sich durch minimalen Energiebedarf bei maximaler Zeit aus.

Theoretisch wäre es wohl auch möglich, eine freischwebende Ladung zu anderen Terminen (dann mit höherer Geschwindigkeit) abzuschicken, aber der Capture würde dann einige ziemlich komplizierte Manöver erfordern, bei der das einfangende Schiff mehrmals den Vektor ändern muss. Ob sich das dann noch lohnt, weiß ich nicht, das ist mir zu kompliziert auszurechnen.

Außerdem gibt es noch zwei weitere Probleme: erstens könnte eine solche unbeaufsichtigte Last schon von sich aus eine Gefahr für die Schiffahrt darstellen. Zugegeben, ein sehr geringes Risiko. Zweitens wäre das ein gefundenes Fressen für Terroristen oder Saboteure, die die Last abfangen und mit einem neuen Vektor versehen könnten. Zwar sind auch da die Erfolgsaussichten gering, damit wirklich schweren Schaden anzurichten, aber auf jeden Fall hat man erstmal den Salat und muss die Ladung wieder einfangen.

Hier ist aber noch ein Grund gegen Robofrachter überhaupt: sie bieten ein verlockendes Ziel für "Autodiebe", nur dass die hier kein Auto klauen, sondern einen kompletten nuklearen Antrieb. Denn, das habe ich eben ausgerechnet, mit harmlosen chemischen Antrieben ist bei den angedachten Frachtmengen nichts zu machen.
Das ist jetzt etwas blöd. Sieht so aus, als müsste die Fracht doch vorzugsweise von lebenden Crews befördert werden, oder man spielt doch interplanetares Zuwerfen. Die ideale Lösung ist mal wieder nicht dabei.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Merlin Emrys am 9.08.2011 | 10:12
Kurz, das hängt vom politischen Status der Erde im betreffenden Setting ab. Die groben Optionen sind:
* Vereinigte Erde, demokratisches System
* Vereinigte Erde, Diktatur
* Mehrere Staaten/Blöcke mit unterschiedlichen Systemen (dafür habe ich mich bei Redshift entschieden, nicht zuletzt um eine möglichst große Bandbreite abzudecken.)
Mir fällt vor allem noch eine weitere ein: Eine (ggfs. hinter Marionetten gleich welche Couleur) stehende, strikte Herrschaft der Reichsten, die (oft genug jedenfalls) zugleich auch Händler sind. Die Kaiser hatten ihre Fugger, die EU hat Standard & Poor's. Schon jetzt haben die reichsten Einzelpersonen der Welt Verfügungsmacht über mehr Guthaben als manche Länder. Den "Seeweg nach Indien" zu finden war, wenn ich mich recht entsinne, ein wirtschaftlich inspiriertes Unternehmen. Usw. usf...

Und für Einzelpersonen kann das Kolonisieren von Exoplaneten vom extravanten Hobby über "tue Gutes und sprich darüber" bis zu einer auf Langfristigkeit angelegten Investition alles sein, und sicher noch vieles mehr.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Chaos am 9.08.2011 | 11:15
In einem modernen Staat mit demokratischem Selbstverständnis wäre das absolut nicht mehr durchsetzbar. Schließlich kann der Machthaber dafür keinen besseren Grund liefern als "Die Wurst bleibt hier". Das mag mit einer chinesischen oder russischen Kolonie durchführbar sein, aber nicht mit einer europäischen oder amerikanischen. Also, damit meine ich nicht, dass es irgendwann zur "Mikrochipparty" kommt, sondern einfach von vornherein kein solches Gesetz erlassen werden könnte.

Kurz, das hängt vom politischen Status der Erde im betreffenden Setting ab. Die groben Optionen sind:
* Vereinigte Erde, demokratisches System
* Vereinigte Erde, Diktatur
* Mehrere Staaten/Blöcke mit unterschiedlichen Systemen (dafür habe ich mich bei Redshift entschieden, nicht zuletzt um eine möglichst große Bandbreite abzudecken.)

Ach, das hängt ganz davon ab, wie zynisch die Politiker der jeweiligen Demokratie sind, und wie formbar die Wählerschaft ist. Ich war ja auch mal der Meinung, sowas wie Guantanamo sei in einem "modernen Staat mit demokratischem Selbstverständnis" absolut nicht durchsetzbar. Da salbadert man halt irgendetwas über "Wahrung von Qualitätsstandards", "Betriebssicherheit", "Schutz des empfindlichen planetaren Ökosystems der Kolonie", "Schutz der heimischen Wirtschaft" und so weiter und so fort, da geht das schon. Und die heimische Wirtschaft wird sicher ganz klassisch mit dem Damoklesschwert "Verlust von Arbeitsplätzen" herumfuchteln.

Es muss ja auch kein Gesetz sein, das solche Sache direkt und ausdrücklich verbietet - man muss es nur schwierig und unangenehm und teuer genug machen. Steuern, Sicherheitsvorschriften, Genehmigungsverfahren, fünffache notariell beglaubigte schriftliche Ausführung, persönliches Erscheinen bei der Behörde auf der Erde, etc etc etc.

Zitat
Das ist jetzt etwas blöd. Sieht so aus, als müsste die Fracht doch vorzugsweise von lebenden Crews befördert werden, oder man spielt doch interplanetares Zuwerfen. Die ideale Lösung ist mal wieder nicht dabei.

Klingt nach einer Aufgabe für Leute, die bestraft werden sollen. Also statt als Galeerensträfling verurteilt zu werden, halt als Erzfrachterbesatzung.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Dark_Tigger am 9.08.2011 | 11:20
Die Besiedlung eines Planeten ist mit Kosten verbunden, die sich nicht in der 1. Generation und auch nicht in der 2. Generation amortisieren. Aber irgendwann zahlt sich die Kolonisation aus und die Kolonie macht mehr Gewinne als Ausgaben.

Irgendwie muss ich da an den alten Spruch der Moorbauern denken: "Des ersten Tod, des zweiten Not, des dritten Brot".
Ein Spruch der sich auch in der Kolonisation des Weltalls wieder bewahrheiten könnte.
Vor allem wen man eine kolonisation im Stil von Hamiltons Nightdawn nimmt. Da durften sich Siedler praktisch Siedlungsrechte kaufen,
den überflug kaufen, die nötige Ausrüstung kaufen, und bekamen dafür eine grobe Schulung in Agratechnik und ein Stück Land zugewiesen. Das Land durften die dann urbar machen und so langssam die gesellschaftliche Grundlage für eine technologische Gesellschafft hochziehen.

Ach ja und mit Gewinnen war eher so in der vierten/fünften Generation zu rechnen.

In einem modernen Staat mit demokratischem Selbstverständnis wäre das absolut nicht mehr durchsetzbar. Schließlich kann der Machthaber dafür keinen besseren Grund liefern als "Die Wurst bleibt hier". Das mag mit einer chinesischen oder russischen Kolonie durchführbar sein, aber nicht mit einer europäischen oder amerikanischen. Also, damit meine ich nicht, dass es irgendwann zur "Mikrochipparty" kommt, sondern einfach von vornherein kein solches Gesetz erlassen werden könnte.

Wenn du dich da mal nicht irrst. Der europäische und auch der usamerikanische Markt sind doch recht protektionistisch.
Und "Die Wurst bleibt hier" ist ein Argument, dass immer wieder gerne genutzt wird, wenn es um Wirtschafftspolitik geht.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: <Juju> am 9.08.2011 | 12:00
Zumal sich das Verhalten der Parteien im Patenrecht und auf dem Finanzmarkt mMn auf Kindergartenniveau bewegt.

"Ich will aber/weil ich kann", "das ist aber/jetzt meins", "der andere hat.. "  und  "dann mach ich aber .. "

sind gültige und weit verbreitete Vorgehensweisen zwischen Staaten und Wirtschaftsunternehmen.

Gute Beispiele dafür sind wie gesagt Patenrechte in den USA, Investmentbanking ( überhaupt alle Ideen aus Gemauschel mit Geld noch mehr Geld zu machen )
und der letzte Irak Krieg.

Außerdem denke ich, das wichtigste Exportgut der Erde werden für lange Zeit Menschen sein, weil das wichtigste Importgut der Kolonien Manpower sein wird.
Und ich glaube auch das diese Manpower zu einem guten Teil aus ungewollten Elementen der Heimatwelt bestehen wird.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Lichtschwerttänzer am 9.08.2011 | 12:06
oder aus verzweifelten aber gut ausgebildeten Elementen, die der Not entfliehen wollen
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 9.08.2011 | 13:08
@Politik:
stimmt, Plutokratie ist natürlich auch noch eine Option.

"Demokratie" ist ja sowieso schon so ein unscharfer Begriff. Neuerdings geht ja der Begriff von der "Postdemokratie" um, d.h. die gewählten Volksvertreter können gar keine echte Politik mehr machen, weil sie nur noch mit der Verwaltung von Sachzwängen beschäftigt sind. Das System ist festgefahren.

Oder noch etwas bitterer, ich nenne es mal "Analogdemokratie". Wie Analogkäse. Das eine ist Käse ohne Milch. Das andere Demokratie ohne Einfluss des Volkes. Es ist vollkommen wurscht, welche Politiker man wählt, weil die sowieso noch nur das tun, was ihnen passt. Es wird lediglich die Illusion der Demokratie aufrecht erhalten.

Ist natürlich jederzeit mit Plutokratie verknüpfbar.

@Protektionismus:
das ist mit der heutigen Situation nicht vergleichbar, da es ja derzeit keine Kolonien in dem Sinne gibt. Zolltarife etc. greifen gegen andere Länder. Bei SF-Kolonien _wären_ die Kolonisten ja die eigene Bevölkerung. Das wär eher so, als ob die deutsche Regierung verbieten würde, im Osten Fabriken zu bauen, damit keine West-Arbeitsplätze gefährdet werden.

@Arbeitsplätze:
Das Thema hatten wir schonmal im separaten Setting-Thread:
Man kann wohl bedenkenlos sagen, dass mit fortschreitender Technologie auch die Rationalisierung immer weiter zunimmt. Eine einmal erreichte Rationalisierung bekommt man aus dem Menschen auch nicht mehr raus. Die Produktivität jedes einzelnen ist so hoch, dass es nicht genug Arbeit für alle gibt.
Kluge Köpfe haben übrigens schon in den 80ern ausgerechnet, wenn wir in Deutschland alle Rationalisierungs- und Automatisierungspotentiale ausnutzen würden, hätten wir eine Arbeitslosigkeit von über 30%. Irgendwann ist die Technologie so weit, dass 10% der Workforce sämtliche Arbeit erledigen kann.

Es gibt also in einem SF-Szenario diesbezüglich im Wesentlichen folgende Alternativen:
* es gibt keine oder nur wenig soziale Sicherung. Der Großteil der Bevölkerung ist verarmt und ausgepowert. Das ist der Stoff, aus dem die Revolutionen sind.
* man hat einen Wohlfahrtsstaat, in dem das erwirtschaftete Bruttosozialprodukt mehr oder weniger gleichmäßig auf alle verteilt wird. Wer tatsächlich arbeitet, mag zusätzliche Privilegien haben, aber die Schere zwischen "arm" und "reich" ist nicht so weit auseinander.
* man versucht, eben durch Kolonisation, neue Märkte zu erschaffen. Allerdings wird das alleine niemals ausreichen, um des Arbeitsmangels insgesamt Herr zu werden.

@Rohstofftransport:
Zitat
Klingt nach einer Aufgabe für Leute, die bestraft werden sollen. Also statt als Galeerensträfling verurteilt zu werden, halt als Erzfrachterbesatzung.

Das wäre ja den Bock zum Gärtner gemacht. "Ich will nicht, dass mein nuklearer Antrieb von Kriminellen gestohlen wird, also lasse ich ihn von Kriminellen bewachen"?

Es kommt natürlich immer auf den Techlevel an, welche Technologie man dem mitgeben kann und will. Aber grundsätzlich kann man wohl sagen, dass für so einen Schneckenfrachter gilt:
- der Antrieb soll möglichst billig sein
- und möglichst wenig Energie verbrauchen

Bei konstanter V_e ist die Bestimmung des Energieminimums keine Kunst: bei V_e = delta-V und R=e benötigt man für 10.000 Tonnen Trockenmasse ca. 5300 Terajoule.

Bei konstanter Beschleunigung hingegen ist es schwieriger, da hier die V_e variabel sein muss. Allgemein gesprochen benötigt man hier mehr Stützmasse, aber weniger Energie. Es gibt hier viele mögliche Lösungen, wobei aber die maximale V_e größer sein sollte als die delta-V, da sonst das Masseverhältnis durch die Decke geht.
Beispielsweise bei 35km/s maximaler V_e und R=3,5 (d.h. 25.000 Tonnen Treibstoff) benötigt das Schiff für denselben Flugplan nur 4400TJ.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Tudor the Traveller am 9.08.2011 | 13:21
Hier ist aber noch ein Grund gegen Robofrachter überhaupt: sie bieten ein verlockendes Ziel für "Autodiebe", nur dass die hier kein Auto klauen, sondern einen kompletten nuklearen Antrieb. Denn, das habe ich eben ausgerechnet, mit harmlosen chemischen Antrieben ist bei den angedachten Frachtmengen nichts zu machen.

Naja, dann arbeitet man halt mit Diebstahlschutz. Dann gibt es ein Wettrüsten zwischen den Transporteuren und den Dieben, so wie es schon immer war  ;)

Wie der Schutz aussehen könnte, hängt stark vom Techlevel und Setting ab. Vom bloßen Safe / Zugangscodes über irgendeine Art von Online-Aktivierung bis hin zu Selbstzertsörungsmechanismen bei unautorisiertem Zugriff kann ich mir da einiges vorstellen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Chaos am 9.08.2011 | 13:59
@Politik:
stimmt, Plutokratie ist natürlich auch noch eine Option.

"Demokratie" ist ja sowieso schon so ein unscharfer Begriff. Neuerdings geht ja der Begriff von der "Postdemokratie" um, d.h. die gewählten Volksvertreter können gar keine echte Politik mehr machen, weil sie nur noch mit der Verwaltung von Sachzwängen beschäftigt sind. Das System ist festgefahren.

Oder noch etwas bitterer, ich nenne es mal "Analogdemokratie". Wie Analogkäse. Das eine ist Käse ohne Milch. Das andere Demokratie ohne Einfluss des Volkes. Es ist vollkommen wurscht, welche Politiker man wählt, weil die sowieso noch nur das tun, was ihnen passt. Es wird lediglich die Illusion der Demokratie aufrecht erhalten.

Ist natürlich jederzeit mit Plutokratie verknüpfbar.

"Analogdemokratie"... der Begriff gefällt mir.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 10.08.2011 | 00:07
Ich schau mir grad auf youtube ein Abenteuer Forschung zum Thema Überbevölkerung an:

http://www.youtube.com/watch?v=TJ-QdEJxkU4&NR=1

Fakt ist, dass die Weltbevölkerung immer noch ansteigt -- zwar nicht mehr superexponentiell, aber immer noch exponentiell. Es gibt aber Modelle, die davon ausgehen, dass die Gesamtbevölkerung sich bei ca. 10-11 Milliarden einpegeln wird.

Ich bin ja eigentlich der Meinung, dass sich auf der Erde nachhaltig genug Nahrung für Alle produzieren ließe. Allerdings bin ich da kein Experte, das ist nur so mein Bauchgefühl wenn ich sehe, was wir hier in Europa unsere liebe Not mit der Überschussvernichtung haben.

Das Stichwort ist allerdings "nachhaltig". Saudi-Arabien ist nicht gerade mit besonderem Wasserreichtum gesegnet -- und doch verplempern sie ihr kostbares, fossiles, nicht erneuerbares Grundwasser mit der Produktion von Milch. In 40 Jahren werden die Wasserreserven erschöpft sein, aber das ist ihnen heute anscheinend scheissegal.
In China müssen mit 7% der Weltackerfläche 13% der Weltbevölkerung ernährt werden. Das kann auch auf Dauer nicht gutgehen.
Diese und andere Staaten mit Lebensmittelnappheit weichen jetzt darauf aus, nicht etwa die fehlenden Lebensmittel im Ausland einzukaufen, sondern gleich die Agrarfläche selbst. Dies vor allem in der dritten Welt, womit sie natürlich den Einheimischen die Nahrung wegnehmen.

Extrapolation auf SF:
Es ist utopisch, im Sinne von rechnerisch nicht möglich, die Weltbevölkerung durch Umsiedlung auf andere Planeten  zu reduzieren. Selbst wenn die Reise zu einer Kolonie nur 1 Monat dauern würde, bräuchte man über 3000 Raumschiffe mit je 3000 Passagierplätzen, die ununterbrochen hin und herschippern, nur um die heutige (!) Zuwachsrate auf 0 zu bringen.

Aber wie ist das mit der Übertragung des obigen Agrar-Kolonisierungsmodells auf dieses Setting? Man versucht nicht, 10 Millionen Menschen umzusiedeln, sondern gibt sich mit 10.000 Kolonisten zufrieden, die dann dort die Nahrung für 10 Millionen produzieren, welche zurückgeschippert wird.
(Da hat man zwar auch das Problem, dass man für jeden Menschen eine hübsche Tonnage transportieren muss, aber immerhin ist "Bulk" leichter und billiger zu transportieren als lebende Passagiere.)

In meinem Setting Redshift gibt es schließlich noch einen anderen Ansatz: wer es sich leisten kann, bereitet die Umsiedlung seiner Leute auf neue, unverbrauchte Welten vor. Die ganzen armen Schlucker dürfen sehen, wo sie bleiben. Manche Staaten haben sich die komplette Umsiedlung ihrer ganzen Bevölkerung auf die Agenda geschrieben, andere Staaten sehen diesen Ausweg lediglich für ihre Eliten vor.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 10.08.2011 | 05:55
[...]
Ach ja und mit Gewinnen war eher so in der vierten/fünften Generation zu rechnen.
[...]

Wieso das eigentlich? Eine praktisch kostenlose (!) Immobilie von großer Fläche  lässt sich ganz sicher in wenigen Jahren in etwas profitables verwandeln, sei es nun im Bergbau, der Landwirtschaft oder was auch immer.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Tudor the Traveller am 10.08.2011 | 07:41
Wieso das eigentlich? Eine praktisch kostenlose (!) Immobilie von großer Fläche  lässt sich ganz sicher in wenigen Jahren in etwas profitables verwandeln, sei es nun im Bergbau, der Landwirtschaft oder was auch immer.

Wie kommst du auf kostenlos? Finden, Erkundung und Analyse erzeugen Kosten und dann kommt erst noch die Erschließung. Und die Einrichtung von Anlagen ist auch nicht unbedingt günstig. Dazu kommen eventuelle Steuern und Genehmigungen...


@Feuersänger: Ich teile dein Bauchgefühl. Aber dafür müssten sich die Menschen weltweit konstruktiv koordinieren und in eine Gesamtabhängigkeit treten, also quasi eine vereinigte Erde. Bis dahin könnte es über große Unternehmen gehen, die das quasi in kleinerem Maßstab machen, aber da stellt sich die Frage ob man das will (so ähnlich wie das Öl aus dem Osten zu uns fließt, könnte man ja auch Wasser von hier nach XY verkaufen). Ist ja jetzt schon eine zweischneidige Sache mit den Großkonzernen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 10.08.2011 | 10:32
Was das betrifft, hätte ich da größeres Vertrauen in umsichtig gelenkte Staatskonzerne. Als Beispiel fällt mir Norwegens Statoil ein, welcher die Ölreserven des Landes verwaltet. Die Gewinne werden nicht an Aktionäre ausgeschüttet, sondern fließen in einen staatlichen Ölfonds. Solange sie diesen nicht verzocken (und sie sind sehr vorsichtig damit), haben sie quasi für jeden Norweger eine Gratis-Lebensversicherung.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Tudor the Traveller am 10.08.2011 | 10:45
Hmm, das klingt gut. Allerdings schließen sich "umsichtig" und "staatlich" schon beinahe aus. Zumindest hierzulande. Leider. Ich werde mir aber mal diese Statoil anschauen, da bin ich jetzt neugierig.

Nochmal zur Ausgangsfrage: hinsichtlich der Kolonisierung / Unabhängigkeit / Wirtschaftlichkeit etc. hängt es wie gesagt mE sehr davon ab, wer was warum kolonisiert. Wer -> Finanzierung. Ein Staat? Ein Konzern? Eine Privatperson? Da wird die Finanzierung sicherlich jedesmal etwas anders aussehen. Was? Da spielt die nutzbare Infrastruktur bzw. das Gelände eine wichtige Rolle. Ein nahegelegener Mond aus Gestein mit niedriger Gravitation und dünner Atmosphäre muss sicherlich anders angegangen werden als z.B. ein Planet, der vollständig mit Wasser bedeckt ist. Auch Transportwege spielen da eine wichtige Rolle; wie gut ist der Planet zu erreichen und mit welchem Aufwand kann man das verbessern? Und schließlich warum: was ist der Hauptgrund für die Erschließung? Neuer Lebensraum? Ressourcen? Lage?
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Dark_Tigger am 10.08.2011 | 10:47
Wieso das eigentlich? Eine praktisch kostenlose (!) Immobilie von großer Fläche  lässt sich ganz sicher in wenigen Jahren in etwas profitables verwandeln, sei es nun im Bergbau, der Landwirtschaft oder was auch immer.

Öhm weil wie im anderen Thread besprochen der InterSTELARE! handel mit, Rohstoffen und Lebensmitteln eher nur mittelmäßig Sinn macht? Zumal aus dem Gravitations Brunnen heraus transportiert werden müsste. Und der Lokale handel wirft einfach nicht genug ab, um sich zu rentieren. Da muss erst mal eine Sinnige Infrastruktur und eine HighTech Gesellschafft her.
Und bis die da ist musst du in so eine Kolonie halt endlos reinbuttern.
Kolonisten, Landwirtschafftliches Gerät, Produktionstechnik, eine funktionsfähige Verwaltung, Medizin.....
Ich denke die Liste ließe sich noch fortsetzen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 10.08.2011 | 10:48
Wie kommst du auf kostenlos? Finden, Erkundung und Analyse erzeugen Kosten und dann kommt erst noch die Erschließung. Und die Einrichtung von Anlagen ist auch nicht unbedingt günstig. Dazu kommen eventuelle Steuern und Genehmigungen...

Das alles sind Kosten, die sich in Bruchteilen des Preises einer Immobilie auf einem schon besiedelten Planeten bemessen. Es sei denn, Steuern und Genehmigungen sind so entworfen, um Kolonisation unattraktiv zu machen, aber warum sollte jemand das tun?
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 10.08.2011 | 10:52
Öhm weil wie im anderen Thread besprochen der InterSTELARE! handel mit, Rohstoffen und Lebensmitteln eher nur mittelmäßig Sinn macht? [...]

Das hängt stark von den Gegebenheiten im jeweiligen Universum ab. Wie teuer und schnell ist FTL, gibt es von-Neumann-Maschinen, die die benötigte Infrastruktur selbstständig vor Ort aufbauen, etc.

Wenn es natürlich kein FTL gibt, dann gibt es ohnehin keine Chance für interstellare Kolonien im eigentlichen Sinne des Wortes. Eher schon Weltraumkolonien vom O'Neill-Typ oder als Stanford-Torus, also im Wesentlichen Raumstationen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Tudor the Traveller am 10.08.2011 | 10:55
Das alles sind Kosten, die sich in Bruchteilen des Preises einer Immobilie auf einem schon besiedelten Planeten bemessen.

Naja, das sagst du jetzt so. Aber du stellst ja auch selbst fest:

Das hängt stark von den Gegebenheiten im jeweiligen Universum ab.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 10.08.2011 | 10:58
Naja, das sagst du jetzt so. Aber du stellst ja auch selbst fest:

Da schreibe ich aber über ein anderes "das". ;)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 10.08.2011 | 11:14
Zum Beispiel hängt das davon ab, wieviel ein Raumschiff kostet, und wovon die Dinger bezahlt werden sollen. Da haben wir heute einfach keine echten Erfahrungswerte, weil unsere Launcher nicht in Serie produziert werden und unser einziges "Raumschiff", die ISS, quasi ein Prototyp ist und nichtmal einen Antrieb hat.

Einigermaßen plausibel mag aber die Größenordnung von, im heutigen Maßstab, 1 Million Dollar pro Tonne Leermasse sein. Dabei orientiere ich mich grob an heutigen Flugzeugpreisen. Man kann heute sogenannte Very Light Jets mit 1,5 - 3 Tonnen Leermasse für etwa diesen Betrag kaufen, und es sind weltweit ca. 3500 davon im Einsatz. Vermutlich hauptsächlich Lufttaxis, kleine Firmenjets und Spielzeuge reicher Privatpersonen.

Nichtsdestotrotz, auch wenn man das linear skaliert, gehen die Kosten schnell in astronomische Höhen. Die müssen sich ja irgendwie amortisieren, wenn es private bzw. unternehmerische Raumfahrt geben soll. Geht das nicht, bleibt nur die staatliche Finanzierung, aber auch die braucht irgendein Warum.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Tudor the Traveller am 10.08.2011 | 11:15
@Thot: Es ist aber Teil der Kostenfrage. Allein von "Immobilie" zu reden ist schon etwas unpassend, denn wir reden von einem unerschlossenen, d.h. brachliegendem "Stück" Land u.U. irgendwo im nirgendwo. Dieses zu bekommen mag vergleichsweise günstig sein, (wohl kaum kostenlos), aber da kommt imo noch immer ein riesiger Kostenberg auf den Eigner / Nutzer zu.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 10.08.2011 | 11:21
Je nachdem, was er damit vor hat. Ein Haufen Amish kann einen bewohnbaren Streifen Land im Grunde zu den Anreisekosten besiedeln.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: <Juju> am 10.08.2011 | 12:12
Die größten Kosten auf der der Kolonie wird vermutlich auch erstmal der Raumhafen verursachen.
Und dafür muss sicherlich erstmal einiges dorthin geschafft werden

Laut Techthread soll dafür ja die Bifrost-Technik eingesetzt werden. Das heisst, es müssen die Start/Landeschiffe hingeschafft oder vor Ort Produziert werden,
die Laser und Startrampe aufgebaut werden, und die Energieversorgung für das Ding muss stehen.

Mal ganz davon abgesehen, wie das ganze Zeug auf die Kolonie herunter kommt ohne es kaputt zu machen.
Dabei denke ich jetzt an mehr oder weniger große Sojus-Kapseln.

Dazu kommen dann Thots handvoll Amish, die dafür sorgen, dass die ersten Kolonisten nicht verhungern.

Wenn diese Hürde genommen ist, dann funktioniet auch ein Programm wie der Homestead-Act ( Besiedlung des Amerikanischen Westens ). =>
Steck dein Land ab, wenn du lange genug da überlebst gehört es dir.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Dark_Tigger am 10.08.2011 | 12:24
@<Juju>
Genau das meinte ich mit endlos reinbuttern.

@Thot
Und was für einen Gewinn sollen Aimish generieren?? Nun sie könnten das Land Urbar machen dann weiterziehen und das Land könnte
dann verkauft werden (vielleicht KÖNNTE man bestimmte Gruppen irgendwie zu so einem vorgehen überreden....). Aber ansonsten Produzieren die sehr ineffizient Lebensmittel die sehr teuer irgendwo hin geschafft werden müssten. Von der nötigen verarbeitenden Industrie will ich gar nicht reden.
Zu mal viele dieser Gemeinden religiöser Spinner in den USA heute auch nur über Stütze funktionieren. Ich weiß aber zugegeben nicht ob das auch für die Aimish gilt.

Wenn du schnell (= in vll 15 Jahren) anfangen willst Gewinne, aus Raumkolonien, zu generieren, bau ne Mine in Astreoiden. Aber in dem System wo du sowieso schon sitzt.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: <Juju> am 10.08.2011 | 12:34
@Tigger - dann verstehen wir uns ja :) Wobei meine kosten quasi nur die "Erschließung" sind.
Tatsächlich muss da noch einiges mehr passieren.

Allerding würde ich ne Mine in einem Asteroiden nicht wirklich als Kolonie bezeichnen sondern als Mine.

Wobei das wäre auf jeden Fall ein großes Pro Argument sub-optimale Planeten zu besiedeln.
Es ist billiger von Welten mit niedriger Schwerkraft zu starten.

Diese bieten sich dann als Zwischenlager und wie Asteroiden als Ressourcenquelle an.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Pyromancer am 10.08.2011 | 12:35
Je nachdem, was er damit vor hat. Ein Haufen Amish kann einen bewohnbaren Streifen Land im Grunde zu den Anreisekosten besiedeln.

Ja, man investiert je nach Technologie eine vielstellige Summe in die Anreise eines Haufen Amish, und der hat da nach einigen Jahren eine autarke Kolonie etabliert, die, wenn es gut läuft, im Jahr ein paar Tonnen Lebensmittel und einfaches Kunsthandwerk produziert. Ich sehe beim besten Willen nicht, wo da der Profit herkommen soll.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Tudor the Traveller am 10.08.2011 | 12:36
Laut Techthread soll dafür ja die Bifrost-Technik eingesetzt werden. Das heisst, es müssen die Start/Landeschiffe hingeschafft oder vor Ort Produziert werden,
die Laser und Startrampe aufgebaut werden, und die Energieversorgung für das Ding muss stehen.

Ich habe das Ganze nicht wirklich verfolgt. Ich kann mir zwar in etwa was darunter vorstellen, aber kannst du das vielleicht verlinken oder mir mal kurz umreißen, eventuell auch per PM? Thx

Je nachdem, was er damit vor hat. Ein Haufen Amish kann einen bewohnbaren Streifen Land im Grunde zu den Anreisekosten besiedeln.

Naja... und dann? Wie willst du mit Amish eine High-Tech Kolonie aufbauen? Ich gehe einfach davon aus, dass mit der Kolonisierung ein Zweck verbunden ist, z.B. Erschließung von Ressourcen (unter wirtschaftlichen Aspekten). Selbst wenn der Zweck "nur" neuer Lebensraum ist, erscheint mir die Besiedlung durch Amish nicht gerade effizient. Für ein Sci-Fi-Setting wäre das doch für die meisten "Einwohner" ein massiver Verlust im Lebensstandard. Das muss ja aber für Siedler irgendwie attraktiv sein.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 10.08.2011 | 13:25
Laut Techthread soll dafür ja die Bifrost-Technik eingesetzt werden. Das heisst, es müssen die Start/Landeschiffe hingeschafft oder vor Ort Produziert werden,
die Laser und Startrampe aufgebaut werden, und die Energieversorgung für das Ding muss stehen.

Das sind alles Gründe, warum sich Bifröst oder allgemeiner gesagt Laser-Thermal nicht für "frische" Kolonien eignet. Inzwischen bin ich sowieso dabei, dieses Konzept allgemein nochmal zu überdenken. Aber so oder so ist es für neu zu erschließende Welten nicht praktikabel.

Wenn die Orbitalgeschwindigkeit der neuen Welt niedrig genug ist, idealerweise bis 4km/s, ist der optimale Antrieb eine ganz normale chemische Wasserstoff/Sauerstoffrakete.
Ansonsten, für so ziemlich alle denkbaren Welten inklusive der Erde wäre NTR Gas/Closed locker geeignet. So eine "nuclear lightbulb" hat nur den Nachteil, dass wir noch nicht wissen, wie man sowas baut. Aber theoretisch wäre es möglich. Man kann aber getrost davon ausgehen, dass so ein Antrieb in der Anschaffung wesentlich teurer wäre als ein chemischer Antrieb gleicher Leistung.

Zitat
Mal ganz davon abgesehen, wie das ganze Zeug auf die Kolonie herunter kommt ohne es kaputt zu machen.
Dabei denke ich jetzt an mehr oder weniger große Sojus-Kapseln.

Sojus-Kapseln sind nicht wiederverwendbar. Allerdings könnten ihre Baumaterialen eventuell recycled werden. Trotzdem wäre eine wiederverwendbare Lösung eleganter und SFiger. Man hätte quasi Shuttles, die aus eigener Kraft vom Boden ins All fliegen, dort Nutzlast aufnehmen und dann antriebslos wieder zur Oberfläche gleiten und die Luft zum Abbremsen nutzen.

Wollte man hingegen z.B. den Mars kolonisieren, könnte man nicht mit Aerobraking arbeiten, da die Atmosphäre des Mars dafür zu dünn ist. Man müsste hier die Landeschiffe so konstruieren, dass sie aus eigener Kraft bremsen und landen können ("powered descent").

--

So oder so sind die Kosten ganz bestimmt nicht trivialisierbar. Sagen wir, ein interplanetares/FTL 100t-Raumschiff kostet 100 Millionen und kann 400 Tonnen Fracht effizient befördern. Sagen wir ferner, dass es für einen Zyklus (Reise von der Erde zur Kolonie inkl. FTL-Transit, Rückreise, und Downtime für Wartung etc.) 60 Tage benötigt -- das ist schon ziemlich schnell. Dann schafft es etwa 6 Trips im Jahr. Wenn es über 10 Jahre abgeschrieben werden soll, hat also jeder Trip eine Abschreibungskomponente von ca. 1,7 Millionen (credits oder was auch immer). Das sind zwar nur 4cr/kg. Dazu kommen aber noch Kosten für Brenn- und Treibstoff, Personal, Wartung und so weiter. Allein die Brennstoffkosten können da extrem zu Buche schlagen: wenn unser Raumer auf U-235 angewiesen ist, sind das nach heutigem Kurs nochmal ca. 0,8M.
Insgesamt komme ich mit halbwegs plausiblen Schätzungen auf ca. 7cr/kg (1cr = ca. 1 $ oder €)

Das ist aber nur der Teil von Orbit zu Orbit.
Mit dem gleichen Rechenmodell kostet es bereits mehr, den Krempel überhaupt in den Erdorbit zu bekommen. Mit Abschreibung, Wartung etc. liegen wir da etwa bei 14cr/kg.
Dagegen ist die Landung auf dem Zielplaneten nicht mehr ganz so teuer, aber immer noch nicht trivial. Rechnen wir mal 3cr/kg.

Das ist, wohlgemerkt, bereits um den Faktor 1000 billiger als unsere heutige Raumfahrt!
Trotzdem kommen wir insgesamt schon auf 24.000cr pro Tonne. Etwa um den Faktor 100 teurer als unsere heutige Seefracht.

Beim Transport von Kolonisten ist nicht damit getan, das Personengewicht plus Handgepäck zu rechnen. Der Passagier braucht einen Platz zum essen und schlafen, die Verpflegung muss mitgenommen werden, und dann kann man ihn auch nicht einfach am Zielort rausschmeissen, sondern man braucht mindestens Werkzeuge, Saatgut und! Verpflegung für mindestens ein halbes Jahr. Insgesamt kann man wohl alles in allem locker eine Tonne pro Kolonist rechnen.

Das sind alles noch sehr optimistische Modelle, die die Aufgabe zwar schwierig, aber nicht unmöglich machen. 24.000 credits für ein Komplett-Ticket zu einer anderen Welt, das ist objektiv gesehen ein Schnäppchen. Aber bezahlt werden muss der Preis doch, weil sich die Raumschiffe nicht von selber bauen, warten und fliegen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 10.08.2011 | 13:37
Ja, man investiert je nach Technologie eine vielstellige Summe in die Anreise eines Haufen Amish, und der hat da nach einigen Jahren eine autarke Kolonie etabliert, die, wenn es gut läuft, im Jahr ein paar Tonnen Lebensmittel und einfaches Kunsthandwerk produziert. Ich sehe beim besten Willen nicht, wo da der Profit herkommen soll.

Eine vielstellige Summe, die die Amish sehr wahrscheinlich durch den Verkauf ihrer (vergleichsweise hochpreisigen) Immobilien auf der Erde selber aufbringen können.

Wenn die Kosten schon für die Anreise natürlich insgesamt so hoch sind, dass sich die Kolonisierung nicht rechnet, dann rechnet sie sich eben nicht. (Das ist allerdings ein sehr SF-untypisches Szenario.) Wenn es dann doch geschehen soll, muss die Gesellschaft einen Grund haben, die Kolonisierung zu subventionieren. Und dann stellt sich die Frage nach dem Profit auch nicht mehr.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Eulenspiegel am 10.08.2011 | 13:41
Je nachdem, was er damit vor hat. Ein Haufen Amish kann einen bewohnbaren Streifen Land im Grunde zu den Anreisekosten besiedeln.
Wobei die Anreisekosten schon hoch genug sind.

Darüberhinaus ist wohl kaum ein nichtirdischer Planet "bewohnbar". Das heißt, man müsste erstmal viel investieren, um ihn bewohnbar zu machen. (Pflanzen, Mikroorganismen, Sauerstoff, vielleicht auch Muttererde, falls der Sandboden zu karg ist.)

Falls man einen Planeten hat, der bereits eine Alien Flora/Fauna besitzt, ist die Frage, wie kompatibel die zu irdischen Mägen ist. Wir hier auf der Erde wollen ja auch keine Quallen oder Bäume essen. Und diese haben noch den gleichen Ursprung wie wir. Wie eklig müssen da erst außerirdische Lebensformen schmecken, die überhaupt nichts mit uns gemeinsam haben?
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Pyromancer am 10.08.2011 | 13:42
Eine vielstellige Summe, die die Amish sehr wahrscheinlich durch den Verkauf ihrer (vergleichsweise hochpreisigen) Immobilien auf der Erde selber aufbringen können.

Ja, gerne. Aber wo ist der Profit? Deine Behauptung war ja, dass so eine Kolonie innerhalb weniger Jahre profitabel wäre.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 10.08.2011 | 13:47
Ist sie dann doch auch. Die Amish haben genau das, was sie wollen, nämlich für praktische Zwecke beliebig viel Land im Tausch gegen eher wenig Land.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Pyromancer am 10.08.2011 | 14:03
Ist sie dann doch auch. Die Amish haben genau das, was sie wollen, nämlich für praktische Zwecke beliebig viel Land im Tausch gegen eher wenig Land.

Hm, das ergibt irgendwie schon Sinn.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Dark_Tigger am 10.08.2011 | 18:30
nämlich für praktische Zwecke beliebig viel Land im Tausch gegen eher wenig Land.

Dafür bin ich irgenwie zu doof. Die Amish haben Profit ja, und wo kommt der Profit des Transporteuers her??
Und der des Heinis der die Welt vorher erkunden durfte usw?

Sojus-Kapseln sind nicht wiederverwendbar. Allerdings könnten ihre Baumaterialen eventuell recycled werden.

Wenn sie ausreichend groß sind können sie als Kondensationspunkte für Städte und Siedlungen benutzten. Sie bieten ersten Siedlern schutz und dürften über eine eigene Stromversorgung verfügen. Zumindestens für die erste Besiedlungswelle, die dann einen Raumhafen einrichtet, würde das vermutlich mehr Sinn machen als Shuttel.

Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 10.08.2011 | 19:25
Zitat
Die Amish haben Profit ja, und wo kommt der Profit des Transporteuers her??

Der soll wohl mit dem Geld bezahlt werden, was die Amish daheim in Pinselvanien für den Verkauf ihrer Höfe bekommen haben.

--

Als Einwegmodule wären prinzipiell möglich:
- antriebslose aerodynamische Gleiter, die im Prinzip nur aus Hülle bestehen. Diese werden nach dem Prinzip des Lastseglers von einem Orbitalschiff in den richtigen Vektor gebracht und dann fallengelassen. Die Hülle kann nach der Landung zersägt und als Baumaterial verwertet werden. Was sicherlich ein paar lustig geformte Gebäude oder dergleichen ergibt. Oder man baut in die Gleiter einen Flugzeugmotor ein, und verwendet sie so weiter.
- Landekapseln nach Art der Sojus- oder Apollomodule. Da sie nicht segeln können, müssen sie mit einem Hitzeschild ausgestattet sein, der aber bei den auftretenden Temperaturen verbrennen dürfte. Das ist also schonmal verlorene Masse. Die Landung als solche erfolgt per Fallschirm, trotzdem kann diese recht rauh ausfallen.

Die thermische Belastung kann übrigens beim Gleiter recht gering gehalten werden, wenn nur die Gleitzahl hoch genug ist. Dann sollte es möglich sein, die Hitzeschilde nicht über ca. 900K (730°C) aufzuheizen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Merlin Emrys am 11.08.2011 | 09:52
Insgesamt komme ich mit halbwegs plausiblen Schätzungen auf ca. 7cr/kg (1cr = ca. 1 $ oder €)
Und was ist der Gegenwert für 1 € zu der Zeit? Denn der Geldwert selbst ist ja keine stabile Größe. Wenn zu dem Zeitpunkt ein Brot, sagen wir, 500 cr kostet und ein Liter Trinkwasser 200 cr... was sind dann schon 7cr/kg? Das Raumschiff könnte eventuell ein Hobby für halbwegs Reiche sein, so wie andere sich eine Dogge halten (- was die schließlich an Futter kostet, und sie frißt Fleisch!) Und was werden die Leute sich antun lassen, um in ein Land ohne Umweltverschmutzung zu kommen, wo man auf dem Boden einfach säen und ernten kann, ohne ständig mit Dünger, Dekontaminierer, Bodenbehandler, Pflanzenschutzmitteln, ... hantieren muß?
Die Preise von Lebensmitteln, verglichen zu "technischen" Gütern, sind über eine ganze Zeit hin gesunken, aber um den Preis massiver Umweltbeeinflussung. Wenn das nicht mehr geht, wird der Prozeß sich wohl umkehren, schätze ich, d.h. Nahrungsmittel werden im Preis zulegen, während technische Güter weiter im Preis sinken. Eine "unbeeinflußte" (sozusagen "noch unzerstörte") Welt würde wiederum das Preisverhältnis umkehren können - ich kann mir nicht vorstellen, daß das inattraktiv sein sollte. Und wenn man Brot für, sagen wir, unter Abzug des Zwischenhandels, der Steuern usw., 100 cr/kg verkaufen kann... dann sind die 7 cr/kg doch nur "Porto und Verpackung".
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 11.08.2011 | 10:50
Ich dachte, das hätte ich mit genau der zitierten Zeile klargemacht... 1 credit habe etwa die Kaufkraft von einem Euro bzw. einem Dollar heute.

BTW: auf den Finanzmärkten ist der Dollar viel schwächer als der Euro, trotzdem hat im "echten Leben" $1 eine höhere Kaufkraft als €1. Beispiel: in Deutschland kostet ein Cheeseburger beim Macces €1,10 oder so. In Amerika kostet das Teil $0,79, und für $1 bekommt man einen Double Cheeseburger. Weiterhin bekommt man in Amerika einen 200PS-V6-Sportwagen für $20.000 (Listenpreis) und ein komplettes Einfamilienhaus für $100.000. Ganz zu schweigen davon, dass das Land über einen unerhörten Benzinpreis von derzeit umgerechnet 0,68€ pro Liter stöhnt. Der Mindestlohn in den USA beträgt in den meisten Staaten $7,25 oder mehr. Die entsprechenden Jobs (Gastro Bedienung etc.) werden in Deutschland oft mit weniger als 7€ vergütet.
Diese Bandbreite sei ebenfalls mit meiner groben Gleichsetzung ausgedrückt.

Natürlich können sich die Preisniveaus in der Zukunft verschieben; wie du sagst könnten Nahrungsmittel wieder teurer werden. Das muss uns aber alles nicht so besonders jucken.
Zurück zum Thema, wie gesagt gehe ich davon aus, dass für ein SF-Setting mit privater Raumfahrt nennenswerten Umfangs Raumschiffe etwa auf dem Preisniveau liegen müssen wie Flugzeuge heute. Strahlflugzeuge liegen heute in der Größenordnung von 1-2 Millionen Dollar pro Tonne (Leergewicht).
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Ein am 11.08.2011 | 10:59
Zitat
Der soll wohl mit dem Geld bezahlt werden, was die Amish daheim in Pinselvanien für den Verkauf ihrer Höfe bekommen haben.
Im Falle der Pilgerväter haben diese sich einfach englische Investoren für die Finanzierung ihres Kolonisierungsprojekt in der Neuen Welt gesucht. Warum soll das nicht auch in der Zukunft funktionieren? Gerade unter dem Aspekt, dass Ankömmlinge (egal ob nachfolgende Kolonisten oder Raumfahrer) neuen Proviant, Treibstoff etc. brauchen, ist es äußerst sinnvoll, nein, eigentlich sogar essentiell, in den Aufbau solcher Infrastrukturen zu investieren.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Pyromancer am 11.08.2011 | 11:08
Im Falle der Pilgerväter haben diese sich einfach englische Investoren für die Finanzierung ihres Kolonisierungsprojekt in der Neuen Welt gesucht. Warum soll das nicht auch in der Zukunft funktionieren? Gerade unter dem Aspekt, dass Ankömmlinge (egal ob nachfolgende Kolonisten oder Raumfahrer) neuen Proviant, Treibstoff etc. brauchen, ist es äußerst sinnvoll, nein, eigentlich sogar essentiell, in den Aufbau solcher Infrastrukturen zu investieren.

Haben die englischen Investoren in die Pilgerväter ihr Geld jemals wiedergesehen?
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: <Juju> am 11.08.2011 | 11:30
Vielleicht nicht direkt, aber ich würde darauf Wetten, dass sie sich das  Handelskonzessionen und andere Mauscheleien sicherlich wieder geholt haben.
Denn die Drohung einen Kredit wieder einzufordern ist immer ein großartiges Verhandlungsinstrument.  >;D
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 11.08.2011 | 11:35
Und welche Erträge kann ein Amish-Bauer schon erzielen, wenn er keine Maschinen benutzen will?
Das erinnert mich: die Burschen ziehen den Pflug ja auch nicht selbst. Wer keine Traktoren hat, braucht Pferde oder Ochsen. Wie transportiert man solche Biester - und andere Tiere wie z.B. Katzen - quer durch den Weltraum?

Mein Gedanke wäre: Vor dem Start werden sie sediert. Dann mit sehr starken Raketen bei möglichst geringer Beschleunigung (das frisst viel mehr Energie als hohe Beschleunigung) in den Orbit gebracht. Dort auf das Sternenschiff umgeladen, in ein Habitat mit künstlicher Schwerkraft (Zentrifuge mit möglichst großem Radius, damit die Pferde nicht kotzen). Den Flug über können sie großteils normal leben wie im Stall auf der Erde. Dann zur Landung auf der neuen Welt wieder under Betäubung umladen, und mit einem Landeschiff wieder mit möglichst geringen Beschleunigungen auf den Boden bringen.

Das alles hin oder her, Landwirtschaft im Amish-Stil wird sich von und hinten nicht lohnen. 1000 Siedler mit Maschinen können mehr schaffen als 10.000 Siedler ohne Maschinen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: <Juju> am 11.08.2011 | 11:54
Jemand hatte schonmal vorgeschlagen die Tiere als Embryonen mit Brutkasten zu den Planeten zu befördern.
Das dauert dann zwar ein paar Jahre bis man die benutzen kann, aber dann hat man zumindest einen selbst replizierenden Grundstock.
Durch verschiedene Rassen können Pferde und andere Zuchttiere auch einige andere Aufgaben erfüllen.
Wie zum Beispiel Zugtiere, Reittiere, Nahrung, Haustiere und gerade den Einwanderern ein Gefühl von Heimat zu geben.

Über kurz oder lang wird es sinnvoll sein terranische Tiere auf den Kolonien einzuführen. Zumindest auf denen die Tiere ohne Probleme überleben können.
Bei schwierigen Welten stellt sich die Frage gar nicht, da müssen es Maschinen sein.

Als Gegenargument gegen Maschinen kam der Treibstoff.
Aber da die Ölkrise in dieser Zeitlinie bewältigt wurde, gehe ich davon aus dass die meisten Fahrzeuge irgend eine Art von Elektro Antrieb haben.
Und da die Energieversorgung wegen aller anderer Bauvorhaben auf der Kolonie mit die höchste Priorität hat, denke ich nicht dass die Energieversorgung
von Fahrzeugen ein Problem sein sollte. Ich glaube eher, dass diese sich durch Solarengergie selbst versorgen werden und am Anfang eher sogar als Energiequelle herhalten müssen.

Im Vergleich zu den Tieren haben Sie allerding eine weit höhere Tonnage an Bord der Raumschiffe und werden später mehr zu Luxusimporten auf den Kolonien.

P.S. das ganze Koloniegeschreibe weckt in mir das dringende bedürfniss mal wieder Space Empires zu spielen  :-[

Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Pyromancer am 11.08.2011 | 12:01
Das alles hin oder her, Landwirtschaft im Amish-Stil wird sich von und hinten nicht lohnen. 1000 Siedler mit Maschinen können mehr schaffen als 10.000 Siedler ohne Maschinen.

Der Vorteil ist halt, dass die Amish-Landmaschinen gleichzeitig kleine Landmaschinen-Fabriken sind. Die industrielle Basis, die für eine Ochs-und-Pflug-Landwirtschaft nötig ist, ist sehr einfach zu etablieren und aufrechtzuerhalten; aber was machst du, wenn das stufenlose Hydraulik-Getriebe, oder der Computer für die automatisierte Düngemittelverteilung deines High-Tech-Schleppers kaputt geht und das Ersatzteil nicht lokal hergestellt werden kann? Da hast du die Wahl zwischen riesigen Ersatzteillagern oder langen, langen Ausfallzeiten.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: <Juju> am 11.08.2011 | 12:11
Ich finde bevor die Kolonie nicht etabliert ist macht es keinen Sinn richtige High-Tech Maschinen dort abzuliefern.
Aber Maschinen nach Militärspezifikation sind am Anfang sicherlich verlässlicher als Tiere.

Damit meine ich nahezu Unkaputtbare Zugmaschinen, die nicht weiter machen als vorwärts und rückwärts zu fahren und nen normalen Pflug ziehen,
und die im Notfall von Kolonisten-John mit Draht und Spucke repariert werden können.
Trotzdem muss natürlich auch ein gewisser Vorrat an ersatzteilen Vorhanden sein, aber das ist mit Sicherheit immer noch weniger Transportaufwand als
lebende, ausgewachsene Tiere auf die Kolonien zu bringen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Tudor the Traveller am 11.08.2011 | 12:45
Die Tiere kann man u.U. auch nicht einfach so auf einen anderen Planeten bringen. Die Veränderungen könnten die Tiere ohne Training und / oder medikamentöse Unterstützung massiv beeinträchtigen (Stichwort: Stress). Da kommen dann eventuell durch Trainingsprogramm, Züchtung, Medikamente oder genetische bzw. operative Anpassungen auch wieder größere Kosten dazu.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Chaos am 11.08.2011 | 12:49
Immer noch besser, als ganz ohne Tiere auszukommen, oder per Trial and Error herauszufinden, welche Tiere vor Ort sich zur Domestizierung eignen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 11.08.2011 | 12:52
Da darf man die Tiere nicht überromantisieren; die brauchen auch medizinische Betreuung, Medikamente und vor allem einen Haufen Futter. Wenn es auf dem Planeten einheimisches Leben gibt, wird dieses höchstwahrscheinlich nicht mit uns kompatibel sein, Pflanzen können von uns nicht verdaut werden usw. Nicht einig bin ich mir bei Viren und Bakterien -- könnten außerirdische Äquivalente uns schaden, oder lassen die uns völlig kalt? Jedenfalls müsste jedes einzelne Tier genetisch modifiziert werden, um das extraterrestrische Gras verdauen zu können. Und die Reproduktionsrate ist auch höchst unpraktisch; es dauert _Jahre_ bis man ein junges Pferd vor den Pflug spannen kann.

Gibt es kein einheimisches Leben, gibt es dort auch keine fruchtbare Erde, sondern Sand. Der Boden muss überhaupt erstmal urbar gemacht werden, durch Ausbringung von Mikroorganismen oder was weiss ich. Vermutlich wird man sich da erstmal mit Gewächshäusern begnügen. Ansonsten, ich bin kein Spezialist für Terraforming, aber es wird auch mit menschlicher Steuerung und hochentwickelter Biotechnologie viele Jahre dauern, bis man dort wenigstens lokal ein Ökosystem aufgbaut hat. (Was wir ja heutzutage noch nicht können. Die Biosphäre-Projekte sind bisher gescheitert.)

Umgekehrt wird zu viel Gewese über die Anfälligkeit von Maschinen gemacht. Ein mit modernen Produktionsmethoden (genaue Maße etc.) hergestellter Jeep (Auto) und simpelster Technik könnte sowohl hoch zuverlässig als auch auf leichte Reparierbarkeit ausgelegt sein. (Bis heute ist es ein selling point von BMW-Motorrädern, dass man z.B. kein Werkzeug braucht, um die Verkleidungsteile zu entfernen.) Die Auffassung von der anfälligen Maschinerie kommt daher, dass wir dazu neigen, alles mit soviel Klimbim wie irgendwie möglich auszustatten, und je mehr unnütze Elektronik verbaut ist, desto mehr kann kaputtgehen. Wenn man mit Pferdepflug keinen computergesteuerten Düngemittelverteiler braucht, braucht man den mit Traktor auch nicht, und arbeitet trotzdem effektiver.

Der Antrieb, ja, der wird vermutlich per elektrisch per (austauschbarer) Batterie oder Brennstoffzelle sein; letztere kann z.B. mit Wasserstoff oder Agraralkohol befeuert werden, je nachdem was sich leichter herstellen lässt. Oder zur Not auch ein Verbrennungsmotor, wenn der robuster ist.
Dann braucht man eben noch einen Workshop, mit dem man die Simpel-Maschinen reparieren und Ersatzteile herstellen kann. Das ist auch nicht so der Stress. Drehbank, Flex usw... man braucht halt ein paar Rohmaterialien. Es gibt doch X Fernsehsendungen über Autowerkstätten, in denen die Kameraden alle möglichen Teile selber zusammenschwarten.

Die erste Priorität bei der Erschließung eines neuen Planeten wird die Energie-Infrastruktur sein. Z.B. ein Solarkraftwerk, mit dessen überschüssiger Leistung Wasser elektrolysiert wird, und der Wasserstoff gespeichert. (Aktuell wird übrigens ein neues Speichermedium für Wasserstoff erforscht, welches komplexe Tanks überflüssig machen würde. Es ist eine Flüssigkeit, deren Name krebserregend klingt, aber das Wort hab ich vergessen.)

Man hat trotzdem genügend Gründe, Tiere zu importieren: zur Errichtung einer Ökosphäre, als Fleisch- und Milchlieferant, und absolut wichtig der psychologische Effekt des "Stückchens Heimat".
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 11.08.2011 | 16:15
Nun, das sind jetzt alles wieder Fragen nach den Rahmenbedingungen. Wenn man sich alles, was man an Industrieprodukten haben wollen könnte, einfach mit der mitgebrachten Ausrüstung ausdrucken kann (inklusive weiterer Drucker; daran wird ja heute schon gearbeitet), sind auch Traktoren und ihre Ersatzteile kein Problem.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Merlin Emrys am 12.08.2011 | 10:34
Natürlich können sich die Preisniveaus in der Zukunft verschieben; wie du sagst könnten Nahrungsmittel wieder teurer werden. Das muss uns aber alles nicht so besonders jucken.
Wie willst Du Gewinne bestimmen, wenn Dich die zugrundeliegenden Preisrelationen nicht jucken?
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 12.08.2011 | 17:17
Preisentwicklung verläuft nicht schematisch, rational oder irgendwie berechenbar. Da spielen zu viele Faktoren zusammen: Verfügbarkeit, Nachfrage, Zuteilung, Verteilung etc. ... Und hat man das dann doch irgendwie zu einer halbwegs brauchbaren Berechnung vereint, kommen irgendwelche Spekulationen dazwischen, welche die solcherart entstandene Realwerte komplett ad absurdum führen können.

Oder noch anders: Stellt euch doch nur mal vor, auch nur eine große - meinetwegen zuvor staatlich bezuschusste und von der Privatwirtschaft mit Investitionen gefütterte Kolonie - erlebt nach ihrer Konsolidierung ein paar lokalpolitische Umwälzungen und entdeckt den Kommunismus für sich. Auf der Erde hat das mit der Sowjetunion nicht funktioniert, weil die Ressourcen geteilt werden mussten, aber wenn man einen ganzen Planeten für sich hat? Da könnte das doch direkt funktionieren (Ob die Menschen dann auch glücklich sind, sei mal dahingestellt ...). Und dann fragen die einfach nicht nach der Wirtschaftlichkeit, sondern rechnen nur mit dem Vorhandensein von Material, Arbeitskraft und Zeit und können in diesem Rahmen problemlos Projekte stemmen, die für Andere zwar ebenfalls schaffbar wären, aber als nicht rentabel im Vorab ad acta gelegt werden.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 12.08.2011 | 17:44
Der Kommunismus hat auf der Erde nicht funktioniert, weil der Mensch dazu zu schlecht ist. So ein System kann nur funktionieren, wenn jeder jeden kennt (und mag) und dadurch eine Hemmung besteht, die anderen zu bescheissen. Insofern, ja, in einer kleinen Gemeinschaft, in der alle an einem Strang ziehen, kann das System funktionieren. Aber bereits eine einzige asoziale Socke kann enormen Schaden anrichten.

Es geht ja außerdem nicht nur um das bloße Vorhandensein der Ressourcen. Diese müssen ja auch erstmal erschlossen und verarbeitet werden.
Die Wirtschaft z.B. in der DDR hat nicht funktioniert, weil mal keine Bleche da waren und mal keine Schrauben. Und warum waren keine Schrauben da? Weil die Arbeiter in der Schraubenfabrik gegen Ende des Fünfjahresplans, wenn sie gemerkt haben dass ihnen noch soundsoviele Tonnen fehlen, immer größere Schrauben hergestellt haben, denn das ging schneller. Und wenn kurz vor Quotenschluss noch eine Tonne gefehlt hat, hat man halt in einen massiven Stahlzylinder ein Gewinde geschnitten und nen Kopf drangeschweisst - war auch ne Schraube.
(Disclaimer: diese Anekdote wurde mir von jemandem erzählt, dessen Onkel in einer DDR-Schraubenfabrik gearbeitet hat. Für die Richtigkeit dieser Anekdote wird keine Haftung übernommen. Ich selbst war zu deren Lebzeiten nie in der DDR.)

Dass diese Monsterschraube zu nichts nutze war und nur Ressourcen vergeudet hat, und dadurch woanders die Produktion stillstehen musste, dürfte den Arbeitern klar gewesen sein. Es war ihnen nur scheissegal, weil sie ja nicht unmittelbar betroffen waren. Später konnte man dann meckern, wenn es keine Radios und keine Fernseher zu kaufen gab.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Merlin Emrys am 12.08.2011 | 22:45
Die Wirtschaft z.B. in der DDR hat nicht funktioniert, weil mal keine Bleche da waren und mal keine Schrauben. Und warum waren keine Schrauben da?
Weil jemand geglaubt hat, Kontrolle wäre gut. Denselben Stuß, den es in der DDR gab, hätte es in jedem beliebigen anderen System auch geben können. Weder schützt irgendein politisches System vor sowas, noch bedingt es es je zwingend.

Nicht jeder muß zudem jeden kennen, aber jeder muß die Regeln kennen und innerhalb bestimmter Parameter auch einhalten. Das klappt im Kapitalismus auch hinten und vorne nicht, sondern jeder weiß, daß es Betrüger gibt und man Vorsicht walten lassen sollte. (Und wir haben ja derzeit eine Demokratie ohne Wahlgesetz - viel mehr kann einer Demokratie wohl kaum fehlen, oder? Und wir leben, bei Licht betrachtet, einfach so weiter.) Das wäre mit einem herangereiften Kommunismus nicht anders - theoretisch total instabil, praktisch ausreichend stabil, um darin zu leben. Wenn dann noch dazukommt, daß der Eindruck von Gerechtigkeit und Sinnhaftigkeit gewahrt bleibt, dürften die Menschen ausreichend an ihrer Arbeit interessiert sein, um sie passabel zu machen.
Demzufolge halte ich es für ausgesprochen nebensächlich, ob die Kolonie ein Königtum, eine Triarchie, eine Plutokratie, eine Demokatie, ein kommunistisches System oder was auch immer ist. Nur eine kontrollwütige Diktatur geht eben nicht auf. Und was die Herrschenden machen müssen, sagen ihnen eh "die Wirtschaftsleute".
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 13.08.2011 | 11:26
Der Kommunismus hat auf der Erde nicht funktioniert, weil der Mensch dazu zu schlecht ist[...]

Nö. Sondern weil es keine Opposition gab, die die notwendige Kritik üben konnte, weil die Fähigkeiten als Manager weniger wichtig waren als die Loyalität zur Partei und weil gravierende Fehler nicht bestraft wurden. Dazu kam, dass der Osten 1945 mit weniger Wohlstand anfing als der Westen, aber die Bürger sich (neben Freiheit eben auch) Wohlstand wünschten. Das verleitete die Führung dazu, zu wenig zu investieren und zu viel zu konsumieren, und das haben sie nicht gemerkt, wegen siehe oben.

Eine demokratische und intelligent organisierte Planwirtschaft, die Fehler bestraft und aufdeckt, hätte genau so gut funktioniert wie jeder gut geführte Mischkonzern. Manche glauben, dass mit Verfügbarkeit leistungsstarker Computer eine Planwirtschaft im Prinzip sogar überlegen ist.

Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 13.08.2011 | 11:59
Das erinnert mich: was ist eigentlich das Regierungssystem der Menschheit in Star Trek? Von Wahlen ist da nie Rede. Gut, die Wirtschaft ist post-scarcity wegen magischer Replikatoren, und Geld gibt es angeblich (seit TNG) keins mehr. Wichtige Entscheidungen scheinen aber vor allem von Admirälen getätigt zu werden, und in diversen Folgen sieht man auch uniformierte Offiziere auf Richterstühlen sitzen. Eine kommunistische Militärdiktatur?
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Tudor the Traveller am 13.08.2011 | 12:30
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Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 13.08.2011 | 13:53
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Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 13.08.2011 | 13:57
Das erinnert mich: was ist eigentlich das Regierungssystem der Menschheit in Star Trek? Von Wahlen ist da nie Rede. Gut, die Wirtschaft ist post-scarcity wegen magischer Replikatoren, und Geld gibt es angeblich (seit TNG) keins mehr. Wichtige Entscheidungen scheinen aber vor allem von Admirälen getätigt zu werden, und in diversen Folgen sieht man auch uniformierte Offiziere auf Richterstühlen sitzen. Eine kommunistische Militärdiktatur?

In TOS und den Filmen ist hin und wieder von Wahlen die Rede, doch.

http://memory-alpha.org/wiki/United_Federation_of_Planets
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Chaos am 13.08.2011 | 13:58
@Tudor & Thot:

Eure beiden Posts zusammen, das ist es im Wesentlichen.

Die grundlegende Frage, bevor jemand sich irgendwo für irgendwas anstrengt, ist immer: "Was springt für mich dabei raus?"

Da gibt es dann verschiedene Lösungen. Eine - die kapitalistische - ist "du kriegst Geld dafür". "Du kommst dafür in den Himmel" (oder "du kommst in die Hölle, wenn du es nicht tust) funktioniert auch, bei denen, die dran glauben. Dann gibt es noch die, denen eine Tätigkeit einfach Spaß macht, solche, die das was sie tun, für eine gute Sache halten (d.h. vor allem ehrenamtlich Tätige), und die, die auf "du tust es für dein Vaterland" reinfallen.

Habe ich etwas übersehen?
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 13.08.2011 | 22:46
Der Kommunismus in der Sowjetunion - auf den beziehe ich mich als größtes und längstlebiges Experiment dieser Art - brach deshalb zusammen, weil der sehr spezielle Vertrag zwischen der Führung, also der Partei, und der Bevölkerung nicht mehr funktionierte. Diese Übereinkunft besagte nämlich, dass die Grundversorgung für jedermann sichergestellt war und es eine grundsätzliche, wenn auch langsame Steigerung der Lebensqualität geben sollte. Das wird durch einen oder sogar etliche Schmarotzer keineswegs torpediert, so lange alles im Rahmen bleibt. Volkseigentum für den Bau einer privaten Datsche abzuzweigen bringt ein ausreichen große kommunistische Gesellschaft ebenso wenig um wie etliche Steuerhinterzieher/-flüchtlinge eine kapitalistische Gesellschaft. Was - wenn ich das mal auf einen beispielhaften Faktor reduzieren darf - ein solches System kippen lässt, ist z.B. die Notwendigkeit nach miesen Ernten, Lebensmittel zu Weltmarktpreisen einzukaufen, für die man Devisen benötigt, die man systembedingt nur in geringen Mengen hat. Nun kann man zwar gegensteuern, indem man ein wenig private Landwirtschaft erlaubt (also einen laxeren Kommunismus praktiziert), aber das braucht Zeit, die man nicht hat, wenn es geographisch nahe Konkurrenzsysteme gibt, die einerseits ständig politisch Druck machen und sich andererseits als leichte Ausweichoption für das einzig existente Kapital, nämlich das Humankapital, anbieten.

In einer kommunistischen, planetaren Kolonie gibt es keine konkurrierenden Systeme in unmittelbare Reichweite, die Bürger können nicht ohne Weiteres abwandern und man verfügt über ein derartiges Überangebot an Basisressourcen, dass man sich die Ineffizienz, die sich aus (schlecht) staatlich geführter Wirtschaft ergibt leicht kompensiert.
Wichtige Randnotiz: Schlecht geführte Privatwirtschaft, aber auch gut geführte, also Privatwirtschaft überhaupt funktioniert übrigens nur durch eine Umverteilung von Ressourcen, bei der nicht daran Teilnehmende systematisch benachteiligt werden. Um mal wieder die kurze, aber treffende Zusammenfassung zu bringen: Kommunismus kann nur funktionieren, wenn die meisten mitmachen wollen; Kapitalismus kann nur funktionieren, wenn die Meisten nicht mitmachen dürfen.

Für dieses SF-Szenario hieße das:
Einen kapitalistischer Weltenraum funktioniert nur, wenn es genug unterentwickelte Kolonien gibt, auf deren Ressourcen man zu Lasten der dort lebenden Bevölkerung zurückgreifen kann; das Grundkonzept lautet Konkurrenz. Ein kommunistischer Weltenraum funktioniert nur, wenn es tatsächlich gelingt, auch mit schlechter zentraler oder komplett ohne zentrale Steuerung (leicht anarchisch mit zahlreichen kleinen "Kommunen") immer weitere, leicht zugängliche Ressourcen zu erschließen, um die nicht konkurriert werden muss; Fortschritt benötigt hier jedoch entweder eine wie auch immer geartete äußere Bedrohung oder eine inhärente Fortschrittsideologie (in etwa: "Gott/die Partei/der Führer will, dass ihr euer Wissen mehrt!").
Daher wäre es sinnvoll, hier entweder mit großen Blöcken zu arbeiten, also im Hintergrund eine Art interstellaren Kalten Krieg zu etablieren. Denn wenn es etwas in der Art nicht gibt, passiert das, was wir gerade erleben: Der Zusammenbruch einer Supermacht hinterlässt entweder einen Sieger oder einen Übriggebliebenen, der es dann auch nicht mehr lange macht, weil ihm entweder der Feind oder die Rechtfertigung fehlt.
Oder man verzichtet komplett auf große Blöcke und hat stattdessen eine bunte Vielzahl kleiner Machtblöcke mit sehr unterschiedlichen Ideologien und sehr unterschiedlichen Wirtschaftssystemen, die je nach Zeit, Notwendigkeit und Laune miteinander oder gegeneinander agieren und in dem man als Weltraumreisender in unzählige Fettnäpfchen treten kann, sobald man irgendwo landet, wo man nicht geboren wurde oder wenigstens bereits einige Zeit verbracht hat.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 14.08.2011 | 02:30
[...]man Devisen benötigt, die man systembedingt nur in geringen Mengen hat.

Nein, das ist nicht systembedigt. Das ist einfach ein Managementfehler.

Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 14.08.2011 | 10:57
Was - wenn ich das mal auf einen beispielhaften Faktor reduzieren darf - ein solches System kippen lässt, ist z.B. die Notwendigkeit nach miesen Ernten, Lebensmittel zu Weltmarktpreisen einzukaufen, für die man Devisen benötigt, die man systembedingt nur in geringen Mengen hat.

Die miesen Ernten kamen ja auch nicht von ungefähr, oder weil's mal zuviel geregnet hat, sondern auch weil güterzugweise für die Getreideproduktion bestimmte Düngemittel "weggefunden" wurden. Da hat sich jeder Kolchosebauer einen Sack für seinen (legalen) privaten Gemüsegarten organisiert, und schwupp war der Waggon leer und für die staatlichen Felder nichts mehr da. Das ist eine andere Qualität als "ein paar Schmarotzer". Das ist wie die Geschichte von dem Gastgeber, der seine Gäste bat, dass jeder einen Krug Wein für das große Fass mitbringen möchte. Und jeder Gast hat sich gedacht "Wenn ich nur Wasser reinschütte, wird's schon keiner merken". Und am Ende war nur Wasser im Fass.
Das hast du mit jeder Form der Rationierung. Vor 1949 waren in West-Deutschland die Läden leer, und mit Einführung der D-Mark über Nacht die Regale voll. Die Waren sind aber nicht über Nacht materialisiert, sondern waren zuvor von den Händlern gehamstert worden, weil die sie nicht für ein paar wertlose Rationskarten rausrücken wollten.
Dito Währungsunion DDR 1990.

Zitat
Kommunismus kann nur funktionieren, wenn die meisten mitmachen wollen; Kapitalismus kann nur funktionieren, wenn die Meisten nicht mitmachen dürfen.

Bei zweiterem hab ich so meine Zweifel; entweder es stimmt so nicht oder es ist eine selbstbedingende Definition. Will sagen, ja, der Kapitalismus wie wir ihn kennen funktioniert so, dass die Meisten nicht mitmachen dürfen. Aber ich glaube nicht, dass das der Fall sein müsste. Es ist nur so, dass die einzigen, die den Status Quo ändern könnten, kein Interesse daran haben, weil sie dabei selber verlieren würden. Von selbst ändert er sich nicht, weil der Teufel scheisst auf den größten Haufen und so.

Theoretisch wäre aber ein System möglich, das einerseits die freie wirtschaftliche Entfaltung gestattet und dabei gleichzeitig vor Ausbeutung schützt, und tatsächlich jedem die gleichen Möglichkeiten bietet, nicht nur auf dem Papier. Vielleicht braucht man dazu eine Produktivität, die in Richtung "post-scarcity" geht. Aber eine technologisch fortgeschrittene Gesellschaft dürfte dazu die Möglichkeiten haben.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 14.08.2011 | 11:30
Die miesen Ernten kamen ja auch nicht von ungefähr, oder weil's mal zuviel geregnet hat, sondern auch weil güterzugweise für die Getreideproduktion bestimmte Düngemittel "weggefunden" wurden. Da hat sich jeder Kolchosebauer einen Sack für seinen (legalen) privaten Gemüsegarten organisiert, und schwupp war der Waggon leer und für die staatlichen Felder nichts mehr da.
[...]

Das lese ich zum ersten Mal. Hast Du dafür eine belastbare Quelle?
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 14.08.2011 | 11:32
Uff, das ist ewig her dass ich das gelesen habe. Wenns im Internet steht, kannst du das genausogut googlen wie ich.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 14.08.2011 | 11:35
Nein, das ist nicht systembedigt. Das ist einfach ein Managementfehler.

Ich muss widersprechen. Die Anhäufung nicht konkret zweckgebundener Devisen wäre die Anhäufung von Kapital ... Und das ist systembedingt nicht drin.
Man könnte natürlich argumentieren, dass auch ein kommunistisches System eine Art zweckgebundenen Devisenfond einrichten könnte, um sich für den Fall zu wappnen, dass man Einkäufe beim ideologischen Gegner tätigen muss. Allerdings ist es schwer, Devisen anzusammeln, wenn freie Geldmittel in ein Wettrüsten investiert werden muss, in dem der Gegner seine Mittel durch die Ausbeutung von Drittländern aufstocken kann.

Von der politisch-marktwirtschaftlichen Theorie zurück zur Worldbuilding-Praxis: In einem interplanetaren SF-Szenario kann man den Planeten ausbeuten, auf dem man sitzt und der sehr lange vorhält, bevor die Bevölkerungsdichte so hoch ist, dass "Planet = Land auf der Erde" wäre. Auch halten sich die Kosten für ein Wettrüsten in Grenzen, da das defensive Potential bald ausgeschöpft (sprich: der Planet abgeschirmt wie nix Gutes) ist und sich das offensive Potential auf Massenvernichtungswaffen verschränkt, die wohl eher relativistisch statt ballistisch funktionieren - also kein Mengenpotential benötigen (1).

(1) Wenn ich eine einzige Waffenplattform habe, mit der ich den feindlichen Planeten aus dem All sprengen kann, ist das nicht steigerungsfähig. Ich brauche nicht das 10.000fache Potential, um die Erdoberfläche zu verdampfen, um Verluste meiner Offensivwaffen durch gegnerische Defensivwaffen wie Raketenschilde etc. auszugleichen. Der Einsatz einer relativistischen MVW ist endgültig: Einmal abgefeuert, vernichtet sie das Ziel endgültig, gibt dem Ziel aber gleichzeitig Gelegenheit, sich für die unausweichliche Vernichtung gleicherart revanchieren.

Die miesen Ernten kamen ja auch nicht von ungefähr, oder weil's mal zuviel geregnet hat, sondern auch weil güterzugweise für die Getreideproduktion bestimmte Düngemittel "weggefunden" wurden. Da hat sich jeder Kolchosebauer einen Sack für seinen (legalen) privaten Gemüsegarten organisiert, und schwupp war der Waggon leer und für die staatlichen Felder nichts mehr da.

Das Problem waren eher die agrar- und verwaltungstechnischen Probleme, wenn man durch landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften riesige Agrarflächen schafft. Damit kommen nämlich weder Pflanzen noch Behörden sonderlich gut klar.

Wenn ein kommunistisches System lange genug existiert, merkt es irgendwann, dass es seine Zügel lockern muss, weil es sie einfach nicht mehr fester anziehen kann und weil die andere Option darin besteht, aufzugeben. Wir sehen das gerade in/auf Kuba: Niemand kann sagen, ob die Reformen zu spät oder gerade noch rechtzeitig kommen, ob sie ausreichend sind, schnell genug ausgeweitet oder überhaupt etwas bringen werden ... Aber sie kommen. Die Zukunft wird zeigen, ob ein solcherart moderater Kommunismus doch funktionieren kann, oder ob die Sache doch noch baden geht.

Zitat
Bei zweiterem hab ich so meine Zweifel; entweder es stimmt so nicht oder es ist eine selbstbedingende Definition. Will sagen, ja, der Kapitalismus wie wir ihn kennen funktioniert so, dass die Meisten nicht mitmachen dürfen. Aber ich glaube nicht, dass das der Fall sein müsste. Es ist nur so, dass die einzigen, die den Status Quo ändern könnten, kein Interesse daran haben, weil sie dabei selber verlieren würden. Von selbst ändert er sich nicht, weil der Teufel scheisst auf den größten Haufen und so.

Klar, da sind wir uns einig. Das derzeitige Problem ist, dass unsere kapitalistische Gesellschaft für den Erhalt ihres Lebensstandards Ressourcen benötigt, die einfach nicht in dem Maße vorhanden sind, um diese Gesellschaft auf den ganzen Planeten auszudehnen. Dafür müsste man eine Angleichung vornehmen, also dass die bisher Bevorteilten sehr viel weniger und die bisher Benachteiligten sehr viel mehr bekommen. Nur haben dann erstens alle bestenfalls ausreichend viel und zweitens nennet man eben diese Angleichung gemeinhin Kommunismus. ;)

Man könnte natürlich in einem SF-Szenario eine Art interstellares Pyramidenspiel etablieren, welches zum Ziel hat, immer neue Ressourcen zu erschließen. Und was mir dabei gerade auffällt: Damit hätte man den Grund, nachdem Du gefragt hast, warum Regierungen Raumfahrt subventionieren sollte: Die Ausdehnung des bekannten Weltraums ist staatstragend notwendig. Oder alternativlos, wie die olle Merkel sagen würde.

Zitat
Theoretisch wäre aber ein System möglich, das einerseits die freie wirtschaftliche Entfaltung gestattet und dabei gleichzeitig vor Ausbeutung schützt, und tatsächlich jedem die gleichen Möglichkeiten bietet, nicht nur auf dem Papier. Vielleicht braucht man dazu eine Produktivität, die in Richtung "post-scarcity" geht. Aber eine technologisch fortgeschrittene Gesellschaft dürfte dazu die Möglichkeiten haben.

Jepp, wir denken da prinzipiell in die gleiche Richtung. Ein bißchen Ausbeutung oder generell Ungerechtigkeit müsste ohnehin für das Setting erhalten bleiben, weil man sonst eine Utopie hätte, die zwar schön vorzustellen, aber langweilig zu spielen ist. Mir schwebt da in etwa vor, dass die Manpower neu erschlossener Welten überwiegend von Unterprivilegierten gestellt wird, also von Leuten, die auf anderen Welten "überzählig" sind, sich strafbar gemacht haben oder sonstigen Gründen Anlass haben, ihr Glück als Pioniere zu versuchen. Da gibt es dann lokal genug Reibungen für spannende Szenarien, während da System im Großen und Ganzen doch gute Absichten hat, aber eben nicht perfekt sein kann.

Generell ist es ja auch viel schöner, wenn die Zentralregierung der Menschheit zwar im Herzen wohlmeinend ist, aber ihr Arm eben nicht (jederzeit) in die entferntesten Winkel reicht. Und wenn man mal die "böse Zentralgewalt" (TM) braucht, dann kramt man einfach einen korrupten Planeten- oder Systemgouverneur heraus.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 14.08.2011 | 12:30
Zum Thema "sowjetische Zustände" habe ich da einen ausführlichen uralt-Artikel aus einem 1982er Spiegel ausgebraben.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14338988.html

Zu meiner Angabe mit dem vom Laster gefallenen Dünger steht da zwar nichts, aber immerhin:

Gründe für die dritte Mißernte hintereinander, außer dem Wetter: Jede zweite Erntemaschine ist defekt und wird auch nicht repariert, so daß die meisten Neulieferungen nur Ersatzinvestitionen darstellen. Bei Lagerung und Transport der Ernte gibt es bis zu einem Drittel Schwund.

Interessant dabei auch, dass fast alle Angaben über die Art der Mängel direkt aus den sowjetischen Medien entnommen scheinen. Es ist also nicht so, dass es in dieser Hinsicht eine starke Zensur à la Orwell gegeben hätte ("Die Schokoladenration wurde auf 20 Gramm pro Woche erhöht.").

Zitat
Wenn ein kommunistisches System lange genug existiert, merkt es irgendwann, dass es seine Zügel lockern muss

Im Prinzip waren die Sowjets ja schon ca. 1920 soweit. Lenin hat nach ersten katastrophalen Ergebnissen der verstaatlichten Landwirtschaft wieder einen privaten Lebensmittelmarkt erlaubt. Stalin hat das dann prompt wieder rückgängig gemacht. Im späteren Verlauf hat man versucht, es irgendwo in der Mitte einzupendeln.

Da fällt mir übrigens noch ein russischer Witz ein: Schwärmt ein Redner auf dem KP-Parteitag "Bis zum Jahr 2000 wird der Kommunismus die ganze Welt erobert haben". Zwischenruf aus dem Plenum, "Von wem sollen wir dann unseren Weizen kaufen?"

Zitat
Jepp, wir denken da prinzipiell in die gleiche Richtung. Ein bißchen Ausbeutung oder generell Ungerechtigkeit müsste ohnehin für das Setting erhalten bleiben, weil man sonst eine Utopie hätte, die zwar schön vorzustellen, aber langweilig zu spielen ist.

Mein Redshift-Setting ist in der Tat ungefähr so ausgelegt. Wie gesagt gibt es zwischen den Staaten der Erde ein starkes Entwicklungsgefälle, also ist damit quasi auch eine "Die Wurst bleibt hier" Situation gegeben, auch wenn innerhalb der fortschrlittlichsten Staaten keiner mehr auf der Strecke bleibt. Auch bietet es durch die balkanisierte Erde eine breite Auswahl an Gesellschaftsmodellen und Systemen. (Wenn schon ich als Einzelperson mich nicht für einen einheitlichen Kurs entscheiden kann, wie soll es dann die ganze Menschheit tun?)
Bei der Exploration des Alls wird es wohl auch primär um Ressourcen gehen, sowie Lebensraum, wobei aber wie gesagt das Umsiedlungspotential im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung minimal ist. (Ich will ja ein Mid-Future-Setting haben, in dem die Expansion noch nicht so lange im Gange ist; Sternenimperien mit tausenden von Welten fallen also raus.)

Dazu übrigens noch ein paar Kommentare zum Thema Kolonisation auf Atomic Rockets:
http://www.projectrho.com/rocket/stellarcolony.php#id--Rate_of_Expansion--Eric_M._Jones--Comments
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 14.08.2011 | 22:59
Ich muss widersprechen. Die Anhäufung nicht konkret zweckgebundener Devisen wäre die Anhäufung von Kapital ... Und das ist systembedingt nicht drin.
[...]

Natürlich ist das drin. Das, was wir als "Kommunismus" kennen, hatte jede Menge Kapital. Immmobilien, Fabrikationsanlagen, Wohngebäude... alles Kapital. Devisen sind da nichts anderes. Das war nämlich nichts weiter als Staatskapitalismus.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 14.08.2011 | 23:01
Zum Thema "sowjetische Zustände" habe ich da einen ausführlichen uralt-Artikel aus einem 1982er Spiegel ausgebraben.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14338988.html

Zu meiner Angabe mit dem vom Laster gefallenen Dünger steht da zwar nichts, aber immerhin:

Gründe für die dritte Mißernte hintereinander, außer dem Wetter: Jede zweite Erntemaschine ist defekt und wird auch nicht repariert, so daß die meisten Neulieferungen nur Ersatzinvestitionen darstellen. Bei Lagerung und Transport der Ernte gibt es bis zu einem Drittel Schwund.
[...]

MIt anderen Worten: Eine viel zu niedrige Investitionsquote. Managementfehler.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 18.08.2011 | 08:55
Natürlich ist das drin. Das, was wir als "Kommunismus" kennen, hatte jede Menge Kapital. Immmobilien, Fabrikationsanlagen, Wohngebäude... alles Kapital. Devisen sind da nichts anderes. Das war nämlich nichts weiter als Staatskapitalismus.

Es geht nicht um Kapital, sondern um dessen Anhäufung. Die von Dir aufgezählten Werte sind weder optional noch disponabel, sie befinden sich nominell in Volkseigentum, was sich praktisch darin äußert, dass sie in Besitz des Volkes sind, verwendet und benötigt werden. Deiner Definition zufolge gäbe es nur Kapitalismus, weil ja jeder Staat mindestens über Humankapital verfügt. Und so lange Du beispielsweise die Sowjetunion als Kapitalgesellschaft mit 290 Millionen Gesellschaftern betrachten möchtest, sehe ich da - ganz offen gestanden - auch keine Diskussionsgrundlage. ;)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 18.08.2011 | 09:35
Es geht nicht um Kapital, sondern um dessen Anhäufung. Die von Dir aufgezählten Werte sind weder optional noch disponabel,

Aber natürlich sind sie das und sie wurden auch so behandelt.

Zitat
sie befinden sich nominell in Volkseigentum, was sich praktisch darin äußert, dass sie in Besitz des Volkes sind, verwendet und benötigt werden.

Da fällst Du jetzt aber auf die Propaganda des Regimes rein. Neh, dieses Kapital befand sich praktisch im Besitz der Funktionäre, die es verwalteten.

Zitat
Deiner Definition zufolge gäbe es nur Kapitalismus, weil ja jeder Staat mindestens über Humankapital verfügt. [...]

Das ist ja auch so... die Frage ist immer nur, wer der Kapitalist ist. Ein "echter" Sozialismus wäre strikt demokratisch, so dass tatsächlich die Staatsbürger die Kapitalisten wären, und zwar alle zu gleichen Teilen. Das wurde allerdings noch nie versucht.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 18.08.2011 | 11:32
Aber natürlich sind sie das und sie wurden auch so behandelt.
Da fällst Du jetzt aber auf die Propaganda des Regimes rein. Neh, dieses Kapital befand sich praktisch im Besitz der Funktionäre, die es verwalteten.

Du verwechselst Eigentum und Besitz. Eigentum ist etwas Theoretisches, und in der Theorie war alles, was in der Sowjetunion lag, stand, fuhr oder vor sich hin rottete Eigentum des Volkes. Besitz ist etwas Praktisches; derjenige, der eine Sache in Besitz hat, besitzt sie auch. Nun kann man zwar mit Fug und Recht behaupten, dass hohe Funktionäre deutlich mehr besaßen als der normale Sowjetbürger, aber im Besitz jedes einzelnen Traktor waren sie nicht. Den besaß die Kolchose, die ihn zugeteilt bekommen hatte, und das schon, bevor er überhaupt gefertigt wurde - wenn er denn jemals gefertigt wurde.

Zitat
Das ist ja auch so... die Frage ist immer nur, wer der Kapitalist ist. Ein "echter" Sozialismus wäre strikt demokratisch, so dass tatsächlich die Staatsbürger die Kapitalisten wären, und zwar alle zu gleichen Teilen. Das wurde allerdings noch nie versucht.
Sozialismus wäre es auch, wenn einer alles hätte, aber dies mit allen teilte, sobald sie es brauchen.

Aber im Kern hast Du Recht, und bevor wir den Thread hier noch weiter zweckentfremden, sollten wir die Kurve kriegen: Ein SF-Setting erlaubt es ja grundsätzlich, solche Gesellschaften zu entwickeln. Eine kleine, verschworene Gemeinschaft von Kolonisten/Pionieren, die eine neue Welt erschließen will, kann realen Kommunismus/Sozialismus praktizieren, weil die Zahl ihre Angehörigen überschaubar ist. Jeder kennt jeden, als ist auch jeder jedem gegenüber verantwortlich und die situationsbedingt beschränkten Mittel lassen wenig Raum für Privateigentum (nicht zu verwechseln mit persönlichem Besitz). Sobald die Gesellschaft anonymer wird, wird der innere Schweinehund stärker, weil man weder bei Unterschlagung noch bei Ausbeutung dem Geschädigten in die Augen schauen muss.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Thot am 18.08.2011 | 11:57
Du verwechselst Eigentum und Besitz. [...]

Die Formulierung "im Besitz des Volkes" war also nicht von Dir?  ;D

Egal, zurück zum Thema:
Zitat
[...] Ein SF-Setting erlaubt es ja grundsätzlich, solche Gesellschaften zu entwickeln. Eine kleine, verschworene Gemeinschaft von Kolonisten/Pionieren, die eine neue Welt erschließen will, kann realen Kommunismus/Sozialismus praktizieren, weil die Zahl ihre Angehörigen überschaubar ist. Jeder kennt jeden, als ist auch jeder jedem gegenüber verantwortlich und die situationsbedingt beschränkten Mittel lassen wenig Raum für Privateigentum (nicht zu verwechseln mit persönlichem Besitz). Sobald die Gesellschaft anonymer wird, wird der innere Schweinehund stärker, weil man weder bei Unterschlagung noch bei Ausbeutung dem Geschädigten in die Augen schauen muss.

Eine große, tatsächlich sozialistische Weltaumkolonie dürfte mit viel direkter Demokratie auch in Wirtschaftsdingen sowie relativ wenig Datenschutz einhergehen... da wäre Betrug und Unterschlagung sicher nicht einfach. Sie hätte dann aber andere Probleme... "warum arbeitest Du nicht als X, da werden Deine Fähigkeiten nach Meinung der Mehrheit besser gebraucht?"
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 18.08.2011 | 22:27
Die Formulierung "im Besitz des Volkes" war also nicht von Dir?  ;D

Ich schrieb wörtlich "... sie befinden sich nominell in Volkseigentum, was sich praktisch darin äußert, dass sie in Besitz des Volkes sind ...". Nee, mein Gutester, die Verwechslung liegt ganz allein bei Dir. :P

Zitat
Eine große, tatsächlich sozialistische Weltaumkolonie dürfte mit viel direkter Demokratie auch in Wirtschaftsdingen sowie relativ wenig Datenschutz einhergehen... da wäre Betrug und Unterschlagung sicher nicht einfach. Sie hätte dann aber andere Probleme... "warum arbeitest Du nicht als X, da werden Deine Fähigkeiten nach Meinung der Mehrheit besser gebraucht?"

Dass sich eine Minderheit (oder das Individuum) einer Mehrheit beugen muss, ist doch ein zentrales "Problem" von Demokratie, auch ohne Sozialismus oder Kommunismus; dort entscheidet in den bisherigen Vorbildern eher das allmächtige Zentralorgan. Das Abwägen von gesellschaftlichen Pflichten und freier Entfaltung der individuellen Persönlichkeit hat jede Staatsform.

SF-Settings drücken sich um solche Dinge meistens.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 18.08.2011 | 23:00
Besitz hat aber auch etwas mit Verfügungsgewalt zu tun. Es bringt mir nichts, mich _in_ einer Fabrik zu befinden, wenn ich nicht bestimmen kann, was dort produziert wird. Und diese Verfügungsgewalt hatte nicht das Volk inne, sondern diverse Planungsbüros und Wirtschaftsministerien.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 23.08.2011 | 10:59
Besitz hat aber auch etwas mit Verfügungsgewalt zu tun. Es bringt mir nichts, mich _in_ einer Fabrik zu befinden, wenn ich nicht bestimmen kann, was dort produziert wird. Und diese Verfügungsgewalt hatte nicht das Volk inne, sondern diverse Planungsbüros und Wirtschaftsministerien.

Was sich wiederum mit Deinem vorherigen Aussagen beißt, nach denen ja irgendwie doch jeder macht, was er will, also auch in der Fabrik - besonders dann, wenn der gesellschaftliche Tenor dahin geht, dass sie ja allen gehört. Nun auseinander zu nehmen, ob es schief geht, weil die falschen Leute die Kontrolle haben oder deshalb, weil sie nicht genug Kontrolle haben, ist relativ müßig. Die Wahrheit dürfte wie immer irgendwo dazwischen liegen. Der Spruch "Russland ist groß und der Zar ist fern." lässt sich 1:1 auf "Die Sowjetunion ist groß und das Zentralkomitee ist fern." oder eben auf "Der Weltraum ist groß und XYZ ist fern." ummünzen.

Auch in der DDR gab es übrigens das Motto "Aus unseren Betrieben ist noch mehr herauszuholen!" - Nun ratet mal, wie einzelne Leute das verstanden haben ... ;)

Aus der Historie wissen wir, dass Kommunismus in überschaubaren Gemeinschaften gut funktioniert und teilweise sogar die einzig Möglichkeit ist. Jäger- und Sammlergruppen, kleine oder auch größere Dorfgemeinschaften oder eben junge Kolonien auf noch zu erschließenden Planeten haben noch gar keinen Überschuss, der zu verteilen wäre, sondern tendenziell eher Subsistenzerscheinungen, die zu verwalten sind und die den Zusammenhalt stärken. Man muss dann sehen, wann ein Wechsel des Gesellschafts- oder Wirtschaftssystems nötig oder einfach nur sehr intensiv gewollt ist.

Wechsel an sich scheint ohnehin der kleinste gemeinsame Nenner zu sein, der sich durch die Menschheitsgeschichte zieht. Gesellschaften entwickeln oder verwenden immer das System, dass gerade nötig/gewollt und mit den existierenden Mitteln zu etablieren ist und behalten dieses so lange bei, bis es nicht mehr tragbar ist und seinerseits abgelöst wird. Das wird in der Zukunft anzunehmenderweise nicht anders sein.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 6.04.2013 | 11:21
Nachdem dieser Thread damals gestorben ist, weil er sich in einer völlig irrelevanten Richtung verzettelt hatte, möchte ihn jetzt mal wiederbeleben und das Pferd von einer anderen Richtung aus aufzäumen.

Ich habe auch gesucht, ob es vielleicht einen noch _passenderen_ Thread gäbe, bin aber nicht fündig geworden. Wenn jemandem ein besserer Thread einfällt, sagt bescheid, dann verlegen wir das dahin.

Also: erstmal sollte man sich vielleicht überlegen, welche Eigenschaften eine neue Welt haben muss, um überhaupt für eine Kolonisation in Frage zu kommen. Ich rede hier freilich von extrasolaren Planeten, da wir die heimischen ja sowieso schon kennen. Mir fallen da folgende Punkte ein:

- erstmal muss der Stern eine relativ hohe Metallizität aufweisen, damit sich überhaupt erdähnliche Planeten bilden können. Soweit ich gelesen habe, wäre die Untergrenze bei etwa 60% der Metallizität unserer Sonne. Ob eine zu hohe Metallizität schädlich wäre, weiß ich nicht.
- die Lebensdauer des Sterns muss hoch genug sein, damit sich Planeten bilden können; er darf also nicht zu groß sein, da Riesen extrem schnell ausbrennen.
- insgesamt sollte die Spektralklasse ähnlich der Sonne sein, also vorzugsweise G (ein "Guter" Stern), maximal noch F oder K. Er darf weder zu wenig sichtbares Licht noch zuviel UV ausstrahlen.
- interessant finde ich hier noch den Sonderfall eines Sterns, der gerade im Begriff ist, die Hauptreihe zu verlassen: diese Phase kann zig Millionen Jahre dauern, man mss sich also keine Sorgen machen, dass der Stern einem vor der Nase wegplatzt.

- der Planet wiederum muss selbstredend in der habitablen Zone liegen, d.h. in einem Bereich, in dem so viel Sonnenenergie ankommt, dass es flüssiges Wasser an der Oberfläche geben kann. Dieses "Band" ist gar nichtmal so schmal; der Mars z.B. liegt nur relativ knapp außerhalb.
- bei Roten Zwergen, die ca. 70% aller Sterne ausmachen, läge diese Zone so nah am Stern, dass der Planet zwangsläufig rotationsgebunden wäre. Hier ist die Frage, inwiefern das ein Showstopper wäre. Nach der gängigen Theorie muss z.B. ein Planet rotieren, um ein Magnetfeld besitzen zu können, das ihn vor der kosmischen und solaren Partikelstrahlung abschirmt.
- auf der anderen Seite muss es vielleicht nicht unbedingt ein eigenständiger _Planet_ sein. Auch Monde um Gasriesen können alle Bedingungen erfüllen. Sie könnten das Magnetfeld ihres Hauptplaneten schmarotzen, oder sie könnten ungebunden rotieren wenn nur der Abstand groß genug ist.

- es wird aber noch vertrackter: da Terraforming extrem viel Energie schlucken und generell zu lange dauern würde, wäre es mehr als wünschenswert, dass dieser Planet bereits eine eigene Sauerstoffatmosphäre besitzt. Es reicht ja, wenn der Partialdruck auf Andenniveau liegt.
- das führt uns aber zum Knackpunkt: da Sauerstoff so extrem reaktionsfreudig ist, wird er sich in einem statischen System gar nicht halten. Es muss also bereits einen Sauerstoffkreislauf geben - und das wäre in erster Linie: Stoffwechsel, also Leben.
Dieses darf allerdings auch sehr primitiv sein, Einzeller würden bereits ausreichen. Aber natürlich gibt es eine Menge Implikationen.

- nebenbei sollte auch die Schwerkraft nicht zu hoch sein. Generell niedriger als auf der Erde. Unter anderem aus logistischen Gründen: es ist sauschwierig, hier vom Erdboden aus ins All zu gelangen, weil die Erde ein so tiefer steiler Schwerkraftbrunnen ist. Wäre die Oberflächenfallbeschleunigung nur 0,5 bis 0,7G, könnte man bequem mit einstufigen chemischen Raketen ins All gelangen.

Nochmal zurück zum Thema gebundene vs freie Rotation:
ob ein Himmelskörper rotationsgebunden ist, hängt von drei Faktoren ab: Masse des Hauptkörpers, Dichte des Satelliten, und Alter des Systems. Selbst die Erde wird irgendwann mal rotationsgebunden sein -- allerdings erst in ungefähr 1000 Milliarden Jahren, also hundertmal länger als die Lebensdauer der Sonne als Hauptreihenstern. Da müssen wir uns also nicht nass machen. ;)
Die Formel ist:
R = 0,0483*((T*M^2)/rho)^(1/6)
(R = Halbachse in Metern; T = Dauer in Erdjahren bis zur vollständigen Bindung der Rotation; M = Masse in kg; rho = Dichte des Satelliten in t/m³)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Grey am 6.04.2013 | 11:57
- nebenbei sollte auch die Schwerkraft nicht zu hoch sein. Generell niedriger als auf der Erde. Unter anderem aus logistischen Gründen: es ist sauschwierig, hier vom Erdboden aus ins All zu gelangen, weil die Erde ein so tiefer steiler Schwerkraftbrunnen ist.
Und? Wir haben trotzdem jetzt schon die Technologie, unseren eigenen Schwerkraftbrunnen zu verlassen. Ich sehe keinen Grund zu der Annahme, daß die Technologie auf dem Weg zu kolonisierbaren extrasolaren Planeten wieder schlechter wird - um so mehr, wo bis zu deren Erreichung, egal auf welchem Weg, noch einiges an Zeit und Innovation ins Land gehen dürfte. Sprich, bewohnbare Welten mit mindestens Erdschwerkraft sollten für extrasolare Pioniere kein echtes Hindernis darstellen.

Zum Thema Gezeitenbindung: hier spielen immer auch andere Himmelskörper mit rein, die eine vollständige Gezeitenbindung an die Sonne verhindern können. An Merkur z.B. haben immer auch Venus und Erde gezerrt, so daß er jetzt in einer stabilen 3:2-Resonanz seinen Endzustand erreicht hat. (3 Eigenrotationen auf 2 Sonnenumrundungen.) Und die Venus ist gar gegenüber der Erde "gezeitengebunden" - in dem Sinne, daß sie bei ihrer Eigenrotation immer im Moment der größten Annäherung der Erde dieselbe Seite zuwendet.

Thema Magnetfeld bei Planeten von roten Zwergen: knifflig, in der Tat. Ich habe da selber schon mal über das Konzept nachgedacht, daß ein massereicher Planet auf einer nahen benachbarten Umlaufbahn durch seine Gezeiteneinwirkung das Innere des bewohnbaren Planeten weit genug durchquirlen könnte, daß es glutflüssig und in Rotation bleibt. Das wäre ein ähnliches Prinzip wie bei Io und ihren Nachbarmonden. Allerdings habe ich zu dem Thema noch nicht allzu sehr in die Tiefe recherchiert.

Ansonsten bleibt immer der gute, alte "Mond eines Gasriesen" (wie schon von dir angesprochen, Feuersänger), die Möglichkeit eines Doppelplaneten oder zumindest ein bewohnbarer Planet mit einem hinreichend großen Mond - ähnlich wie wir ihn haben. Daß die Erde überhaupt noch ein Magnetfeld hat, hängt afaik stark mit unserer fetten Luna zusammen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 6.04.2013 | 12:10
Zur Anregung: Der Aufbau von Habitaten ist teils der Gegenentwurf, teils eine begleitende Maßnahme zum Terraforming. Letzteres benötigt vergleichsweise wenig Energie, dauert jedoch sehr lange; der Aufbau eines Habitats (egal ob nun planetar oder orbital) geht deutlich schneller, kostet aber massiv Energie. Der Rohstoffbedarf beider Verfahren nimmt sich nicht viel, auch die Zeit, bis man ab Beginn der Besiedlung so etwas wie Lebensqualität entwickelt hat, ist sehr vergleichbar.

Generell dürfte die Denke sein: Wenn ich eine Kolonie wegen der Rohstoffe gründe, sind vor Ort Rohstoffe vorhanden und wenn gerade kein passender Himmelskörper zur Stelle ist, dann setzt man einen künstliche Plattform ins All. Das hat Nachteile (keine solide Scholle, man ist den üblichen Gefahren des Weltraums ausgesetzt), hat aber auch massive Vorteil: Man kann das Ding dort platzieren, wo es im Querschnitt der Kategorien Bahnstabilität, Strahlenschutz, Energiedichte, Erreichbarkeit (und ggf. Verteidigung) etc. besonders günstig liegt. Vor allem aber spart man sich die (auf-) laufenden Kosten, die bei der Überwindung eines Schwerkraftbrunnens entstehen.

Der erste Schritt eines orbitalen Low-Level-Habitats wäre vermutlich die Positionierung mindestens eines Raumschiffs oder mehrerer Schiffe (Prinzip Wagenburg), welches die ersten Wohn- und Werkmodule bereitstellt. Dann wird kräftig ausgebaut: Hydroponische Anlagen, mehr Wohn- und Werkfläche, Dockanlagen und so weiter und so fort. Das ist in der Startphase sogar einfacher als ein planetares Habitat in lebensfeindlicher Umgebung, weil man für dieses erst einmal Bauteile auf die Oberfläche schaffen und diese zu einem ersten Komplex zusammenfügen muss - sofern es nicht möglich ist, ganze Raumschiffe zu landen. Diese Option steht bei Planeten/Monden/Asteroiden mit geringer Schwerkraft und dünner bis gar keiner Atmosphäre natürlich auch im Raum.

Je nachdem, wie organisiert und langfristig geplant Kolonisationsprojekte sind, wären Habitate auch der erste logische Schritt, um die langen Zeiträume des Terraformings zu überbrücken. Dann müssen die ersten Generationen in Habitaten leben, während der Planet langsam, aber stetig bewohnbar gemacht wird. Die Habitate sind dann nicht nur der erste Lebensraum, sondern liefern auch die Infrastruktur für das Terraforming und sind womöglich sogar politisch nötig, um überhaupt Homesteading betreiben zu können, also die gerade "in Arbeit befindliche" Welt für sich und/oder die eigene Nachkommenschaft zu sichern, damit nicht etwa andere ernten, wo man selbst gesät hat.

Hinzu kommt, dass Habitate grundsätzlich eine Rückversicherung sind. Die Besiedlung eines Planeten/Mondes ist (selbst ohne Terraforming) ein langwieriger Prozess und je länger er dauert, desto größer ist die Chance, dass irgend etwas nicht so klappt, wie es geplant war. Klimatische oder tektonische Entwicklungen sind nicht vollumfänglich berechenbar und wenn man nach einer Generation merkt, dass die vorher recht gemütliche Kolonie plötzlich sehr ungemütlich wird, hat man einen Rückzugsraum und wird nicht automatisch heimatlos.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 6.04.2013 | 19:09
Und? Wir haben trotzdem jetzt schon die Technologie, unseren eigenen Schwerkraftbrunnen zu verlassen.

Unter großen Mühen und noch größeren Kosten, mit Hilfe desintegrierender Totempfähle. Heutzutage kostet der Lift ca $10.000/kg. Selbst wenn die nächste Generation chemisch angetriebener Lifter (z.B. Skylon) diese Kosten zehnteln könnte, wäre das für extensiven Verkehr immer noch viel zu teuer.

Wahr ist: damit ein Raumfahrtszenario mit Kolonien und so weiter überhaupt möglich wird, muss bereits der Lift von der Erde aus spottbillig werden im Vergleich zu heute. Im Endeffekt braucht man SSTOs mit Masseverhältnis nicht größer als 4. Das ist ohne Kernenergie sicher nicht machbar. Eine realistische Option wäre z.B. eben LANTR, das nuklearen und chemischen Antrieb verbindet.

Nichtsdesotrotz wird so ein Kombiantrieb in jedem Fall komplexer, massiver und teurer sein als ein rein chemischer Antrieb. Wenn ich also für meine Kolonie die Wahl zwischen zwei Welten habe, die sich bei ansonsten vergleichbaren Bedingungen allein in der Schwerkraft deutlich unterscheiden, müsste ich schon sehr bescheuert sein, um diejenige mit dem höherem G-Faktor zu wählen.

Zitat
Zum Thema Gezeitenbindung: hier spielen immer auch andere Himmelskörper mit rein, die eine vollständige Gezeitenbindung an die Sonne verhindern können.

Das ist schon interessant. Lässt sich aber vermutlich nicht im voraus berechnen, oder?
Nebenbei fällt mir noch ein, dass unsere Gasriesen zwei "Sätze" Monde zu haben scheinen: einmal die inneren Monde, die meist uhrwerkartig und in Bahnresonanzen zueinander umlaufen und natürlich rotationsgebunden sind, und dann lange lange nichts, und viel weiter draußen dann weitere Monde, die nicht rotationsgebunden, aber meist sehr klein sind und auch nicht selten stark elliptisch und/oder retrograd umlaufen, also irregulär sind.
Gibt es einen bestimmten Grund für die enorme Lücke zwischen den inneren und äußeren Monden?

Zitat
Daß die Erde überhaupt noch ein Magnetfeld hat, hängt afaik stark mit unserer fetten Luna zusammen.

Ist das so? Ich hatte es genau anders in Erinnerung, nämlich dass unser Mond die Erdrotation enorm runtergebremst hat, und wir deswegen unsere 24-Stunden Tage haben und nicht 8 Stunden oder so. Auf die Schnelle hab ich nur diesen Artikel gefunden, da steht zwar alles Mögliche warum Luna für uns unverzichtbar ist, aber von Magnetfeld ist nicht die Rede:
http://www.n-tv.de/wissen/frageantwort/Was-waere-die-Erde-ohne-Mond-article6627551.html

Nichtsdestotrotz können wir wohl in unseren Forderungskatalog übernehmen: wenn die neue Welt ein eigenständiger Planet ist, braucht sie vermutlich einen ordentlichen Mond. Ist die Welt selber ein Mond, hat sich das natürlich erledigt.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: vanadium am 6.04.2013 | 19:27
Daß die Erde überhaupt noch ein Magnetfeld hat, hängt afaik stark mit unserer fetten Luna zusammen.
mMn hängt das mit dem rotierenden aus Eisen bestehenden Erdkern zusammen.
(Quelle: irgend eine der 200+ alpha-Centauri-Folge mit Lesch; bitte selber suchen  ;) )

[In wie weit das "Durchkneten" des Erdinnern durch die Gezeitenkräfte des Mondes und die Radioaktivität im Innern der Erde das völlige Erkalten bisher hinausgezögert haben und in welcher Relation zueinander, weiß ich nicht. Der Beitrag der Radioaktivität ist da aber mit Sicherheit nicht zu vernachlässigen. Hab hier keine Angaben zu Zeiträumen; wenn es mit/ohne Mond mehr als 109 Jahre sind, wär es so oder so egal. Und wenn sich die Erde als erkaltete, starre Kugel dreht, ist immer noch ein mag.Feld da.]

edit: diverse Anmerkungen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 6.04.2013 | 21:44
Weil's grad auf N24 kommt: auch Ganymed hat sein eigenes Magnetfeld, selbst als rotationsgebundener Mond und vermutlich ohne _flüssigen_ Eisenkern.
Jupiter hat aber halt auch einen ziemlich ekligen Strahlungsgürtel, nebst seiner noch ekligeren Schwerkraft. Letztere ist dafür verantwortlich, dass es in Sachen delta-V teurer ist, zum Jupiter zu fliegen, als zum fast doppelt so weit entfernten Saturn.

Darum wäre innerhalb unseres Sonnensystems Saturn bzw seine Monde ein interessantes Ziel in Punkto Kolonisation, wenn man es z.B. auf He-3 abgesehen hat. Als Bonus gibt es Wasser in Hülle und Fülle in den Ringen.

Für extrasolare Kolonien auf Gasriesenmonden wären dementsprechend auch eher kleinere Gasriesen vorzuziehen, keine Superjovianer. (Es sei denn, man ist über Fragen wie delta-V Budgets vollkommen erhaben.) Aber in erster Linie geht ja darum, dass solche Riesenplaneten überhaupt habitable Monde haben können; der Rest ist eine Frage der Technik.

edit:
Achja, ganz vergessen. Yerhos Habitat-Ausführungen sind natürlich auch interessant. Aber sie sollen natürlich nur eine Übergangslösung sein, schließlich wollen wir ja letzten Endes exotische Freiluftwelten, und nicht immer und immer wieder die gleichen Habitate nach Standardgrundriss.
Nach SF-Nomenklatur unterscheidet sich ein Habitat von einer Raumstation in erster Linie durch den Zweck: eine Raumstation dient z.B. als Militärbasis, Handelsposten, Forschungseinrichtung oder sonstwas. Ein Habitat ist einfach nur zum Wohnen. ;)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 7.04.2013 | 15:47
Nach SF-Nomenklatur unterscheidet sich ein Habitat von einer Raumstation in erster Linie durch den Zweck: eine Raumstation dient z.B. als Militärbasis, Handelsposten, Forschungseinrichtung oder sonstwas. Ein Habitat ist einfach nur zum Wohnen. ;)

Ein Habitat ist ein Lebensraum. Den Unterschied verdeutlicht der Spruch "Wohnst Du noch oder lebst Du schon?". ;D
Mutter Erde ist unser Habitat, aber wir wohnen nicht nur hier, sondern wir machen hier alles, was für unser Leben erforderlich ist.

Klar, so ein erdähnlicher Planet oder Mond ist heimeliger und rein mathematisch kann es davon zig Tausende geben, nur muss man die erst einmal finden und wenn man sie gefunden hat, ist noch lange nicht gesagt, dass es nicht andere Faktoren gibt, die sie insgesamt nutzlos oder für einige Fraktionen schlichtweg nicht verfügbar machen. Bei einer geeinten Menschheit wäre das nicht so problematisch, da kann man dann dort reinen Wohnraum schaffen und/oder ihn meinetwegen als Kornkammer nutzen, selbst wenn er beispielsweise extrem arm an den benötigten Rohstoffen ist - die holt man dann eben anderswo her.

In einem Setting mit zig Fraktionen, die alle aus irgendwelchen Gründen ihr Ding machen müssen/wollen, ist das nicht möglich, da braucht man jeden Lebensraum, den man finden oder eben schaffen kann. Dazu kommen Situationen, wo der Lebensraum dort geschaffen werden muss, wo man sich aus Gründen längerfristig niederlassen muss, die nichts mit Wohnlichkeit zu tun haben, wo man aber beispielsweise nicht ständig Arbeiter im Schichtdienst hin und her karren kann.

Weltraumplattformen müssen übrigens nicht nach Schema F aufgebaut sein. Wie die genau aussehen hängt schwer mit dem ursprünglichen Zweck ihrer Gründung, dem kulturellen Hintergrund ihrer Gründer/Bewohner und mit der spezifischen Entwicklungsgeschichte zusammen. Von orbitalen Industrieblöcken mit Ein-Mann-Wohncontainern bis hin zu riesigen hydroponischen Anlagen in idealer Sonnenlage, in denen die Farmer ganzjährig in Bungalows wohnen und nach getaner Arbeit auf der Terrasse ein selbstgebrautes Bierchen zischen ist praktisch alles denkbar.
Dabei ist auch zu bedenken, dass "Heimat" ein Gefühl ist. Auch wenn ein künstliches Habitat mittlerweile den ursprünglichen Zweck gar nicht mehr erfüllen kann, dürften dort Geborene und Aufgewachsene dort bleiben, sofern es nur irgend eine Möglichkeit gibt, dort vernünftig sein Leben zu bestreiten. Man ist einfach an die Umgebung, an den Geschmack der Luft, an die Beleuchtung und zig andere Faktoren gewöhnt und je nach Gewöhnung würde irgendwann ein natürliches Habitat mit seinen erratischen Bedingungen als Hölle empfunden, die man vielleicht aus geschäftlichen Gründen oder mal aus Nostalgie oder für den Kick ("Opa hat uns immer Märchen erzählt, wie super es auf der Erde ist ... Stimmt aber nicht! Die haben hier nicht einmal konstante Temperaturen und überall fliegen und kriechen irgendwelche Viecher herum!") besucht. Niemals vergessen: So unattraktiv wie uns heute das Leben in einem künstlichen Habitat erscheint, so unattraktiv kann für dort Geprägte in natürliches Habitat sein; die Empfindungswelten wäre vergleichbar.

Auch mit Aussagen zur Exotik wäre ich vorsichtig. Natürliche Habitate sind auch nur exotisch, so lange man sie nicht kennt. Ein unbekanntes künstliches Habitat zu besuchen, das von seinen Bewohnern aus was weiß ich für Gründen genau so gestaltet wurde, wie es eben getan wurde, kann exotischer sein als der zigste erdähnliche Planet, die nach Standardgrundriss terraformiert oder zumindest bebaut wurden und wo man sich die ursprüngliche Exotik auch nur noch auszugsweise im lokalen Naturkundemuseum anschauen kann.
In natürlichen Habitaten kann man sicher sein, dass es dort wo man landet und im größeren Umfeld genau so ist und bleibt. Wenn man in gemäßigten Breiten in einem Nadelwald landet, hat man das für zig Tage oder Wochen, wenn man es zu Fuß erkundet. Macht man dasselbe in einem künstlichen Habitat, kann einen in jedem verdammten Modul, hinter jeder Schleuse etwas komplett anderes erwarten.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: vanadium am 7.04.2013 | 16:10
Dabei ist auch zu bedenken, dass "Heimat" ein Gefühl ist. Auch wenn ein künstliches Habitat mittlerweile den ursprünglichen Zweck gar nicht mehr erfüllen kann, dürften dort Geborene und Aufgewachsene dort bleiben, sofern es nur irgend eine Möglichkeit gibt, dort vernünftig sein Leben zu bestreiten. Man ist einfach an die Umgebung, an den Geschmack der Luft, an die Beleuchtung und zig andere Faktoren gewöhnt[...]
U.a. sehr schön in der Literatur beschrieben, z.B. bei Asimov: Menschen vs. Spacer. Det. Elijah Baley, der als kurzlebiger, in einem Moloch von Stadt auf der überbevölkerten Erde aufgewachsener Mensch auf einer Spacerwelt (langlebige Nachfahren der Menschen; mit sehr wenigen Einwohnern pro Planet; naturverbunden etc.) ermittelt und bei einem Toilettengang* fast die Krise bekommt.

* Da wird einem mit Holographie blabla nämlich vorgegaukelt sich in einer sehr natürlichen Umgebung zu befinden (Vogelzwitschern, Wasserfall etc.).
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Grey am 8.04.2013 | 09:03
Wahr ist: damit ein Raumfahrtszenario mit Kolonien und so weiter überhaupt möglich wird, muss bereits der Lift von der Erde aus spottbillig werden im Vergleich zu heute.
Exactly. Daher kannst du davon ausgehen, daß Kolonisten in fremden Sonnensystemen bereits über einstufige Shuttles verfügen, die 1g auf einer Arschbacke einem Triebwerk abrutschen. Ansonsten stimmt irgendwas mit der inneren Logik des Settings nicht.

Nichtsdesotrotz wird so ein Kombiantrieb in jedem Fall komplexer, massiver und teurer sein als ein rein chemischer Antrieb. Wenn ich also für meine Kolonie die Wahl zwischen zwei Welten habe, die sich bei ansonsten vergleichbaren Bedingungen allein in der Schwerkraft deutlich unterscheiden, müsste ich schon sehr bescheuert sein, um diejenige mit dem höherem G-Faktor zu wählen.
Nur, wenn der höhere G-Faktor noch ein ernsthaftes Hindernis darstellt. Angesichts der erforderlichen Technologie, um tatsächlich interstellare Flüge betreiben zu können, sollte dieses Problem aber bereits vernachlässigbar sein, s.o. Bei Welten ab, sagen wir mal, 1,3g aufwärts würde ich mich gerade noch drauf einlassen, daß da der Bordingenieur so was sagt wie: "Ich muß Ihnen das Shuttle tunen, Sir, sonst kommen Sie nicht wieder rauf." Aber selbst da wäre ich skeptisch; mir käme das vor, als ob eine Kultur bereits mit dem Airbus ganz Kontinentaleuropa bereist, aber sagt: "Die Nordsee stellt eine zu große Hürde dar."

Das ist schon interessant. Lässt sich aber vermutlich nicht im voraus berechnen, oder?
Schwierig, schwierig. Ich verlege mich da bei der Recherche eher darauf, bekannte Mondsysteme im Sonnensystem als Vorbilder zu nehmen. Jupiters vier große Satelliten zum Beispiel. Oder der Pluto-Charon-Doppel(zwerg)planet mit seinen mittlerweile vier Minimonden in witzigen Resonanzumlaufbahnen.

Fun Fact: die Gezeitenkräfte, die ein Körper auf deinen Planeten ausübt, verhalten sich tatsächlich - grob gerechnet - proportional dazu, wie groß der Körper bei dir am Himmel aussieht. Sprich, da Sonne und Mond von der Erde aus gesehen ungefähr gleich groß erscheinen, liegt auch ihr Gezeiteneinfluß in derselben Größenordnung. (Derjenige der Sonne ist schwächer, da sie die geringere Dichte hat.) Du kannst also mit einem erbärmlichen Zwergbrocken von Mond lustige Gezeiteneffekte erzeugen, wenn du ihn nur nah genug um deinen Planeten kreisen läßt. ;)

Nebenbei fällt mir noch ein, dass unsere Gasriesen zwei "Sätze" Monde zu haben scheinen: einmal die inneren Monde, die meist uhrwerkartig und in Bahnresonanzen zueinander umlaufen und natürlich rotationsgebunden sind, und dann lange lange nichts, und viel weiter draußen dann weitere Monde, die nicht rotationsgebunden, aber meist sehr klein sind und auch nicht selten stark elliptisch und/oder retrograd umlaufen, also irregulär sind.
Gibt es einen bestimmten Grund für die enorme Lücke zwischen den inneren und äußeren Monden?
Ich meine, da gäbe es mehrere Theorien zu. In meinem Hinterkopf festgesetzt hat sich die, derzufolge die inneren Monde noch mit dem Planeten zusammen aus dessen Staubscheibe entstanden sind, wogegen die irregulären äußeren aus eingefangenen Planetesimalen usw. bestehen, die hauptsächlich während des schweren Bombardements drumherumgeschwirrt sind. Ihre Bahnen dürften anfangs exzentrischer gewesen sein. Durch Schwerkrafteinflüsse der Nachbarmonde und des Planeten selbst relaxierten sie dann in moderatere Ellipsen bzw. Beinahe-Kreisbahnen.

Ist das so? Ich hatte es genau anders in Erinnerung, nämlich dass unser Mond die Erdrotation enorm runtergebremst hat, und wir deswegen unsere 24-Stunden Tage haben und nicht 8 Stunden oder so.
Zunächst mal hast du recht: Lunas Gezeiteneinfluß bremst die Erdrotation ab. Aber die Gezeitenkräfte wirken ungleichmäßig auf die flüssigen und festen Bestandteile der Erde. Darum merken wir ja überhaupt was von Ebbe und Flut in unseren Ozeanen, anstatt daß einfach Wasser und feste Kruste dieselbe Hebung und Senkung mitmachen.

Das gilt, soweit ich weiß (Ich wünschte, ich könnte jetzt mal schnell eine Volltextsuche über die Astronomiebücher in meinem Schrank machen), auch für unseren glutflüssigen Erdmantel: er wird vom Mond etwas stärker oder schwächer durchgeknetet als die Kruste drumherum. Dadurch hält der Mond das Ganze flüssig, so daß es mit einem heterogenen Geschwindigkeitsprofil weiterrotieren und unser Magnetfeld aufrechterhalten kann.

Nichtsdestotrotz können wir wohl in unseren Forderungskatalog übernehmen: wenn die neue Welt ein eigenständiger Planet ist, braucht sie vermutlich einen ordentlichen Mond.
Wobei "ordentlich" unterschiedlich definiert sein kann, siehe oben. ;)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 8.04.2013 | 09:27
Der irdische Mond kompensiert doch im Grunde eine ungleichmäßige Wärmezufuhr, die sich aus der Achsenneigung der vergleichsweise "kalten" Erde und aus ihrem Abstand zur Sonne bzw. deren Leistung ergibt. Planeten mit gleichmäßigerer Rotation und/oder einer anderen Bahn um einen anderen Stern, deren Durchschnittstemperatur auch nur wenige Grad höher liegt, bräuchten keinen Mond, um den Planetenkern und den flüssigen Mantel erogen zu halten und könnten trotzdem immer noch innerhalb bewohnbarer Parameter liegen.
Irgendwo hängt das Ganze auch noch mit dem Anteil und der Verteilung an flüssigem Wasser als Wärmespeicher zusammen, wobei ich diesen Aspekt jetzt auf die Schnelle nicht mehr hieb- und stichfest zusammen bekomme. Auf jeden Fall gilt die Faustregel, dass die Bedingungen, die unseren Planeten bewohnbar machen zwar ziemlich einzigartig sind, aber beileibe nicht die einzig mögliche Kombination aus Bedingungen darstellen, die einen Planeten oder Mond bewohnbar machen.

Hinzu kommt noch, dass Menschen ziemlich pingelige Organismen sind, die mit zig eigentlich paradiesischen Planeten nix anfangen könnten, nur weil dort ein Faktor nicht stimmt. Nehmen wir beispielsweise einmal den Sauerstoffanteil; unter sieben bis acht Prozent kippen die meisten Menschen um. Durch Training/Gewöhnung kann man ein bis zwei Prozent herausschlagen, aber unter drei Prozent ist bei jedem Menschen Schluss, danach kann man nur noch den Planeten und/oder sich selbst (genetisch) verändern. Den letzteren Aspekt sollte man nicht vernachlässigen, denn die Hürde, den eigenen Körper nachhaltig zu verändern, ist bereits heute für weite Teile der Spezies Mensch sehr gering. Wenn dadurch neuer Lebensraum erschließbar wird, dürfte - abhängig vom Entscheidungsdruck - die Hemmschwelle noch geringer liegen. Die technischen Hürden dafür sind bereits heute gering, die ethischen hoch - was aber niemanden interessiert, der in Not ist und/oder ohnehin vorhat, nach gänzlich eigenen (nicht nur ethischen) Vorstellungen eine neue Gesellschaft irgendwo im All zu gründen. Da braucht man für das Setting irgendwann nicht einmal mehr Außerirdische, weil die (ursprünglich) menschlichen Bewohner diverser Kolonien schon fremdartig genug erscheinen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 8.04.2013 | 11:15
Nur, wenn der höhere G-Faktor noch ein ernsthaftes Hindernis darstellt. Angesichts der erforderlichen Technologie, um tatsächlich interstellare Flüge betreiben zu können, sollte dieses Problem aber bereits vernachlässigbar sein, s.o.

Das "Schöne" (Ansichtssache) ist ja, dass STO, IP und IS jeweils völlig unterschiedliche Technologien erfordern, die meist nichts miteinander zu tun haben. Interstellar läuft in der Regel eh per FTL ab, was grundsätzlich immer Autorenwillkür und vom restlichen Techlevel entkoppelt ist. [Die logischen Schwierigkeiten von STL haben wir ja in einem anderen Thread erörtert.] Bei IP gelten ganz andere Anforderungen und Beschränkungen als bei STO; es gibt massenweise denkbare Antriebe und Technologiestufen, die zwar den IP-Verkehr immer weiter verbessern, aber auf STO überhaupt keinen Einfluss haben.

Zitat
Bei Welten ab, sagen wir mal, 1,3g aufwärts würde ich mich gerade noch drauf einlassen, daß da der Bordingenieur so was sagt wie: "Ich muß Ihnen das Shuttle tunen, Sir, sonst kommen Sie nicht wieder rauf." Aber selbst da wäre ich skeptisch;  mir käme das vor, als ob eine Kultur bereits mit dem Airbus ganz Kontinentaleuropa bereist, aber sagt: "Die Nordsee stellt eine zu große Hürde dar."

Den Scotty machen? Öh, wie sollte das denn gehen? Die Triebwerke haben doch eine bestimmte Maximaltemperatur, wenn man die überschreitet schmelzen sie dir weg. Wenn wir nen Lifter haben der mit R=4 auf Erdschwerkraft ausgelegt ist (z.B. LANTR), dürften die Betriebsparameter schon ziemlich auf Anschlag sein weil man sonst wieder unnötig Nutzlast verschenkt. Um mit dem gleichen Lifter aus 1,3G rauszukommen, müsste man entweder die R auf 6 erhöhen oder die v_e von ~7000 auf ~9000m/s, und in beiden Fällen massiv den Schub steigern, weil sonst der Gravity Drag zu hoch wird. Im Endeffekt bräuchte man eine völlige Neukonstruktion. Außer, die Triebwerke laufen im Erdverkehr nur auf sagen wir 2/3 Kapazität; das könnte zwar einerseits sicherheitstechnisch angenehm sein, bedeutet aber andererseits auch eine ziemliche Verschwendung.

Das mit dem Airbus hinkt, du musst ja auch den unterschiedlichen Bedarf mit in Betracht ziehen. Es ist also eher so, wie wenn man zwar mit dem Airbus von Hamburg nach Frankfurt fliegt, aber den Verkehr zwischen den Färöer-Inseln mit Propellermaschinen abwickelt - und zwar mit solchen, die es sowieso schon gibt, und nicht extra für den Betrieb zwischen Torshávn und Klaksvík entwickelt wurden. [Der Vergleich fängt natürlich zunehmend an zu hinken, hüstel]
Was ich damit sagen will: solange die Erde die Drehscheibe und Start- oder Endpunkt quasi aller Transporte ist, wird hier dementsprechend auch der Löwenanteil des STO-Verkehrs stattfinden. Da ist es unattraktiv, für eine Kolonie mit vielleicht 5-10% des Gesamtfrachtaufkommens extra Lifter mit wesentlich verbesserten Antrieben zu konstruieren.

Ich hab mir ja ziemlich lange den Kopf zerbrochen über gangbare SSTO-Antriebe, und bin im Endeffekt daraus rausgekommen, dass jenseits von LANTR eine sehr lange Durststrecke kommt, d.h. man muss den Techlevel _enorm_ erhöhen (und einige handwedelige Annahmen machen), um eine Antriebsmethode zu ermöglichen, die einen spürbaren Vorteil brächte. Das ist also freilich eine Frage der persönlichen Präferenz.
Zum Vergleich; NTR Gas/Closed wäre hier für sehr hohe delta-Vs prinzipiell geeignet, aber mal abgesehen von der Frage der technischen Machbarkeit frisst es auch 10mal soviel Energie pro kg Nutzlast wie LANTR. Das ist so ein bißchen wie die Frage nach der Henne und dem Ei: wenn man erstmal LANTR hat, hat man für den Erd-Verkehr keinen großen Anreiz mehr, völlig neue Lifter-Technologien zu entwickeln. So wie man auch im heutigen Luftverkehr mit Airbus und Co zufrieden ist und sich die Concorde nicht durchsetzen konnte. Dadurch ist dann aber die Lifting-Technologie effektiv auf dieses Niveau gedeckelt, und man wird nur ungern Welten kolonisieren, für die man völlig neue Tech bräuchte.

Und davon mal abgesehen, 1,3G oder drüber dürfte auch für die Kolonisten sehr unkomfortabel sein; wer will schon 1/3 mehr Gewicht durch die Gegend wuchten als er sich eigentlich angefuttert hat? Ich würde als Kolonist jedenfalls auch lieber auf einem Low-G-Planeten leben wollen. ;)

Also, je mehr ich drüber nachdenke, desto härter stellt sich mir die Beschränkung auf maximal Erdschwerkraft dar.
Aber umgekehrt ist jeder m/s² weniger Fallbeschleunigung bares Geld wert, da die geringere Schwerkraft entsprechend günstigere Masseverhältnisse und/oder schwächere und somit leichtere Triebwerke erlaubt; alles erhöht die potentielle Nutzlast und senkt den Kilopreis. Und chemische Triebwerke sind natürlich am leichtesten.
Das soll jetzt nicht heissen, dass man _nur_ Welten kolonisieren würde, die mit chemischen SSTOs bedienbar sind, aber der Trend dürfte in die Richtung gehen, wenn man weit genug rumkommt und es sich aussuchen kann. Wenn man freilich nur mit Müh und Not einen einzigen bewohnbaren Planeten erreichen kann, muss man halt nehmen was man kriegt, nur ist dann die Frage ob sich daraus überhaupt ein Kolonisationssetting entwickeln dürfte.

Zitat
Fun Fact: die Gezeitenkräfte, die ein Körper auf deinen Planeten ausübt, verhalten sich tatsächlich - grob gerechnet - proportional dazu, wie groß der Körper bei dir am Himmel aussieht.

Das ist in der Tat witzig. =D Leider bin ich nach wie vor zu doof, um den scheinbaren Durchmesser am Himmel auszurechnen. Dabei wäre das ja gerade bei Gasriesen interessant. Wie groß würde beispielsweise der Saturn aus 4 Millionen km aussehen? (So weit etwa müsste ein Mond entfernt sein, um noch nicht rotationsgebunden zu sein.)  

Das mit den unterschiedlichen Gezeiteneinwirkungen auf feste und flüssige Bestandteile ist freilich nachvollziehbar.
Und die Vorstellung von zwei mittelgroßen Planeten, die sich im Pluto/Charon-Muster gegenseitig umkreisen, ist freilich auch witzig. Da kann man schon einiges anstellen auf der kosmischen Spielwiese.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Grey am 8.04.2013 | 13:11
Das "Schöne" (Ansichtssache) ist ja, dass STO, IP und IS jeweils völlig unterschiedliche Technologien erfordern, die meist nichts miteinander zu tun haben.
Schon klar. Es gibt an dieser Stelle keine direkte logische Verknüpfung.

Mein Bauchgefühl allerdings kriegt jedesmal einen Lachflash, wenn ich mir vorstelle, daß Jahrhunderte ins Land gehen und wir den Geniestreich für interstellaren Raumflug hinbekommen - gleichgültig, ob jetzt FTL oder STL -, unsere Technologie für den Lift in den erdnahen Orbit aber wie festgenagelt auf dem jetzigen Niveau verharrt. Das kommt mir dann jedesmal ähnlich anachronistisch vor wie in der Geschichte "Die Unentschlossenen" von Eric Franc Russel, wo der Pilot des ultraschnellen interstellaren Raumschiffs zwischendurch den Chronometer an der Wand aufzieht.

Interstellar läuft in der Regel eh per FTL ab, was grundsätzlich immer Autorenwillkür und vom restlichen Techlevel entkoppelt ist. [Die logischen Schwierigkeiten von STL haben wir ja in einem anderen Thread erörtert.]
Haben wir. (Wobei ich dabei bleibe, daß FTL die Logik des Settings noch mal um Größenordnungen übler zerschießt als ein hypothetischer "Schild" gegen relativistische Planet Crackers, weswegen ich für mein Setting an STL festhalte; aber das gehört in einen anderen Thread.)

Den Scotty machen? Öh, wie sollte das denn gehen?
Expeditionsschiffe, die in dürftig erforschte Sonnensysteme aufbrechen, sollten ein gewisses Maß an Flexibilität aufweisen. Unsere heutige Raumfahrt geht im Regelfall von hochspezialisierten Vehikeln aus, die nur eine ganz bestimmte Route fliegen können. Die Voyager-Sonden z.B. waren ursprünglich allein auf den Flug zu Jupiter und Saturn ausgelegt, und schon um Uranus und Neptun (entgegen Anweisung von oben) doch noch mitnehmen zu können, mußten die Techniker die Sonden heimlich ein wenig umbauen.

Eine derart hohe Spezialisierung erscheint mir bei der bemannten Erforschung fremder Sonnensysteme kontraproduktiv. Ein Schiff zu bauen, das lediglich einen Typ Beiboote an Bord hat, um an der Erde "anzulegen", und einen zweiten Typ, um den Kolonieplaneten betreten zu können... und dessen Beiboote für jeden anderen Typ Planet unbrauchbar sind, das erschiene mir für ein Rollenspielsetting unbefriedigend. Ich als SC wäre damit vollständig auf den Missionsplan festgelegt. Keinerlei Entscheidungsspielraum, keine Abzweigung zu Nebenplots.

Wenn wir aber ohnehin von Shuttles mit einer gewissen Flexibilität ausgehen, kann ich mir durchaus vorstellen, daß sich daran auch vor Ort noch was "basteln" läßt. Gewichtsersparnis, Erhöhung der Hitzeabstrahlung durch irgendwelche Einweg-Paneele, weiß der Geier. Ben Bova läßt in seinem Roman "Venus" zwei Raumschiffe in die Venusatmosphäre eintauchen, von denen das eine exakt für die vorher bekannten Anforderungen optimiert ist, wogegen das andere nach dem Prinzip des Overengineering "von allem zuviel" hat. Das "Optimierte" havariert beim ersten unvorhergesehenen Zwischenfall, das "Overengineerte" überlebt. Mir kam das Szenario plausibel vor.

EDIT: Denkbar wäre auch, daß ein interstellares Schiff von vornherein gar keine fertigen Shuttles an Bord hat, sondern ein Baukastensystem, um jeweils im Orbit um einen Planeten was zusammenzubauen, was darauf landen kann.

Und davon mal abgesehen, 1,3G oder drüber dürfte auch für die Kolonisten sehr unkomfortabel sein; wer will schon 1/3 mehr Gewicht durch die Gegend wuchten als er sich eigentlich angefuttert hat? Ich würde als Kolonist jedenfalls auch lieber auf einem Low-G-Planeten leben wollen. ;)
Me too, aber wenn's da unten faszinierende Lebensformen gibt, wirst du immer auch ein Xenobiologen-Team finden, das bekloppt enthusiastisch genug ist. ;)

Das ist in der Tat witzig. =D Leider bin ich nach wie vor zu doof, um den scheinbaren Durchmesser am Himmel auszurechnen. Dabei wäre das ja gerade bei Gasriesen interessant. Wie groß würde beispielsweise der Saturn aus 4 Millionen km aussehen? (So weit etwa müsste ein Mond entfernt sein, um noch nicht rotationsgebunden zu sein.)
Ungefähr 1.7°, also etwas über dreimal so groß wie der Mond von der Erde aus. Die Formel lautet (näherungsweise): alpha = arcsin(d/R) mit d=Durchmesser des Himmelskörpers und R=Abstand vom Himmelskörper.

BTW: Hyperion kreist deutlich dichter am Saturn und ist nicht rotationsgebunden. ;) Wegen der Schwerkrafteinwirkung seiner Nachbarmonde, insbesondere Titan, rotiert er im Gegenteil sogar höchst chaotisch.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 8.04.2013 | 15:31
Mein Bauchgefühl allerdings kriegt jedesmal einen Lachflash, wenn ich mir vorstelle, daß Jahrhunderte ins Land gehen und wir den Geniestreich für interstellaren Raumflug hinbekommen - gleichgültig, ob jetzt FTL oder STL -, unsere Technologie für den Lift in den erdnahen Orbit aber wie festgenagelt auf dem jetzigen Niveau verharrt.

Das sagt ja auch keiner. Klar, wir wollen einstufige, vollständig wiederverwendbare Lifter haben, sowohl für die Erde wie auch für alle anderen Welten. Für die Erde brauchen wir da halt nukleare Energie der einen oder anderen Form -- aber wenn für kleinere Himmelskörper es chemische Raketen auch tun, warum dann dicker auftragen als notwendig?

Natürlich werden Explorationsschiffe da viel dicker auftragen um eine maximale Bandbreite zu ermöglichen, aber das ist ja wieder eine andere Baustelle als der regelmäßige Güter- und Personenverkehr bereits gegründeter Kolonien.

Außerdem sind STO-Vehikel generell und "Beiboote" im Besonderen natürlich abwärtskompatibel; ein Shuttle dass vom Erdboden in den LEO kommt, dürfte normalerweise auch mit kleineren Planeten und anderen Atmosphären (wenn es nicht grad die Venus ist, aber was soll man denn da?) ohne größere Probleme zurechtkommen.

Weiters ist die Problematik gerade bei Beibooten deutlich entschärft, da diese es ja gar nicht aus eigener Kraft von 0 in eine kreisförmige Umlaufbahn schaffen müssen, sondern von ihren Mutterschiffen eingefangen und geschleppt werden können. Das geht freilich nicht bei schweren Liftern, aber schon bei kleinen Flitzern, die außer ein paar Mann Besatzung und Einkaufstüten nichts mitschleppen müssen. Auch da hat ein chemischer Motor von ~300kg gewisse Vorteile gegenüber einer NTR mit Strahlenschilden und pipapo. Andererseits freilich auch Nachteile, da der chemische Treibstoff irgendwoher kommen muss, während man eine NTR zur Not auch mit gefiltertem Sumpfwasser betanken kann. Das muss man sich halt im Einzelfall überlegen, aber prinzipiell hat beides seine Daseinsberechtigung.
Beiboote werden generell als Aerobraker mit hoher Gleitzahl ausgelegt sein, aber dürften trotzdem auch in der Lage sein, auf atmosphärelosen Monden zu landen.

Das mit den modularen Beibooten wäre denkbar, wobei man wohl prinzipiell die Hülle möglichst integral halten wollen wird. Aber z.B. Platz für ein oder zwei zusätzliche Triebwerke und Außentanks könnte hinhauen. Damit könnte man dann z.B. in Minimalkonfiguration aus bis zu 0,7G aufsteigen und mit allem drum und dran aus 1,4G, nur um mal ein paar Zahlen hinzuwerfen.

Zitat
(Wobei ich dabei bleibe, daß FTL die Logik des Settings noch mal um Größenordnungen übler zerschießt als ein hypothetischer "Schild" gegen relativistische Planet Crackers, weswegen ich für mein Setting an STL festhalte; aber das gehört in einen anderen Thread.)

Ich dachte da auch gerade eher an die Schwierigkeiten, ein STL-Setting für wirtschaftlichen Warenkreislauf gangbar zu machen; du erinnerst dich wie das mit den Frachttonnen pro Jahr war und der technischen Obsoleszenz über die Jahrhunderte und so weiter.
Naja, wurst.

Zitat
Me too, aber wenn's da unten faszinierende Lebensformen gibt, wirst du immer auch ein Xenobiologen-Team finden, das bekloppt enthusiastisch genug ist. ;)

Das ist aber auch wieder was anderes als Kolonisation. Dass jeder irgendwie belebte Planet ein wissenschaftliches Interesse auf sich ziehen wird, ist natürlich klar. Aber wissenschaftlich interessant sind auch Hot Smoker am Grund des Ozeans, ohne dass wir da gleich Unterwasserstädte bauen würden.

Zitat
Ungefähr 1.7°, also etwas über dreimal so groß wie der Mond von der Erde aus. Die Formel lautet (näherungsweise): alpha = arcsin(d/R) mit d=Durchmesser des Himmelskörpers und R=Abstand vom Himmelskörper.

Das hast du mir auch bestimmt schonmal erklärt, aber vielleicht kann ichs mir jetzt mal merken. ;)

Das mit Hyperion wusste ich auch nicht; wahrscheinlich weil die chaotische Rotation in den üblichen Tabellen nicht auftaucht. Und das ist natürlich eh wenig hilfreich, da man sich vermutlich nie auf einem solchen Mond niederlassen wollen wird -- und dort wahrscheinlich auch kein Leben von sich aus entstehen kann.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 8.04.2013 | 16:35
Wir reden doch hier ohnehin von sehr langfristigen Kosten-Nutzen-Rechnungen. Wenn eine an sich höchst attraktive Welt eine hohe Schwerkraft aufweist, welche die Wirtschaftlichkeit senkt, dürfte das kein Hindernis sein, weil man ja weiß, dass man die durch höheren Treibstoffverbrauch entstehenden Mehrkosten wieder herausholt. Selbst technische Probleme wird man eher als Problem betrachten, dass es zu lösen gilt, weniger als Hindernis, das zum grundsätzlichen Verzicht zwingt.

Es hängt auch damit zusammen, was ich mit dem Planeten konkret anstellen will. Wenn es beispielsweise darum geht, möglichst viele Leute möglichst kommod unterzubringen und/oder der Hauptwert des Planeten aus der Förderung seltener Erden besteht, die hohen Wert mit geringem Gewicht verbinden, ist der Mehraufwand durch die höhere Schwerkraft eher vertretbar als wenn man zur wirtschaftlichen Nutzung der Kolonie tonnenweise Erze oder Nahrungsmittel aus dem Schwerkraftbrunnen wuchten muss.

Und selbst für diese wird man mitspielen, wenn man sie nur dringend genug benötigt. Ich verweise dabei noch einmal darauf, das die theoretisch hohe Zahl an bewohnbaren Planeten für ein Hard-SF-Setting nicht bedeutet, dass man alle Nase lang über eben diese stolpert. Man hat einfach nicht den Luxus, wegen einzelner suboptimaler Faktoren auf die Kolonisation zu verzichten, weil die Suche nach der "optimalen Welt" (TM) letztlich noch viel zeit- und ressourcenfressender wäre.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Grey am 8.04.2013 | 18:00
Natürlich werden Explorationsschiffe da viel dicker auftragen um eine maximale Bandbreite zu ermöglichen, aber das ist ja wieder eine andere Baustelle als der regelmäßige Güter- und Personenverkehr bereits gegründeter Kolonien.
Ah, OK. Da im Subject von "Kolonisation" die Rede ist, hatte ich bereits bestehende Kolonien mit ihrem regelmäßigen Verkehr im Hinterkopf aus dem Setting ausgeklammert. Ich dachte, es ginge dir im Schwerpunkt tatsächlich um den Vorgang der Kolonisation selbst.

Außerdem sind STO-Vehikel generell und "Beiboote" im Besonderen natürlich abwärtskompatibel; ein Shuttle dass vom Erdboden in den LEO kommt, dürfte normalerweise auch mit kleineren Planeten und anderen Atmosphären (wenn es nicht grad die Venus ist, aber was soll man denn da?) ohne größere Probleme zurechtkommen.
Vertu dich mal nicht, gerade was Atmosphären angeht. Strömungsmechanik ist ein äußerst kitzliges Gebiet, und kleine Unterschiede in der Beschaffenheit des Mediums können große Auswirkungen auf die Anforderungen an Rumpf- und Flügelform haben. Sprich, was auf der Erde super gleitet, könnte auf Titan wie ein Stein runterplumpsen und umgekehrt.

Ich dachte da auch gerade eher an die Schwierigkeiten, ein STL-Setting für wirtschaftlichen Warenkreislauf gangbar zu machen; du erinnerst dich wie das mit den Frachttonnen pro Jahr war und der technischen Obsoleszenz über die Jahrhunderte und so weiter.
Ach, darum ging's. Ich hatte als "das" Argument gegen STL-Settings vor allem deine häufigen Referenzen auf "The Killing Planet" im Ohr. (Das mit der Wirtschaftlichkeit, Innovation etc. war ja zunächst mal "nur" ein Argument gegen STL-Rogue-Trader, nicht aber gegen STL-Frachtverkehr generell. Der müßte nur anders organisiert sein.)

Das mit Hyperion wusste ich auch nicht; wahrscheinlich weil die chaotische Rotation in den üblichen Tabellen nicht auftaucht. Und das ist natürlich eh wenig hilfreich, da man sich vermutlich nie auf einem solchen Mond niederlassen wollen wird -- und dort wahrscheinlich auch kein Leben von sich aus entstehen kann.
Warum nicht? ;)

Unabhängig davon, es sind auch andere Konstellationen denkbar, die trotz großer Nähe zum Zentralgestirn nicht gebunden rotieren. Doppelmonde zum Beispiel.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 8.04.2013 | 20:00
Vertu dich mal nicht, gerade was Atmosphären angeht. Strömungsmechanik ist ein äußerst kitzliges Gebiet, und kleine Unterschiede in der Beschaffenheit des Mediums können große Auswirkungen auf die Anforderungen an Rumpf- und Flügelform haben. Sprich, was auf der Erde super gleitet, könnte auf Titan wie ein Stein runterplumpsen und umgekehrt.

Jain. Innerhalb der gleichen Atmosphäre (zum Beispiel die der Erde) gibt es auch Unterschiede in Luftdichte, -temperatur und -zusammensetzung; es sind also bereits sehr verschiedene Strömungmechaniken innerhalb der gleichen Atmosphäre zu beachten. Bestimmte Typen von Fluggeräten sind für bestimmte Bedingungen optimiert, in denen sie besonders effizient arbeiten, aber sie kommen üblicherweise innerhalb recht großer Intervalle auch mit anderen Bedingungen klar.

Und schon sind wir wieder bei der Wirtschaftlichkeit innerhalb des technisch überhaupt Machbaren. Verkehrsflugzeuge beispielsweise haben im Vergleich zu Kampfflugzeugen ein geringeres Intervall, weil sie auf Wirtschaftlichkeit getrimmt sind. Kampfflugzeuge kompensieren suboptimale Strömungsverhältnisse üblicherweise durch Erhöhung des Strahldrucks auf Kosten des Treibstoffs und haben dann eine erbärmliche Nutzlasteffizienz, die nicht so unwichtig ist wie man denken möchte, denn auch mitzuführende Kampfmittel sind "Nutzlast" im weitesten Sinne. Allerdings pflegt das Militär nicht so auf Wirtschaftlichkeit zu achten wie eine zivile Fluglinie, die Hauptsache ist eher, dass für die konkrete Aufgabe alles stimmt.

Adaptieren wir das auf interstellaren Verkehr, wird es schnell knifflig. Das Ganze geht ja noch, wenn bestimmte Frachter mit bestimmten Landebooten zwischen zwei bestimmten Punkten verkehren, dann kann man die Shuttles für die Bedingungen des Verkehrs von A nach B, bzw. auf einen Konsens zwischen den atmosphärischen Bedingungen von A und B optimieren. Die andere Option ist, den Transfer vom Orbit zum Boden speziellen Shuttles zu überlassen, die bei A und B vorgehalten werden (wenn man nicht andere Methoden wie Orbitallifte etc hat.).
ABER: Beides verteilt lediglich den Ressourcenbedarf, denn was man an Treibstoff einspart, muss man in zusätzliche Infrastruktur investieren. Und um zusätzliche Infrastruktur zu etablieren und zu erhalten braucht man - richtig - zusätzlichen Treibstoff, von zusätzlichem Material einmal abgesehen. Mal ganz davon abgesehen, dass diese Infrastruktur nicht überall (bereits) verfügbar ist und man Handel nicht davon abhängig machen kann, dass jeder Handelspartner mal eben einen lokalen Warentransfer zur Verfügung hat.

Das will also gründlich überlegt sein.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 8.04.2013 | 21:25
Wir reden doch hier ohnehin von sehr langfristigen Kosten-Nutzen-Rechnungen.

Klar, es kommt drauf an, was man mit der Welt anfangen will. Allerdings wird man aus genannten Gründen keine High-G-Welt als Siedlungsgebiet hernehmen, weil das eben alles andere als kommod ist.
Auch zur Produktion von Exportgütern muss man sich genau überlegen, ob der Ertrag die Mühe wert ist; schließlich dürfte es die meisten Elemente auch auf leichter zugänglichen Himmelskörpern geben. Es mag interessant sein, wenn man gerade dort sehr seltene und teure Elemente findet, bei denen die erhöhten Transportkosten im Verhältnis zum Marktpreis nicht weiter ins Gewicht fallen. Aber auch das hält nur so lange, bis man anderswo die gleichen Elemente leichter zugänglich findet - man stelle sich vor, dass man da gerade die Infrastruktur aufgebaut hat, und dann findet man im Nachbarsystem einen Mond, auf dem das Zeug nur so rumliegt. Zack wird die Kolonie zur Geisterstadt.

Ob nun Bergbau auf Planeten (Schwerkraft) oder auf Asteroiden (Lebenserhaltung) profitabler ist, darüber scheiden sich die Geister, und es kann sicher Nischen für beides geben.

Zitat
Und selbst für diese wird man mitspielen, wenn man sie nur dringend genug benötigt. Ich verweise dabei noch einmal darauf, das die theoretisch hohe Zahl an bewohnbaren Planeten für ein Hard-SF-Setting nicht bedeutet, dass man alle Nase lang über eben diese stolpert. Man hat einfach nicht den Luxus, wegen einzelner suboptimaler Faktoren auf die Kolonisation zu verzichten, weil die Suche nach der "optimalen Welt" (TM) letztlich noch viel zeit- und ressourcenfressender wäre.

Das kommt darauf an. Auch, ob man sich Zeit lassen kann mit der Suche, oder ob es eine Art Goldgräberstimmung gibt in der es gilt, möglichst schnell seinen Claim abzustecken. Wenn die Exploration immer weiter vorangetrieben wird, wird es sicher auch o.g. "Geisterplaneten" geben, deren Siedlungen durch spätere Entdeckungen obsolet geworden sind. Und wie schnell die Exploration vorangeht, wie schnell der Transport zwischen den Sternen funktioniert, und so weiter.

Ah, OK. Da im Subject von "Kolonisation" die Rede ist, hatte ich bereits bestehende Kolonien mit ihrem regelmäßigen Verkehr im Hinterkopf aus dem Setting ausgeklammert. Ich dachte, es ginge dir im Schwerpunkt tatsächlich um den Vorgang der Kolonisation selbst.

Das ist ja ein ständiger Prozess -- eine Kolonie wird ja nicht über Nacht errichtet, sondern das ist ein Prozess, der sich über Jahre und Jahrzehnte hinzieht. Und da braucht man soviel Material, wovon natürlich das meiste von oben nach unten geschafft werden muss -- aber eben in der Regel mit dem Ziel, dass es irgendwann andersrum geht und irgendwelche Güter von unten nach oben gebracht werden müssen zwecks Export/Handel.

Ich habe mal früher im Thread die Vermutung aufgestellt, dass man mitsamt Werkzeug, Maschinen, Vorräten und so weiter wohl ungefähr 1 Tonne Nutzlast pro Kolonist rechnen muss. (Eigentlich ist das sogar eher tief gestapelt, wenn man sich mal überlegt, was heutzutage schon bei einem einfachen Umzug zusammenkommt.)
Nun ist es interessant zu berechnen, wie lange eine (ständig erweiterte) Flotte wohl brauchen mag, um sagen wir mal 1 Million Siedler auf eine neue Welt zu bringen. Das brauchen wir nicht zuletzt für die "Future History" -- ich würde z.B. ein Setting, bei dem im Jahr 2100 schon hunderte Millionen Menschen außerhalb der Erde leben sollen, erstmal für unplausibel halten. ;)

Dabei würde ich erwarten, dass nach Anlaufen des serienmäßigen kommerziellen bzw kolonialen Raumschiffbaus erstmal die Kapazität exponentiell wächst, um dann irgendwann abzuflachen, wenn der Bedarf gesättigt ist.
An der Stelle vergleiche ich ganz gern mit dem heutigen Flugzeugbau, da ich davon ausgehe, dass für ein funktionierendes Raumfahrt-Setting dieselbe etwa den Stellenwert einnehmen müsste wie bei uns heute die Luftfahrt (nur mit mehr Rogue Tradern).

Ein Airbus A380 z.B. hat ein Leergewicht von etwa 300 Tonnen und kostet ca 400 Mio €. Moderne zivile Flugzeuge kosten also grob gegriffen 1-2 Millionen pro Tonne. EADS kann etwa 30 A380 pro Jahr produzieren, dazu kommen noch andere Modelle und dann das ganze nochmal für andere Hersteller (in 1. Linie Boeing).
Auf ungefähr das Niveau müssten wir auch mit den Raumschiffen kommen. Warum auch nicht, eigentlich dürfte ein Raumschiff eher weniger bewegliche Teile haben. Aber der Vorteil ist, Raumschiffe sind wie Ameisen und können ein Vielfaches ihres Leergewichts auf einmal transportieren. ;) Der Nachteil ist, für einmal hin und zurück sind sie wahrscheinlich relativ lange unterwegs (eher vergleichbar mit Ozeanfrachtern).
Hängt natürlich wieder vom Setting und Techlevel ab, aber bei Redshift rechne ich je nach Kolonie mit 1-3 Monaten für den round trip. Sagen wir mal im Schnitt 2 Monate für 1000 Tonnen Fracht bzw 1000 Kolonisten mit Ausrüstung, also 6000 pro Jahr.
Nehmen wir mal an, pro Jahr kann eine Kolonialmacht 50 neue Raumschiffe in Dienst stellen, wenn die Technologie einigermaßen ausgereift ist. (Wir nehmen mal der Einfachkeit halber an, die werden alle auf einen Schlag einmal im Jahr in Dienst gestellt.)
Im ersten Betriebsjahr verfrachten also 50 Schiffe insgesamt 300.000 Siedler.
Im zweiten sind es schon 100 Schiffe, die weitere 600.000 Siedler transportieren können.
Und so summiert sich das dann auf. Immer vorausgesetzt, man genügend Freiwillige oder "Freiwillige".
Nach 10 Jahren Ranklotzen haben wir also 500 Schiffe, die bis dahin schon über 16 Millionen Menschen transportiert haben können, und eine jährliche Kapazität von 3 Millionen Tonnen im Jahr aufweisen.

Das überrascht mich jetzt selber, denn das sind ja schon sehr ordentliche Zahlen für eine so relativ kurze Zeitspanne. Selbst wenn man die Baukapazitäten und Reisezeiten konservativer ansetzt, kommt relativ schnell einiges zusammen.

-> bei maximalem Wachstum kann eine Kolonie innerhalb von 50 Jahren von 0 auf über 200 Millionen anwachsen, wenn man nur genügend Menschen freiwillig meldet.
Zumal ab einem bestimmten Zeitpunkt die Kolonie soweit etabliert sein dürfte, dass man nicht mehr eine ganze Tonne pro Siedler rechnen muss. Naja, andererseits ist wie gesagt auch 1t pro Kolonist in der Anfangsphase zu niedrig gegriffen. Schwierig abzuschätzen.

Aber jedenfalls kann man hier sehen: _so_ quälend langsam muss der Prozess gar nicht ablaufen, und entsprechend weniger weit muss man in die Zukunft gehen, um Kolonien interessanter Größe ansetzen zu können.

Zitat
Vertu dich mal nicht, gerade was Atmosphären angeht. Strömungsmechanik ist ein äußerst kitzliges Gebiet, und kleine Unterschiede in der Beschaffenheit des Mediums können große Auswirkungen auf die Anforderungen an Rumpf- und Flügelform haben. Sprich, was auf der Erde super gleitet, könnte auf Titan wie ein Stein runterplumpsen und umgekehrt.

Meinste? Kann ich mir kaum vorstellen. Aber selbst wenn, das lässt sich ja kontern durch moderne Werkstoffe, die adaptive Aerodynamik erlauben - sprich, das Lift/Drag-Profil kann on the fly an die jeweiligen Verhältnisse angepasst werden.

Ich gehe ja wie gesagt von einer massiven Verwendung von Superkohlenstoffen aus, die wirklich federleichte Strukturen erlauben. Das erlaubt es, das "Ameisenprinzip" nicht nur auf Raumschiffe, sondern auch auf Lifter anzuwenden. Entsprechend können sie auch, sogar mit Ladung, ein sehr günstiges Gleitprofil haben, und müssen nicht wie ein US Space Shuttle unwesentlich langsamer als ein Stein durch die Atmosphäre fallen. ;)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Chaos am 8.04.2013 | 21:50
Hängt natürlich wieder vom Setting und Techlevel ab, aber bei Redshift rechne ich je nach Kolonie mit 1-3 Monaten für den round trip. Sagen wir mal im Schnitt 2 Monate für 1000 Tonnen Fracht bzw 1000 Kolonisten mit Ausrüstung, also 6000 pro Jahr.
Nehmen wir mal an, pro Jahr kann eine Kolonialmacht 50 neue Raumschiffe in Dienst stellen, wenn die Technologie einigermaßen ausgereift ist. (Wir nehmen mal der Einfachkeit halber an, die werden alle auf einen Schlag einmal im Jahr in Dienst gestellt.)
Im ersten Betriebsjahr verfrachten also 50 Schiffe insgesamt 300.000 Siedler.
Im zweiten sind es schon 100 Schiffe, die weitere 600.000 Siedler transportieren können.
Und so summiert sich das dann auf. Immer vorausgesetzt, man genügend Freiwillige oder "Freiwillige".
Nach 10 Jahren Ranklotzen haben wir also 500 Schiffe, die bis dahin schon über 16 Millionen Menschen transportiert haben können, und eine jährliche Kapazität von 3 Millionen Tonnen im Jahr aufweisen.

Da muss man aber noch Verschleiß, Verlust durch Unfälle (und Sabotage/Terrorismus/Piraterie?) und Nutzungsausfälle wegen Wartung/Reparatur mit reinrechnen. Sprich:

1. Wenn die Konstruktionsrate konstant bleibt, ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem die Neubauten nur genug die "Außerdienststellungen" ausgleichen - bei 50 Neubaten pro Jahr und, sagen wir, 5% Verschleiß hätte eine Nation auf lange Sicht etwa 1.000 Schiffe zur Verfügung
2. Man muss die Anzahl in Dienst stehender Schiffe um einen gewissen Prozentsatz reduzieren, um auf die Zahl an Schiffen zu kommen, die auch wirklich gerade für Transport verfügbar sind bzw gerade aktiv transportieren. Je nachdem, wie sehr Raumreisen ein Schiff (und die Besatzung!) mitnehmen, können durchaus jederzeit 10-50% aller Schiffe irgendwo im Trockdock oder im langfristigen Parkorbit liegen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 8.04.2013 | 22:03
Zitat
Die andere Option ist, den Transfer vom Orbit zum Boden speziellen Shuttles zu überlassen, die bei A und B vorgehalten werden

Das ist aber auch die bei weitem sinnvollste Option. Genauer gesagt kann man die Idee komplett streichen, seine gesamte Nutzlast mit am Sternenschiff mitgeführten Liftern selbst hoch und runter zu schaffen -- da würde man so viel Nutzlast sinnlos opfern, dass es schlicht Hirnriss wäre. Die Leermasse des Lifters würde von der Nutzlast des Sternenschiffs abgehen, und dabei würde das Ding wochen- und monatelang nur tote Masse darstellen.

Ein und derselbe Lifter am Start- oder Zielort hingegen kann mehr oder weniger täglich fliegen. Es ist also keine Ressourcenverteilung, sondern eine massive Ressourceneinsparung.

Nehmen wir mal das Beispiel aus meinem obigen Beitrag: hin und zurück in insgesamt 60 Tagen. Das heisst, dass man mit 60 Schiffen einen Linienverkehr aufziehen kann, bei dem jeden Tag ein Raumer eintrifft. Man kann also mit _zwei_ entsprechend großen Liftern den STO-Bedarf von _sechzig_ Sternenschiffen decken (wenn jeder Lifter einen Start und eine Landung pro Tag hinbekommt).
Und selbst wenn mal kein Lifter frei ist: die Fracht ist schon wochenlang durchs All gegondelt, die kann man zur Not auch genausogut erstmal abkoppeln und im Orbit dümpeln lassen, oder bei einer Raumstation aufbewahren -- den Zeitplan des Raumers bringt man jedenfalls nicht durcheinander.

Natürlich können Sternenschiffe mit Fug und Recht ein kleines Beiboot mitführen, für schnelle Crewtransfers, als Rettungsboot, sonstwas. Aber sie müssen nicht ihre eigene Fracht auf den Boden bringen. [Unser Hintergedanke für Rollenspiele etc. ist natürlich, dass die Protagonisten mobil und autark sind, aber das nur am Rande.]

--

Nachtrag:
Chaos hat natürlich recht mit seinen Punkten; diese sollen uns auch gerade recht sein, denn wir brauchen ja keine unendlich große Raumflotte. 1000 Schiffe pro Nation wäre schon eine ganze Menge -- braucht man dennoch mehr, muss man halt die Produktionskapazitäten erhöhen; dem stünde ja nichts entgegen wenn man einen langfristigen Bedarf sieht.
Andererseits kann es ja auch noch weiteren technischen Fortschritt geben, sodass ein neu gebautes Schiff meinetwegen 10% schneller ist als ein 10 Jahre altes -- das hab ich jetzt alles nicht eingerechnet, wär mir jetzt zu kompliziert. ;)

Die Intervalle zwischen den Reisen für Wartung und Erholung etc sollte man natürlich am besten gleich in die Roundtrip-Zeit mit einrechnen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Grey am 9.04.2013 | 10:12
Was mir gerade noch einfällt: schlechte "Erreichbarkeit" von Welten über 1g Oberflächenschwerkraft kann, je nach den Kolonisten und ihrem Motiv, gerade ein Argument für die Auswahl eines Planeten sein.

Ich meine, aus welchen Gründen wandern Menschen aus? Es gibt immer die "Goldgräber", die auf der Suche nach schnellem Reichtum sind, klar. Die suchen sich dann eine leicht besiedelbare Welt, um sich dann im Rahmen der dortigen, dynamisch wachsenden und noch vergleichsweise wenig regulierten Gesellschaft eine bevorzugte Position erarbeiten zu können.

Was aber ist mit "Verfolgten" oder solchen, die sich so fühlen? Für viele Menschen besteht der Anreiz fürs Auswandern ja gerade darin, daß sie die "etablierte" Menschliche Gesellschaft hinter sich lassen wollen. Ob jetzt eine geschlossene religiöse Gruppierung, ideologische Radikale oder einfach Freigeister, denen die Heimat geistig zu eng wird: für solche Kolonisten wäre ein Planet, auf den man ihnen nicht leicht folgen kann, durchaus bevorzugte Wahl. Während des Aufbaus der Kolonie hätten sie ihre Ruhe, da sich die meisten Leute lieber auf bequemeren und lukrativeren Welten niederlassen. Ist die Kolonie erst einmal aufgebaut, läßt sie sich gegen "die da draußen" leichter abschotten.

Meinste? Kann ich mir kaum vorstellen.
Meinich. Bin ich mir zu ca. 95% sicher. Bleiben wir bei Titan als Beispiel, der hat bei geringerer Schwerkraft eine deutlich höhere Atmosphärendichte. Man braucht also sehr viel weniger Auftrieb als auf der Erde, hat aber gleichzeitig mit mehr Reibung/Strömungswiderstand zu kämpfen. Aus'm Bauch raus kann ich dir nicht sagen, wie da die optimale Rumpfform, Flügelfläche etc. wäre, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß ein Flugzeug, das in der irdischen Atmosphäre wunderbar fliegt, da nicht weit käme. Und umgekehrt.

Aber selbst wenn, das lässt sich ja kontern durch moderne Werkstoffe, die adaptive Aerodynamik erlauben - sprich, das Lift/Drag-Profil kann on the fly an die jeweiligen Verhältnisse angepasst werden.
Meinst du so 'ne Art "Formwandler"-Flugzeuge mit fließenden Übergängen?
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 9.04.2013 | 10:53
Was mir gerade noch einfällt: schlechte "Erreichbarkeit" von Welten über 1g Oberflächenschwerkraft kann, je nach den Kolonisten und ihrem Motiv, gerade ein Argument für die Auswahl eines Planeten sein.

Ja, das könnte schon sein. Nennen wir diese Gruppen mal Isolationisten. Natürlich könnte man jederzeit auf so einem Planeten landen, aber man kommt halt nicht mehr so leicht weg.
Das wäre auch eine Idee für einen Gefängnisplaneten. Es gibt keine Zäune, keine Wachtürme, keine Wächter, keine Fesseln. Der Planet selbst ist die Kette. Sträflinge werden bei Einwegkapsel dort abgesetzt und müssen dort mit sagen wir 1,5 oder gar 2G zurechtkommen. (Ist natürlich auch nicht gut für die Gelenke, das nur nebenbei.) Flucht, selbst mit Hilfe von außen, ist sehr schwierig, da sich auch moderne Lifter schwertun, die Schwerkraft zu überwinden.

Freiwillige Aussteiger, mit Sieb würd ich sagen. Die würden dann quasi die geistigen Fesseln der Erde mit den Schwerkraftfesseln der fremden Welt austauschen. Aber geben kann es alles mögliche, wenn man wirtschaftliche Überlegungen hintanstellt.

Zitat
Meinich. Bin ich mir zu ca. 95% sicher. Bleiben wir bei Titan als Beispiel, der hat bei geringerer Schwerkraft eine deutlich höhere Atmosphärendichte. Man braucht also sehr viel weniger Auftrieb als auf der Erde, hat aber gleichzeitig mit mehr Reibung/Strömungswiderstand zu kämpfen.

Naja, das heisst doch dann nur, dass man weniger Mühe hat, abzuheben -- wenn xkcd Recht hat, könnte dort ein Mensch mit Muskelkraft und umgeschnallten Flügeln fliegen -- aber aufgrund des erhöhten Luftwiderstands wäre die erreichbare Geschwindigkeit halt niedriger. Ein Shuttle würde wohl erstmal extrem steil aufsteigen, um dann erst in sehr großer Höhe die Tangentialgeschwindigkeit aufzubauen. Oder sofort auf Escape zu beschleunigen -- die 2,6km/s von Titan sind ja nicht so schwer zu erreichen.

Zitat
Meinst du so 'ne Art "Formwandler"-Flugzeuge mit fließenden Übergängen?

Ja, etwa so. Also keine _radikalen_ Transformationen wie zwischen Auto und Roboter, aber halt zumindest das stufenlose Umschalten zwischen "High Lift" und "Low Drag" Profilen. Dass sich vielleicht der Rumpf etwas streckt, die Tragflächen etwas breiter oder stummeliger werden, solche Sachen eben.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Grey am 9.04.2013 | 12:04
Naja, das heisst doch dann nur, dass man weniger Mühe hat, abzuheben -- wenn xkcd Recht hat, könnte dort ein Mensch mit Muskelkraft und umgeschnallten Flügeln fliegen -- aber aufgrund des erhöhten Luftwiderstands wäre die erreichbare Geschwindigkeit halt niedriger.
Das mit den umgeschnallten Flügeln sagt auch Wikipedia. Kommt mir auch glaubwürdig vor. Aber es ist eine Sache, dich mit moderaten Geschwindigkeiten flatternd oben zu halten, und eine andere, nahe oder jenseits der Schallgrenze gegen turbulente Strömungen usw. anzukämpfen.

Ja, etwa so. Also keine _radikalen_ Transformationen wie zwischen Auto und Roboter, aber halt zumindest das stufenlose Umschalten zwischen "High Lift" und "Low Drag" Profilen. Dass sich vielleicht der Rumpf etwas streckt, die Tragflächen etwas breiter oder stummeliger werden, solche Sachen eben.
Charmante Idee. :) Da stell' ich mir gerade einen Piloten vor, der mitten während waghalsiger Flugmanöver reflexartig und nach Gefühl den Rumpf "trimmt"...
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 9.04.2013 | 13:49
Sträflinge werden bei Einwegkapsel dort abgesetzt und müssen dort mit sagen wir 1,5 oder gar 2G zurechtkommen. (Ist natürlich auch nicht gut für die Gelenke, das nur nebenbei.)

Für gesunde, vorzugsweise jüngere und idealerweise noch im Wachstum befindliche Menschen wird es erst bei deutlich über 2 G riskant. Es ist nicht etwa so, dass man ständig eine Last entsprechend des eigenen Körpergewichts mit sich herum schleppt, die Belastung der Gelenke ist also eher drittrangig. Ein Mensch mit 100 Kilogramm Körpergewicht hat bei ansonsten gleichem Grad körperlicher Fitness ja auch kein höheres Risiko für Gelenkschäden als ein Mensch mit 50 Kilogramm Körpergewicht, denn die Belastung der Gelenke steigt linear mit der Belastung der Knochen und der Muskulatur. Die Muskulatur verstärkt sich durch die Belastung bei jedem Menschen nicht allzu hohen Alters, in der Wachstumsphase können sich sogar noch die Knochen anpassen.

Das Risiko entsteht eher durch die permanente Belastung des Kreislaufs und der Gefäße bei höherer Gravitation. Bis zu einem gewissen Grad kann man sich jedoch akklimatisieren (hier gilt erst recht: gesund und nicht zu alt), wobei natürlich die Leistungsfähigkeit reduziert bleibt. Aber für eine permanente Gewöhnung reicht eine einzige neue Generation, die auf dieser Welt geboren wird. Wenn der Fötus bereits unter diesen Bedingungen heranwächst, ist das Gefäßsystem und die Pumpe daran angepasst; Muskulatur und Knochenbau entwickeln sich ebenfalls entsprechend. Nur zwei, drei Generationen weiter dürfte man schon die ersten erblichen Veränderungen feststellen können. Der Rest ist Evolution.

Gegen die Besiedlung einer 2-G-Welt stehen also eher technische als organische Gründe. Die Wetware spielt dabei durchaus mit, so lange man die Arbeitsbelastung der ersten Siedlergeneration dosiert wird und man punktuell mit entsprechender Medikamentation nachhilft. Diese erste Siedlergeneration muss sich eben nur darüber im Klaren sein, dass sich der Lebensabend für Viele erheblich verkürzt.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: vanadium am 11.04.2013 | 14:37
Du kannst also mit einem erbärmlichen Zwergbrocken von Mond lustige Gezeiteneffekte erzeugen, wenn du ihn nur nah genug um deinen Planeten kreisen läßt.

Dabei muss aber die Roche-Grenze (http://de.wikipedia.org/wiki/Roche-Grenze) beachtet werden.
Ein Mond kann innerhalb dieser weder entstehen noch länger existieren (sollte er ins Innere wandern). Er würde von den Gezeitenkräften des Planeten zerissen und nur als Ringsystem bestehen bleiben (siehe Saturn).
Bei der guten alten Erde liegt die Grenze bei ~1,5 Erdradien. Näher wäre also nicht möglich und ist nicht annähernd unser Problem, da sich der Mond ~60 Erdradien weit entfernt aufhält.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 11.04.2013 | 20:28
Danke für den weiteren Input.

Nächster Themenkomplex: Wirtschaft und Produktion.

Im Wesentlichen sollte man wohl zwei Modelle betrachten: ein "imperialistisches", in dem es die Kolonialmacht darauf angelegt hat, die Kolonien in wirtschaftlicher Abhängigkeit zu halten und auszubeuten -- und eines, nennen wir es "progressiv", in dem die Kolonie so schnell wie möglich selbständig werden soll.

Imperialistisch läuft darauf hinaus, dass die Kolonie zu einer Monokultur herangezüchtet wird, die nur eine einzige Ware produzieren soll. Je nach Techlevel können das z.B. wertvolle Metalle sein, Kernbrennstoffe oder sonstwas mit ausreichend hohem Marktwert, angesichts der vom Techlevel bedingten Transportkosten. Allerdings kann man diese gegen die Kosten der Versorgungsgüter aufrechnen, sodass sich am Ende unter Umständen sogar der Handel mit Grundnahrungsmitteln lohnen könnte, wenn man den Kolonisten nur einen ausreichend miesen Wechselkurs aufzwingt.

Beispiel: nehmen wir folgendes Kostenmodell (1credit ~1 Euro heutiger Kaufkraft)
Lift von der Oberfläche in den niedrigen Orbit: 10cr/kg [man beachte, wie spottbillig das im Vergleich zu heute ist]
Transport von Orbit zu Orbit: 10cr/kg
Landung: kostenlos (Aerobraking).
--> 1kg Nutzlast koste also 20cr/kg.

Da nun z.B. Mehl heutzutage unter 1€/kg kostet (z.T. nur 25 cent), wird das Betreiben einer Agrarkolonie erstmal unattraktiv, da die Transportkosten den intrinsischen Wert um das 20-100fache übersteigen.
Außer vielleicht, die Kolonisten brauchen einen Traktor, und den verkauft man ihnen so teuer, dass damit die Transportkosten wieder drin sind.
Hab mal eben recherchiert: ein neuer Traktor kostet heutzutage je nach Größe, Leistung und Ausstattung um die _200.000€_  :o und wiegt etwa 8 Tonnen. Das macht also einen Kilopreis von 25€/kg.
Übertragen wir das 1:1, müssten unsere imperialistischen Ausbeuter den Kolonisten für die selbe Fuhre Landmaschinen nicht 25, nicht 45, sondern 65cr/kg berechnen (also 520.000cr pro Trecker), um das zu normalen Marktpreisen verrechnete Getreide wirtschaftlich zur Erde verfrachten zu können.
Natürlich müssen die Kolonisten so nicht nur den Traktor, sondern auch alle anderen importierten Güter bezahlen; Computer, Werkzeuge, und so weiter -- entsprechend dürften sie sich einen recht spartanischen Lebensstil angewöhnen.

Daraus folgt noch ein weiteres Problem einer solchen Kolonie: die Gesamtbilanz von Import und Export muss sich decken. Wenn sie Getreide im Wert von 1 Mrd cr im Jahr exportiert, kann sie auch nur Güter für 1 Mrd cr (Wuchertarif) importieren. Wenn aber die typische Importware (Maschinen) aufs Kilo 100mal so teuer ist wie die Exportware, müssen die Frachter Hinweg zur Kolonie praktisch "leer" fahren. Also ein Schiff, dass 1000 Tonnen Getreide laden kann, kann nur etwa 10 Tonnen Fracht auf der Kolonie absetzen. Dazu noch ein paar neue Kolonisten, aber die 1000 Tonnen bekommt man auf dem Hinweg niemals annähernd voll.
[Streng genommen würde das den Frachtpreis für den Hinweg wiederum explodieren lassen, aber das ignorieren wir mal einen Augenblick.]

Wie gesagt: es ist sehr schwierig, eine Agrarkolonie plausibel in ein SF-Setting zu integrieren, in dem die Weltraumfracht teurer ist als die heutige Seefracht.
Plausibler wäre daher eher, man lässt jede Kolonie ihre eigene Nahrung herstellen, und dazu dann andere, kostbarere Exportgüter wie z.B. seltene Erden, Edelmetalle, Kernbrennstoff usw., während man sie weiterhin dazu zwingt, verarbeitete Produkte, Maschinen etc. zu Wucherpreisen zu importieren.
Jedenfalls ist das der Schluss, zu dem ich komme. Was meint ihr?

--

Bei einer progressiven Kolonialpolitik hingegen dürft es aufs Gegenteil hinauslaufen: man will sie möglichst schnell autark machen, also gibt man ihr nicht nur die Produktionskapazität für Rohstoffe, oder für Maschinen zur Rohstoffproduktion, sondern möglichst schnell Maschinen zur Herstellung von Maschinen.
Ich denke da in etwa an die weitere Entwicklung der 3D-Drucker. Man braucht quasi 3D-Drucker, mit denen sich die Bauteile für noch größere 3D-Drucker herstellen lassen, mit welchen man dann die ganzen Maschinen bauen kann, die letzten Endes zum Betrieb der Kolonie erforderlich sind.
Mit dem Handel sieht es dann freilich auch wieder schwierig aus: sobald eine Kolonie in der Lage ist, etwas selbst herzustellen, dürfte sie das billiger hinbekommen, als ansonsten der Import mit Transportkosten ausmachen dürfte.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Eulenspiegel am 13.04.2013 | 03:29
Zu den Agrarplaneten:
Selbst, wenn du den Kolonien die Lebensmittel klaust und selbst, wenn du irgendwie kostenlos hinfliegen kannst, musst du dennoch die Kosten für den Rückflug bezahlen. Und wenn der Rückflug 20cr/kg kostet, du für die Nahrung aber nur 1cr/kg bekommst, lohnt sich das nicht. - Selbst unter der Annahme, dass du die Lebensmittel nicht einkaufen musst sondern umsonst bekommst. Wenn du nun Traktoren oder ähnliches als Gegenleistung abliefern musst, sieht das ganze nochmal minimal schlechter aus.

Will man im Setting dennoch Agrarplaneten haben, kann man sich folgendes überlegen:
1) Auf der Erde herrscht eine Überbevölkerung. Man kann auf der Erde vielleicht Nahrung für 100 Mrd. Menschen herstellen. Aber es leben mittlerweile 1 Billionen Menschen auf der Erde. Das heißt, man braucht 10 Agrarplaneten, um die Erde zu beliefern. Und wenn Lebensmittel erstmal Mangelware sind, schnellen die Preise in die Höhe.

2) Luxuswaren: Der Wein von Alpha Centauri schmeckt halt zigmal besser. (Behaupten zumindest die Weinkenner.) Daher sind entsprechende Leute auch bereit, sehr hohe Preise für diese Luxus-Lebensmittel zu zahlen.

Das wären zwei verschiedene Möglichkeiten, um Agrarplaneten plausibel zu halten.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 13.04.2013 | 08:20
Wenn du dir das obige Beispiel nochmal anschaust, wirst du feststellen, dass das imperialistische System letzten Endes so eingerichtet ist, dass der Transport letzten Endes für das Mutterland kostenlos ist, weil die Kolonie ihn bezahlen muss. Die Kolonie bekommt zwar auf dem Papier sagen wir mal 1cr/kg für das Handelsgut, muss aber effektiv das zwanzigfache drauflegen. Sie wird also ausgebeutet nach Strich und Faden. Kaschiert wird das dadurch, dass sie für Importgüter den doppelten Frachttarif aufgeschlagen bekommt.

Zum Thema Überbevölkerung: inzwischen geht man davon aus, dass die Weltbevölkerung nicht ewig weiterwachsen wird, sondern sich langfristig irgendwo zwischen 10 und 15 Milliarden einpegeln wird.
Nahrungsmittel können nicht beliebig teuer werden -- schließlich gehören immer zwei dazu; einer der es verkauft und einer, der den geforderten Preis bezahlen kann. Wer sich nicht genug leisten kann, um zu überleben, verhungert oder probt den Aufstand. Darum können Nahrungsmittel gar nicht so teuer werden, weil schon viel früher eine Bremse reinhaut, so oder so.

Für Luxuswaren ist das Problem im Prinzip das gleiche: der Markt ist zwar vorhanden, aber nicht beliebig groß. Er wird sich an eine Zielgruppe richten, die maximal 1% der Weltbevölkerung ausmacht. Nur dass es da nicht zu Aufständen kommt, wenn der centaurische Wein wieder mal teurer wird.
Immerhin können wir das tatsächliche Marktvolumen ganz gut abschätzen: gesetzt den Fall, 1% von einer Weltbevölkerung von 15 Mrd ist wirtschaftlich in der Lage, Luxusgüter von anderen Sternen zu kaufen. Das sind dann 150 Millionen Menschen. Wenn von diesen jeder im Schnitt 3 Liter centaurischen Wein im Jahr kauft, sind das 450 Mio Liter im Jahr. Wenn jeder Frachter pro Fuhre 1 Million Liter laden kann (ca. 1000 Tonnen), haben wir genügend Handelsvolumen für ca 1,25 Frachter pro Tag. Wenn ein Frachter die Strecke 6mal im Jahr schafft, kann diese Route eine Handesflotte von 75 Frachtraumern unterstützen. Das ist nicht besonders viel.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Eulenspiegel am 13.04.2013 | 14:18
Wenn du dir das obige Beispiel nochmal anschaust, wirst du feststellen, dass das imperialistische System letzten Endes so eingerichtet ist, dass der Transport letzten Endes für das Mutterland kostenlos ist, weil die Kolonie ihn bezahlen muss.
Die Frage ist, womit? Credits alleine sind wertlos und den Computer nicht wert, in dem sie gespeichert sind, wenn das Land nichts Sinnvolles damit anstellen kann.

Das wäre dann so etwas wie Reichsmark zu Zeiten der Inflation.

Wir sind von Agrarplaneten ausgegangen, das heißt Sie können auch keinen Treibstoff herstellen.

Das bedeutet letztendlich, die Kolonie schuldet dir Milliarden von Credits, aber das einzige, was du dir mit den Credits kaufen kannst, sind Nahrungsmittel. Den Treibstoff aber, um die Nahrungsmittel auch importieren zu können, musst du von woanders kaufen.

Zitat
Die Kolonie bekommt zwar auf dem Papier sagen wir mal 1cr/kg für das Handelsgut, muss aber effektiv das zwanzigfache drauflegen. Sie wird also ausgebeutet nach Strich und Faden. Kaschiert wird das dadurch, dass sie für Importgüter den doppelten Frachttarif aufgeschlagen bekommt.
Credits sind nur ein Umrechnungsfaktor.

Letztendlich gilt:
Die Kolonie exportiert x kg Nahrungsmittel und bekommt dafür y kg Industriegüter. Und selbst, wenn du y gegen Null und x gegen unendlich laufen lässt, kommen immernoch die Transportkosten hinzu. Und die erheben unabhängige Raumfahrer, die nicht mit wertlosen Nahrungsmitteln bezahlt werden wollen.

(Umrechnung in Credits bringt hier wenig, da du dir mit den Credits von der Kolonie sowieso nur Nahrungsmittel kaufen kannst - Oder du freust dich, dass die Kolonie dir Milliarden von Credits schuldet, die sie dir nie bezahlen kann.)

Sagen wir, du hast der Kolonie einen Traktor verkauft, der dich selber (incl. Transport) 100 000 cr gekostet hat. Die Kolonie wurde gezwungen, dir den Traktor für 1 Mio cr. abzukaufen. Dann hast du dennoch 100 000 cr Verlust gemacht, weil du deine Credits nie wiedersehen wirst: Die Kolonie hat keine Mio cr. Alles, was die Kolonie hat, sind Nahrungsmittel. Die Kolonie kann dir nun anbieten: Entweder sie schreiben dir einen Schuldschein über 1 Mio credits aus oder sie packen deinen Frachter bis oben voll mit Nahrungsmitteln. Das Angebot bringt dir aber wenig, da die Transportkosten für die Nahrungsmittel teurer sind, als das, was du auf der Erde dafür bekommst. (Und die Kolonie kann dir zwar Nahrungsmittel und Schuldscheine anbieten. Aber irgendetwas, womit sich die Raumfahrer und der Treibstoff bezahlen lassen, haben sie nicht.)

Zitat
Zum Thema Überbevölkerung: inzwischen geht man davon aus, dass die Weltbevölkerung nicht ewig weiterwachsen wird, sondern sich langfristig irgendwo zwischen 10 und 15 Milliarden einpegeln wird.
Es wird sich bei 15 Milliarden einpendeln, weil dann nicht mehr genügend Lebensmittel zur Verfügung stehen und die Mehrbevölkerung dann verhungern wird.

Das Nahrungsangebot ist der einzige Faktor, der eine Vermehrung verhindert. (Bzw. hier in Europa haben wir auch zusätzlich noch die Lust der meisten Menschen, Kinder zu kriegen. Aber in Amerika, Asien und Afrika sieht es anders aus. Hier wird der Bevölkerungswachstum nur durch die Nahrungsversorgung aufgehalten.)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 14.04.2013 | 12:53
Einmal: Credits sind genauso nur ein Umrechnungsfaktor wie Dollar, Euro oder jede andere Fiatwährung.
Problematisch sind Fiatgelder in STL-Settings, wo zwischen den einzelnen Stationen oft jahrelange Etappen liegen, und während dieser Zeit das Geld im Schiffstresor der Inflation unterworfen ist, ohne Zinsen zu bringen. Da sollte man am besten überhaupt kein Geld zurückbehalten, sondern immer sein ganzes Vermögen in Handelsware investieren.

Zweitens; Treibstoff ist pillepalle, da nimmt man für gewöhnlich Wasser, das gibt es überall und es muss auch nichts groß "hergestellt" werden. Jedenfalls in einem Setting, das nukleare Antriebe erlaubt.

Zitat
Sagen wir, du hast der Kolonie einen Traktor verkauft, der dich selber (incl. Transport) 100 000 cr gekostet hat. Die Kolonie wurde gezwungen, dir den Traktor für 1 Mio cr. abzukaufen. Dann hast du dennoch 100 000 cr Verlust gemacht, weil du deine Credits nie wiedersehen wirst: Die Kolonie hat keine Mio cr. Alles, was die Kolonie hat, sind Nahrungsmittel. Die Kolonie kann dir nun anbieten: Entweder sie schreiben dir einen Schuldschein über 1 Mio credits aus oder sie packen deinen Frachter bis oben voll mit Nahrungsmitteln. Das Angebot bringt dir aber wenig, da die Transportkosten für die Nahrungsmittel teurer sind, als das, was du auf der Erde dafür bekommst.

Das siehst du falsch. Wahr ist, die Kolonie hat keine Mio Credits, sondern tauscht den Traktor gegen z.B. Getreide. Aber das Getreide verschwindet ja dann nicht im Nirwana. Das bringst du zurück zu Erde und verkaufst es da zu marktüblichen Preisen. Und damit _realisierst_ du den Gewinn, den du eigentlich schon vorher durch den Verkauf des Traktors gemacht hast.

Also nochmal langsam zum mitschreiben:
Traktor inkl. Transport zur Kolonie, Selbstkosten 100.000cr.
Du tauschst ihn gegen Getreide, sagen wir: 1000 Tonnen, die auf der Erde 1 Million cr wert sind. (1cr/kg)
Lass den Rücktransport des Getreides zur Erde meinetwegen nochmal 100.000cr kosten.
Dort verkaufst du das Getreide für die genannte Million.

Wieviel Gewinn hast du also gemacht?
Einnahmen: 1 Million Credits durch Getreideverkauf
Ausgaben: 1x Traktor, Transportkosten, insg. 200.000cr
Gewinn: 800.000 credits!

Der _komplette Gewinn_ kommt im Endeffekt nur über die Wucherpreise zustande, die du den Kolonisten aufbürdest. Auf dem Papier verlierst du mit dem Rücktransport Geld, aber das hast du dir bereits im voraus von den Kolonisten wiedergeholt. Du _realisierst_ den Gewinn erst daheim auf der Erde, aber gemacht hast du ihn schon vorher.

Das Problem an der Sache ist wie gesagt eher, dass auf die Weise der Hinweg beinahe leer ausfällt, was die Transportkosten pro Kilogramm enorm erhöht. Da kommt man im Prinzip nicht drum herum, wenn man teure Güter gegen sehr billige eintauscht. Und das ist der eigentliche Grund, warum sich Getreideexporte nicht rechnen.

Beispielsweise bei dem Kostenmodell, das ich für Redshift erstellt habe, sähe eine solche Reise mit einer Etappenlänge von jeweils 1AU finanziell so aus (die Herleitung spar ich mir mal; ist etwa an die Betriebskosten heutiger Flugzeuge angelehnt):
von Erde zu Kolonie, Fracht 10 Tonnen; Kosten pro Fahrt 1,2M cr.
von Kolonie zu Erde, Fracht 1000 Tonnen; Kosten pro Fahrt 2,6M cr.
nehmen wir nun noch an, dass die 10 Tonnen Fracht 200.000cr im Einkauf kostet.
Die Kolonisten tauschen diese 10t gegen 1000t ihrer Erzeugnisse, was eine volle Schiffsladung darstellt.

Und hier beisst sich nun die Katze in den Schwanz: die Selbstkosten sind 4 Mio cr. Also 4cr/kg. Wenn der Händler moderate 20% Gewinn anstrebt, muss er also auf der Erde 5cr/kg für seine Ladung erhalten. Das wäre für Fleisch denkbar, aber nicht für Getreide.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Grey am 14.04.2013 | 13:29
Das Nahrungsangebot ist der einzige Faktor, der eine Vermehrung verhindert. (Bzw. hier in Europa haben wir auch zusätzlich noch die Lust der meisten Menschen, Kinder zu kriegen. Aber in Amerika, Asien und Afrika sieht es anders aus. Hier wird der Bevölkerungswachstum nur durch die Nahrungsversorgung aufgehalten.)
Bleibt die Frage, ob es ewig so bleiben wird. Schließlich waren auch in Europa noch vor 100 Jahren Großfamilien die Norm. Außerdem bin ich nicht sicher, ob die ungebremste Vermehrung nicht auch in Amerika, Afrika und Asien eher ein Phänomen der ländlichen Gebiete ist. Ich erinnere mich da vage an eine Fernsehreportage, derzufolge inzwischen z.B. auch in den afrikanischen Metropolregionen eine städtische Mittelschicht existiert, die Lebensstandard höher bewertet als eine möglichst große Familie.

Sprich, möglicherweise stabilisiert sich bei der Entwicklung hin zu einer globalen Kultur, die zu interstellarer Raumfahrt fähig ist, ganz von allein die Bevölkerungszahl in einem Rahmen deutlich unterhalb des tragbaren Maximums.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Chaos am 14.04.2013 | 21:12
Andererseits kann es ja auch noch weiteren technischen Fortschritt geben, sodass ein neu gebautes Schiff meinetwegen 10% schneller ist als ein 10 Jahre altes -- das hab ich jetzt alles nicht eingerechnet, wär mir jetzt zu kompliziert. ;)

Ein älteres Schiff dürfte ceteris paribus wartungsintensiver sein als ein neueres Schiff. Das ist zwar an sich kein technischer Fortschritt, der die Geschwindigkeit neuerer Schiffe erhöht, dürfte aber mit längeren Wartungsphasen und kürzeren Wartungsintervallen auf Dauer denselben Effekt haben. Außerdem gehe ich davon aus, dass Ersatzteile für ältere Schiffe schwerer zu beschaffen sind, im Extremfall nur noch aus verschrotteten baugleichen Schiffen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Galatea am 14.04.2013 | 22:22
Ein älteres Schiff dürfte ceteris paribus wartungsintensiver sein als ein neueres Schiff.
Das aber auch nur wenn die Schiffe auf aktueller Technologie basieren und außerstande sind sich selbst zu warten. Hat man mittels Nanotechnologie erst einmal organische oder pseudoorganische Schiffe geschaffen erledigt sich das Problem der Wartung. Dann muss man die Schiffe nur regelmäßig füttern/tanken.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Grey am 14.04.2013 | 22:52
Ohnehin ist die Denkweise "dafür kriege ich keine Ersatzteile mehr" historisch gesehen noch recht neu. Sie ist typisch für eine Gesellschaft mit industrieller Massenproduktion von identischen Gütern und Bauteilen. Damit umfaßt sie bislang einen Zeitraum von weniger als 100 Jahren in etlichen Jahrtausenden menschlicher Entwicklung.

Wenn zukünftige Gesellschaften von der Fertigung her flexibler agieren - entweder durch entsprechend komplexe KIs und Roboter oder durch (partielle) Rückkehr zur Handarbeit -, dann wäre zumindest dieses Problem kein Thema.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 14.04.2013 | 23:16
Jetzt wo du's sagst: beispielsweise könnten die vorgenannten 3D-Drucker jederzeit ein maßgeschneidertes Ersatzteil synthetisieren.

Von der Sache mit den selbstreplizierenden Nanogeschichten bin ich nach wie vor nicht so ganz überzeugt. Insbesondere für Weltraumanwendungen, da die Biester da große Probleme mit der Abstrahlung ihrer Abwärme haben dürften.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 14.04.2013 | 23:33
Übrigens kann auch das imperialistische Konzept durchaus (schein-) autarke Kolonien erlauben, wenn auch aus einem anderen Grund: Menschen vermehren sich exponentiell und da ist bei sehr großen Populationen sehr schnell der Punkt erreicht, bei dem die "kritische Masse" erreicht ist, die sich augrund sozialer Unruhen nicht mehr ohne starke Repression (= massive Kosten für Monitoring, Ordnungskräfte und Militär) zentral regieren lässt. Man kann die "überzählige" Bevölkerung aber nicht einfach auf alle neuen Kolonien verschieben, weil das anfänglich deren Wirtschaftlichkeit eher bremst (Sind ja nicht alles die gewünschten Spezialisten ...) und später die Kontrolle erschwert.

Also sucht man sich Planeten, die attraktiv genug sind, dass Menschen dahin übersiedeln wollen, wenn man sie nur mit der Nase darauf stößt, die aber für die Zentralregierung keinen vordergründigen Mehrwert haben. Man gibt den Leuten auf Kredit alles mit, was für den Aufbau einer simplen Kolonie nötig ist, aber kein bißchen mehr. Der Planet wäre auf dem Papier autonom, müsste aber immer noch den Startkredit zurückzahlen - was schwierig ist, weil er ja gar nicht die Möglichkeit hat, hochwertige Güter zu produzieren. Wenn dort Ackerbau betrieben wird (Ideal, weil der ohne komplexe Maschinen sehr viel Manpower benötigt, also viele Menschen beschäftigt hält ...) und die Landwirte keine eigenen Transportmöglichkeiten bauen können, brauchen sie weitere Kredite, um diese Infrastruktur zu etablieren; diese Kredite bekommen sie wieder nur von der Zentralregierung, weil bei so etwas kein privater Investor mitmacht. Wenn sie dann einen Shuttleverkehr oder Orbitallift haben, können sie aber immer noch nur Nahrungsmittel exportieren, womit nicht viel zu verdienen ist - sie bleiben also in ständiger wirtschaftlicher Abhängigkeit gegenüber ihrem Kreditgeber. Und so lange der sich bei der Abzahlung der Kredite sehr kulant zeigt und den Kolonisten einen bescheidenen Wohlstand erlaubt, bleibt der Burgfrieden bestehen.

Für ein zentralistisches Regime ist das optimal. Die Kosten sind vergleichsweise gering, weil man praktisch nur Leute dorthin transportiert und Material für Behausungen und Geräte für überwiegend manuellen Landbau bereitstellen muss. Die Population erreicht nirgends eine kritische Masse, die Kolonisten sind beschäftigt und glücklich, weil sie nicht in Sprawls, sondern in einer gesunden Umgebung leben und sich autonom fühlen können. Die Kosten sind tröpfchenweise irgendwann wieder drin und die Kolonie bleibt durch den Zinseszins trotzdem abhängig (und bringt evtl. weitere Erlöse). Gleichzeitig wird Nahrung produziert, die man zu Dumpingpreisen bezieht und die auch Bewohner anderer Welten ernährt, wo unter rigider Kontrolle die für das Regime primär wichtigen Dinge gefördert und/oder produziert werden.

Nun ja, jedenfalls geht das so lange gut, bis die Kolonisten merken, was abgeht und bis sich genug "Nationalstolz" kumuliert hat, um nicht länger der "dumme Bauer" des bekannten Weltraums sein zu wollen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 15.04.2013 | 00:38
Ah, das sogenannte Homesteading. Findet sich so auch im einen oder SF-Klassiker; beispielsweise bei Heinlein in zwei unterschiedlichen Perspektiven:
- in "Farmer in the Sky" werden die Kolonisten nichtmal ausgebeutet; sie können iirc ohne große finanzielle Bürden auf Ganymed Nahrung produzieren, die auch iirc nicht mehr groß exportiert wird (weil dafür der Transport zu teuer ist) sondern einfach zum schlemmen da ist. Die Kolonisten sind der Nahrungsmittelknappheit auf der Erde entkommen, haben reichlich Futter und sind zufrieden; die Erdbehörden sind froh dass sie ein paar Verbraucher weniger versorgen müssen, alle sind glücklich.
[Gelegentliche Versorgungsflüge liefern Luxusgüter wie Rasierklingen etc zu Apothekerpreisen, allerdings ist unklar woher die Kolonisten das Geld dafür haben sollen -- und die meisten laufen auch in der Tat bärtig rum.]
- in "Logic of Empire" ist es dagegen so, dass für die Arbeit auf der Venus "Vertragsarbeiter" angeworben werden, die in Wahrheit nichts anderes als Schuldsklaven sind: um sich aus ihrem Arbeitsvertrag zu lösen, müssten sie die von der Company vorgestreckten Reisekosten ablösen, und das können sie nicht. Jedenfalls nicht nach den auf dem Papier vorgesehenen 6 Jahren (wodurch sich der Vertrag verlängert), sondern frühestens nach 18, und die meisten schaffen es nie. [Die "Company" darf man sich wohl ungefähr so nach dem Modell der East India Trading Company vorstellen.]
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Yerho am 15.04.2013 | 15:48
Ich empfehle als Lektüre zum diesem Thema immer gerne John Barnes "The man who pulled down the sky" (dt. "Himmelstürmer"). Da wird speziell auf die Konstellation von Erdbewohnern (ohne eigenen Zugang zu Raumfahrt), den Orbitalrepubliken und den Äußeren Kolonien (nur in unserem Sonnensystem) eingegangen, hauptsächlich aber auf die wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Ganz besonderes Augenmerk liegt dabei auf Krediten und Zinsen, weil diese bekanntlich ungeachtet der langen Reise-/Transportzeiten weiterlaufen, ohne dass man die Möglichkeit hätte, in dieser Zeit an deren Ablöse zu arbeiten. Es wird auch thematisiert, wie man ein Technologiegefälle künstlich schaffen, erhalten und ausnutzen kann.

Auch darüber, wie ein bewaffneter Konflikt ablaufen könnte, wird eingegangen: Die Äußeren Kolonien hatten keinerlei Verteidigungsanlagen, was aber okay ist, denn die Orbitalrepubliken hatten auch keine Schiffsbewaffnung. Es ging letzteren auch eher darum, die aufmüpfigen Kolonisten wieder zur Räson zu bringen und die dort aufgebaute Infrastruktur möglichst intakt zu lassen, weil ein Neuaufbau unglaublich viel Zeit und Ressourcen verschlungen hätte. Overkill kam auch deshalb nicht in Frage, weil dieser keinen Rückhalt in der eigenen Bevölkerung gefunden hätte und man nicht einen Unabhängigkeitskrieg und einen Bürgerkrieg gleichzeitig an der Backe haben wollte. Das Ganze lief in diesem Fall auf Guerilla-Kampf unter Niedrig/Null-G-Bedingungen hinaus, irgendwann hatten die Orbitalrebubliken auch dafür in der eigenen Bevölkerung keinen Rückhalt mehr, weil der Bodycount und die Kosten stiegen und eine gütliche Einigung immer attraktiver wurde.

Jedenfalls fürs erste. Weil den Kolonien aber klar war, dass die Orbitalrepubliken es wieder versuchen würden, schickte man Agenten auf die Erde, um den Unabhängigkeitskampf der Dirtsider mit Rat und Tat zu unterstützen, aber auch zu verstärken. Die Orbitalrepubliken hatten hier klar die technische und militärische Überlegenheit, aber auch hier konnten sie nicht mit voller Kraft zuschlagen, weil das bedeutet hätte, durch zerstörte Infrastruktur und getötete Arbeitskräfte die eigene Versorgung mit Rohstoffen zu beeinträchtigen und dadurch in größere Abhängigkeit zu den ehemaligen Kolonien zu geraten, denn aus dem Erdorbit lässt es sich zwar trefflich herrschen, aber die Versorgung kommt nun einmal von innen oder von außen und ab einem gewissen Punkt lässt sich mit militärischer Überlegenheit nichts mehr machen.

Das ist übrigens ein Punkt, den wir sträflich ignoriert haben, wenn wir über Angriffe auf Planeten aus dem Weltraum sprachen: Gerade wenn etablierte Welten irgendwann über lückenlose Raumüberwachung und waffenstarrende Verteidigungswaffen verfügen sollten, wird Infiltration um so wichtiger. Idealerweise sollten eingeschleuste Kommandoeinheiten oder -trupps soweit platziert sein, dass sie militärischen Verteidigungsanlagen schwere Schäden zufügen oder diese sogar gegen die Verteidiger selbst richten können, bevor die Flotte eintrifft. Man kann auch die Bevölkerung bedrohen, oder wichtige Personen und/oder Einrichtungen zerstören oder als Geisel nehmen bzw. besetzen. Gegen Infiltration hilft nur totale Abschottung, durch die man ohne Feindeinwirkung ausblutet oder durch rigide innere Sicherheit, die Freiheiten beschneidet und es Infiltratoren leichter macht, innere Unruhen zu schüren, auch wenn sie es sonst schwerer haben. Ohnehin verursacht schon die dicke Verteidigungsinfrastruktur selbst beträchtliche Kosten, die von der Bevölkerung sowohl monetär als auch ideologisch erst einmal getragen werden müssen, und auch wen nsie mitspielt muss der Etat nicht unbedingt reichen, um gleichzeitig starke Offensivkapazitäten aufzubauen, die man bräuchte, um eine Belagerung zu knacken. - Kurz, es ist ein ewiges Auf und Ab von Erwägungen und unzählige Optionen für glaubwürdige Szenarien.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Der Oger (Im Exil) am 15.04.2013 | 16:23
Was ich mir vorstellen könnte, ist, das in der imperialen Form die besiedelnde Macht auch das Bildungssystem so gestalten könnte, dass Wissen aller Art nur im rudimentären, absolut für das Überleben der Kolonie notwendige Maß zugänglich wird.

Keine Universitäten - oder nur für eine bestimmte Gesellschaftsschicht, wie die Angehörigen einer bestimmten, dem System ergebenen Schicht, zugängliche Schulen. Die gehen dann vielleicht auf Akademien auf zentralen Welten - wo sie dann auch leichter durch Geheimdienste überwacht und politisch indoktriniert werden können.

Keine Forschung,  die es erlauben würde, das Agrarplaneten irgendwann mal selbst High - Tech - Waren (oder Gott bewahre: Waffen und Raumschiffe) herstellen können.

Das ist aber alles immer nur eine vorrübergehende Lösung, denn die einzige Konstante ist ja der ständige Wandel. Den kann man vorrübergehend aufhalten, in den Untergrund drücken, aber nicht verhindern.

Wenn dann einige Kolonien in die Unabhängigkeit gelangen (vermutlich die Agraplaneten als erstes), könnte ich mir vorstellen, dass die Machthaber vor allem aus der zuvor herangezüchteten Schicht stammen, Da man keine Erfahrung im Umgang mit Demokratien und dem freien Handel hat, gleiten diese Welten vielleicht dann in blutige Militärdiktaturen ab, die sich zudem dann möglicherweise bei ihren früheren Kolonialherren verschulden - und damit wieder abhängig werden.

Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: 1of3 am 15.04.2013 | 16:31
Zitat
Das ist aber alles immer nur eine vorrübergehende Lösung, denn die einzige Konstante ist ja der ständige Wandel. Den kann man vorrübergehend aufhalten, in den Untergrund drücken, aber nicht verhindern.

Da wäre ich mir nicht so sicher. "Why Nations Fail"/"Warum Nationen scheitern" ist ein sehr empfehlenswertes Buch zu dem Thema und gerade auf Deutsch erschienen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Der Oger (Im Exil) am 15.04.2013 | 17:07
Da wäre ich mir nicht so sicher. "Why Nations Fail"/"Warum Nationen scheitern" ist ein sehr empfehlenswertes Buch zu dem Thema und gerade auf Deutsch erschienen.

Okay, danke für den Tip!
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Eulenspiegel am 15.04.2013 | 19:18
Treibstoff ist pillepalle, da nimmt man für gewöhnlich Wasser, das gibt es überall und es muss auch nichts groß "hergestellt" werden. Jedenfalls in einem Setting, das nukleare Antriebe erlaubt.
Wenn Treibstoff und damit allgemein die Transportkosten Pillepalle sind, dann hättest du Recht. Dann kann man damit einen Gewinn erwirtschaften.

Weiter oben hattest du aber geschrieben, dass Kosten von 10cr/kg entstehen. Und mit diesen Kosten macht man bei Standard-Lebensmitteln einen Verlust. Dann sieht die Rechnung nämlich so aus:

Traktor inkl. Transport zur Kolonie, Selbstkosten 100.000cr.
Du tauschst ihn gegen Getreide, sagen wir: 1000 Tonnen, die auf der Erde 1 Million cr wert sind. (1cr/kg)
Zitat
Lass den Rücktransport des Getreides zur Erde meinetwegen nochmal 100.000cr kosten.
Oben schriebst du etwas von 10cr/kg. Das sind dann 10 Millionen cr.

Wir haben also:
Traktorkauf: -150.000 cr.
Transport Traktor --> Kolonie: -5.000 cr. (Annahme: 5 Tonnen bei 10cr/kg)
Tausch Traktor/Nahrungsmittel: kostenlos
Transport Nahrungsmittel --> Erde: -10.000.000 cr (Annahme: 1000 Tonnen bei 10cr/kg)
Verkauf Nahrungsmittel: +1.000.000 cr. (bei 1cr/kg)

Das macht einen Verlust von ca. 9 Millionen cr.

Man kann natürlich daran drehen, wenn man entweder die Transportkosten auf unter 1cr/kg drückt oder den Nahrungsmittelpreis auf über 10cr/kg erhöht.

Aber mit den beiden Annahmen, die du getroffen hast (Transport 10cr/kg und Nahrungsmittelpreis 1cr/kg) machst du ein Verlustgeschäft von 9cr/kg.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 15.04.2013 | 19:35
Du verwechselst gerade die Annahmen, die ich getroffen habe, mit den Annahmen, die du getroffen hast. Du hast weiter oben gemeint "Traktor inkl. Transport 100.000, Verkauf für 1 Mio", und davon war ich dann ausgegangen. Das ist nicht zu verwechseln mit meinem 10cr/kg Modell.

Der Treibstoff macht nur einen Bruchteil der Betriebskosten aus. Nicht ganz vernachlässigbar, aber jedenfalls längst nicht der größte Brocken. Als da wären: Abschreibung des Anschaffungspreises, Wartungskosten, nuklearer Brennstoff (je nach Techlevel z.B. Uran oder Helium-3), Dockgebühren, und und und.

(Unsere heutigen Raketen bestehen ja quasi nur aus chemischem Treibstoff, und selbst da macht dieser nur einen kleinen Anteil der gesamten Betriebskosten aus.)

Hm, eigentlich wollt ich noch was zu Yerho und Oger sagen, aber ist mir grad entfleucht... muss wohl erstmal das Loch im Bauch stopfen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Galatea am 15.04.2013 | 19:35
Vor allem wiegt der Traktor keine 1000 Tonnen. Der Frachter würde also praktisch leer zur Kolonie fliegen und das ist alles andere als wirtschaftlich. Und stopft man der Frachter auf dem Hinweg voll hat man das Problem, dass er den Gegenwert in Nahrungsmitteln nicht aufnehmen kann, weil schlichtweg nicht genug Platz vorhanden ist. Selbst 90% one-way-Wegwerfkapseln (recylclebar/verwendbar als Wohncontainer) dürften das Problem nicht lösen, da Kapsel und Treibstoff trotzdem noch zu viel Geld kosten, das man nicht zurückbekommt.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 23.04.2013 | 01:03
Jap, genau meine Rede.

Jetzt weiss ich wieder, was ich weiter oben noch einwenden wollte. Kleiner Exkurs:

Die Kosten sind tröpfchenweise irgendwann wieder drin und die Kolonie bleibt durch den Zinseszins trotzdem abhängig (und bringt evtl. weitere Erlöse). Gleichzeitig wird Nahrung produziert, die man zu Dumpingpreisen bezieht und die auch Bewohner anderer Welten ernährt, wo unter rigider Kontrolle die für das Regime primär wichtigen Dinge gefördert und/oder produziert werden.

Ich halte es gar nicht für so selbstverständlich, dass es auf alle Ewigkeit den Zineszins geben wird, als sei er ein Naturgesetz. Im Gegenteil beweist ja die Natur immer wieder aufs Neue, ebenso wie wir auch an unserer Wirtschaft beobachten können, dass exponentielles Wachstum auf Dauer nicht gutgehen kann und irgendwann kollabieren muss. Die Intervalle zwischen den Kollapsen scheinen sich außerdem zu verkürzen. Da wir (als Menschheit) nun einerseits einen besseren Überblick über die Geschichte und die Zusammenhänge haben, und andererseits die negativen Auswirkungen in immer kürzeren Intervallen auf uns einstürzen, wäre es nicht nur logisch sondern auch tatsächlich denkbar, dass dieses System über kurz oder lang abgeschafft wird.
Will heißen, dass es dann vielleicht nur noch einfachen Zins geben könnte, und keinen Zinseszins mehr.
Das hat wohlgemerkt auf den "kleinen" Sparer keinen großen Effekt. Der Unterschied im Ertrag von Sparvermögen von Normalverdienern ist kaum spürbar. Aber Großschuldner würden dadurch enorm entlastet werden - und da ja gerade Staaten die meiste Kohle borgen müssen, wäre es nicht so weit hergeholt, dass diese die Bedingungen irgendwann zu ihren Gunsten ändern.

Langer Rede kurzer Sinn; ich will eigentlich nur sagen, dass Zinseszins nicht gottgegeben ist. Im Sinne der Futurologie fände ich es sowieso wesentlich spannender, ein Szenario zu beleuchten, indem es keinen Zinseszins mehr gibt.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Gasbow am 23.04.2013 | 15:48
Wie soll Zins ohne Zinseszins funktionieren?

Ist eigentlich schon definiert, was in Redshift der Grund ist, weswegen überhaupt extrasolare Kolonisation betrieben wird?
Es muss sich ja irgendjemand etwas davon erhofft haben als er die erste Kolonie gründete.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 23.04.2013 | 17:09
Wie soll Zins ohne Zinseszins funktionieren?

Na ganz einfach. Nehmen wir an, du legst 10.000cr zu 10% p.a. an. Also kommen jedes Jahr 1000cr dazu. Nach 10 Jahren hast du bei einfachem Zins schlicht 20.000cr auf dem Sparbuch. Mit Zinseszins wären es 25.937cr.

Klar kannst du als Anleger auch sone Art Zinseszins emulieren, wenn du deine Zinszahlungen jedes Jahr nehmen und wieder neu anlegen kannst -- aber du musst halt erst jemanden finden, der sich das Geld von dir leihen will; es vermehrt sich nicht mehr automatisch.
Mit Tilgung und Raten etc. würde es freilich auch alles etwas anders laufen als heute, denk ich mal. Der Knackpunkt ist jedenfalls, dass das Vermögen sich nicht mehr innerhalb weniger Jahrzehnte auf einige wenige Personen konzentrieren soll, und am Schluss ganze Volkswirtschaften nur noch dafür arbeiten, um die Zinsforderungen dieser wenigen Gläubiger zu bedienen.

Zitat
Ist eigentlich schon definiert, was in Redshift der Grund ist, weswegen überhaupt extrasolare Kolonisation betrieben wird?
Es muss sich ja irgendjemand etwas davon erhofft haben als er die erste Kolonie gründete.

Jein. Zunächst war meine Idee, dass die Erde zunehmend ungemütlich wird und daher alle, die es sich leisten können, das sinkende Schiff verlassen wollen. Aber davon bin ich eigentlich wieder ab. Jetzt ist das momentane Arbeitsmodell eigentlich mehr so im Bereich Prestige/Weil wir's können/Rohstoffknappheit verortet.

Allerdings ist Redshift freilich mein Privatprojekt; in einem eher allgemein gehaltenen Thread wie diesem hier versuche ich, entsprechende Beispiele eindeutig zu kennzeichnen und ansonsten eher generische Überlegungen anzustellen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Eulenspiegel am 23.04.2013 | 20:15
Man könnte evtl. ein Gesetz erlassen, das es verbietet, Zinsen zu reinvestieren. Das heißt, du darfst die Zinsen nur zum Konsum benutzen.

Wobei sich dann die Frage stellt, was alles als Zinsen und was als "ehrlicher Gewinn" zählt. (Was ist zum Beispiel mit Aktiendividenden: Darf man diese investieren?)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Gasbow am 23.05.2013 | 10:37
Vielleicht ist das hier ja was brauchbares.
Auf jeden Fall ist es unterhaltsam :)

http://www.standupeconomist.com/pdf/misc/interstellar.pdf

Paul Krugman empfiehlt Neptune's Brood als Buch welches interstellare Finanzmärkte betrachte, kennt das hier jemand?

Quelle:
http://krugman.blogs.nytimes.com/2013/05/20/the-theory-of-interstellar-finance/
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 23.05.2013 | 10:56
http://www.standupeconomist.com/pdf/misc/interstellar.pdf

Das hab ich schon vor geraumer Zeit mal gezogen, aber ich hab's nur überflogen. Witzig fand ich den Satz aus der Einleitung,
"It should be noted that, while the subject of the paper is silly, the analysis actually does make sense. This, then, is a serious analysis of a ridiculous subject, which is of course the opposite of what is usual in economics."
xD

Allerdings geht er natürlich nur von STL aus, mit Reisezeiten von mehreren Jahrzehnten (allgemeiner Rahmen).

Im Endeffekt kommt er auf zwei "Fundamentals" raus:
1. Dividenden und Zinsraten müssen sich nach der Zeit im Allgemeinen Rahmen richten, nicht nach der Bordzeit der relativistischen Raumschiffe. Will heissen, es ist egal ob das Schiff so schnell fliegt dass für die Besatzung nur 1 Jahr vergeht; wenn auf der Erde inzwischen 40 Jahre vergangen sind, muss sich der zu erwirtschaftende Gewinn an diesen 40 Jahren messen lassen.
2. Die Zinsen auf den einzelnen Welten gleichen sich an, wenn es Personen (Menschen/Aliens) gestattet ist, auf jeder dieser Welten Aktivposten zu besitzen.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Eulenspiegel am 25.05.2013 | 19:08
2. Die Zinsen auf den einzelnen Welten gleichen sich an, wenn es Personen (Menschen/Aliens) gestattet ist, auf jeder dieser Welten Aktivposten zu besitzen.
Hmm, das ist nichtmal hier auf der Erde der Fall, wo die Zinsraten zwischen einzelnen Staaten (so sie nicht über eine Gemeinschaftswährung verfügen) stark schwanken.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 15.11.2015 | 02:42
*raise*

Da wir im SF-Währungsthread ein bißchen vom Thema abgekommen sind, verlagere ich den Exkurs mal hier rüber. Ich habe eben beim drüberschauen festgestellt, dass wir die meisten Teilaspekte in der Tat schon in diesem Thread angesprochen haben. Aber jetzt (ca 2,5 Jahre später) sind wir ja vielleicht alle nochmal ein wenig klüger geworden. ;)

Zunächst möchte ich nochmal die Rechnung hochholen, in welchem Zeitraum wieviele Kolonisten umgesiedelt werden können.

Annahme wie gehabt: jede Nation, die eine extrasolare Kolonie aufzieht, investiert in eine gewisse Transportkapazität. Wenn ein Staat es wirklich ernst meint mit der Rolle als Kolonialmacht, sollte eine Anschaffung von 50 Schiffen pro Jahr (mit sagen wir 1000 Plätzen pro Schiff) machbar sein. Ferner nehme ich an, dass jedes Schiff 2 volle Wege (hin und zurück) schafft, und einen Lebenszyklus von 30 Jahren hat. Hinzu kommt noch eine kleinere Menge Lifter für den Betrieb zwischen der jeweiligen Oberfläche und dem Orbit.

Diese Annahmen laufen darauf hinaus, dass - wenn die Anschaffungsrate unverändert bleibt - sich die Flottengröße nach 30 Jahren bei 1500 Schiffen einpegelt. Diese können pro Jahr 3 Millionen Kolonisten umsiedeln. Das sind vier Schiffe pro Tag.
Also in den ersten 30 Jahren (Aufbauphase): ca 45 Millionen
Dann in den nächsten 30 Jahren: 90 Millionen
In insgesamt 100 Jahren: 255 Millionen

-- _wenn_ die Kolonialmacht wirklich die ganze Zeit im gleichen Tempo durchpowert. Und gäbe es z.B. 4 solcher Kolonialmächte dieses Maßstabs, wären nach 100 Jahren schon über eine Milliarde Erdenbüger umgesiedelt.
UND dabei sind 50 Schiffe pro Nation und Jahr jetzt auch nicht so wahnsinnig viel. Zum Vergleich, Boeing und Airbus produzieren zusammen aktuell ca 1400 Verkehrsflugzeuge pro Jahr. Mal grob angenommen, dass ein Auswandererschiff vom Aufwand her etwa 5 durchschnittlichen Jets entspricht, dürfte das immer noch kein Problem darstellen.

Da stellt sich dann halt die Frage: welches Ziel verfolgt die Kolonialmacht, und wer soll überhaupt umgesiedelt werden?
A) die "Hartzer" der eigenen Nation; Menschen für die es auf der Erde einfach keine Arbeit mehr gibt?
B) oder umgekehrt die eigenen Eliten, während der Rest auf der Erde versauern darf?
C) oder womöglich die _komplette_ eigene Bevölkerung? Der letzte macht das Licht aus?
D) oder ganz anders, man wirbt arme Leute aus anderen Teilen der Welt an, um sie nach allen Regeln der kolonialen Kunst auszubeuten?

Denkbar wäre auch eine Kombination von A und D; bzw eigentlich sogar zwingend, denn so viele "Hartzer" werden die meisten Nationen, dass sich dafür die Anschaffung einer riesigen Auswandererflotte rentieren würde. Natürlich kann auch jede Nation ein anderes Ziel verfolgen.
(Ich gehe mal davon aus, dass die Blöcke der heutigen westlichen Nationen weiterhin ungefähr stagnierende Bevölkerung haben, während Indien und China noch eine Weile weiter wachsen ehe auch sie sich einpegeln.)

Was mich beim Durchrechnen selber überrascht hat war, dass sogar für die mittelgroßen Blöcke mit je 150-300 Mio Einwohnern eine eine komplette Umsiedlung der eigenen Bevölkerung im Bereich des Möglichen läge. Würde halt plusminus 100 Jahre dauern. Aber damit hätten diese Nationen immerhin eine Exit-Strategie, falls auf der Erde irgendwas total in die Binsen geht und man hier keine Zukunft mehr sieht.
Die richtig großen Blöcke China und Indien werden sich das nicht leisten können. Hier wäre es vielleicht eher denkbar, dass man sich zunächst eine schicke Kolonie aufbaut, in die sich dann die Eliten absetzen können, während die armen Schlucker daheim einfach sich selbst überlassen werden.

Für den Norden wäre eine Umsiedlung großer Teile seiner Bevölkerung denkbar, da der ganze Block sowieso nur ca 30 Millionen beheimatet. Da braucht man natürlich keine 50 Schiffe Zuwachs im Jahr, sondern wäre schon mit einem Zehntel dieser Flottengröße gut bedient.

Ergo: wenn nicht gerade (C) die gewünschte Option ist (was wie gesagt bedingen würde, dass die Erde total im Arsch ist), wären 50 Schiffe pro Nation und Jahr sogar schon überlaboriert. Die Kisten wollen ja schließlich auch bezahlt werden.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Talasha am 15.11.2015 | 03:50
Bei den Umsiedlungen kommt es darauf an wie der Planet aussieht.
Ist er ein riesiges SPa mit tollen Stränden usw. dann die Eliten, hat er in erster Linie harte Lebensbedingungen, dafür Rohstoffe, dann ARbeiter.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: alexandro am 15.11.2015 | 03:59
A) dürfte sich nicht lohnen - da ist es billiger irgendeine Arbeit auf der Erde (muss keine sinnvolle Arbeit sein) zu schaffen oder halt in den sauren Apfel zu beißen und die Sozialhilfe zu bezahlen. Wahrscheinlicher wäre es, dass die Unterschicht auf diversen nicht-subventionierten Wegen (versteckt in Frachträumen oder in krude zusammengebastelten Raketen) versucht auf dem "unerschlossenen" Mars neu Fuß zu fassen, bevor die Chance verstreicht (Modell: Besiedlung Amerikas).
B) die Elite hört auf Elite zu sein, sobald es niemanden unter ihnen gibt: die Wirtschaft der Kolonie wird allmählich - koppelt man es nicht irgendwie an die Erdenwirtschaft and (was selbst bei dieser Anzahl Schiffe nicht einfach ist) - zu höheren Lebenshaltungskosten und damit zu einer sozialen Schichtung führen. Und spätenstens dann überlegen sich die Eliten (die jetzt "arm" sind, aber noch reich genug um sich den (vergleichsweise billigen) Flug zur Erde leisten zu können), ob das Leben auf der Erde nicht doch besser war.
C) Wäre evtll. eine Option, wenn das Leben auf der Erde komplett unerträglich geworden ist (Umweltverschmutzung). Dann ein paar Jahrhunderte in den Weltraum, der Erde Zeit zur Regeneration geben. Die Frage ist (da das Ganze ja von Nationen ausgeht) wies besagte Nationen verhindern, dass andere Erdnationen sich während der Abwesenheit das "leere" Territorium unter den Nagel reißen.
D) zu diesem Zweck müssten die anderen Gebiete bereits (faktisch oder finanziell) Vasallenstaaten oder Kolonien sein - und auf jeden Fall dürfte eine solche Aktion die umstürzlerischen Kräfte (auf der Erde und der neuen Kolonie) stärken.

Die besten Chancen hätte die Aktion noch, wenn sie nicht von Nationen ausgeht, sondern von Großkonzernen.

Beispiel: Intel stellt eines Tages fest, dass sie mittlerweile alle Komponenten für die Chipproduktion sowieso vom Mars importieren (weil besonders seltene Erden auf der Erde nicht mehr in ausreichenden Mengen zu bekommen sind). Dadurch entsteht ein riesiger logistischer Aufwand, weil man die Lagerhäuser auf der Erde (was hat man da, was fehlt), die Lagerhäuser auf dem Mars (was hat man da, was muss man abbauen), die Transportwege (wann gehen welche Raumschiffe raus und wieviel Kapazitäten haben diese) und die Kommunikationswege (welche Bestellungen hat man wann schon rausgegeben und wie schnell wurden diese bearbeitet). Sobald mal ein Raumschiff Verspätung hat oder gar vernichtet wird, kann es zu Engpässen in der Produktion kommen, weil natürlich (Murphys Gesetz) gerade die eine Komponente die man braucht, dort im Transit festhängt.

Was macht man also: man verlagert die gesamte Produktion auf den Mars, lockt Experten mit höheren Löhnen (und/oder niedrigen Lebenshaltungskosten), wirbt noch ein paar Arbeiter an und schafft ein Framework, damit diese ihre Familien mitbringen, damit man ihren Daueraufenthalt (ohne Extra-Urlaub für den langen Flug zur Erde) rechtfertigen kann. Die Experten kommen, weil es halt ein gut bezahlter Job ist (welche die Regierung nur begrenzt vergeben kann). Die Angestellten bleiben da, weil ihre Einkommensquelle vom Aufenthalt auf dem Mars abhängt. Die Firma schickt fertig gebaute Chips oder sogar Computer zur Erde und kann das praktisch kontinuierlich machen (ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wieviel Rohmaterial die Produktion auf der Erde verarbeiten kann), wodurch Transitausfälle aufgefangen werden. Durch die Ansiedlung kommt es nach und nach zu einer Infrastruktur rund um das Produktionszentrum (weil die Firma einfach nicht alle Bedürfnisse der Kolonisten erfüllen kann/will) und damit die Entstehung anderer Wirtschaftszweige. Da die Kolonisten aus unterschiedlichen Ansiedlungen des Konzerns rekrutiert wurden, sind sie bunt gemischt und die nächste Generation sieht sich wahrscheinlich schon eher als Marsianer, denn als Bürger ihrer Ursprungsnation.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 15.11.2015 | 12:31
Bei den Umsiedlungen kommt es darauf an wie der Planet aussieht.
Ist er ein riesiges SPa mit tollen Stränden usw. dann die Eliten, hat er in erster Linie harte Lebensbedingungen, dafür Rohstoffe, dann ARbeiter.

Das auf jeden Fall.

--

ad A) Och, ich denke, "lohnen" könnte es sich schon, wenn man es schafft dass die Umsiedlung weniger kostet als das voraussichtliche Arbeitslosengeld für den Rest des Erwerbslebens. [Da ist dann die Frage ob und wie man Konzepte wie "Rente" auf den Kolonien umsetzen kann.] Dazu ist es freilich wichtig, dass man z.B. die Siedlerflotte nicht überlaboriert. Wenn ich nur 10 Millionen Menschen insgesamt umsiedeln will, brauche ich dafür keine 1500 Schiffe sondern nur ca 150.

BTW ist das mit ein Grund, warum ich für mein Setting bei einer balkanisierten Erde bleibe: um diverse gesellschaftliche Systeme durchzuexerzieren. Die einen teilen freiwillig die Automatisierungsdividende unter den Menschen auf, und jeder bekommt sozusagen das Geld des Jobs, den der Roboter ihm weggenommen hat (mal ganz simpel gesagt). Die anderen versuchen, beim Turbokapitalismus zu bleiben damit die Eliten weiter in perlengesättigtem Champagner baden können, und halten die Massen mit wenigen Almosen und viel Repression unter Kontrolle.

ad B) wiederum eine Frage der Automatisierung. Selbstverständlich kann ich nicht _nur_ die oberen 10000 verschiffen (außer ich will sie buchstäblich auf den Mond schießen, aber das wäre dann ein anderes Szenario). Da wäre also die Idee: Ich suche mir einen schönen Planeten, lasse mir den gemütlich einrichten, stelle genügend Automaten hin die mich mit allem Notwendigen und Angenehmen versorgen, und nehme _außerdem_ noch genügend Techbirnen mit die die Automaten am Laufen halten. Wenn ich z.B. die Kontrolle über 1 Milliarde Menschen habe, und ich will die Top 1% evakuieren, nehme ich zusätzlich zu diesen 10 Millionen eben noch 100 Millionen Leute "Personal" mit - die Bottom 90% lasse ich im Dreck sitzen.

ad C) richtig, eine komplette Evakuierung einzelner Länder wäre eine Reise ohne Rückfahrkarte, da man nicht erwarten kann, dass sich dann niemand die Heimat unter den Nagel reißt. Eine komplette Evakuierung der Erde mit ihren bis dahin 10-15 Milliarden Einwohnern wäre dann auch wieder ein zu gewaltiges Projekt, selbst wenn man geeignete Welten zur Umsiedlung hätte.

ad D) Eine gewisse historische Bindung kann da sicher nicht schaden -- aber eine Vasallenbeziehung sehe ich da nicht unbedingt als notwendig an. Wenn z.B. Indien hunderte Millionen arme Leute haben die am Existenzminimum rumkrebsen, und falls der indische Staat eher daran interessiert ist ein Luxusexil à la (B) für seine Oberschicht aufzubauen, dann könnte doch z.B. das British Empire dort punkten, indem es 1-200 Millionen armen Indern eine nachhaltige Existenz auf ihrer Kolonie in Aussicht stellt.

Dass fast alle Modelle langfristig für Zündstoff sorgen, ist klar. Was aber wiederum das Setting interessanter macht. ;)
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Aedin Madasohn am 15.11.2015 | 12:59
ein großer Knackpunkt bei all diesen Überlegungen ist doch die Qualität der Zielwelt!

A)
Ich brauche ein paar Millionen Malocher für die Ausbeutung eines rohstoffreichen Höllenplanetens und muss sie mit
- satt Knete anlocken
- vorgehaltener Pistole zwingen

B)
Ich habe eine zweite Erde voller schöner Landschaften. Da stehen alle (Konkurrenten) doch Schlange. Da brauche ich eher Zugangskontrollen und habe dann im Gegenzug wieder Schleuser(Piraten).

C)
Ich habe so viele Second Earths, dass jeder "Block" sich hier seine homogene Basis einrichten kann

nächster Knackpunkt: was kostet die Passage an Geld/Ressourcen
1)
zur Zeit der Amerikaauswanderung gab es mehr arme Schlucker, die auswandern wollten, als sie Geld für die Überfahrt hätten.
2)
wie "Imperial" muss ein Block denken, dass es für diesen Staat ein Wert an sich wäre, seine Bürger in Massen auf einem anderen Planeten anzusiedeln?
Hier können sehr schnell interessante Settings erwachsen, wo der Konkurrenzgedanke zwischen den Blöcken in imperialer Politik begründet liegt.
Erst so wird plausibel, dass diese Staaten ihr Buget in Passagen ihrer Bürger stecken (weil es "ihre ::)" Staatsbürger sind und nicht irgendwelche aufsässigen billig-Fremdarbeiter >;D)
3)
wie billig muss eine Passage sein, dass terra-perspektivlose (Stichwort: jugendarbeitslose) Bevölkerungsteile verschifft werden können?
Als Settingbauer einfach Hyperraumenergieabzapfer-für-billig-hoch-drei-Energie einsetzen und gut.

das alles kann beliebig gegeneinader verschoben werden. Hier muss man vom gewünschten Setting zurück zur "Entwicklung" denken.
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Lichtschwerttänzer am 15.11.2015 | 13:28

1)
zur Zeit der Amerikaauswanderung gab es mehr arme Schlucker, die auswandern wollten, als sie Geld für die Überfahrt hätten.
Schuldknechtschaft wäre eine Lösung

https://de.wikipedia.org/wiki/Indentur
Titel: Re: [Science-Fiction] Weltraum-Kolonisation
Beitrag von: Feuersänger am 15.11.2015 | 17:12
Da ich den Thread ja eh schon für meine Zwecke gekapert habe, hier ein paar Parameter bezüglich meines Settings:

Ich gehe mal (großzügig) davon aus, dass etwa 1% der Sterne wenigstens eine bewohnbare Welt beherbergt. Damit meine ich "Welt mit sauerstoffhaltiger Atmosphäre, flüssigem Wasser und akzeptabler Schwerkraft", um nur die wichtigsten Eckpunkte zu nennen. Die "Frontier" soll im etwa 50 Lichtjahren Radius um die Erde liegen. In dieser Blase befinden sich knapp 1000 Sterne, somit können wir von etwa 10 geeigneten Welten ausgehen. Einige davon werden selber nur Monde z.B. von Gasriesen sein.

[Die 1% und 50ly sind rein willkürlich gewählt, weil ich eben - wieder von Project Rho - eine 3D-Karte für diesen Bereich habe und etwa 10 Freiluftwelten haben will. Man könnte auch sagen, 0,01% der Sterne haben Freiluftwelten, dann brauchen wir eben ca 250ly Radius.]

Zitat
nächster Knackpunkt: was kostet die Passage an Geld/Ressourcen
...
Als Settingbauer einfach Hyperraumenergieabzapfer-für-billig-hoch-drei-Energie einsetzen und gut.

Kommt natürlich sehr aufs Techlevel an. Bei mir gibt es keine Mumbojumbo-Hyperraumenergie. Dafür aber D-3He-Fusion, die ist zwar nicht kostenlos aber - nachdem erstmal die Infrastruktur etabliert ist - hinreichend billig. Allerdings sind die Energiekosten auch längst nicht alles; Raumschiffe bauen sich ja nicht von selber.

Einer der dicksten Posten ist immer der Transport von der Erdoberfläche in den Orbit. (Ich glaube nicht an Weltraumaufzüge, jdf nicht auf der Erde.) Die Kosten für den interplanetaren Transport (bzw vom FTL-Sprungpunkt zum Ziel) hängen dann von der Geschwindigkeit ab -- je langsamer, desto billiger.
Also, die Transportkosten sind schon um viele Größenordnungen geringer als heute -- ich rede da so von ungefähr 6-10cr/kg für STO und ca 2-10cr/kg Interplanetar. Dazu kommt halt noch die Versorgung während der Überfahrt. Da hat man also auch noch einige Schieberegler, aber wenn wir mal ganz grob annehmen, dass jeder Kolonist etwa 1 Tonne Nutzlast kostet, wären wir bei einer Summe irgendwo zwischen 10.000 und 20.000 cr für die Überfahrt - (wobei wie immer 1cr etwa die Kaufkraft von 1€ heute haben soll). Ausrüstung, Werkzeuge, Maschinen etc kommen natürlich noch extra hinzu.

Übrigens habe ich festgestellt, dass auf die Weise sogar eher billige Rohstoffe und Güter gehandelt werden können, ohne dass die Transportkosten alles kaputtmachen. Wenn man die interplanetaren Transportkosten auf ca 1cr/kg drückt, kann man sogar über den Transport von Grundnahrungsmitteln reden.

Schuldknechtschaft wäre eine Lösung

https://de.wikipedia.org/wiki/Indentur

Ich glaube, das hatten wir hier im Thread sogar schonmal angesprochen -- das wird durchexerziert in Heinleins "Logic of Empire": Arbeitskräfte werden mit falschen Versprechungen auf eine Kolonie gelockt (dort: Venus, aber egal) und dort offiziell als Vertragsarbeiter, de fakto aber Sklaven eingesetzt. Theoretisch dürften sie jederzeit kündigen -- dazu müssten sie nur ihre eigene Ablösesumme zahlen. Und das können sie nicht. Auch nach Ablauf des Vertrages sind sie theoretisch frei, aber können sich immer noch nicht die Heimfahrt leisten - also müssen sie sich neu verpflichten. Und so weiter.
Aber ja, das ließe sich im Prinzip auch dahingehend ausweiten, dass man zur Arbeit auf den Kolonien verdonnert werden kann, wenn man auf der Erde Schulden hat. Da wir bereits heute in einer Situation sind, in der selbst in reichen Ländern bis zu 30% der Bevölkerung ein Vermögen von +/-0 haben oder schon verschuldet sind, ist das auch nicht besonders abwegig.