Ein narrensicherer Plan
Rorgan wand sich in seinen Fesseln, gab aber relativ schnell wieder auf, als er einsah, wie sinnlos der Versuch war, sich daraus zu befreien. Naja, der Tag hatte ja schon schlecht angefangen. Sich gleich am frühen Morgen von einem aufgeblasenen Halbdrachen fast den Schädel spalten zu lassen war nun wirklch keine Art und Weise, wie man einen erfolgversprechenden Tag begann.
Aber von da an war es eigentlich nur abwärts gegangen. Nunja, nicht ganz. Immerhin hatten sie den Mönch gefunden, nachdem Liu so verweifelt gesucht hatte. Rorgan wandte den Kopf nach rechts und nickte dem geschundenen Mann, der gefesselt an einem Pfahl neben ihm stand, aufmunternd zu – auch wenn er selbst auch etwas Aufmunterung hätte gebrauchen hätte können.
Das alles war einfach die Schuld von dieser unfähigen Gnomin. Wäre sie nach dem Ausspähen des Lagers der Kultisten zurückgekehrt um Meldung zu machen – so wie es jeder Anfänger in der Armee am ersten Tag lernte! – dann hätte sich Rorgan nicht auf die Suche nach ihr machen müssen, um schlussendlich als grießgrämiger Pfahlverschönerer zu enden. Aber das war noch nichtmal das ganze Problem. Der einzigen Person, der er zutraute ihn aus dieser Situation zu holen war nun einmal Mec. Er drehte den Kopf nach links und nickte der gefesselten Tieflingsfrau auf dieser Seite zu. Womit auch diese Lösung der Misere nicht gegeben war.
Rorgan seufzte wieder. Ja, der Tag war wirklich schief gegangen. Es konnte nur mehr besser werden… Ein Flüstern hinter ihm riss ihn aus seinen mürrischen Gedanken: “Psst, Rorgan, wir sind’s”, erklang Ellys Stimme aus einem nahen Gebüsch. “Wir haben einen Plan euch zu befreien.”
Rorgan verdrehte die Augen. Befreien? Wie denn? Sie standen inmitten eines Lagers aus hunderten Kultisten, voller geifernder Kobolde und gieriger Söldner und in einer der Höhlen in den nahen Klippen wurden verdammte Dracheneier ausgebrütet! Wie wollte die Gnomin und Liu sie da befreien kommen?
“Wir haben einen Narrensicheren Plan!”, fuhr Elly begeisternd flüsternd vor. “Einen Hamsterplan!”
Roragn stöhnte auf, wandte den Blick gen Himmel und flüsterte: “Bitte Helm, lass mein Ende schnell und schmerzlos sein.”
Der Hintergrund des Hamsterplans war eine länge outgame Diskussion über den wohl berühmtesten Hamster der Schwertküste...
Die Rückkehr der Gemeinschaft des nicht näher bekannten Drachenartefakts zu den zwei Champions des Guten
Leosins Blick flackerte von der Gnomin, die mit ernster Miene vor ihn stand, zu seinem Freund Ontarr herüber und wieder zurück. „Wie bitte was? Ihr seid wer nochmal?“ Ellywick schlug erneut dramatisch ihren Umhang zurück: „Ich bin die Gnomin die verheißen wurde, traut euren Augen Leosin, denn die Prophezeiung, die ihr und Ontarr so lange gehütet habt, ist wahr geworden!“ Leosins Augen nahmen einen fast schon flehenden Ausdruck an als er sich Ontarr zuwandte, der peinlich berührt Luftlöcher starrte. „Äh Ontarr, alter Freund, helft mir da, hüten wir irgendeine Art von äh Prophezeiung, von der ich nichts weiß?“ Ontarr sah aus, als ob er lieber ganz woanders wäre, zuckte hilflos mit den Schultern und platze mit gekünstelter Überraschung heraus: „Oh ich glaube, ich vergaß mein treues Pferd mit Stroh abzureiben und die Stallburschen sind so inkompetent, ich werde selbst danach sehen!“ Schnellen Schrittes eilte er von dannen, während Leosin ihm etwas hinterherzischte, das wie „feiger Verräter!“ klang. Dann setzte er wieder sein bestes Diplomatengesicht auf und wandte sich zurück an Ellywick: „Vielleicht sollten wir zuerst, äh, gemeinsam Speisen und dann, äh, könne wir immer noch…“ Die Gnomin legte unvermittelt beruhigend die Hand auf seinen Arm, neigte den Kopf kurz und auffällig unauffällig in Richtung des Tieflings hinter ihr und zwinkerte dem Mönch verschwörerisch zu: „Ich verstehe was ihr empfindet, seid unbesorgt, es wird noch eine Gelegenheit kommen, bei der wir offen sprechen können…“ Leosin wischte sich den Schweiß von der Stirn, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen schien er zu hoffen, sehr weit weg zu sein, sollte diese „Gelegenheit“ wirklich einmal kommen…
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Getreuer und höchst wahrheitlicher Report von Ellywick Timbers, all so wie sich das Geschehen tatsächlich zutrug, ohne Falsch und Trug.
Unbekannter Leser wisse dies, da ich diese Worte schreibe kreuze ich auf einem Boot den Chiontar hinab, die leisen klagenden Klänge meiner Panflöten schweben über den Wassern und treiben davon in den morgendlichen Nebel. Ein Nebel dicht, wie die Netze des Schicksals, die sich immer dichter um mich zusammenziehen wie eine erstickende Decke.
Der Drachenkult liegt zerschmettert, sein geheimes Hauptquartier in Trümmern, die wichtigsten Anführer gefallen und seine Lakaien fliehen in alle Himmelsrichtungen wie Blätter vor dem Winde. Doch noch ist der Kampf nicht gewonnen und so eilten wir nach Norden, nach Elturel, wo die Helden des Guten zu der schicksalhaften Versammlung gerufen haben, die über die Zukunft der Schwertküste, ja der ganzen Welt entscheiden würde. Unauslöschlich haben sich die erschütterten Minen von Ontarr Frume und Leosin Erlanthar in mein Gedächtnis gebrannt. Lange haben sie die geheime Prophezeiung gehütet, wohl in der Hoffnung, dass die Apokalypse sich nicht zu ihren Lebzeiten ereignen würde. Ich musste diese Hoffnung zerschlagen, indem ich mich ihnen als die Gnomin, die verheißen wurde, offenbarte! Eine bedrückende Stille legte sich sogleich über unsere kleine Versammlung und ahnungsvolle Blicke wurden ausgetauscht, doch die beiden Champions des Guten wagten nicht weitere Worte zu sprechen. Was hatte ihnen die Stimme verschlagen? Trauten sie meinen Gefährten nicht? Fürchteten sie wohl, dass der Tiefling uns am Ende verraten könnte? Selten sah ich solche Bestürztheit! So wagte ich denn auch nicht meine mittlerweile zur Gewissheit gewordene geheime Vermutung über das eigentliche Ziel des Drachenkultes zu äußern. Mitnichten transportiert die Karawane einfach nur geraubtes Gold, dieses dient nur der Tarnung und der eigentliche Schatz ist ein Artefakt, dass die Essenz Tiamats enthält! Wir müssen dieses Artefakt an uns bringen und es dann vernichten, indem wir an das Ende der Welt reisen, um es in den Vulkan zu werfen, in dessen Feuern es einst geschmiedet wurde! Doch wer aus unserer Gruppe könnte der Träger des Artefakts werden? Sicher gehen verderbliche Einflüsse von ihm aus, die jeden korrumpieren könnte! Eine wahrhaft schreckliche Vorstellung, wenn eine Heldin mit meinen Kräften vom Geiste Tiamats besessen wäre. Wer also könnte der Träger sein? Am besten geeignet wäre wohl der naive Mönch, sein kindliches Gemüt könnte in der Lage sein ihn lange genug zu schützen. Welche Ironie, dass nur ein sorgenfreier Narr wie er dieser Aufgabe gewachsen wäre!
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Brief des Magisters Gorn Maarin an Ellywick Timbers.
Hochgeehrte Dame „T.“,
als für die Buchstaben R bis W zuständiger Lektor für unsere klassische Reihe „Wahrheitsgemäße Reiseberichte hochanständiger und vertrauenswürdiger Abenteurergesellen der Schwertküste“ freue ich mich über das von Ihnen entgegengebrachte Vertrauen und werde Ihr Manuskript mit der nötigen Sorgfalt und Diskretion prüfen und ihnen dann einen Vorschlag für eine etwaige Veröffentlichung im Verlag der Kerzenburg unterbreiten. Da wir einen großen Andrang erleben und jeder Einreichung die nötige Beachtung zukommen lassen wollen, kann dieser Prozess einige Zeit in Anspruch nehmen. Bitte sehen Sie von weiteren Anfragen ab, wir melden uns bei Zeiten.
Hochachtungsvoll ihr,
Gorn Maarin, Kerzenburg – 1489 TZ
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Die Magister – Eine Komödie. Erster Akt. Erste Szene.
Das Turmzimmer des Magister Jorum Tollkühn in der Kerzenburg. Es ist spät, wohl nach Mitternacht, der Magister findet keinen Schlaf und erhält überraschenden Besuch.
(Eintritt Magister Maarin.)
„Ah hochverehrter Magister Tollkühn, so spät noch bei der Arbeit. Wie ich sehe habt Ihr wieder im Altpapier gefischt, jenes talentlose Geschmiere, das dort auf eurem Tisch liegt, kommt mir bekannt vor. Sagt bitte nicht, dass ihr ernsthaft beabsichtigt, dies zu veröffentlichen. Ich habe es nicht ohne Grund bereits nach der dritten Seite in den Müll befördert!“
„Mitnichten oh geschätzter Magister Maarin, Ihr lagt ganz richtig mit dieser Entscheidung. Die Qualität der Einreichungen lässt doch mehr und mehr zu wünschen übrig. Die Tatsachenberichte sind zunehmend langweilig und repetitiv und die Fiktionen glänzen durch vollständige Talentfreiheit der Autoren. Bei dem Traktat der Dame „T.“ kann es sich niemals um tatsächliche Begebenheiten handeln, also war es Ausdruck eurer Weisheit es dem Altpapier zuzuführen. Ich allerdings suche Inspiration an den unwahrscheinlichsten Orten und einiges aus diesem Pamphlet ließe sich sicherlich noch verwerten, als Steinbruch der Ideen, wie ich es zu nennen Pflege.“
„Sagt nur Ihr Schreibt an einem eigenen Epos! Ist dies gar der eigentlich Grund eurer mitternächtlichen Arbeit?“
„Ihr habt es erkannt, es ist die Wahrheit!“
„So seid nicht so scheu und zeigt was ihr ersonnen habt!“
(Nimmt das Manuskript des Magisters Tollkühn zur Hand.)
„Ah ich sehe es wohl, eine Gnomin als prophezeite Heldin war euch gar zu lächerlich!“
„Richtig! Es ist albern und verfehlt die Zielgruppe gänzlich, ich werde sie durch einen, auf raue Weise gut aussehenden, menschlichen Waldläufer mit Dreitagebart ersetzen. Auch mit einem Tiefling als großen Verräter konnte ich mich nicht anfreunden, es ist zu offensichtlich, der Leser röche die Lunte bereits im ersten Akt.“
„Auch den Mönch habt ihr gestrichen?“
„Nicht ganz, die Rolle bleibt erhalten, nur übertrug ich sie auf einen Halbling. Für einen alten Mann wie mich wird ein Mönch letztlich immer ein Schriftgelehrter mit Tonsur bleiben!“
„Wenn ihr da mal nicht am Publikum vorbeischreibt! Der Handel mit Kara Tur hat in den vergangenen Dekaden beachtliche Größen erreicht, ein fernöstlicher Kampfkünstler an der Schwertküste mag euch neumodisch und albern erscheinen, aber gerade die jungen Leute denken sich zunehmend: Anything Goes! Aber lasst uns über den Zwerg sprechen, ihr übernehmt ihn praktisch unverändert? Er ist ein einziges wandelndes Klischee, als ob die Autorin jeden Zwergen-Stereotyp in einem Charakter vereinen wollte. Die Szene, in der er den Bart in das Bier taucht, ist schlicht lächerlich. Und was kauft er sich wohl für die große Fahrt? Richtig, ein Fass Bier! Habt ihr nicht Angst, dass sich das zwergische Publikum verspottet fühlen wird? Mein letzter Reisebericht über eine Expedition in das Unterreich brachte mir nur Ärger mit der Dunkelelfen-Antidiffamierungsliga ein und dabei war ich noch sehr bedacht und wohlwollend in der Wortwahl!“
„Ah mein alter Freund, bedenkt, dass eine Sache nur weil sie ein Klischee ist, nicht trotzdem auch wahr sein kann! Hier traue ich meinen Instinkten. Zwerge sind ein wertkonservatives Volk und werden sich sogar geschmeichelt fühlen.“
„Ihr seid der Ältere von uns beiden, es ist euer Epos und eure Entscheidung! Ich wünsche nur regelmäßig Neues von eurem Projekt zu erfahren.“
„Das werdet ihr, wenn ihr mir den Gefallen macht, erneute Einreichungen der Dame „T.“ direkt an mich weiterzuleiten.“
(Beide ab.)
Ab hier wurden die Tagebucheinträge etwas... eigen. Unsere Gnomin leidet, wie man bereits am Anfang erkennen kann an einer gewissen verzerrten Wahrnehmung der Realität, hervorgerufen durch zu viele Abenteuerromane in ihrer Kindheit. Begegnungen mit dem Drachenkult und einige zugegebenermaßen glücklich verlaufene Begegnungen taten ihr übriges, um dafür zu Sorgen, dass sie sich für die Auserwählte hält, welche ein nicht vorhandenes Drachenartefakt beschützen und Tiamat töten muss. Ihre Aufzeichnungen - nur ansatzweise so erlebt - schickt sie dann zurück nach Kerzenburg, wo diese für allerlei Aufsehen sorgen.
Die Handlung verdichtet sich
Unsere Gnomin dreht immer weiter am Rad und öffnet durch die Einführung eines nicht vorhergesehenen NSCs Tür und Tor für zukünftige skurile Tagebucheinträge.
Da das Abenteuer einen Zwischenaufenthalt in Baldurs Tor vorsieht hat unser SL kurzerhand das Abenteuer "Murder in Baldur's Gate" in die Kampagne mit eingebaut.
Getreuer und höchst wahrheitlicher Report von Ellywick Timbers, all so, wie sich das Geschehen tatsächlich zutrug, ohne Falsch und Trug.
Unbekannter Leser wisse dies, da ich diese Worte schreibe windet sich ein, zu einem handlichen Paket verschnürter Attentäter des Drachenkultes auf dem Fußboden unseres Gasthofs. Die dumpfen Flüche aus seinem geknebelten Mund verhallen ungehört über den Dächern und treiben tonlos davon im mitternächtlichen Dunkel der Gassen. Eine Dunkelheit so lichtlos, wie die Zukunft der Schwertküste, die immer ungewisser scheint, je länger wir tatenlos in Baldurs Tor der Ankunft der Karawane mit dem namenlosen Drachenartefakt harren.
Meine schlimmsten Befürchtungen bezüglich des Tieflings haben sich Bestätigt, denn wir waren kaum in Baldurs Tor angekommen, als wir Zeugen eines politischen Attentates auf Abdel Adrian wurden, einem, wie man uns versicherte, großen Helden der Stadt. Der Täter war ebenfalls ein Tiefling und es steht außer Frage, dass Mercretia eine in unsere Reihen eingeschmuggelte Agentin ist, die uns in den Rücken gefallen wäre, falls wir gegen ihre Mitverschwörer Schwäche gezeigt hätten. Ich muss vorsichtiger handeln, denn sie scheint den Verdacht zu hegen, dass ich ihr Spiel durchschaut habe. Jedenfalls war es auffällig, dass sie versuchte, mich bei meiner geheimen Unterredung mit dem Noblen Torlin Silberschild zu beschatten. Baldurs Tor scheint in einem großen Schlamassel zu stecken, das jedoch, so bin ich mir sicher, zu einer Nebensächlichkeit werden wird, sobald erst einmal Tiamat auf die Welt zurückgekehrt ist. Jedoch wird es noch einige Tage dauern, bis die Karawane hier ist. Wahrlich, es ist die Pflicht einer Heldin des Guten, das Böse niederzustrecken, wo es sich nur zeigt. Außer dem noblen Torlin haben sich auch Ulder Rabenwacht, der Anführer der Flammenden Faust, und eine großzügige Pfandleiherin namens Rilsa Rael an uns gewandt. Sowohl Torlin als auch Ulder sind überzeugt, dass eine Organisation, genannt die Gilde, die Stadt unterwandert, wohingegen Rilsa die Gilde repräsentiert und das Übel an einem gierigen Zöllner namens Nant Tangol festmacht. Alle zusammen sind sie jedoch vollständig ahnungslos, was die Verschwörung formwandelnder Tieflinge mitten unter ihnen angeht! Tatsächlich stellte sich der zwergische Zöllner auch als zwielichtiger Zausel heraus, der gerne etwas für sich selbst abzwackte und die Gilde erwies sich als großzügige Gruppierung großstädtischer Kreditgeber. Umso erstaunlicher ist es, dass der herzliche Herzog und der markante Marshall in dieser Angelegenheit so fehlinformiert sind. Kann es sein, dass die Verschwörung der formwandelnden Tieflinge versucht, gezielt die Edlen dieser Stadt gegeneinander auszuspielen? War der feige Mord an Abdel Adrian vielleicht sogar ein Versuch, die Ordnung in dieser Stadt derart ins Wanken zu bringen, damit ein dann erfolgender Putsch größtmögliche Aussichten auf Erfolg hat? Es gibt kaum eine andere Erklärung, auch wenn mir bei dem Gedanke das Herz stockt!
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Die Magister – Eine Komödie. Zweiter Akt. Erste Szene.
Das Turmzimmer des Magister Jorum Tollkühn in der Kerzenburg. Man trifft sich zu einer Krisensitzung.
(Eintritt Magister Maarin.)
„Mein lieber Jorum, wie ist euch zumute? Zuletzt machtet ihr einen unleidlichen Eindruck.“
„Geehrter Maarin, ich kann es nicht verhehlen, mein Projekt kommt nicht recht voran, nach dem initialen Schub scheint die Haupthandlung in den Seilen zu hängen.“
„Wie das? Kam nicht letzthin ein neuer Brief und wurde dieser nicht getreulich euch überstellt?“
„Zweifellos war dem so und mit Spannung erwartete ich mehr zu hören von Kung Fu Mönchen, Zwergen, die ihre Bärte mit Bier pflegen, und anderen argen Phantastereien. Doch was ich lesen musste raubte mir den Schlaf und nahm mir den Appetit und das lag nicht allein an den Kanonaden aus albernen Alliterationen, die sich durch das Pamphlet zogen. Wie soll ich es sagen? Es scheint, dass das, was wie ein intellektuelles Spiel begann, eine Wendung hin zum Bedrohlichen nahm….“
„Ihr versucht mir Angst zu machen mit dieser exaltierten Dramatik! Sicher kann es nicht so schlimm sein!“
(Nimmt das Manuskript des Magisters Tollkühn zur Hand.)
„Meiner treu, ich sehe warum euch so zumute ist! Herzog Abdel Adrian, gefeierter Held und Marshall der flammenden Faust. Herzog Torin Silberschild, der Hohepriester des Gond und Imbralym Skond, des Edlen rechte Hand. Ulder Rabenwacht, Stellvertretender Marshall der flammenden Faust, der schlecht beleumundete Nant Tangol und so geht es weiter in einem fort!“
„Was Rang und Namen hat in Baldurs Tor …“
„… ist in dieser Schrift versammelt und getreulich beschrieben, wie es nur ein intimer Kenner der Materie vermag!“
„Ihr seht also welch Gedankengänge mir die Kehle zuschnüren und was mich im Herzen bang werden lässt!“
„Wie könnt ich es nicht erkennen! Kann Lüge sein, wo so viel Wahres versammelt steht? Ist es nicht der intellektuellen Redlichkeit geschuldet, in Anbetracht einer solch getreulichen Darstellung der Verhältnisse in Baldurs Tor, die Skepsis gegenüber der Person der Dame T. und ihrer eher abseitigen Ausführungen fallen zu lassen?“
„Ihr spracht aus, was allein zu Denken ich kaum wagte! Es ist also wahr und wir müssen das Schlimmste annehmen: Baldurs Tor, unterwandert von einer Kabale formwandelnder Tieflinge!“
„Ein schrecklicher Gedanke, doch was ist nun zu tun? Bedenket, dass wir vielleicht die einzigen Seelen an der Schwertküste sind, die von dieser Bedrohung Kenntnis haben. Womöglich liegt unsere Informantin bereits in diesem Moment sterbend in ihrem eigenen Blute!“
„So lasst uns nicht zögern alter Knabe, wir müssen zum äußersten schreiten und beweisen wozu Gelehrte unseres Kalibers fähig sind!“
„Ihr meint?“
„Richtig! Wir werden den Praktikanten schicken!“
(Beide ab.)
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Die Magister – Eine Komödie. Zweiter Akt. Zweite Szene.
Küstenstraße zwischen Kerzenburg und Baldurs Tor. Es dunkelt bereits, der Wind heult und peitscht den Regen vor sich her. Ein einsamer Reiter auf einem Esel.
(Eintritt Filius Primus)
„Wütet nur ihr Elemente, es wird euch kein Erfolg beschieden sein! Zu groß ist der Auftrag, zu wichtig der Ruf, der mich ereilte! Nach langen Jahren demütigender Arbeit am Schreibpult, voller Undank und Hohn. Nach endlosem dilettieren an Werken, die dem Magister zu unwürdig schienen und gerade Recht waren für einen Knecht wie mich, ist nun die Zeit der Bewährung gekommen. Betraut mit den Schlüssen der Magister Scharfsinn, reite ich nach Baldurs Tor, die Welt zu warnen!
(Reitet fort, so schnell der Esel kann)